Grippando | Zwischen Wahrheit und Lüge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: Ein Jack-Swyteck-Roman

Grippando Zwischen Wahrheit und Lüge

Justizthriller
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95967-778-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Justizthriller

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: Ein Jack-Swyteck-Roman

ISBN: 978-3-95967-778-3
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Handschellen schließen sich noch am Flughafen um Isabelle Bornellis Handgelenke. »Mordverdacht« lautet der Haftgrund. Jack Swyteck, Miamis Strafverteidiger für die besonders schwerwiegenden Fälle und Highschoolfreund von Isas Ehemann Keith, übernimmt den Fall. Zwar beteuert Keith ihm gegenüber Isas Unschuld - doch was weiß der alte Freund eigentlich über die Vergangenheit seiner Frau? Warum verließ sie die USA damals so kurzfristig? Jack sieht sich einer Mandantin gegenüber, die stetig auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge wandelt. Bis zuletzt ist ihm nicht klar, ob sie Täter oder Opfer ist. Oder beides.
»Ein Justizthriller der Superlative.«
Mainhattan Kurier
»Eines seiner besten Bücher. Grippando beginnt mit einem Knall und lässt nicht nach.«
Kirkus Review
»Gewichtig-einfallsreicher Thriller.«
ekz Bibliotheksservice



James Grippando ist Autor diverser New York Times-Bestseller. Er arbeitete zwölf Jahre als Strafverteidiger bevor sein erstes Buch Im Namen des Gesetzes 1994 veröffentlicht wurde und ist weiterhin als Berater für eine Kanzlei tätig. Er lebt im Süden Floridas mit seiner Frau, drei Kindern und einem Golden Retriever namens Max, der nicht weiß, dass er ein Hund ist.

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KAPITEL 1

»Unsere Kleine hat eindeutig deine Haare«, sagte Keith.

Isabelle Bornelli schenkte ihrem Ehemann ein erschöpftes Lächeln. Sie saßen seit zweiundzwanzig Stunden in einem Flugzeug von Hongkong nach Miami. Die Sitze der ersten Klasse einer Boeing 777 sind in einer 1-2-1-Formation aufgereiht. Isa und Keith wurden durch einen Gang getrennt. Links von Isa saß ihre gemeinsame fünfjährige Tochter Melany, in tiefen Schlaf versunken, den Kopf auf Isas Schoß, das Gesicht hinter Wellen aus seidigem, kastanienbraunem Haar verborgen.

»Es ist ein starkes Gen«, antwortete Isa.

Isa war eine wunderschöne Brünette, die ungern auf die Schönheitswettbewerbe ihrer Kindheit zurückblickte; doch im Alter von sechs Jahren von einer der erfolgreichsten Schönheitsakademien in Caracas entdeckt zu werden, hatte den Eifer in ihrer Mutter entfacht, Isa zu einem der begehrten »Miss«-Titel zu führen. In einem Land, dessen unvergleichliche Anzahl von »Miss Universe«-Gewinnerinnen eine Quelle seines Nationalstolzes war, waren Schönheitswettbewerbe nicht nur das Ticket armer Mädchen raus aus dem Barrio: Sie waren eine Chance auf ein besseres Leben für die ganze Familie. Doch nicht für die Bornellis. Isas Vater verabscheute Schönheitswettbewerbe und unterstützte die revolutionäre Meinung – wie der damalige Präsident Hugo Chávez es ausdrückte –, dass Schönheitsoperationen »monströs« waren. Am Ende war es Felipe Bornellis treue Unterstützung des Chávez-Regimes, mit der er die Familie aus einem zerbröckelnden Apartment in den kargen Hügeln westlich von Caracas herausholte. Isa war elf, als ihr Vater einen Diplomatenposten beim Generalkonsul der Bolivarischen Republik Venezuela in Miami zugesprochen bekam. Isa erhielt eine erstklassige Ausbildung an Miamis renommiertester International Middleschool. Und was noch besser war: Es gelang ihr, den Po-Implantaten mit zwölf, der chirurgischen Darmverkürzung mit sechzehn, einem auf die Zunge genähten Netz, welches Essen so schmerzvoll machte, dass es zur Tortur wurde, und all den anderen extremen Maßnahmen auszuweichen, mit denen die »Miss-Fabriken« die Mädchen ermunterten, ihre Jagd auf das aufrechtzuerhalten, was andere Leute als »perfekt« definierten.

