E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Kleine Läden in Amalfi
Gregorio Die Zitronenblüten von Amalfi
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-8437-2929-1
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Eine berührende Liebesgeschichte mit Fernweh-Garantie für alle Italien-Fans
E-Book, Deutsch, Band 3, 320 Seiten
Reihe: Kleine Läden in Amalfi
ISBN: 978-3-8437-2929-1
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roberta Gregorio wurde 1976 im schönen Fürstenfeldbruck in Bayern geboren und ist dort direkt an der Amper aufgewachsen. Auch heute lebt sie mit ihrer Familie am Wasser, nur nicht mehr am Fluss, sondern am Meer, genauer in Süditalien. Gleich geblieben ist ihre große Leidenschaft für Worte, Texte und Manuskripte. Wenn sie nicht schreibt oder liest, übersetzt sie auch gerne. Braucht sie trotzdem mal eine kurze Pause, dann geht sie an den Strand und lässt die Seele baumeln, denn die Sache mit dem Dolcefarniente, die kann sie besonders gut.
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Kapitel 1
Diletta putzte ihren Teller leer. In letzter Zeit war sie immerzu hungrig. Sie hatte wohl auch einige Kilos zugenommen, was ihr nichts ausmachte. Ezio, ihr Mann, der ihr in dem kleinen Restaurant, das sie für den besonderen Anlass ausgesucht hatten, gegenübersaß, beklagte sich auch nicht. Er stocherte aber eher im Essen.
»Schmeckt es dir nicht?«, fragte Diletta und hielt inne, sah Ezio vielleicht zum ersten Mal an diesem Abend richtig an. Ihr Ezio. Ein schöner Mann. Sie vergaß manchmal, wie gut er aussah mit seinem Körper , wie er oft selbst behauptete und sich mit den Fäusten auf die Brust trommelte, als wäre er ein Gorilla und eben nicht aus Stahl. Die harte Arbeit auf dem Fischkutter zeigte sich jedenfalls, er war trainiert, zog bleischwere Netze aus den Tiefen des Meeres, hob riesige Schwertfische mit Leichtigkeit gen Himmel. Wie um den Göttern für den Fang zu danken. Diletta hatte zu Hause unzählige Bilder von ihrem Mann, der stolz zeigte, was er aus dem Wasser geholt hatte. Sie liebte diese Bilder, war stolz auf ihn und seine Arbeit.
Ezio sagte nichts, zog die Schultern hoch, sah sie aber an – einige intensive Augenblicke lang.
Dass er nichts sagte, war keine Neuigkeit. Er war nicht der Gesprächigste, außer, wenn es um Fischfang ging. Dann konnte er reden wie ein Wasserfall. Das verstand Diletta aber auch. Sie ertappte sich ja selbst dabei, wie sie dauernd über Zitronen faselte. So hatte jeder seine eigene Leidenschaft. Fisch und Zitrone. Eine gute Kombination, so wie auch Ezio und Diletta es im Leben waren. Sie hatten jung geheiratet und feierten heute ihren zehnten Hochzeitstag – im kleinen, niedlichen Restaurant mit seiner wundervollen Einrichtung, die sich an den Farben des Meeres orientierte, wobei bunte Dekorationen an den Wänden und auf den Tischen das Leben unter der Wasseroberfläche nachahmten. Es war eines der wenigen Lokale an der Promenade, das sich seit Jahren hielt. Die meisten schafften es nicht lange, den Betrieb aufrechtzuerhalten, da die Mietpreise in exklusiver Lage exorbitant waren, wie jeder in Amalfi wusste.
Ezio lieferte dem Chefkoch Tullio jeden Tag frischen Fisch, keine Unmengen, aber doch genug. Normalerweise war Ezio ein Großlieferant, der den Großmarkt in Salerno bediente. Aber einige Restaurants an der Küste wollten nur Fisch von ihm, da drückte er ein Auge zu und fuhr die frische Ware aus, wobei der Aufwand tatsächlich so groß war, dass er ihnen eher einen Gefallen tat. Doch so war Ezio. Er war einer von den Guten.
