Griese | Schleswig-Holstein - Von Mördern, Terroristen und Betrügern | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Griese Schleswig-Holstein - Von Mördern, Terroristen und Betrügern

Historische Miniaturen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7448-9215-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Historische Miniaturen

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-7448-9215-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Kriminalgeschichte Schleswig-Holsteins ist reich an Mord-, Raub- und Betrugsfällen. Die Leser erleben unter anderem den Mord am dänischen König 1250 auf der Schlei, leiden 1678 auf Gut Depenau während der Hexenprozesse mit, blicken 1815 hinter die Kulissen des Diebstahls der Lübecker Stadtkasse, finden sich 1928-29 im Terror und Tumult der Landvolkbewegung wieder oder erleben 1952 den Hype um den sogenannten Fälscherskandal der Lübecker St. Marienkirche.

Volker Griese, Dipl.-Ing. und Privatgelehrter, ist seit 1986 literaturwissenschaftlich tätig. Neben regionalgeschichtlichen Essays verfasste er Biografien über die holsteinischen Autoren Iven Kruse und Dietrich Theden, eine novellenartig zugespitzte Darstellung entscheidender Momente der Schleswig-Holsteinischen Landesgeschichte, Schriftstellerchroniken zu Theodor Storm, Detlev von Liliencron und Gustav Frenssen, eine Ortschronik und anderes mehr.
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Kain und Abel einmal vertauscht.


Der Königsmord auf der Schlei, August 1250

Gellend schneiden lang gezogene Schreie von Möwen durch die Luft. Die von ihrem Tagesgeschäft heimkehrenden Schleifischer in der Missunder Enge vor Brodersby kennen das. Immer wenn sie sich mit ihrem Fang dem Land nähern, kommen die Ratten der Lüfte heran, immer darauf aus, dass etwas von der Beute für sie abfällt. Erst lässt sich einer dieser Vögel am Himmel sehen, der schon bald durch sein Geschrei alle sich in der Nachbarschaft befindenden herbeilockt. Sie haben es sogar schon erlebt, wie die grauweißschwarzen Langschnäbel um ihr Schiff kreisten, um dann Raubvögeln gleich niederzustürzen, in der Hoffnung einen Fisch aus der Balje zu erwischen. Heute allerdings ist es anders. Die Möwen kommen nicht näher, sie lassen sich von dem herannahenden Boot überhaupt nicht ablenken. Ihre ganze Konzentration scheint auf einen dunklen Punkt im Wasser hin gerichtet zu sein. Immer wieder drehen sie ihre Kreise und stoßen ihre durchdringenden, langgezogenen Schreie aus. Einige stürzen herab, der Wasseroberfläche zu, um dann aber doch kurz davor vor der eigenen Courage in Respekt zu verfallen, und sich wieder nach oben den restlichen Vögeln hinzuzugesellen. Immer wieder dieses gleiche Schauspiel.

Die Fischer im Boot schauen nach vorne. Je näher sie kommen, umso deutlicher wird eines erkennbar: An der Stelle, die die Vögel wie im Rausch umkreisen, hin zum Brodersbyer Ufer, wirkt es so, als ob sich etwas im Wasser bewegt; wenn es auch nur auf und ab zu schwimmen scheint. In Sichtweite herangelangt, meinen sie, es handele sich um einen aus dem Wasser ragenden stumpfen Ast. Doch irgendwie passe das ja nicht zu dem Verhalten der Möwen. Sie beschließen der Sache einmal auf den Grund zu gehen und halten mit ihrem Gefährt auf die Stelle zu.

