Gray | Der Tod trägt dein Gesicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

Gray Der Tod trägt dein Gesicht


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-95576-186-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: MIRA Taschenbuch

ISBN: 978-3-95576-186-8
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Gefesselt, vergewaltigt, durch den Wald gehetzt und erschossen - drei Frauen sind grausam ermordet worden. Kommissarin Casey O'Toole leitet die Ermittlung und macht eine verstörende Entdeckung: Die Opfer sahen ihr verblüffend ähnlich - rotes Haar, blaue Augen - und alle drei waren bei dem Schönheitschirurgen Dr. Mark Adams in Behandlung. Kommt er als Serienkiller in Frage? Für Casey eine Frage auf Leben und Tod: Während die Angst unter der Bevölkerung vor einem neuen Frauenmord wächst, zeigt ihr der prominente Arzt, dass sie für ihn die Schönste ist. Zwischen Misstrauen und Sehnsucht lässt Casey sich zu einer Affäre hinreißen - und beschwört damit eine Katastrophe herauf ...



Ginna Gray wuchs in einer sehr fantasievollen und kreativen Familie in Texas auf. Erst mit zwölf Jahren erkannte sie, dass es nicht selbstverständlich war, wie leicht es ihr fiel, sich Geschichten auszudenken. Schon ihre Lehrer erkannten ihr Talent und Ginna war sich sehr früh sicher, dass sie Schriftstellerin werden wollte. Trotzdem schlug sie zunächst eine andere Richtung ein. Nach ihrer frühen Hochzeit, die recht bald nach der Geburt ihrer ersten Tochter scheiterte, musste sich Ginna darauf konzentrieren, ihr Kind und sich zu versorgen. In Abendkursen am College nach der Arbeit besuchte sie das College, um sich fortzubilden. Deshalb blieb ihr nur noch wenig Zeit zum Schreiben. Erst nach sieben Jahren traf sie den Mann ihres Lebens und heiratete ihn ein Jahr danach. Der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind wurde erst weitere neun Jahre später erfüllt, als die beiden die Hoffnung bereits fast aufgegeben hatten. Ginna Grays zweite Tochter wurde geboren. Jetzt hatte sie die Möglichkeit, sich voll und ganz ihrer Mutterrolle zu widmen. Anders, als nach der Geburt ihrer ersten Tochter, war sie nun nicht mehr allein und konnte sich auf die Unterstützung ihres Ehemanns verlassen. In dieser Zeit begann sie wieder zu schreiben, versuchte jedoch nicht einmal, ihr Werk zu veröffentlichen.

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1. KAPITEL


Er war hinter ihr her.

Sie konnte spüren, wie er näher kam. Er wollte sie umbringen.

Sie preschte durch das Dickicht. Tiefe Äste und Dornensträucher verhedderten sich in ihrer Kleidung und in ihrem Haar, aber sie bemerkte es kaum.

Sie rannte einfach drauflos. Sie sprang über Baumstämme, die am Boden lagen, und schlug sich durch Büsche. Sie lief mit dem Einsatz ihres ganzen Körpers. Jeder Muskel war angespannt. Nach einigen Schritten warf sie einen ängstlichen Blick über die Schulter. Die Luft, die in ihre Lungen ein- und ausströmte, brannte in ihrem Hals. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Entsetzen packte sie. Sie war kurz davor, in Panik auszubrechen.

Nein. Nein, das durfte sie nicht zulassen, ermahnte sie sich, während sie einen dornigen Ast zur Seite schlug. Sie musste die Nerven behalten. Sie einfach.

Sonst würde sie sterben. Wie diese anderen armen Frauen. Jeden Abend hatte sie die Berichte über die Morde in den Nachrichten gesehen. Der Mörder dieser Frauen und der Mann, der sie verfolgte, waren ein und derselbe.

Er war krank. Er liebt es, daraus eine Art Sport zu machen, kam ihr in den Sinn. Ohne langsamer zu werden, duckte sie sich unter einem tief herabhängenden Ast. Der Mann lockte seine Opfer mit der Chance, entkommen zu können, auch wenn sie noch so klein war. Verdammter Perverser!

Er wird den Tag noch bereuen, an dem er mich aufgespürt hat, schwor sie sich und versuchte nach Kräften, ihren Mut zusammenzunehmen. Dieses Mal hatte er sich die Falsche ausgesucht. Sie war keine von diesen flatterhaften Schwächlingen, die draufgingen, ohne zu kämpfen.

