Graves / Kisner | Scorpion | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Graves / Kisner Scorpion


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98718-501-4
Verlag: VAJONA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-98718-501-4
Verlag: VAJONA
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Drei Tage reichten aus, um alle, die ich liebte, sterben zu sehen. Der Fall in Ungnade tat weh. Aber der Tod hat die Macht, jeden zu verändern. Vom Abstieg aus der Spezialeinheit in schmutzige Kampfgruben bis hin zum Leibwächter des Mannes, dessen Herz ich gebrochen habe, hätte ich nie gedacht, dass ich jemals aufhören würde zu ertrinken. Eine Nacht reichte aus, um alles zu verändern. Ein Schuss genügte. Mein Name ist Zalak Bhatia. Sie nennen mich Scorpion.

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Jedes Mal, wenn ich glauben will, ich sei glücklich, ruft meine Mutter an.

Noch habe ich von ihr nichts gehört, aber ich weiß, dass sie sich melden wird. Freiheit fühlt sich für mich niemals wirklich frei an, weil Mom sich wie ein Tumor in meinem Hirn eingenistet hat.

Mathijs’ Stimme knistert durch das Headset, während er den Song unserer Lieblingsband laut mitsingt und im Takt auf den zyklischen Steuerhebel trommelt. Trotz seiner Begeisterung behält er die Füße weiterhin auf den Pedalen. Dennoch fühlt es sich so an, als würden wir jede Sekunde vom Himmel fallen.

steht nicht wirklich auf meiner Wunschliste.

Ich klammere mich an meinem Handy fest und sehe mich im Cockpit um, um mich zu vergewissern, dass seit Beginn seiner Show nichts schiefgelaufen ist. Sein Vater würde komplett ausrasten, wenn er wüsste, dass Mathijs sich bei jedem unserer Flüge so verhält – ich schätze, das war genau der Grund, weshalb sein Dad mir das Fliegen ebenfalls beigebracht hat.

Von oben sehen die Villen, die eigentlich gigantisch sind, wie kleine, unscheinbare Klumpen auf der Erde aus. Direkt vor uns liegt das Haus, vor dem sich die freie Asphaltfläche befindet, die sich in Mathijs’ Augen hervorragend als Hubschrauberlandeplatz eignet.

Als er an diesem Morgen angeflogen ist, um dem Weinberg seiner Familie in Paonia einen Besuch abzustatten, wäre ich fast an einem Herzinfarkt gestorben. Die meisten jungen Männer holen ihre Freundinnen mit einem Auto oder einem Motorrad ab. Verflucht, ich erinnere mich an Zeiten, als ich mich fortgeschlichen habe, sobald meine Eltern weg waren, und er auf mich gewartet hat. Dann saß ich gegen den Lenker seines Bikes gelehnt und musste jedes Mal die Augen verdrehen, wenn er mit seiner nervtötenden Hupe gespielt hat.

Nein, Mathijs Halenbeek steht über diesen Dingen. Er holt seine Freundin in einem zweihundertfünfzigtausend Dollar teuren Helikopter ab.

Seine Hand landet auf meinem Schoß und ich schlage sie weg. »Konzentrier dich«, zische ich.

Trotz meines Protests legt er seine Hand auf meinen Oberschenkel. »Hör auf, dir Sorgen zu machen.« Er unterstreicht seine Worte mit einem selbstbewussten Lächeln. »Deine Eltern sollten erst in drei Tagen aus Mumbai zurück sein. Außerdem ist Wochenende und das Personal, das uns verraten könnte, hat frei. Deine Mom wird es niemals erfahren.«

»Das weiß ich. Was ich aber nicht weiß, ist, wie weit ihre Verrücktheit reicht. Es würde mich nicht wundern, wenn sie im Haus versteckte Kameras installiert hätte. Soweit ich weiß, könnte sie ein verdammtes Aufnahmegerät in meinem Zimmer deponiert haben, um mitzukriegen, ob Gaya und ich Scheiße über sie reden.« Meine Schwester und ich sind inzwischen so paranoid, dass wir es nur in der Schule wagen, über unsere Familie zu sprechen – und selbst dann sind wir uns nicht sicher, ob Mom es irgendwie geschafft hat, uns zu verwanzen.