Nur ein paar Bootslängen von dem im Wasser schwimmenden Gegenstand entfernt, wird er deutlich erkennbar. Die Fischer stutzen und sehen sich an. Kein Ast ragt hier aus dem Wasser – und klar wird jetzt auch das Kreisen und Schreien der Möwen – es handelt sich vielmehr um einen steifen Arm, der im Wasser dümpelt und zum Himmel, zum ewigen Gericht, hinzudeuten scheint. Ganz nah herangekommen lässt sich auch der nur knapp unterhalb der Wasseroberfläche schwimmende Körper ausmachen. Scheinbar sind Schnüre oder Ketten um ihn geschlungen. Die Fischer greifen zu Stangen, bugsieren den Körper nah an die Reling und beginnen ihn aus dem Wasser aufs Bootsdeck zu hieven. Schon als der Leichnam nur ein Stück aus dem Wasser ragt, wird für alle Beteiligten deutlich, dass sie es hier nur mit einem Torso zu tun haben. Der Kopf fehlt. Trotz der Nässe scheint die Kleidung so auszusehen, als ob sie zu einer herrschaftlichen Person gehört. Die Fischer stutzen, schauen sich an, sagen nichts; jeder hat seinen Gedanken, dem er nachgeht. Soll nicht vor knapp zwei Monaten ein Boot mit dem dänischen König Erik an Bord hier auf der Schlei umgeschlagen, gekentert sein? Der König wäre ertrunken hieß es. Was wäre …? Doch wenn, wenn er es wirklich wäre –, wieso fehlt der Kopf? Und was haben die Fesseln zu bedeuten? Schweigend bezieht jeder seinen Posten. Das Boot wird auf Kurs getrimmt und nimmt seine Fahrt zu ihren Katen am Ufer bei Missunde wieder auf. An Land angekommen, begibt sich sofort ein Fischer auf den Weg zur kleinen bei Brodersby gelegenen Kapelle und seinem dort hausenden Priester. Die anderen scharren den Torso erst einmal an Land ein.

Als dem Mann Gottes die Nachricht von der Leiche ohne Kopf, von dem in feine Kleidung gehüllten Körper mitgeteilt wird, stutzt auch er zunächst. Der Nachrichtenüberbringer erhält einen kurzen Dank und die Mitteilung, er, der Priester, werde sich darum kümmern. Wenig später befindet sich schon ein Bote auf dem Weg zum Domkapitel in Schleswig. Nur wenige Stunden vergehen, als auch schon eine Schar Priester der St. Petri Kirche bei den Fischern eintrifft. Sie lassen sich die Stelle zeigen, wo der Leichnam verscharrt wurde, lassen ihn wieder ausbuddeln und reinigen. Die Priester tuscheln untereinander. Zwar wäre der Körper nicht mehr vollständig und auch schon in Fäulnis übergegangen, aber davon bräuchte man ja niemanden etwas zu erzählen. Die Überreste werden vorsichtig in ein Leinentuch gehüllt, auf ein Pferd festschnallt, dann entschwindet die Schar in Richtung Stadt.

Tage später, der Leichnam hat seine Ruhestätte erst einmal im Dom gefunden, ist es in der ganzen Gegend schon kein Geheimnis mehr: Die Nachricht, es handele sich bei dem aufgefischten Körper um den dänischen König Erik IV., der da aus dem Wasser gezogen wurde, verbreitet sich schnell landauf landab.

*

Mythologische Beispiele von ungleichen, von in ihrem Wesen geradezu konträren Brüderpaaren gibt es genug. Da tötet die ägyptische Gottheit ›Seth‹, der schlichtweg das Böse personifiziert, seinen Bruder ›Osiris‹, der als Totengott für das Fortleben der Menschheit steht, und zerstückelt ihn; bei den Hethitern geraten die schon in ihren Namen für alle Unwissenden klar gekennzeichneten Brüder ›Schlecht‹ und ›Gerecht‹ aneinander; in der römischen Überlieferung war es ›Romulus‹, der seinen Bruder ›Remus‹ erschlug. Oder denken wir an die biblische Überlieferung, in der ›Kain‹ seinen jüngeren Bruder ›Abel‹ tötet. Neid, Missgunst, Habsucht – allesamt Motive, die Geschwisterpaare aneinandergeraten, gegeneinander vorgehen, ja, schließlich auch vor einem gemeinen Mord oder Totschlag nicht zurückschrecken lassen. Und das nicht nur in Sagen und Märchen.

