E-Book, Deutsch, 532 Seiten
Groddeck / Verlag Der Seelensucher
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7541-7033-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 532 Seiten
ISBN: 978-3-7541-7033-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Georg Walther Groddeck (* 13. Oktober 1866 in Kösen; ? 11. Juni 1934 in Knonau, Schweiz) war ein deutscher Arzt, Psychoanalytiker und Wegbereiter der Psychosomatik. Er war zudem als Sozialreformer und Schriftsteller tätig.
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Thomas hörte gar nicht zu. »Der Dichter darf allenfalls das Häßliche verwenden, um dem Adel seines Helden eine Folie zu geben. Ein Maler aber macht seinen Untergrund mit der Farbe, der Gegensatz der Farbe sollte bei ihm wirken, nicht der von häßlich und schön. Man braucht bloß einmal eine Darstellung des jüngsten Gerichts gesehen zu haben, um zu wissen, wie verfehlt es ist, neben liebliche Engel scheußliche Teufel zu stellen.«
»Na ja, so was wie Engel und Teufel,« fiel der Hauptmann ein, »das malt doch ein anständiger Christenmensch überhaupt nicht. Ist ja alles Aberglaube und geht gegen den Katechismus. Aber wenn ich nun jetzt ein Schlachtenbild male, so ganz echt, daß es nach Schweiß und Pulver, Blut und Dreck stinkt, dann ist das auch nicht recht?«
Thomas lehnte sich, vergnügt über die Wendung des Gesprächs, im Stuhl zurück. Er hatte ein Gefühl, als ob seine Stunde endlich schlüge. »Die Antwort darauf hat ein Mann gegeben, der von der blinden Welt für einen Maler gehalten wird. Rembrandt hat seine Auferweckung des Lazarus so wahrheitsgetreu gemacht, daß er selber bei dem Gestank erschrak und einen Kerl in das Bild einfügte, der sich die Nase zuhält.«
Der gelehrte Hauptmann fuhr auf den Köder los, als ob er einen Rekruten mit krummen Knien entdeckt hätte. » Also Rembrandt, da haben wir doch den großen Propheten des Elends.«
»Den Propheten gewiß, aber nicht den Maler. Rembrandt war gar kein Maler.«
Keller-Caprese hob sein Schnapsglas zum Munde. »Der Kerl konnte nichts.«
»Doch, er konnte schon etwas, aber nicht malen. Er trieb praktische Ästhetik, zeigte den Menschen, wie man es nicht machen soll. Jedes seiner Bilder predigt über den Text: Du magst noch so viel Genie besitzen, frevelst du gegen die heiligste Pflicht des Menschen, edel zu sein, so taugt dein Werk nichts. Man hat diese Lehre, die er in tausenden von Satiren immer von neuem wiederholt hat, leider nicht verstanden und so ist er aus Versehen nicht nur ein Verderber der Kunst geworden, er ist auch der Vater der schändlichen Gesinnung, mit der man das Elend verhätschelt, statt es zu verachten. In gewissem Sinne ist er selbst für die zweijährige Dienstzeit und die Abschaffung der Prügelstrafe verantwortlich.«
Der Leutnant lachte hell auf; es klang so herzerfreuend frisch, daß selbst der schäbige Maler etwas wie warmen Sonnenschein in seinem Innern zu fühlen glaubte. »Sie haben Einfälle wie ein Haus. Famos. Woher haben Sie nur das alles.«
Thomas verbeugte sich lächelnd. »Docendo discimus.«
Der Hauptmann hatte sich erhoben. Er war verstimmt; denn der heißeste Wunsch seiner Seele war, ein Schlachtenbild zu malen, daß es stinke. Er sehnte den Feldzug herbei, um Studien nach der Natur zu machen. Aber dies herrliche Ideal verbarg er tief im Innern und jetzt brachte er es fertig, ruhig zu sagen: »Mir kann es wurscht sein. Ich male nur Pferde, und die sind immer schön.«
»Aber Herr Hauptmann malen Sie auch nicht, wenn sie äppeln,« triumphierte der Leutnant und nickte dem biedern Thomas zu, der halb abwesend ins Blaue starrte, und den Kunsttheorien nachsann, die in ihm erwachten.