Isa schob eine Locke zur Seite, die über Melanys Gesicht gefallen war, und ein Hauch von Traurigkeit legte sich auf das Lächeln einer Mutter. Dieses wunderschöne Haar verbarg außerdem die Hightech-Gerätschaft, die es Melany ermöglichte, zu hören.

»Zeit aufzuwachen, Schätzchen«, sagte Isa.

Melany hatte sich seit ihrem kurzen und einzigen Stopp in San Francisco kaum gerührt, wodurch Isa niemanden zum Sprechen gehabt hatte. Keith war Leiter der Vermögensverwaltung der Hongkonger Filiale der International Bank of Switzerland, IBS, und er hatte den gesamten Flug an seinem Laptop verbracht, es sei denn, er hatte etwas gegessen oder gedöst. Isa hatte überhaupt nicht geschlafen; das hier war kein Familienausflug.

Melany war nicht hörgeschädigt auf die Welt gekommen. Als die IBS Keith den Posten in Hongkong angeboten hatte, war Melany wie die meisten anderen zweiundzwanzig Monate alten Züricher Mädchen gewesen – was bedeutete, dass sie noch nicht ihre ganze Batterie an Impfungen gegen die Haemophilus influenzae Typ B erhalten hatte. »Hib« war allerdings nicht in Hongkongs Kinder-Immunisierungsprogramm enthalten. Zwei Monate vor ihrem dritten Geburtstag bekam Melany eine bakterielle Meningitis, ausgelöst durch Hib. Die Ärzte gaben ihr eine Überlebenschance von neunzig Prozent, was in der Theorie gut klang, bis Isa an die letzten zehn Personen dachte, denen sie Hallo gesagt hatte, und sich vorstellte, einer von ihnen wäre tot. Wochen später, als Melanys Zustand sich zu bessern begann, warnten die Ärzte vor einem Risiko von zwanzig Prozent, dass Langzeitschäden zurückbleiben könnten – alles Mögliche, von einem Hirnschaden bis zu einer Lebererkrankung, von Hörverlust bis zur Amputation einer Gliedmaße. Bis zu ihrem vierten Geburtstag war sicher und bestätigt, dass Melany am unglücklichen Ende des Spektrums gelandet war: Die Infektion hatte die winzigen, haargleichen Zellen in ihrer Hörschnecke zerstört und sie auf beiden Ohren nahezu vollständig taub zurückgelassen. Sie konnte nicht einmal Geräusche über 95 Dezibel hören – weder Rasenmäher noch Bohrmaschine, nicht einmal einen Presslufthammer.

Externe Hörhilfen waren nutzlos. Ihre einzige Hoffnung bestand in einem beidseitigen Cochlea-Implantat – einem winzigen mechanischen Gerät, das den Hörnerv stimuliert. Melanys Operation war ein Erfolg – für eine Weile. Sechs Monate nach Beginn von Melanys Gehör-Reha ging irgendetwas in ihrem rechten Ohr schief. Der Arzt in Hongkong versicherte ihnen, dass er es reparieren könne, aber Isa ging keine Risiken ein. Ein zweiter Fehlschlag würde zu einer weiteren Verknöcherung der Hörschnecke führen und Melany auf einem Ohr dauerhaft taub werden lassen, ohne jede weitere Chance auf ein Implantat. Im März flog Isa ihre Tochter nach Miami, für eine Einschätzung des Chirurgen, der als Pionier der Cochlea-Implantat-Chirurgie am Jackson Memorial Krankenhaus arbeitete. Er machte Operation Nummer eins rückgängig und schickte Melany bis zur vollständigen Heilung nach Hause. Jetzt, im April, nachdem das Risiko einer Infektion vorüber war, flogen sie zurück für Operation Nummer zwei.

»Wir landen in Kürze«, erklärte die Flugbegleiterin. »Sie müssen Ihre Tochter jetzt anschnallen.«

Isa schaltete Melanys Audio-Prozessor ein. Normalerweise schlief sie nicht mit dem Gerät, aber es war auch keine große Sache, wenn sie es tat. Die einzigen außenliegenden Teile waren das Mikrofon und der Sprachprozessor, der hinter dem Ohr lag wie ein Hörgerät, sowie ein Transmitter, der am Kopf direkt hinter dem Ohr getragen wurde.