*

Als der dänische König Waldemar II. 1241 stirbt, folgt ihm der seit 1232 mitregierende Sohn Erik auf den Thron. Obwohl als Nachgeborener zunächst von der Thronfolge ausgeschlossen, reklamiert aber auch der Sohn Abel, seit 1232 Herzog von Schleswig, seine Ansprüche und mehr als das. Er versucht schon bald Gefolgsleute für seinen Königsanspruch zu gewinnen und beginnt Intrigen am dänischen Hof zu spinnen. Die zunächst hinter den Kulissen, im Verborgenen ausgetragenen Animositäten zwischen den Geschwistern, vor allem vonseiten Abels, eskalieren immer mehr, bis die offene Feindschaft des Bruders, die Androhung, ihn vom Thron zu stoßen, dem jungen König nur eine Wahl lässt. Um diesem Spuk ein für alle Mal ein Ende zu bereiten, kommt nur Sieg oder Niederlage in Frage. Ein Feldzug soll entscheiden. Mit viel Aufwand werden Söldner angeworben, geködert mit einem reichlichen Handgeld und mit dem Versprechen auf gute Beute. Dem Einmarsch der Truppen Eriks 1248 im schleswigschen Herzogtum kann Abel nur wenig entgegensetzen. Der heftig geführte Bruderkrieg lässt neben der Stadt Flensburg zahlreiche weitere Handelsplätze verwüstet zurück. Natürlich wird auch Schleswig, der Sitz, das Machtzentrum des Herzogs, belagert. Abel selbst, mit einer nur allzu kleinen Streitmacht an anderer Stelle durch Truppen seines Bruders festgehalten, kann selbst nicht vor Ort eingreifen.

Als einer der Truppenteile unter Henrich Ämeltorp eines Nachts in die Stadt an der Schlei dringen, macht sich eine Abordnung auf den Weg zur herzoglichen Familie. Hat man doch im Vorwege gehört, Abels Tochter sei in der Stadt geblieben und müsse sich somit unter den Eingeschlossenen auffinden lassen. Die Freude steht Henrich Ämeltorp im Gesicht geschrieben, als er mit einer Handvoll Männer die Gemächer der herzoglichen Burg durchschreitet. Die junge Frau wäre ein richtig guter Fang, ein entsprechend wertvolles Pfand. Doch die Eindringlinge werden nur zu bald enttäuscht. So sehr sie den Herzogssitz und anschließend die Gebäude der Stadt auch durchsuchen, sie bleibt verschwunden. Dass sie sich in verschiedenen Bürgerhäusern barfuß und in zerlumpter Kleidung wie eine einfache Dienstmagd versteckt, das kommt den Kriegsleuten nicht in den Sinn.

Der schleswigsche Herzog gibt zunächst alles verloren und flieht außer Landes zum Erzbischof von Bremen. Hier am Hof des Bischofs beginnt Abel in den folgenden Wochen, Kontakte zu verschiedenen deutschen Fürstenhäusern aufzunehmen. Und man deutet durchaus an, dass ein gewisses Verständnis für Abel da sei, man bereitstehe, ihm erneut seinen Herzogssitz zu verschaffen. Gewisse Gegenleistungen müssen natürlich verhandelt werden. Doch die Details lassen sich auch später immer noch besprechen, so der Tenor. Nicht lange dauert es, da zieht Abel mit einem regelrechten Haufen fremder Söldner zurück ins Schleswigsche, finanziert von deutschen Herrschern. Diesmal ist das Siegerglück vor allem und nicht zuletzt dank seiner Truppenübermacht aufseiten Herzog Abels. Diesmal muss sich König Erik aus dem Herzogtum Schleswig zurückziehen. Da keine Aussicht auf Beute besteht, belasten die königlichen Söldner nur die dänische Staatskasse, die ohnehin schon mehr als genug ausgeplündert war. Sie dürfen gehen. Auch Abel löst seine von Deutschen finanzierten Truppen schließlich auf. Sie haben ja ihre Arbeit getan. Die Gegenleistung? Nun, so heist es bei seinen...



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