Der Hauptmann klopfte dem jungen Offizier auf die Schulter. »Kommen Sie mit, wir wollen bummeln.« Und während er dem Wirt zurief, anzuschreiben, ging er mit seinem Kameraden davon.
»Warten Sie doch, Herr Hauptmann,« rief der Maler, »wir kommen mit,« und eifrig in seinen Taschen herumsuchend, stotterte er etwas vor sich hin, was wie Geld vergessen klang.
Thomas sah ihn schweigend an. Plötzlich leuchteten seine Augen auf und er sagte laut und deutlich: »Wanze.« Dann rief er den Wirt und zahlte, ohne eine Miene zu verziehen, für sich und den Künstler, der schnellfüßig hinter den Offizieren hereilte. Keller-Caprese kam gerade dazu, als der Hauptmann die Worte sagte: »Solch einen Verrückten läßt man nun frei herumlaufen. Der Kerl gehört in ein Irrenhaus. Und Sie, Waschersleben, machen sich mit dem Tollen gemein und ziehen mich auf.«
Waschersleben blieb vor Überraschung stehen. »Verrückt,« sagte er. »Ja um Gottes willen, hat denn der Mann im Ernst gesprochen?«
»Natürlich hat er das,« und den harmlosen Jungen seinem Nachdenken überlassend, wandte sich der Ältere zu dem Maler. »Wenn Sie uns von diesem Herrn Weltlein befreien, der keine Schlachtenbilder mag, so gebe ich Ihnen morgen ein Glas guten Rotwein.«
«Und ich den Kaviar dazu, wenn Sie ihm einen Schabernack spielen,« stimmte der Leutnant ein, dessen Erstaunen allmählich in Entrüstung überging, daß er Narrheit für Spaß genommen hatte.
»Werde es besorgen, meine Herren,« erwiderte der Gedankenmaler, lüftete den Hut und schritt auf Weltlein zu, der eben aus der Tür trat.
»Ich bin froh, Sie allein zu haben,« rief er und streckte Thomas die Hand hin. »Ihre Worte haben bei mir mächtigen Widerhall gefunden. Es war, als ob Sie meine tiefsten Gedanken erraten hätten. Ja, ja, so ist es: Rembrandt ein Ästhet, ein Satiriker der Kunst, ein weitsehender Lehrer, ein Prophet des ja sagenden Pessimismus, ein Reformator, der abschrecken wollte und anlockte. Er ist wie eine Tollkirsche, die rings um die Früchte drohend Dornen aufsteckt, um zu mahnen: Schein ist nicht Schönheit; meine Beeren glänzen, sind aber Gift. Sie droht und warnt, und doch lockt die falsche Schönheit Kinder und Narren und macht sie toll. Wahrhaftig, ich fühle die tiefe Verwandtschaft unserer Seelen.« Thomas zog seine Hand zurück und schnitt eine Grimasse. »Ich wüßte nicht,« sagte er hochmütig.
