Griffin | Die Insel der Angst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 319 Seiten

Reihe: Lübbe

Griffin Die Insel der Angst

Thriller. Eine einsame Insel, fünf Menschen und ein Mörder
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-7368-3
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller. Eine einsame Insel, fünf Menschen und ein Mörder

E-Book, Deutsch, 319 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-7368-3
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine einsame Insel, fünf Menschen und ein Mörder

Mehrere Tagesreisen von der nächsten Küste entfernt liegt mitten im Atlantik die seit Jahrzehnten verlassene Insel Navigaceo. Dorthin ist die Dokumentarfilmerin Tess unterwegs, um zusammen mit vier Wissenschaftlern die einzigartige Natur zu untersuchen. Aber schon kurz nach ihrer Ankunft entdeckt Tess ein Skelett, das Überreste der gleichen Uniform trägt, die auch ihr Team nutzt. Offensichtlich ist der Tote erst vor wenigen Monaten hier gestorben. Doch wer war er? Und wie hängt er mit ihrer Expedition zusammen? Könnte einer ihrer Kollegen gar ein Mörder sein? Bis das nächste Schiff die Insel erreichen wird, muss Tess von nun an vorsichtig sein, denn sonst wird sie die nächste Leiche sein.



BevorMartin GriffinSchriftsteller wurde, war er stellvertretender Schulleiter und ein dem Untergang geweihter Sänger, der einmal sogar die britische RockbandTHE FALL auf ihrer Tour begleiten sollte- einen Gig, den er absagen musste, weil er nur zwei gute Songs geschrieben hatte. Griffin lebt mit seiner Frau und Tochter in Manchester.

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3


Am folgenden Tag war es in der Ankunftshalle auf Madeira brechend voll. Ich half einer älteren Portugiesin mit ihrem Gepäck und wartete bei ihr, bis sie ihren Mann entdeckt hatte, dann ging ich Richtung Ausgang.

Eine Frau mit Acrylfingernägeln kontrollierte meinen Reisepass. Draußen standen Fahrer, die Pappschilder mit Namen hochhielten. Meiner war ein junger Mann in einem Ramones-T-Shirt und Sandalen. Er führte mich in eine Wand siedender Luft und öffnete den Kofferraum eines zitronengelben Mercedes, der unter Palmen in einer Wagenschlange stand.

»Funchal, ja?«, fragte er, als ich einstieg. Ich nannte ihm den Namen des Hostels, und er nickte in den Rückspiegel und reihte sich in den Verkehr vor der Schranke ein. »Urlaub?«

»Nein, Arbeit. Ich drehe einen Film.«

Ich schaute auf gepflegte Rasenflächen, Palmen und Kakteen, Felsbrocken, einen Schwarm Möwen. Der Himmel war kräftig blau und wolkenlos. Ein Schauder der Erregung durchlief mich. Draußen auf den Ilhas Desertas würde es wenig Komfort geben, nur Zelte und Isomatten, Dosengerichte und lange Tage. Aber wenigstens ließe sich dabei ignorieren, was in England auf mich wartete.

»Casablanca neunhundert Kilometer in dieser Richtung«, sagte mein Fahrer. »Gran Canaria fünfhundert in dieser Richtung.« Er zeigte mit dem Daumen über die Schulter, während er auf der ER 101, Madeiras einziger Autobahn, einen Lkw überholte. Die steilen grünen Berghänge zu unserer Rechten waren mit Häusern gesprenkelt. Erste Eindrücke der Insel flogen vorbei; Plakatwände vor einem Dorf namens Santa Cruz; ein Springbrunnen mit Regenbogenfontänen. Wir überquerten eine tiefe Schlucht, bei der mir mulmig wurde, dann stießen wir in einen Tunnel. »Und Lissabon liegt tausend Kilometer in dieser Richtung. Filmen Sie das Festival in Funchal? Das Zuckerrohrfest? Kuchen, Wein?«

»Nein. Ich fahre raus zu den Desertas.« Von der fernen Inselgruppe war noch nichts zu erkennen, aber sie sei ein permanenter dunkler Fleck am Horizont, stand im Reiseführer.

Darauf zog er die Brauen hoch und schwieg für ein paar Augenblicke. »Zu den Ilhas Desertas? Sind Sie verrückt?«

Ich begegnete seinem Blick im Rückspiegel. »Wieso?«

»Die sind menschenleer. Da spukt es. Da ist nichts. Nur Felsen und ein Leuchtturm, das ist alles. Den Männern da ist viel Schlimmes zugestoßen …«

»Klingt großartig«, meinte ich trocken.

