Greenhorn Winter - Erbe der Finsternis
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2007-4
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-2007-4
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die 16-jährige Winter Starr ist schon ihr Leben lang mit ihrer Großmutter dauernd umhergezogen. Gerade hat sie sich in London eingelebt und eine Freundin gefunden, da erkrankt ihre Großmutter schwer. Und Winter wird zu einer Pflegefamilie in eine walisische Kleinstadt geschickt.
In der neuen Schule trifft sie auf den geheimnisvollen Rhys, vor dem ihr Pflegebruder Gareth sie jedoch warnt. Ist er nur eifersüchtig, oder ist Rhys tatsächlich gefährlich? Winter kann sich ihrer Gefühle nicht erwehren, und ihm scheint es ähnlich zu gehen. Nicht einmal sein dunkelstes Geheimnis kann ihre Liebe noch erschüttern. Doch damit begibt sie sich in allergrößte Gefahr ...
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Die Nacht
und was sie mit dir macht
Es war zehn Uhr, doch die Schläfrigkeit verflog nur langsam. Winter Starr legte die Zeitung beiseite und betrachtete deprimiert ihre Tasse mit den aufgequollenen Frühstücksflocken, die langsam in der Milch versanken.
Ihr Frühstück war zu einem Brei geworden. , murrte sie innerlich und nahm skeptisch einen Löffel voll.
Vereinzelte Rice Krispies knisterten noch, dann waren sie still und überließen Winter dem tröstlichen Gedanken, dass wenigstens noch Schulferien waren.
Sie verlor sich in Plänen für den kommenden Tag, was ihrem kindlichen Gesicht einen allzu ernsthaften Ausdruck verlieh.
Viel zu viele Dinge hatte sie bisher vor sich hergeschoben: Ausstellungen, die sie besuchen, Bücher, die sie lesen wollte …
, kam ihr plötzlich in den Sinn.
Mad – Madison Winston – war ihre beste Freundin und mit Sicherheit die Einzige, von der sie sich trotz der Augusthitze fast bereitwillig von Geschäft zu Geschäft schleppen ließ.
Sie hatten sich gleich an Winters Ankunftstag in London kennengelernt. Ihre Großmutter und sie hatten gerade die ersten Gepäckstücke aus dem Auto geladen, und Madison hatte sie aus dem Fenster des Nachbarhauses eine Zeit lang beobachtet. Dann, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, waren Madison und ihr Bruder ihnen zu Hilfe gekommen.
Seither bildeten Madison und Kenneth eine Art Erweiterung ihrer Familie, sie waren etwas, das sich auf geheimnisvolle Art mit dem Begriff »Zuhause« verband.
Später hatte Kenneth den Clan auch auf seine Freunde ausgedehnt: Cob, Voice, Bad und Hard. Und als sie die Rockband Sin-derella gegründet hatten, war Winter zu ihrem Maskottchen geworden.
Die Stimme der Großmutter ließ sie aus ihren Gedanken auftauchen.
»Hast du die Koffer schon fertig gepackt, mein Schatz?«, fragte Marion Starr und trat mit raschem Schritt in die Küche.
Ihre Großmutter war eine sechzigjährige Frau voller Energie und mit einer unbändigen Reiselust. Bevor sie sich definitiv in London niedergelassen hatten, war sie mit Winter kreuz und quer durch das Vereinigte Königreich gereist.
»Ja, Oma. Ich hoffe, ich habe die richtigen Dinge eingepackt … Du hast ja nicht gesagt, wohin wir reisen.«
Die Frau sah sie für einen Augenblick forschend an, dann fiel ihr Blick auf die Zeitung, die am anderen Ende des Tisches lag.
»Du magst doch Überraschungen, oder?«, erwiderte sie und klemmte sich die Zeitung unter den Arm.
Winters große graue Augen lächelten. Seit ihre Großmutter ihr angekündigt hatte, dass sie erneut eine Reise machen würden, war sie bezüglich des Reiseziels immer sehr vage geblieben.
»Gehst du aus?«
»Ja, ich muss noch ein paar Dinge einkaufen. Und du?«
»Shopping mit Madison. Sie will sich für das Konzert der Sin etwas Neues besorgen …«
Marion Starr streichelte ihr über das dichte dunkle Haar.
»Madison hat recht. Schließlich treten die Sin-derella zum ersten Mal in einem Lokal auf. Das muss man feiern«, sagte sie sanft.
Gedankenverloren hob sie die silberne Halskette an, die ihre Enkelin immer um den Hals trug. Der Anhänger, eine facettierte Kristallkugel, funkelte im Morgenlicht.
Marion betrachtete ihn ein paar Sekunden lang. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr und seufzte.
»Ich muss gehen, wenn ich nicht zu spät kommen will. Sehen wir uns heute Nachmittag?«
Winter nickte.
»Bis später, Oma.«
Sie spülte die Frühstückstasse, reckte und streckte sich ein letztes Mal und ergab sich dem Gedanken, den Tag in Angriff zu nehmen.
Marion Starr machte gerade die letzten Einkäufe in dem kleinen Supermarkt am Ende der Straße. Sie musste sich beeilen, wenn sie vor Ladenschluss noch in die Reinigung wollte.
Am Nachmittag war sie bereits an der Reinigung vorbeigekommen, hatte aber vergessen, dass sie noch Kleider abholen musste. Sie war lediglich etwas herumgeschlendert und hatte die Auslagen in den Schaufenstern betrachtet, um schließlich auf dem Nachhauseweg den Einkauf zu erledigen.