Sie presste die Zähne aufeinander, während sie über ein trockenes Bachbett sprang. Den stechenden Schmerz, der sich in ihrem Fußknöchel ausbreitete, ignorierte sie. Er glaubte wohl, er könne ihr eine Minute Vorsprung geben, um sie dann wie ein Tier zu jagen, was? Na, da würde sie ihn aber überraschen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie mit ihrem Vater und ihren Brüdern in diesem Wald gejagt. Sie kannte sich hier ebenso gut aus wie der Killer. Vielleicht sogar noch besser.

Die anderen Frauen waren kopflos umhergerannt. Sie hatten weder gewusst, wohin sie liefen, noch, wie sie ihrem Verfolger entkommen konnten.

Sie nicht.

Sie hatte einen Plan.

Natürlich fürchtete sie sich zu Tode. Aber sie war außerdem extrem wütend. Ihre einzige Chance bestand darin, beides für sich auszunutzen, die Angst und die Wut. Sie musste es versuchen. Herrgott, sie es einfach versuchen!

Sie rannte noch tiefer in den Wald hinein, der sich den Berg hinaufzog. Es war anstrengend. An einigen Stellen war die Steigung gering, an anderen konnte sie die steilen Strecken nur bewältigen, indem sie nach Büschen und Ästen griff, um sich daran hochzuziehen. Aber das Adrenalin gab ihr Kraft. Als sie ungefähr eineinhalb Kilometer vorangekommen war, steuerte sie in einem großen Bogen nach links.

Nach einer Weile fand sie, wonach sie gesucht hatte. Sie sprang in den flachen Bergbach, dann wandte sie sich wieder nach links und rutschte im Wasser den Hang wieder hinab.

Sie war nicht so dumm zu glauben, dass ihre Taktik den Mann längere Zeit an der Nase herumführen würde. Aber wenn sie Glück hatte, würde er einige Minuten brauchen, um sie wieder einzuholen. Wahrscheinlich nahm er an, dass sie desorientiert durch den Wald lief wie die anderen Frauen auch. Vielleicht hatte er nicht mitbekommen, dass sie wieder auf dem Weg zurück war.

Jedenfalls würde er es nicht bemerken, bis sie sich wieder auf dem Forstweg befand. Zwar könnte man sie dort sehen, und es gab wenig Fahrzeuge, die diese Straße befuhren, besonders so früh am Morgen, aber wenigstens kam sie dort ein gutes Stück voran.

Als sie auf der Fläche des Lastwagens von ihrem Entführer lag, hatte sie die Male gezählt, die er herunterschalten musste, als er die Schotterpiste hinauffuhr. Und sie wusste, dass sie sich nur drei Kurven außerhalb der Stadt befanden, vielleicht war sie hier sogar noch innerhalb der Stadtgrenzen.

Als er am Straßenrand anhielt und sie aus dem Wagen holte, hatte sie zwischen den Bäumen die Kirchturmspitze der Ebenezer Baptistengemeinde und die vergoldete Kuppel der First National Bank gesehen. Auf beiden lag Frost, der im Morgenlicht glänzte. Beide Gebäude lagen am östlichen Rand von Mears. Genauso wie das Polizeirevier.

Der Weg in die Stadt führte den Berg hinunter. Wenn sie auf der Innenseite der Kurven lief, würde man sie von oben nicht so leicht sehen können. Und wenn sie Glück hatte, würde zufällig ein Förster die Straße entlangfahren und sie mitnehmen. Falls nicht, würde sie wie der Blitz in die Stadt rennen.

Hundert Meter den Bach hinunter gab es eine drei Meter hohe Stromschnelle. Die Frau krabbelte ans Ufer und den Hang herab. Das Ufergebüsch gab ihr Halt.

Während sie um einen Geröllhaufen herumlief, nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ihr Herz machte einen Satz. Sie hielt die Luft an und duckte sich auf den Boden. Sie betete. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, man würde es hören. Nach einem Augenblick entspannte sie sich ein wenig und spähte zwischen zwei Felsblöcken hindurch. Hinter den Bäumen sah sie ihren Verfolger. Er war etwa fünfhundert Meter entfernt.

Sie duckte sich wieder hinter die Felsen und hielt sich die Hände vor den Mund. Sie hatte nicht erwartet, dass er ihr schon so dicht auf den Fersen war. Sie hatte die Entfernung, die sie zurückgelegt hatte, falsch eingeschätzt. Was sollte sie jetzt tun?

Sie schob sich am Felsen hoch, um noch einen Blick zu wagen. Der Mann ging an ihr vorbei, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Sein Blick war auf den Weg vor ihm gerichtet. Er verfolgte ihre Spuren zurück. Mit beiden Händen hielt er sein Jagdgewehr in Schussposition.

