E-Book, Deutsch, 456 Seiten
Grimm / Hauff / Andersen Spannende Räubermärchen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-80-268-3630-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Märchenhafte Abenteuer voller Magie und Moral aus europäischer Folklore
E-Book, Deutsch, 456 Seiten
ISBN: 978-80-268-3630-8
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Spannende Räubermärchen' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Inhalt: Ali Baba und die vierzig Räuber Das Wirtshaus im Spessart (Wilhelm Hauff) Die Bremer Stadtmusikanten (Jacob und Wilhelm Grimm) Der Räuberbräutigam (Jacob und Wilhelm Grimm) Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (Jacob und Wilhelm Grimm) Der Räuber und seine Söhne (Jacob und Wilhelm Grimm) Die Schneekönigin (Hans Christian Andersen) Vom Räuber (August Schleicher) Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte (Laura Gonzenbach) Iwan, Kupiska's Sohn (J.C. Poestion)
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Der Räuber und seine Söhne
(Jacob und Wilhelm Grimm)
Es war einmal ein Räuber, der hauste in einem großen Walde, und lebte mit seinen Gesellen in Schluchten und Felsenhöhlen, und wenn Fürsten, Herrn und reiche Kaufleute auf der Landstraße zogen, so lauerte er ihnen auf, und raubte ihnen Geld und Gut. Als er zu Jahren kam, so gefiel ihm das Handwerk nicht mehr, und es gereute ihn daß er so viel Böses gethan hatte. Er hub also an ein besseres Leben zu führen, lebte redlich, und that Gutes, wo er konnte. Die Leute wunderten sich daß er sich so schnell bekehrt hatte, aber sie freuten sich darüber. Er hatte drei Söhne, als die herangewachsen waren, rief er sie vor sich, und sprach »liebe Kinder, sagt mir was für ein Handwerk wollt ihr erwählen, womit ihr euch ehrlich ernähren könnt?« Die Söhne besprachen sich mit einander, und gaben ihm dann zur Antwort »der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, wir wollen uns ernähren, wie ihr euch ernährt habt: wir wollen Räuber werden. Ein Handwerk, wobei wir von Morgen bis Abend uns abarbeiten, und doch wenig Gewinn und ein mühseliges Leben haben, das gefällt uns nicht.« »Ach liebe Kinder,« antwortete der Vater, »warum wollt ihr nicht ruhig leben und mit wenigem zufrieden sein. Ehrlich währt am längsten. Die Räuberei ist eine böse und gottlose Sache, die zu einem schlimmen Ende führet: an dem Reichtum, den ihr zusammenbringt, habt ihr keine Freude: ich weiß ja wie es mir dabei zu Muth gewesen ist. Ich sage euch es nimmt einen schlechten Ausgang. Der Krug geht so lange zum Wasser bis er bricht: ihr werdet zuletzt ergriffen, und an den Galgen gehenkt.« Die Söhne aber achteten nicht auf seine Ermahnungen, und blieben bei ihrem Vorsatz.
Nun wollten die drei Jünglinge gleich ihr Probestück machen. Sie wußten daß die Königin in ihrem Stall ein schönes Pferd hatte, das von großem Werth war, das wollten sie ihr stehlen. Sie wußten auch daß das Pferd kein ander Futter fraß als ein saftiges Gras, das allein in einem feuchten Wald wuchs. Sie giengen also hinaus, schnitten das Gras ab, und machten einen großen Bündel daraus, in welchen die beiden ältesten den jüngsten und kleinsten steckten, so daß er nicht konnte gesehen werden. Sie trugen den Bündel auf den Markt, wo der Stallmeister der Königin ihn kaufte, zu dem Pferd in den Stall tragen und hinlegen ließ. Als es Mitternacht war, und jedermann schlief, machte sich der Kleine aus dem Grasbündel heraus, band das Pferd ab, zäumte es mit dem goldenen Zaum, und legte ihm das goldgestickte Reitzeug an, und die Schellen, die daran hingen, verstopfte er mit Wachs, damit sie keinen Klang gäben. Dann öffnete er die verschlossene Pforte, und ritt auf dem Pferd in aller Eile fort nach dem Ort, wohin ihn seine Brüder beschieden hatten. Allein die Wächter in der Stadt bemerkten den Dieb, eilten ihm nach, und als sie ihn draußen mit seinen Brüdern fanden, nahmen sie alle drei gefangen und führten sie in das Gefängnis.
