Grimbert Die Götter - Das Schicksal von Ji
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-07657-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Götter 4 - Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 384 Seiten
Reihe: Die Götter-Serie
ISBN: 978-3-641-07657-3
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viele Gefahren erwarten die jungen Kämpfer, die das Rätsel um die Götter lösen müssen, um ihrer Aufgabe als Hüter ihrer Heimatinsel Ji gerecht zu werden. Nur wenn sie all ihre Fähigkeiten einsetzen, können sie die schweren Prüfungen bestehen, die das Schicksal ihnen auferlegt … Mit „Das Schicksal von Ji“ schreibt Bestsellerautor Pierre Grimbert das Epos um die Insel Ji grandios fort.
Pierre Grimbert, 1970 in Lille geboren, arbeitete einige Zeit als Bibliothekar, bevor er in Bordeaux Buchwissenschaften und Publizistik studierte. Die "Magier"-Saga wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem "Prix Ozone" als bester französischer Fantasy-Roman. Der Autor lebt im Norden Frankreichs.
Weitere Infos & Material
Bald wird es nicht mehr nötig sein, mich vorzustellen. Dann wird die gesamte bekannte Welt, ebenso wie die bisher noch unbekannte, beim Anblick meines Schattens auf die Knie fallen. Die Menschen werden den Boden vor den mir zu Ehren errichteten Denkmälern küssen, und die Könige und Kaiser, die ihre Mittelmäßigkeit noch nicht erkannt haben, werden vor meinen Exkrementen im Staub kriechen.
Ja, bald wird die Zeit kommen, da mich die Sterblichen erkennen und sich dem mächtigsten Wesen unterwerfen, das auf Erden wandelt. Dem letzten Träger der Geheimnisse einer untergegangenen Welt. Dem letzten Abkömmling der Unsterblichen. Dem Erben der alten Mächte und Hüter der Anbetung, die ihnen gebührt. Kurz, dem alleinigen, dem einzig wahren Gott, dem jedes mit Verstand begabte Wesen dienen muss. Sie werden sich mir unterwerfen.
Saat.
Ist mein Name erst weithin bekannt, werden sich vielleicht einige daran erinnern, ihn schon einmal gehört zu haben. Aus den zahnlosen Mündern von Greisen vermutlich, die mit vor Angst bebender Stimme von einem langen Tunnel erzählten, der unter einem mächtigen Gebirge hindurchführt. Von Abertausenden Sklaven, die sich dabei zu Tode geschuftet hatten. Von einem Barbarenheer, das in die Heilige Stadt Ith eingefallen war, an der Seite eines unsterblichen Dämons und angeführt von dem Hexer, der zugleich Vater und Meister des Ungeheuers war … Dieses Ereignis liegt nun bereits fünfzig Jahre zurück, aber ich muss gestehen, dass mich die Erinnerung noch immer mit Wehmut erfüllt.
Damals strebte ich bereits nach den gleichen Zielen wie heute. Ich wollte meine Überlegenheit über die Menschen beweisen und das Ansehen und die Macht erlangen, die mir zustanden. Schließlich hatte ich bereits die Bewohner eines halben Erdteils unter meinem Banner vereint, und nichts schien mich aufhalten zu können. Doch leider schert sich das Schicksal manchmal weder um Gerechtigkeit noch um Vernunft. Wegen einer lächerlichen Prophezeiung aus den Tiefen des Karu erdreistete sich eine Handvoll Sterblicher, meinen glorreichen Siegeszug aufzuhalten. Sie waren so schwach, verletzlich und hilflos, dass sie mir fast leidtaten.
Und trotzdem waren sie erfolgreich, entgegen aller Erwartungen.