»Wach auf, Liebling.«

Melany öffnete blinzelnd die Augen, und Isa stieß die angehaltene Luft aus. Seit die Sache mit dem rechten Ohrimplantat schiefgelaufen war, war immerzu ein Gefühl der Erleichterung greifbar, wenn Isa die Bestätigung bekam, dass das linke noch funktionierte – dass Melanys Gehirn den Klang der Stimme ihrer Mutter vernehmen konnte, selbst wenn sie sie nicht im traditionellen Sinne »hörte«.

Melany setzte sich auf, noch immer halb schlafend, legte ihre Arme um Isas Hals und kuschelte sich an ihre Schulter. Isa warf erneut einen Blick zu ihrem Ehemann. Er tippte auf seinem Smartphone herum.

»Was tust du gerade?«, fragte Isa.

»Ich informiere Jack, dass wir pünktlich landen.«

Jack Swyteck war Keiths Freund aus der Highschool. Er holte sie am Flughafen ab.

»Du kannst keine Nachrichten aus einem Flugzeug schicken.«

»Ehrlich gesagt kann ich das doch. Ich habe genau einen Balken.«

»Ich meinte, dass es nicht erlaubt ist.«

Der Boden vibrierte unter ihren Füßen, gefolgt vom hydraulischen Surren des Fahrwerks. Die Flugbegleiterin kam zurück. »Anschnallen, bitte. Und, Sir: kein Handy.«

»Tut mir leid«, gab Keith zurück.

Isa hob Melany hoch und bugsierte sie in ihren Sitz. »Um Himmels willen, Keith. Deinetwegen werden wir noch verhaftet.«

Keith steckte sein Smartphone weg und griff dann über den Gang, um Isas Hand zu halten. »Liebling, du bist gestresst. Es wird alles gut werden. Ich verspreche es.«

»Was wird gut werden?«, fragte Melany.

Sie hatte den ersten Teil des Gesprächs ihrer Eltern verpasst – den Teil, der vornehmlich auf der Seite ihres rechten Ohrs stattgefunden hatte, dem Ohr, das repariert werden musste.

Keith fing einen sanften Kuss von seinen Lippen mit der Faust auf und reichte ihn über den Gang an Isa weiter, die ihn auf Melanys Stirn platzierte. Das brachte sie zum Lächeln.

»Alles, meine Süße«, antwortete Keith. »Wirklich alles wird wieder absolut gut.«

Jack Swyteck lenkte den dreirädrigen Baby-Jogger durch das überfüllte International Terminal am MIA, dem Miami International Airport. Seine Frau beeilte sich, um mit ihm Schritt zu halten, und die zweijährige Riley quietschte vor Vergnügen, als der Kinderwagen im Zickzack um die Passagiere fuhr wie ein Testwagen um Hütchen.

»Hey, Lewis Hamilton, kannst du etwas langsamer machen, bitte?«, sagte Andie.

»Wir sind zu spät«, entgegnete er.

Sie waren immer zu spät. Es war ein unabänderlicher Grundsatz des Elterndaseins, dass die Menge an Zeug, die Papa Sherpa bei jedem noch so kleinen Trip mit dem Auto aus dem Haus schleppte, im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu Größe und Gewicht des Nachwuchses stand. Es war ebenso gut belegt, dass ganz egal, wie gut die Reise geplant war, es einfach unmöglich war, das letztendliche Ziel zu erreichen, ohne zum Auto zurückkehren zu müssen, um ein Stofftier, eine Kuscheldecke, einen klebrigen Becher oder irgendeine andere Sache zu holen, die, naturgemäß, genau die Sache war, ohne die Riley in genau diesem Augenblick nicht leben konnte.

Ein Mitarbeiter der Transportsicherheitsbehörde TSA stoppte sie am Sicherheitsschalter am Ende des Terminals. Weiter konnten sie nicht. Sie hatten das Flughafenäquivalent zur Samtkordel erreicht: ein Absperrband aus Nylon, das zwischen zwei Pfosten gespannt war. Jack suchte nach einer Stelle, die einen freien Blick auf die Ausgangstüren der US-Zollabfertigung bot, und dort warteten sie.

»Meinst du, du erkennst ihn?«, fragte Andie.

Jack hatte Keith Ingraham seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen, und es würde das erste Mal sein, dass sie die Frau und Tochter des jeweils anderen...



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