»Aber Sie filmen die Robben, ja?« Sein Gesicht hellte sich auf. »Schöne Tiere. Wir nennen sie lobo do mar, Wolf des Meeres.« Er grinste und stimmte zur Veranschaulichung ein Wolfsgeheul an, während wir über eine weiße Brücke fuhren, unter der sich Funchal bis zum Meer hinunter erstreckte.

Draußen am Busbahnhof und der wimpelgeschmückten Uferpromenade hob er meinen Rucksack aus dem Kofferraum und sah mir väterlich ernst in die Augen. »Da draußen, das ist kein Urlaub. Gefährliche Strömungen. Überhaupt nicht sicher. Und in der Festwoche ist es für Retter schwieriger, Sie rauszuholen. Seien Sie vorsichtig.«

»Keine Sorge«, sagte ich lächelnd. »Mir passiert schon nichts. Ich habe ein erfahrenes Team bei mir.«

Ich fand mein Hostel, duschte, zog mich um und ging mit der Kamera los, um in der Stadt ein paar Aufnahmen zu machen.

Ich filmte die Seilbahn und wie ihre Kabinen ratternd den langen Aufstieg über die Dächer zum Botanischen Garten begannen, Touristen-Tuk-Tuks, die sich durch den Verkehr fädelten, Imbisswagen, die Churros anboten, Skateboarder, die im Schatten von Palmen vapten. Als Alex mir am frühen Abend geschrieben und vorgeschlagen hatte, mich mit ihnen in der Altstadt zu treffen, hatte ich zugesagt und folgte nun ihrem Standort-Pin zum Revolucion, einer zweigeschossigen Cocktail- und Tapasbar.

Bis ich dort ankam, stand die Sonne tief über dem Hafen. In den belebten Gassen war es noch warm, und die Tische der Bar waren selbst draußen dicht besetzt. Drinnen roch es nach Knoblauch und gebratenen Sardinen. Die Kellner servierten Cocktails mit Salzrand und Schälchen mit Oliven.

Ich entdeckte Alex, die mich an ihren Tisch winkte.

»Tess! Schön, dich endlich in natura zu sehen!« In ihren kurzen Haaren zeigte sich das erste Grau. Ihre Goldrandbrille hatte kreisrunde Gläser. Sie deutete auf ein Glas mit Saft. »Ich habe dir einen Poncha bestellt. Rum, Rohrzucker, Honig und Orangensaft. Ein traditioneller Cocktail. Den trinken wir immer, wenn wir hier arbeiten. Und nimm dir ein Sweatshirt!« Sie deutete auf einen Stapel. Meins war das unterste.

Ich hielt es mir an. Seawild stand darauf, über einer weißen Welle mit einem springenden Delfin. Ich lächelte ihre Kollegen an. »Tess Macfarlane«, sagte ich. »Ich übernehme das Filmen.«

»Es steht dir«, meinte der Mann neben mir, ein Schwarzer, der mit Anfang dreißig ein paar Jahre jünger war als ich, ein Londoner mit gepflegtem Bart. »Mike Woods-Hughes, Seawild. Schön, dich kennenzulernen.« Er zog an seinen Manschetten unter dem Leinenjackett und neigte sich zu mir. In seinen Augen funkelte Begeisterung. »Du hast Spill gedreht, stimmt’s? Fantastischer Film. Hätte einen Preis der BAFTA gewinnen müssen. Man hat dich übergangen. Diese Sequenz in den Ölfeldern? Wunderschön fotografiert. Du bist ein Superstar.«

»Danke. Sehr nett.«

Ein Mann mittleren Alters mit einer Trucker-Kappe auf den schulterlangen Haaren und einem Pullover mit ausgeleiertem Ausschnitt stellte sich ebenfalls vor. »Vincento Perriera.« Er hatte spröde Haut, einen südländischen Teint, und wenn er lächelte, zeigten sich Krähenfüße an seinen rastlosen Augen. »Freust du dich auf den Trip?«

»Sehr.«

Alex breitete die Arme vor uns dreien aus wie eine stolze Mutter. »Endlich treffen wir uns persönlich. Auf die Ilhas Desertas.« Wir stießen miteinander an. Mike jubelte gut gelaunt, und Alex lächelte. »Ich habe großes Glück, euch dabeizuhaben. Was für ein großartiges kleines Team! Ich bin schon heiß darauf, loszulegen.« Ich fragte mich, ob sie sich absichtlich so begeistert gab, doch ihr lebhaftes Lächeln schien mir ehrlich zu sein. »Vielen Dank, dass ihr unserem Projekt eure Zeit opfert. Cheers!«

Wir stießen ein zweites Mal an. Alex bestellte Tapas und mehr zu trinken.