Durch eine heimtückische List gelang es ihnen, die einzige Schwachstelle, die ich damals noch besaß, schamlos auszunutzen: Sombre. Der Dämon, den ich selbst aus dem Karu in die Welt gebracht hatte, um ihn zu meinem Verbündeten zu machen und seine Macht für mich zu nutzen. Das Kind, das ich nach meinem Willen geformt hatte, um mir meinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen und es zum Bezwinger zu machen. Das Geschöpf, dessen geistiger Vater ich war – und das mir täglich die göttliche Kraft spendete, die unerlässlich war, damit mein nunmehr zweihundert Jahre alter Körper weiterleben konnte.
Doch meine Feinde, diese elenden Hunde, verschworen sich gegen mich und zerstörten jede Zuneigung, die Sombre mir entgegenbrachte. Der Dämon, mein Dämon, entzog mir seine göttliche Kraft. Danach konnte nicht einmal mehr Magie verhindern, dass mit meinem Blut auch das Leben aus meinem Körper wich, als diese dreiste Göre mir mein eigenes Schwert ins altersschwache Herz stieß – und ich starb.
Bereits zum zweiten Mal.
Das erste Mal war weniger schmerzhaft gewesen. Ich hatte es kaum gespürt. Es ereignete sich einige Jahrzehnte vor dieser bitteren Niederlage, während ich mit dem halbwüchsigen Sombre durch die Gänge des Karu geirrt war. Ich wollte nichts weiter, als einen Ausgang aus dem Labyrinth finden, und um zu überleben, hatte ich bereits begonnen, Lebenskraft aus der ewigen Quelle des Kinds an meiner Seite zu schöpfen. Der Tod, der mich im Schlaf übermannte, konnte mich nicht aufhalten. Ich hatte mich bereits verändert, war kein jämmerlicher Mensch mehr, der den Gesetzen der Natur unterworfen war. Ich war ein Geschöpf zwischen zwei Welten, ein Mischwesen, das halb der Welt der gewöhnlichen Sterblichen angehörte und halb dem Reich der Götter und Dämonen. Das Gwel des Karu verstärkte meine magischen Kräfte, Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Trotzdem war ich nicht unverwundbar, wie der Anschlag auf mein Leben Jahre später auf grausame Weise bewies. Während sich meine Feinde am Anblick meines Todeskampfs ergötzten, rang ich um jeden Atemzug und verfluchte das Schicksal, weil es mir so übel mitspielte. Doch schließlich riss der straff gespannte Faden, der meine Seele noch mit meiner sterblichen Hülle verband, und ich flog hinaus ins Nichts, in die Finsternis jener tragischen Nacht.
Von meinen irdischen Leiden befreit, konnte ich mich nun voll und ganz auf diese neue Erfahrung konzentrieren. Obwohl ich bereits zum zweiten Mal den Tod fand, war es doch das erste Mal, dass ich diese große Reise antrat. Und sie war überaus lehrreich. Trotzdem hatte sich mir die Schande der Niederlage unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt, und der Wunsch nach Rache hauchte mir göttliche Kraft ein.
Ich erfuhr das gleiche Schicksal wie jeder gewöhnliche Sterbliche, der seinen letzten Atemzug tut. Wenn sich die Seele von ihrer irdischen Hülle löst, hat man kurz das Gefühl, zerrissen, gevierteilt und bei lebendigem Leibe gehäutet zu werden. Im nächsten Moment ist es vorbei, und der Geist fliegt davon, ein Lichtstrahl auf dem Weg zu einem unbekannten Ziel. Die allermeisten Verstorbenen wissen nämlich nicht, wohin die Reise geht, aber bei mir war das anders. Ich ahnte, nein, wusste längst, dass mich der Weg ins Jal führen würde.
Ich wollte die Richtung ändern, aber das war unmöglich. Ebenso wenig hatte ich Einfluss auf die rasende Geschwindigkeit, mit der ich von den Gipfeln des Gebirges angezogen wurde, das ich zuvor mit meinem Tunnel geschändet hatte. In Gesellschaft unzähliger anderer armer Seelen, von denen nicht wenige den Barbaren meines Heers gehörten, raste ich an den höchsten Bergen vorbei, um dann plötzlich steil nach unten auf die Gärten des Dara zuzustürzen.