Außerdem stellt sich unser Bruder immer deutlicher als ein gottverdammter Verräter heraus. Gaya leidet an dem »Jüngste-Tochter-Syndrom« und ist eindeutig Papas Liebling, während Mom eine nicht diagnostizierte BPD hat und eine verkörpert. Für mich bleibt nur das gefürchtete übrig, mit dem ich verflucht wurde.

»Wenn sie erfährt, dass ich mit dir zusammen bin, wird sie mich umbringen – und das ist keine Untertreibung.« Ich fahre mir mit der Hand über das Gesicht und verziehe es bei dem Geruch nach Pferdemist, Weinreben und Schießpulver. Mom würde der Schlag treffen, wenn sie wüsste, dass ich den ganzen Tag mit Büchsenschießen auf dem Rücken eines Pferdes und in Begleitung eines verbracht habe.

»Weißt du noch, als sie einen Löffel aus Metall im Topf versteckt und mir die Schuld dafür gegeben hat, dass die Mikrowelle explodiert ist, weil ich zuerst hätte ›nachsehen sollen‹? Sie hat erwartet, dass ich überprüfe, ob sich Besteck in dem Curry befindet.« Ich werfe frustriert die Hände in die Luft. »Diese Frau versucht, mich umzubringen, Mathijs.«

Bald sind wir an meinem Elternhaus angekommen und damit bei der Frau, die mich geboren hat.

»Deine Mutter wird dich umbringen.« Er tätschelt meinen Oberschenkel und dreht den Steuerknüppel leicht herum. »Sie könnte dich in einer Zelle einsperren, aber sie wird dich nicht umbringen.«

Ich verpasse ihm einen leichten Schlag auf die Brust. »Das ist nicht hilfreich.« Ein Blick auf meine Uhr lässt mich den Kopf schütteln. »Es ist fast fünf. Die Seele meiner Mutter sollte jetzt gerade aus der Hölle und zurück in ihren Körper kriechen, um mich anzurufen. Ich habe in den letzten sechsundzwanzig Stunden nichts von ihr gehört. Sechsundzwanzig Stunden.« Ich wedle mit dem Handy vor seiner Nase herum. Das ist vermutlich ihr neuer Rekord. »Ich bin versucht, mein Handy checken zu lassen, ob es nicht doch kaputt ist. Das ist die einzige plausible Erklärung.«

»Vielleicht, aber auch nur , lockert sie etwas die Zügel, um dir mehr Freiraum zu geben.«

Ich sehe ihn kurz an, bevor ich in ein lautes Lachen ausbreche. »Diese Frau klebt seit dem Moment an meinem Hintern, als sie mich aus ihrem Bauch herausgepresst hat und alle realisiert haben, dass der Doktor beim Ultraschall falschgelegen hat und ich ein Mädchen bin.«

Eine Frau zu sein, hat in der westlichen Gesellschaft eine vollkommen andere Bedeutung. Es spielt keine Rolle, dass ich auf amerikanischem Boden zur Welt gekommen bin; wenn es nach Mom geht, sind wir immer noch in Indien und meine Lebensträume sind eine persönliche Beleidigung für sie.

Die Kopfhörer geben ein Knistern von sich, als Mathijs der Verkehrsüberwachung eine Reihe von Informationen mitteilt, während wir uns meinem Haus nähern.

»Weißt du …« Mathijs’ volle Lippen verziehen sich zu einem Grinsen, während er den Helikopter langsam zu Boden manövriert. »Ich könnte dir einen Antrag machen. Dann werden sie mich nicht mehr so einfach los, Zal.«

»Selbst dann hättest du für meine Eltern immer noch die falsche Herkunft.«

Auch er ist sich dessen bewusst.