Es tat Diletta leid, dass es ihm offensichtlich nicht schmeckte.
»Willst du etwas anderes bestellen?«, hakte Diletta nach. Es konnte ja nicht verwerflich sein, dass sie sich wünschte, ihrem Mann möge es beim Abendessen zu ihrem Hochzeitstag richtig schmecken. »Wieso hast du denn Gnocchi mit vier Käsesorten bestellt?« Das hatte Diletta sowieso gewundert. Er mochte Käse nicht mal besonders. Und dann gleich vier Sorten davon?
Er legte die Gabel an den Teller und sah sie an. »Ich wollte etwas Neues ausprobieren?« Er nahm die Stoffserviette und wischte sich über die Lippen, legte sie dann wieder sorgfältig auf den Tisch.
»Seit wann das denn?«, fragte Diletta. Ezio hing an traditionellen Gerichten wie Seeigel am Felsen.
»Seit heute …«
»Ausgerechnet? An unserem Hochzeitstag?« Sie merkte sehr wohl, dass sie sich in etwas hineinsteigerte. Allerdings konnte sie es auch nicht lassen. So war sie. Wenn sie sich einmal festbiss, ließ sie nicht mehr los.
»Wieso machst du so ein Drama daraus? Ich habe einfach keinen Hunger. Hauptsache, es hat dir geschmeckt.« Er zeigte auf ihren Teller, der so sauber aussah, als käme er direkt aus der Spülmaschine.
»Was willst du damit sagen?«
Ein Kellner näherte sich, machte aber eine Kurve und wendete, als er merkte, dass sie diskutierten. Er hatte so elegant dabei gewirkt, dass Diletta davon ausging, er machte solche Kehrtwendungen dauernd. Armer Kerl …
Ezio seufzte. »Gar nichts. Ich wollte gar nichts damit sagen.«
Diletta nahm kurzerhand seine Gnocchi und stellte ihren leeren Teller vor ihm ab. Der Käse roch so gut, dass ihr Magen beinahe knurrte, obwohl er gar nicht leer war. Sie hatte noch immer Appetit. Sie vermutete, der Hunger kam von den Hormontabletten …
Eine ganze Weile lang hatten sie weiterhin auf natürlichem Wege versucht, schwanger zu werden. Sie und Ezio hatten lange miteinander gesprochen, und er hatte seine Bedenken geäußert. »Die Natur weiß immer, was sie macht …«, war sein liebster Spruch. Doch Diletta hatte es nicht mehr ausgehalten und beschlossen, ein bisschen nachzuhelfen. Es war immerhin ihr Körper.
Sie schob die Gnocchi in ihren Mund und spürte Ezios Blick. »Was denn?«, zischte sie. Sie wollte, dass er etwas sagte. Dass er herausfand aus seiner Lethargie. Ja, manchmal erschien er ihr wie versteinert. Oder zumindest so wortkarg, dass eine Unterhaltung schwierig wurde. Er war nicht immer so gewesen. Klar, von Anfang an war er kein Mann gewesen, der reden, reden und reden wollte oder konnte. Aber bisher war die Stille nie unangenehm gewesen. Doch seit sie ihr Baby verloren hatten, hatte er sich ihr entzogen – so kam es Diletta vor. Und sie kam nicht an ihn heran. Keine Chance.
»Nun?«, provozierte sie ihn weiter und sah ihn herausfordernd und mit aufgerissenen Augen an.
»Ich liebe dich«, war seine Antwort.
Sie wusste das. Und sie liebte ihn auch. Aber Liebe allein reichte manchmal nicht. Sie mussten wieder lernen, miteinander zu sprechen. Allerdings fiel Diletta auch nicht viel mehr ein als ein gemurmeltes »Ich dich auch«. Still aß sie weiter. Wenn sich der Abend auch nicht richtig nach Feiern angefühlt hatte, so hatte Diletta wenigstens richtig gut gegessen. Sogar doppelt.