Doch ich sauste nur kurz über das Tal hinweg und fuhr gleich darauf in die Tiefen der Erde hinab, genau wie die meisten Wilden, die in jener Nacht gestorben waren, die Plünderer, Sklaventreiber, Folterknechte, Meuchelmörder und Feiglinge …
Wir waren dazu verdammt, in die stinkenden Gänge des Karu einzugehen, doch wie dieses Urteil zustande gekommen war, überstieg jedes menschliche Verständnis. Die gerade erst von ihrer sterblichen Hülle befreiten Seelen machten sich über diese Frage ohnehin keine Gedanken. Von Panik erfüllt rasten sie durch die Gänge des unwirtlichen Labyrinths. Ich verspürte den unwiderstehlichen Drang, mit einem Unsterblichen zu verschmelzen und auf diese Weise mein Leben ewig fortzusetzen.
In jener Nacht sah ich Tausende und Abertausende solcher Vereinigungen mit an, und auch in den folgenden Jahrzehnten wurde ich unzählige Male Zeuge dieses Vorgangs. Die Dämonen, die das Karu bevölkerten, von den affenartigen Lemuren bis hin zu den grauenvollsten Kreaturen, die man sich vorstellen kann, verleibten sich die Seelen der Verstorbenen ein. Sie genossen diese Verschmelzung mit einem Vergnügen, das an sexuelle Lust erinnerte; denn jedes Mal kamen sie ihrer Vollendung einen Schritt näher. Jede Seele, die sie in sich aufnahmen, machte sie stärker, und erst wenn ihre Entwicklung vollendet war, konnten sie diesen abscheulichen Ort verlassen und als mächtige Dämonen in die Welt der Menschen einziehen. Es kam auch vor, dass sich die Ungeheuer des Karu im Streit um eine Seele gegenseitig zerfleischten. Die Seelen der Verstorbenen, die darauf warteten, mit dem Sieger zu verschmelzen, hatten nichts mit denen gemein, die in die Gärten des Dara eingingen. Sie interessierte nur ihr eigenes Schicksal – dass sie durch die Verschmelzung mit einem Dämon den Anbruch einer Zeit unsäglichen Grauens heraufbeschworen, kümmerte sie nicht. Für sie zählte allein die Aussicht, ein Quäntchen Unsterblichkeit zu erlangen.
Ein durchaus berechtigtes Bestreben, wie ich finde. Außerdem war es nahezu unmöglich, der Versuchung zu widerstehen. Der Wunsch nach Verschmelzung entsprang zum einen der Furcht vor dem Nichts, zum anderen dem Drängen eines geheimnisvollen höheren Willens. Später begriff ich, dass das Jal selbst die Seelen dazu zwang, sich mit den Unsterblichen zu vereinigen. Diejenigen, die diesen Ort erschaffen hatten, verliehen ihm auch die Macht, für seinen Fortbestand zu sorgen. So wurde auch ich von einer unsichtbaren Kraft dazu gedrängt, mich dem erstbesten Dämon zu ergeben, der meinen Weg kreuzte. Ich sollte in seinem ewigen Feuer verglühen, damit er mächtiger wurde – im Gegenzug bekäme ich Anteil an seiner Unsterblichkeit. Allerdings hätte ich dabei meine Erinnerungen und alles, was meine Eigenständigkeit ausmachte, aufgeben müssen. Die Lockrufe der Dämonen verfolgten mich wie Sirenengesang, während meine Seele allein durch die Gänge aus schwarzem Gwel jagte.
Doch ich kämpfte mit aller Kraft, die mir noch blieb, gegen den Drang an. Nachdem ich mich über die Menschen erhoben und wie ein Halbgott gelebt hatte, widerstrebte mir der Gedanke zutiefst, mich zu opfern, bloß um einen winzigen Funken Unsterblichkeit zu erlangen. So drang ich tiefer und tiefer in das Labyrinth ein und strebte immer weiter von den Dämonen fort, die darauf aus waren, meine Seele zu...