Platinblondes Haar, grüne Augen und eine blasse Haut? Nicht einmal auf einem anderen Planeten würden meine Eltern jemanden wie ihn als Schwiegersohn für eine ihrer Töchter akzeptieren. Die Tatsache, dass es sich seine Familie leisten kann, ihren Sohn mit einer Viertelmillion Dollar zu seinem sechzehnten Geburtstag zu überraschen, ist für sie irrelevant.

Wenn sie wüssten, in was seine Familie verwickelt ist … Ich würde ihnen zutrauen, Gaya und mich nach Indien zurückzuschicken.

»Du weißt doch, dass ich damit warten will, bis ich das College abgeschlossen habe. Es wäre das größte ›Leck mich‹ an sie, wenn ich am Ende einen Collegeabschluss einen Mann habe.«

Moms Optionen für uns bestehen aus Ärztin, Anwältin, Ingenieurin oder Hausfrau. Am liebsten Letzteres. Mein Bruder, Gadin, darf allerdings alles werden, was er werden will. Er könnte sagen, dass er eine Prinzessin sein will, und Mom würde sich krumm ackern, um das perfekte Kleid für ihn zu nähen.

Mathijs’ Hand gleitet von meinem Schoß herunter und ich vermisse sofort seine Berührung. Schuldgefühle nagen an meinem Innern, als ich ihm einen Blick zuwerfe und mich frage, ob es Frust ist, der in ihm tobt. Er hasst den Umstand, dass wir unsere Beziehung geheim halten müssen, weil meine Eltern es erfahren und mich ins Internat abschieben könnten.

»Du könntest einfach ›Leck mich‹ sagen und sofort ausziehen«, schlägt er vor, als wäre es die einfachste Lösung der Welt. So verständnisvoll und solidarisch er sich wegen meiner familiären Probleme gibt, so wenig wird er es wirklich verstehen, weil er seine Eltern liebt und auch sie ihn aufrichtig lieben. »Du weißt, dass es meine Mom mit Freudentränen akzeptieren würde, wenn du noch vor dem College bei uns einziehen würdest.«

Genauso wenig würde er die Probleme, die sein Vorschlag mit sich bringt, verstehen. Auszuziehen würde bedeuten, mich von meinen Eltern und ihrem Bankkonto zu verabschieden. Ich bin nicht klug genug, um ein Stipendium zu erhalten, und musste noch nie arbeiten. Mit meinen Ersparnissen würde ich nicht weit kommen.

Mathijs könnte meine Studiengebühr viermal aufbringen, ohne dass es sein Konto wirklich schmälert. Aber irgendein Teil von mir will meiner Mutter beweisen, dass ich keinen Mann zum Überleben brauche.

Meine Eltern sind meine Essensmarke. Außerdem haben sie Beziehungen, die ich brauche, wenn ich eine erfolgreiche Karriere haben will. Wenn ich nicht so abhängig von ihnen wäre, hätte ich meine Beziehung mit Mathijs schon mit vierzehn offenbart.

»Letztlich werden sie sich damit abfinden müssen«, antworte ich mit einem Seufzen und überprüfe noch einmal mein Handy.

Ich zucke zusammen, als die Landekufen auf dem Boden aufsetzen und dabei nur knapp den vergoldeten Springbrunnen vor der Villa meiner Eltern im Mid-Century-Modern-Stil verfehlen.

Mein Herz gerät ins Stolpern, als wir landen und ich bemerke, dass alle Lichter im Haus brennen. Schmeißt Gaya wieder eine Party? Bei ihrem letzten Mal hat Mom sie so fest mit dem Hausschuh geschlagen, dass man den Schuhabdruck noch tagelang auf ihrer Haut sehen konnte.

Das Gleiche galt für mich, weil ich sie nicht davon abgehalten hatte.

»Wessen Auto ist das?« Mathijs nickt auf einen Maserati, der neben dem Haus parkt, während er den Motor und die Rotoren abstellt.

Ich glaube kaum, dass Gayas Freundinnen sich so ein Auto leisten können....



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