E-Book, Deutsch, 260 Seiten
Grimsley Ellens Geschichte
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-86034-532-0
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 260 Seiten
ISBN: 978-3-86034-532-0
Verlag: Edition diá Bln
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jim Grimsley, geb. 1955 in Pollocksville, North Carolina, schreibt Prosa und Theater. Seit den 80er-Jahren entstanden zahlreiche Theaterstücke (veröffentlicht im Sammelband 'Mr. Universe and Other Plays', Algonquin Books 1998), seit den 90er-Jahren schrieb er, nach seinem aufsehenerregenden Debüt 'Wintervögel', sechs Romane, zuletzt 'Forgiveness' (University of Texas Press 2007) und den Erzählband 'Jesus Is Sending You This Message' (Alyson Books, 2008), außerdem drei Fantasyromane (2000-2006). Werke von Grimsley wurden ins Deutsche, Französische, Spanische, Portugiesische, Niederländische, Hebräische und Japanische übersetzt. Zu den zahlreichen Literatur- und Theaterpreisen, die er in den USA und Europa erhielt, gehören vor allem der Lila Wallace/Reader's Digest Writers Award für sein Gesamtwerk (1997) und der Academy Award in Literature von der American Academy of Arts and Letters (2005). Jim Grimsley lebt seit Langem in Atlanta, Georgia, und unterrichtet Creative Writing an der dortigen Emory University.
Weitere Infos & Material
Das Haus in Low Grounds
Der tote Fuchs
Am Moss Pond
Wie wir von dem Ungeheuer erfuhren
Alma Laura
Onkel Cope
Variationen über Onkel Cope
Corrine
Der Schlangenzahn
Joe Robbie
Winter in Holberta
Mama sagte immer
Tante Addis
Nana Roses Träume
Ein Mann und seine Mama
In der Gegenwart
Nora
Mein Ertrinken
Ich kann mich noch erinnern, wie weiß meine Mutter war, als sie im Fluss versank. Jahre später stehe ich in meiner blitzblanken Küche, als die Erinnerung wiederkehrt. Wir sind irgendwo im Schatten, nicht weit vom Holcomb River, und meine Mutter hat nur ihren weißen Unterrock an, der im Wasser wallt. Sie ist sehr bleich und dick, und das Aufblühen von Rock und Unterhemd lässt sie riesig aussehen. Sie kniet im Fluss, eingetaucht bis zu den Schultern, und wendet ihr Gesicht dem Himmel zu. An ihren Armen schwabbelt das Fett, berührt das dunkle Wasser. Sie holt Atem und schließt den Mund. Sie gleitet fort, von mir, von uns allen.
Ich bin noch nicht alt genug, um zu wissen, wie sehr dieses Bild dem Ertrinken ähnelt. Warum sind wir zum Fluss gegangen, der vom Regen angeschwollen ist, der so wirbelnd und schnell strömt? Der Grund dafür ist mir entfallen; ich weiß nichts mehr. Da ich Schuhe anhabe, muss es Herbst oder Winter sein. Die Welt zeigt sich braun und trocken. Nur wir Töchter haben unsere Mutter hierherbegleitet; meine ältere Schwester Nora steht bei mir, aber keiner meiner Brüder ist uns gefolgt. Warum nicht?
Mama taucht keuchend aus dem Fluss auf, schleudert sich das Wasser aus den Haaren. Ihr Atem steigt in Schwaden auf. Die Überraschung über ihr freizügiges Verhalten hallt noch Jahre später in mir nach. Ihre großen, flachen Brüste wogen, das vergilbte Unterhemd klebt an dem hochwallenden Fleisch. Sie sagt etwas, ich weiß nicht mehr was, es hat mit der Kälte zu tun. Aber sie richtet ihre Worte nicht an mich, sondern an die Luft über mir. Jemand anders steht hinter mir, ich weiß nicht mehr wer. Wie kann eine so lebhafte Erinnerung so unvollkommen sein?
In der Gegenwart stehe ich in meiner Küche, bei eingeschaltetem Licht. Ich bin allein in meinem Haus, aber alles um mich her erscheint mir ganz seltsam. Alle Gegenstände haben eine schillernde Patina. Ich sehe einen Fluss zu meinen Füßen, als ob er dort tatsächlich dunkel rauschte; mir ist klar, dass das so ist, weil ich alt bin und all die Flüsse meiner Erinnerung zum Meer strömen, unaufhaltsam. Mir ist klar, dass ich dazu neige, mich an die albernsten Dinge zu erinnern, genau wie Nana Rose, als sie starb. Ich bin so alt geworden, dass mir eine Erinnerung ebenso wirklich vorkommt wie die Wirklichkeit.