Ohne Vorankündigung hob er den Kopf und lauschte. Das Raubtier schnupperte nach der Fährte seines Opfers. Langsam drehte er sich um und schien sie einige Sekunden lang direkt anzusehen.

Die Frau hielt die Luft an. Sie wagte nicht, sich zu rühren. Oder nur zu blinzeln. Sie wusste aus Erfahrung, dass in der Stille des Waldes die geringste Bewegung die Aufmerksamkeit auf sich zog.

In der Nähe schrie eine Elster in einem Baum. Irgendwo schnatterten Meisen, und ein kleines Tier raschelte durch das Unterholz. Die Frau bewegte sich nicht. Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, senkte der Mann seinen Blick wieder auf den Boden und fuhr fort, ihre Spur zu verfolgen.

Sie wartete so lange, wie sie es aushielt, so lange, wie ihre Nerven es erlaubten. Aber als ihr Verfolger wieder im Unterholz verschwunden war, lief sie wie der Teufel los.

Zuvor hatte sie sich bemüht, sich vorsichtig und ruhig zu bewegen, während sie aus ganzer Kraft rannte. Da sie aber ihren Mörder so nah gesehen hatte, war sie nicht mehr zu halten. Schrecken und Hysterie bemächtigten sich ihrer. Sie gab ihr letztes Bisschen Selbstkontrolle auf. Sie rannte um ihr Leben.

Sie flog, schlitterte den Hügel in einem gefährlichen Galopp hinunter, der unter ihren Füßen Geröll, Äste und Laub wie kleine Erdrutsche lostrat. Das Echo des Lärms hallte vom Wald zurück, aber sie hörte es nicht.

Ihre Lungen und ihre Kehle brannten. Ihre Jacke war zerrissen, und überall auf der bloßen Haut hatten Dornen blutige Wunden hinterlassen. Während sie nach Luft rang, rollte sie kopfüber den Hügel hinunter, jede Faser ihres Körpers war nur auf ein einziges Ziel gerichtet: zu entkommen.

Sie rannte aus dem Wald heraus. Ihr Herz hüpfte vor Freude. Gott sei Dank!

Sie hatte Glück. Von links kam ein Lieferwagen die Straße hinab und fuhr auf sie zu. Sie watete durch den eiskalten Bach, der neben der Straße floss. Fast hätte sie das Gleichgewicht in dem schnell fließenden knietiefen Wasser verloren. Aus Angst, dass der Wagen an ihr vorbeifahren könnte, ohne dass der Fahrer sie gesehen hätte, kletterte sie die Böschung hinauf, während aus ihrer Kehle kleine verzweifelte Krächzer drangen. Als sie die Böschung erklommen hatte, war der Wagen fast auf ihrer Höhe. Sie schnellte mitten auf die Straße, direkt vor den Kühlergrill und hob beide Arme.

Der Fahrer trat auf die Bremse und lenkte das Fahrzeug knapp an ihr vorbei. Noch bevor der Wagen zum Stehen kam, war sie auf die Beifahrerseite gelaufen.

“Verdammt! Sind Sie irre? Was glauben Sie eigentlich, was Sie hier tun? Einfach so auf die Straße zu laufen! Ich hätte Sie umnieten können!”

“B-bitte helfen sie mir”, japste sie. “Sie müssen mich von hier wegbringen. Ein Verrückter versucht, mich umzubringen!”

“Verdammt!” Der Fahrer sah sich um und lehnte sich hinüber, um ihr die Tür aufzuhalten. “Steigen Sie ein.”

Sie stellte einen Fuß auf das Trittbrett und hielt sich am Türrahmen fest, um sich hinaufzuziehen, als die erste Kugel sie mitten in den Rücken traf.

“Verdammte Scheiße!”, rief der gute Samariter.

Die Wucht des Schusses warf sie nach vorn und ließ einen Regen aus Blut auf den unteren Teil des Armaturenbrettes und die Fußmatten niedergehen. Ein Loch von der Größe eines Daumens erschien im Bodenblech, nur wenige Zentimeter vom rechten Fuß des Mannes entfernt.

Einen Moment lang sahen sie und der entsetzte Mann sich an. Als der zweite Schuss sie traf, zuckte sie und riss die Augen auf. Ganz langsam erlosch ihr Blick. Ihr lebloser Körper rutschte von dem Sitz und auf den Boden.

Der Fahrer fluchte ununterbrochen, als er aufs Gaspedal trat und mit quietschenden Reifen davonfuhr. Der Wagen nahm Fahrt auf, beschleunigte und raste die nächste Haarnadelkurve hinunter, während die noch offene Beifahrertür...



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