Vincento beugte sich beim Essen zu mir. »Freust du dich auf die Robben?«

»Absolut. Leo ist sehr erpicht darauf, die Insel zu schützen, keine Touristen zuzulassen.«

Vincento schluckte Bier und wischte sich den Mund ab. »Da bin ich ganz seiner Meinung. Achtsamkeit ist jetzt entscheidend. Die Population wächst langsam, aber sie wächst.« Er winkte einen Kellner heran, und einen Moment später goss er uns allen dunklen Rotwein ein. »Probiert den«, befahl er uns.

Mike lachte. »O Gott. Vinny hält uns wieder einen Vortrag.«

Wir hoben die Gläser und kosteten. Das Zeug schmeckte wie süßer Kaffee und Zigarrenrauch.

»Das ist Bual«, sagte Vinny. »Süßer als Verdejo. Fassgereift …« Er hielt grinsend inne, weil Mike ihn bejubelte, und redete dann weiter. »Tolle Farbe, komplexes Aroma. Ein schöner Wein, nicht?« Ich trank noch einen Schluck. Vinny fing meinen Blick ein. »Rauchst du?« Er schwenkte eine Schachtel Chesterfields. Ich schüttelte den Kopf. »Gute Antwort«, sagte er und erhob sich ächzend. »Teure Angewohnheit. Ich bin auf eine am Tag runter. Habe mir vorgenommen, vor der Hochzeit aufzuhören.«

»Hochzeit.« Ich prostete ihm zu. »Herzlichen Glückwunsch.«

Er verneigte sich dankend. »Die Liebe meines Lebens.« Er zeigte den schlichten Ring an seiner Hand. »Wieder.«

Lächelnd verfolgte ich, wie er sich zwischen den Gästen durchschlängelte und jemandem auf die Schulter klopfte, worauf sie laut zusammen lachten. Er war gut fünfzehn Jahre älter als ich. Also durfte ich noch hoffen. Nach Spill war ich in meiner Branche zu einem Geist geworden, jene Art Person, in deren Nähe Gespräche verstummen. Damit wurde es nicht einfacher, jemanden zu daten. Nach den Monaten mit Gretchen Harris war ich verschlossen und schuldbewusst, und es kostete jahrelange Aufmerksamkeit, meine Karriere wieder aufzubauen. Im Lauf der letzten zehn Jahre hatte ich schrecklich viele Samstagabende allein zu Hause verbracht und immer nur nach links gewischt. Wenigstens erzählte Vincentos Verlobungsring eine optimistischere Geschichte.

Nachdem unsere Gläser neu gefüllt waren, reichte Alex ihr Handy herum, und wir schauten uns Fotos von Navigaceo an.

»Die Robben versammeln sich an der Nordspitze.« Sie hielt das Display hoch, als Mike und ich uns zu ihr hinbeugten. »An der Südspitze steht der Leuchtturm. Die Insel hat zwei Gesichter. Im Westen nackte Steilfelsen. Dagegen ist die Ostseite durch frühere Erdrutsche weniger steil.« Sie zeigte uns Aufnahmen von dem zugänglichen Küstenstreifen, einer Landzunge aus rostrotem Gestein, überragt von einem Berg, dessen untere Hänge dicht bewaldet waren.

Wir unterhielten uns, aßen, und zum ersten Mal, seit mir der Mann mit dem Fotoapparat aufgefallen war, konnte ich mich entspannen. Nachdem eine weitere Flasche von Vinnys Bual auf dem Tisch stand, brachte ich die drei dazu, ihre Sweatshirts anzuziehen, und filmte meine neuen Kollegen, die in ihrem Marken-Outfit in die Kamera winkten.

Das Essen war gut, die Gesellschaft locker, die Musik laut, und allmählich wurde der Gedanke an das Polizeirevier Brixton zu einem Wehwehchen im Hintergrund wie ein leichter Kater, eine ferne Gefahr, die sich gut ignorieren ließ.

Um halb elf umarmten wir uns. Ich war so spät engagiert...


Griffin, Martin
Bevor Martin Griffin Schriftsteller wurde, war er stellvertretender Schulleiter und ein dem Untergang geweihter Sänger, der einmal sogar die britische Rockband THE FALL auf ihrer Tour begleiten sollte – einen Gig, den er absagen musste, weil er nur zwei gute Songs geschrieben hatte. Griffin lebt mit seiner Frau und Tochter in Manchester.



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