»Doch, doch. Sie fühlen es wie ich, daß uns beide dasselbe Leben beseelt. Hören Sie nur!« er ergriff Weltlein am Arm und zog ihn mit sich fort. »Rembrandt kannte die hohe Kunst. Wenn er sein Narrengewand abwarf, in dem er die Welt ungestraft züchtigte, wenn er in großen Augenblicken dem inneren Malerberuf folgte, verschwand das Elend vor ihm, und er malte schwelgende Schönheit, Perlen und Edelsteine. Wie gern hat er das gemalt. Das ist das Gesetz des Gegensatzes. Gott weiß, warum er den großen Künstler arm schafft. Je häßlicher sein Leben ist, um so heißer fühlt er die glühende Sehnsucht nach Prunk und Glanz. Nur der Arme kann wirklich Schönes schaffen. Oh, ich verstehe Sie. Sie sind der Mensch, den ich mir gewünscht habe, ich will mich vollsaugen mit Ihren Ideen, will von Ihnen zehren wie eine –«
Thomas blieb stehen, riß den Arm los und hob ihn drohend. »Lauert Ihr überall auf mich? Versteckt Euch unter tausend Masken, erscheint im Helm, Lumpenkittel und in Malpekesche?« Dann wandelte sich der Abscheu in seinem Gesicht und verzückt eine Brennessel betrachtend, die üppig in einem Zaun ihre Blätter spreizte, sprach er: »Heil dir, Erde, die du tausendfach Böses mit deinen Säften nährst. Du weckst auch tausendfach Gutes. So will ich sie an meinem Blute saugen lassen. Der lautere Quell in mir vertilgt sie, und aus den Wunden des Körpers und der Seele sprießt endlich die nährende Saat der Vollendung.«
Er nahm ruhig wieder den Arm des Malers und schritt mit ihm davon, Vetter, Schwester und alles vergessend.
17. Kapitel.
Wie Lachmann einen Stein rollen läßt.
Punkt ein Uhr erhob sich Lachmann und brach das Spiel ab. Er hatte sich vorgenommen, den Verlauf der Partie als Omen anzusehen. Gewann er, so war er dazu auserkoren, seiner Cousine den verdrehten Bruder wieder herzustellen, verlor er, so wollte er auf die schöne Rolle, feurige Kohlen auf das Haupt seiner treulosen Agathe zu sammeln, verzichten. Er hatte auch nicht verfehlt, das Glück zu beschwören. Den Stuhl hatte er dreimal umgedreht, ehe er sich darauf setzte, während des Gebens hielt er die Hände gefaltet und hob mit geschlossenen Augen, der Blindheit des Geschickes huldigend, die Karten alle auf einmal hoch, zählte bis fünf und sah dann erst nach, was ihm beschert worden war.
Er hatte Glück. Nach einiger Zeit fiel ihm ein, daß er durch seine Zaubermittel das Schicksal betrogen haben könne. Er beschloß also, den Bann zu lösen, drehte den Stuhl nach der anderen Seite und hob die Karten einzeln auf, ohne vorher die heilige Fünf anzurufen. Trotzdem gewann er, und als er aufbrach, war er überzeugt, daß der Vetter ihm verfallen sei. Er machte sich infolgedessen auch nichts daraus, als er seinen Schützling nicht vorfand, und hörte, daß der Herr mit dem Maler fortgegangen sei. In bester Stimmung ging er nach Hause.
So sehr Lachmann nun auch dem Orakel vertraute, so gut wußte er doch, daß ein vernünftiger Mann dem Glück die Hand biete, um es herbeizuziehen. Und deshalb zählte er diesmal nicht wie gewöhnlich, wie viel Schritte er vom Lord bis zu seiner Haustür brauchte, sondern er überlegte sich gründlich und reiflich, wie er den Narren wieder vernünftig machen solle. Daß es nur eines kleinen Anstoßes bedurfte, um den Nebel in des Vetters Hirn zu verscheuchen, glaubte er fest annehmen zu können. Er sann hin und her, und da ihm in seinem Amte viel närrische Leute begegnet waren, fiel ihm bald dieser, bald jener Kunstgriff ein, mit dem er einmal Glück gehabt hatte. Ganz ohne Verdienst genoß er ja nicht den Ruf, mit den Halbverrückten gut fertig zu werden. Aber er konnte sich doch mit keinem der Pläne recht anfreunden. Ärgerlich stieß er mit der Fußspitze eine ganze Zeit lang ein rundes Steinchen vor sich her, als ob er dadurch seine Gedanken rascher zum Ziele treiben könne. Eben holte er wieder nach dem rollenden Spielzeug aus, da fuhr blitzschnell ein pfiffiger Junge an ihm vorbei und schnappte ihm den Stoß so geschickt vor der Nase weg, daß der Stein weit dahin schoß und in dem Kellerhals eines Fensters eine selige...