Schon den ganzen Tag über hatte die schwüle Hitze jede Tätigkeit beschwerlich gemacht, und jetzt schien sie ihr die letzten Kräfte zu rauben.
Oder vielleicht war Marion Starr einfach nervös, weil sie mit dem Sozialamt zu tun gehabt hatte. Sie mochte es nicht, von den Sozialarbeiterinnen besucht zu werden, und all die Fragen über Winter, sie selbst und ihr gemeinsames Leben bereiteten ihr immer Unbehagen. Sie bekam jedes Mal hämmernde Kopfschmerzen, die nur langsam wieder abklangen.
Sie raffte sich auf, ging weiter an den Regalen entlang und hielt immer wieder inne, um die einzelnen Einkäufe zu begutachten.
»Guten Tag, Mrs Starr.«
Die Begrüßung der Ladenbesitzerin Penny Ford ließ Marion aufschrecken. Sie hatte sie nicht kommen gehört.
»Guten Tag.«
Marion legte einige Dosen in den Einkaufskorb und blieb ein paar Meter weiter vor den Marmeladen stehen.
»Ist keine Orangenmarmelade mehr da?«
»Nein, tut mir leid, wir haben etwas Verspätung bei der Auslieferung. Aber wenn Sie morgen wiederkommen, finden Sie bestimmt welche …«
Marion schüttelte den Kopf.
»Schade. Ich fürchte, ich werde für eine Weile nicht vorbeikommen können.«
, präzisierte sie innerlich.
Es musste die Hitze sein. Sie konnte sich nicht konzentrieren und fühlte sich immer kraftloser.
Plötzlich kam es ihr sogar vor, als würden die Regale nach vorn kippen und über ihr zusammenbrechen. Sie versuchte zurückzuweichen, aber die Muskeln wollten ihr nicht gehorchen. Dabei sollte sie am Abend doch noch Auto fahren …
»Ich sagte, fahren Sie noch mal in Urlaub, bevor die Schule Ihrer Enkelin wieder anfängt?«, wiederholte Penny Ford.
Marion atmete tief durch und versuchte, den plötzlichen Schwindelanfall unter Kontrolle zu bekommen.
»Ach, nein … Ich bin nur gerade ziemlich beschäftigt.«
Der Raum begann wieder zu wanken, und Marion fragte sich, ob sie es überhaupt schaffen würde zu verreisen. Doch sie konnten die Abreise nicht länger aufschieben.
Marion Starr wusste, was das Treffen am Vormittag zu bedeuten hatte.
Unvermittelt befiel sie noch stärkerer Schwindel, und sie sank langsam in die Knie, um nicht hinzufallen.
Ihr Kopf fühlte sich an wie unter einer Glocke, und sie sah alles unscharf.
»Ist Ihnen nicht gut, Madam?«
Penny Ford näherte sich beunruhigt, doch Marion nahm es kaum wahr.
»Kommen Sie, Mrs Starr, ich helfe Ihnen auf!«
Sie fasste Marion um den Rücken und begann sie hochzuziehen. Doch auch das half ihr nicht, das Bewusstsein wiederzuerlangen.
Als Winter nach einer anstrengenden Shoppingtour nach Hause kam, war es bereits nach sechs Uhr. Sie war etwas erstaunt, als niemand auf ihr Klingeln reagierte.
, dachte sie mit leichter Ironie, während sie den Hausschlüssel im Türschloss drehte.
Sie musste dringend etwas Kühles trinken und sich die Schuhe ausziehen.
Im Gegensatz zu ihrer Großmutter war Winter der Meinung, dass ein Einkaufsbummel bei der Hitze eine raffinierte Form von Masochismus darstellte, und die Rückkehr in die häusliche Ruhe erschien ihr kurzzeitig wie ein Traum.
Sie schlüpfte in ein uraltes, übergroßes T-Shirt und ausgebeulte kurze Hosen, deren einziger Vorzug darin bestand, bequem zu sein, und zog eines der neu erstandenen Bücher aus den Einkaufstüten. Den Ventilator vor sich und eine Flasche kühles Wasser daneben, legte sie sich auf ihr Bett und versank in der Lektüre.
, dachte sie.
Erst sehr viel später, als das Abendlicht bereits dämmrig wurde, tauchte sie wieder aus der Lektüre auf. Sie schreckte hoch, als das Telefon läutete.
»Hallo?«, sagte sie lustlos und schalt sich einen Dummkopf, weil sie erschrocken war.
Doch dann wich jeder Ausdruck aus ihrem Gesicht, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und Sorge.
»Winter Starr?«
»Am Apparat.«
»Ich bin Dr. Jonathan Taylor vom St-Charles-Krankenhaus. Es geht um Ihre Großmutter …«
Winter schluckte, um die Tränen zurückzudrängen, denn ihre Großmutter war ihre ganze Familie.
Als das Auto der Winstons auf dem Krankenhausparkplatz anhielt, hatte Winter feuchte Augen, und auch Madison war schrecklich beunruhigt.
Marion Starr war seit einigen Stunden auf der Intensivstation.
»Es tut mir so leid, Liebes«, sagte Susan Bray. Sie hatte sich sofort bereit erklärt, Winter zum Krankenhaus zu fahren.
Susan Bray war die Rechtsanwältin der Vormundschaftsbehörde, die sich seit Ewigkeiten um Winter und ihre Großmutter kümmerte, eine drahtige Frau mit einem schmalen Mund, der normalerweise mild lächelte.
In dem Moment jedoch stand ein aufrichtig betrübter Ausdruck auf ihrem hageren und reifen...