Nachdem sie das kleine Restaurant an der Promenade Amalfis verlassen hatten – auf eine Nachspeise hatten sie verzichtet –, hakte sich Diletta bei Ezio unter. Sie wollte noch nicht, dass der Abend vorbei war. Sie wollte nicht zurück in die noch größere Stille ihrer Wohnung.
»Gehen wir noch ein paar Schritte?«, fragte sie deshalb hoffnungsvoll.
Ezio sah sie an. Vielleicht einen Augenblick länger und intensiver als sonst. »Ich muss morgen früh raus …«, deutete er an. Und das stimmte auch. Für ihn begann der Tag noch vor Sonnenaufgang.
Quirliges Leben spielte sich rund um sie ab. Die Küstenstraße war dicht befahren, Touristen spazierten und hielten ihre Nasen in die Luft, schienen sich unschlüssig darüber zu sein, ob sie sich lieber am Naturspektakel – dem Meer, der Mittelmeervegetation, der Steilhangküste – erfreuen oder doch lieber einen Blick auf die Souvenirs werfen sollten, die bunt und einladend vor den Läden ausgestellt waren.
»Gut, dann lass uns gehen«, beschloss Diletta also und machte sich mit ihrem Mann auf in Richtung Altstadt. »Ich habe eine neue Lotion für den Laden gefunden«, sagte sie. Es war das Erstbeste, was ihr einfiel. Nachdem sie die Fehlgeburt erlitten hatte, hatte sie die Zitronenlotion aus dem Sortiment genommen, mit der sie sich am Morgen damals noch eingecremt hatte. Sie hatte sie zu stark mit dem Unglück assoziiert. Aber es war gar nicht so einfach gewesen, einen Ersatz zu finden. Zumal Diletta Wert darauf legte, nur Produkte zu verkaufen, die aus Amalfi oder zumindest der Provinz Salerno stammten.
»Ach, wirklich?«
Diletta schmiegte sich an Ezio, sein Interesse tat gut. »Ja. Kennst du Laura? Die Tochter von Gigio?«
»Klar.«
»Sie hat schon lange eine kleine Seifenproduktion. Ihre Seife mit Zitronenextrakt kennst du, die habe ich bereits im Verkauf.« Diletta lief vorsichtig. Ihr Absatz drohte sich zwischen den Pflastersteinen zu verfangen. Ezio stützte sie instinktiv. Abgesehen von den Pflastersteinen ging es ohnehin nicht schnell über die Piazza Duomo. Es wimmelte von Touristen, es ging kaum vorwärts. Doch es lag trotzdem eine gewisse Ordnung im Chaos. Diletta wettete, dass sie von oben aussahen wie geschäftige Ameisen. Was an sich ein seltsamer Gegensatz war, denn hier in Amalfi sollte niemand geschäftig sein. Eher entspannt. Immerhin verbrachte man im kleinen Küstenort an der wahrscheinlich berühmtesten Küste des Mittelmeerraums seit jeher wundervolle Urlaube.
»Ja, die hast du mir gezeigt.«
»Genau. Und Laura hat sich jetzt noch weiter in die Kosmetikherstellung gewagt. Ihre Zitronenlotion ist wundervoll.«
»Hey, das klingt super.« Ezio zeigte einen gewissen Grad an Begeisterung. Diletta merkte, wie sehr sie das brauchte, dass er sich interessierte, dass er seine Meinung mit ihr teilte.
»Finde ich auch!« Sie drückte ihm dankbar einen Kuss auf die Wange. Er lachte.
Diletta war so sehr darauf konzentriert gewesen, ihrem Mann von der Lotion zu erzählen, dass sie nicht weiter darauf geachtet hatte, wohin er sie geführt hatte. Sie standen nun an den Tischen vor Sals Bar.
Salvatore war ihr Barista, schon seit Kindheitstagen. Seine Bar, das , befand sich direkt vor dem herrlichen Dom mit der eindrucksvollen Treppe....