Am anderen Morgen wurden sie vor die Königin geführt, und als diese sah daß es drei schöne Jünglinge waren, so forschte sie nach ihrer Herkunft, und vernahm daß es die drei Söhne des alten Räubers wären, der seine Lebensweise geändert und als ein gehorsamer Unterthan gelebt hatte. Sie ließ sie also wieder in das Gefängnis zurückführen und bei dem Vater anfragen ob er seine Söhne lösen wollte. Der Alte kam, und sagte »meine Söhne sind nicht wert daß ich sie mit einem Pfennig löse.« Da sprach die Königin zu ihm »du bist ein weitbekannter, verrufener Räuber gewesen, erzähle mir das merkwürdigste Abenteuer aus deinem Räuberleben, so will ich dir deine Kinder wiedergeben.«
Als der Alte das vernahm, hub er an »Frau Königin, hört meine Rede, ich will euch ein Ereignis erzählen, was mich mehr erschreckt hat als Feuer und Wasser. Ich brachte in Erfahrung daß in einer wilden Waldschlucht zwischen zwei Bergen, zwanzig Meilen von den Menschen entfernt, ein Riese lebte, der einen großen Schatz, viel tausend Mark Silber und Gold besäße. Ich wählte also aus meinen Gesellen so viele aus, daß unser hundert waren, und wir zogen hin. Es war ein langer mühsamer Weg zwischen Felsen und Abgründen. Wir fanden den Riesen nicht zu Haus, waren froh darüber und nahmen von dem Gold und Silber so viel wir tragen konnten. Als wir damit uns auf den Heimweg machen wollten, und ganz sicher zu sein glaubten, da kam der Riese mit zehn anderen Riesen unversehens daher, und nahm uns alle gefangen. Sie theilten uns unter sich aus: jeder erhielt zehen von uns, und ich fiel mit neun meiner Gesellen dem Riesen zu, dem wir seinen Schatz genommen hatten. Er band uns die Hände auf den Rücken, und trieb uns wie Schafe in seine Felsenhöhle. Wir waren bereit uns mit Geld und Gut zu lösen, er aber antwortete ›eure Schätze brauche ich nicht, ich will euch behalten, und euer Fleisch verzehren, daß ist mir lieber.‹ Dann befühlte er uns alle, wählte einen aus, und sprach ›der ist der fetteste, mit dem will ich den Anfang machen.‹ Dann schlug er ihn nieder, warf das zerschnittene Fleisch in einen Kessel mit Wasser, den er über das Feuer setzte, und als es gesotten war, hielt er seine Mahlzeit. So aß er jeden Tag einen von uns, und weil ich der magerste war, so sollte ich der letzte sein. Als nun meine neun Gesellen aufgezehrt waren, und die Reihe an mich kam, so besann ich mich auf eine List. ›Ich sehe wohl daß du böse Augen hast,‹ sprach ich zu ihm ›und am Gesicht leidest: ich bin ein Arzt und bin in meiner Kunst wohl erfahren, ich will dir deine Augen heilen, wenn du mir mein Leben lassen willst.‹ Er sicherte mir mein Leben zu, wenn ich das vermöchte. Er gab mir alles was ich dazu verlangte. Ich that Öl in einen Kessel, mengte Schwefel, Pech, Salz, Arsenik und andere verderbliche Dinge hinein, und stellte den Kessel über das Feuer, als wollte ich ein Pflaster für seine Augen bereiten. Sobald das Öl im Sieden war, mußte der Riese sich niederlegen, und ich goß ihm alles, was in dem Kessel war, auf die Augen, über den Hals und den Leib, so daß er das Gesicht völlig verlor, und die Haut am ganzen Leib verbrannte und zusammenschrumpfte. Er fuhr mit entsetzlichem Geheul in die Höhe, warf sich wieder zur Erde, wälzte sich hin und her, und schrie und brüllte dabei wie ein Löwe oder ein Ochse. Dann sprang er in Wut auf, packte eine große Keule, und in dem Haus umher laufend, schlug er auf die Erde und gegen die Wand, und dachte mich zu treffen. Entfliehen konnte ich nicht, denn das Haus war überall von hohen Mauern umgeben, und die Thüren waren mit eisernen Riegeln verschlossen. Ich sprang aus einem Winkel in den anderen, endlich wußte ich mir nicht anders zu helfen, ich stieg auf einer Leiter bis zum Dach, und hing mich mit beiden Händen an den Hahnenbalken. Da hing ich einen Tag und eine Nacht, als ich es aber nicht länger aushalten konnte, so stieg ich wieder herab, und mischte mich unter die Schafe. Da mußte ich behend sein, und immer mit den Tieren zwischen seinen Beinen hindurchlaufen ohne daß er mich gewahr ward. Endlich fand ich in einer Ecke unter den Schafen die Haut eines Widders liegen, ich schlüpfte hinein, und wußte es so zu machen, daß mir die Hörner des Tiers gerade auf dem Kopf standen. Der Riese hatte die Gewohnheit, wenn die Schafe hinaus auf die Weide gehen sollten, so ließ er sie vorher durch seine Beine laufen. Da zählte er sie, und welches am feistesten war, das packte er, kochte es, hielt damit seine Mahlzeit. Ich wäre bei dieser Gelegenheit gerne davon gelaufen, und drängte mich durch seine Beine, wie die Schafe thaten, als er mich aber packte, und merkte daß ich schwer war, so sprach er ›du bist feist, du sollst mir heute meinen Bauch füllen.‹ Ich that einen Satz, und entsprang ihm aus den Händen, aber er ergriff mich wieder. Ich entkam nochmals, aber er packte mich aufs neue, und so gieng es siebenmal. Da ward er zornig und sprach ›lauf hin, die Wölfe mögen dich fressen, du hast mich genug genarrt.‹ Als ich draußen war, warf ich die Haut ab, rief ihm spöttisch zu daß ich ihm doch entsprungen wäre, und höhnte ihn. Er zog einen Ring vom Finger, und sprach ›nimm diesen goldenen Ring als eine Gabe von mir, du hast ihn wohl verdient. Es ziemt sich nicht daß ein so listiger und behender Mann unbeschenkt von mir gehe.‹ Ich nahm den Ring, und steckte ihn an meinen Finger, aber ich wußte nicht daß ein Zauber darin lag. Von dem Augenblick an, wo er mir am Finger saß, mußte ich unaufhörlich rufen ›hier bin ich! hier bin ich!‹ ich mochte wollen oder nicht. Da der Riese daran merken konnte wo ich mich befand, so lief er mir in den Wald nach. Dabei rannte er, weil er blind war, jeden Augenblick gegen einen Ast oder einen Stamm, und fiel nieder wie ein mächtiger Baum, aber er erhob sich schnell wieder und da er lange Beine hatte, und große Schritte machen konnte, so holte er mich immer wieder ein, und war mir schon ganz nahe, denn ich rief ohne Unterlaß ›hier bin ich!...




