E-Book, Deutsch, Band 3, 464 Seiten
Reihe: Alles-Trilogie
Groh Alles, was wir jemals waren (Alles-Trilogie, Band 3)
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7320-1822-2
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Entdecke diese bewegende New Adult-Geschichte über die Suche nach dem richtigen Weg
E-Book, Deutsch, Band 3, 464 Seiten
Reihe: Alles-Trilogie
ISBN: 978-3-7320-1822-2
Verlag: Loewe Intense
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kyra Groh wurde 1990 in Seligenstadt am Main geboren, wohnt jedoch seit über zehn Jahren in ihrer Wahlheimat Frankfurt. Sie schreibt Geschichten direkt aus dem Leben - immer mit Humor, Tiefgang und authentischen Figuren. Wenn sie nicht gerade am nächsten Buch feilt, verbringt sie Zeit mit ihrer Familie, trinkt Cappuccino, treibt sich auf Konzerten rum oder hat Musik und Hörbücher auf den Ohren. Nach der Alles-Trilogie ist die Sweet Lemon Agency die zweite New-Adult-Reihe der SPIEGEL-Bestsellerautorin. Weitere Informationen zur Autorin auf Instagram und TikTok unter @kyraschreibt
Autoren/Hrsg.
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EIN ENDE VON ALLEM
LANSBERG AN DER WUPPER, 18.JUNI
ABIBALL DES KONRAD-ADENAUER-GYMNASIUMS
Ich bin über den Punkt hinweg, an dem es mir peinlich wäre, in einem Auto durch die Stadt zu fahren, auf dessen Tür Werbung für Sexspielzeug aufgedruckt ist. Wenn ich es mir recht überlege, bin ich über diesen Punkt nicht hinweg – ich habe ihn nie erreicht. Es ist mir einfach vollkommen egal.
Der heutige Tag ist mir egal. Das Dildomobil, in dem Pollys Mutter uns zum Abiball bringt, mein weißes Sommerkleid, der Ball, das Abi. Egal. Egal. Egal. Das Einzige, worauf ich mich nach dem heutigen Tag freue, ist die neue Staffel Stranger Things, die endlich angekündigt wurde. Darüber hinaus kann ich für diesen Einschnitt in meinem Leben wenig Begeisterung aufbringen.
Wieso auch? Alle um mich herum wissen genau, was sie als Nächstes tun werden. Polly will Juristin werden, Anna macht eine Reise ins Ausland und mein Freund kann es praktisch kaum erwarten, von mir wegzukommen, um in München Film zu studieren. Nur ich … ich habe keinen blassen Schimmer. Beinahe wünschte ich, ich könnte in sechs Wochen einfach weiter zur Schule gehen, das Abi noch mal machen. Die schwierigste Lebensentscheidung, die ich dann treffen müsste, wäre die Frage, ob ich Mathe schriftlich oder mündlich machen will. Das würde ich hinkriegen. Aber so?
Ich seufze auf der Rückbank und werfe einen Blick aus dem Fenster. Wir sind gleich da. Alles in mir sträubt sich dagegen. Denn dieser Abend fühlt sich nicht an wie ein Anfang von etwas Neuem. Dieser Abend fühlt sich an wie … ein Ende.
»Du kannst uns hier rauslassen!« Polly deutet auf die Seitenstraße, in der das Lansberger Sängerheim liegt. Die Location unseres Abiballs könnte spießiger nicht sein. Das Sängerheim ist alles, was ich an Lansberg satthabe – nur eben als brutalistisches Gebäude. Und trotzdem habe ich bisher nichts unternommen, um von hier wegzukommen.
»Ach was, ich fahre euch vor die Tür. Dann müsst ihr in diesen Schuhen nicht so weit laufen. Ich kenne das Problem doch, Mädels.« Pollys Mutter ist die Art Frau, die Mädels sagt und dabei unironisch zwinkert.
Polly verdreht so heftig die Augen darüber, dass wir nun mit dem Geschäftswagen ihrer Mum bis vors Loch gefahren werden, dass ich förmlich eine Druckwelle vom Platz neben mir ausgehend spüre. Vielleicht ärgert sie sich aber auch, dass ihre Mutter nicht gemerkt zu haben scheint, dass keine von uns beiden für diesen Anlass hohe Schuhe gewählt hat.
Ich habe in meinem Leben noch nie High Heels getragen und fand es unsinnig, heute Abend damit anzufangen. Immerhin verbringe ich ihn mit denselben Pappnasen, die mich an jedem Tag meiner Schulzeit in ausgetretenen Converse gesehen haben. Auch Polly hat sich für flaches Schuhwerk entschieden, was gut ist, weil uns sowieso schon rund zwanzig Zentimeter trennen und ich morgen nicht auch noch eine Nackenstarre haben will, weil meine beste Freundin auf Absätzen zwei Meter groß ist.
Silke Mühlford lenkt den Wagen nach rechts und der hässliche Betonklotz kommt in Sicht, vor dem sich der gesamte Jahrgang schon eingefunden hat. Mir schießt der alte Prachtbau in den Sinn, in dem Kayas Uni untergebracht ist. In München wird er bestimmt grundlegend andere Architektur zu Gesicht bekommen. Wer weiß, in welche WG es ihn verschlägt. Vielleicht in eine Jugendstilvilla mit zwölf Meter hohen Decken, Stuckverzierung und Kronleuchtern. Na gut. Vielleicht nicht ganz. Die Semestergebühren fressen Kayas Budget schon dermaßen auf, dass er froh sein kann, wenn er im teuren München eine Besenkammer mit Feldbett ergattert. Dafür wird er zwischen Säulen im römischen Stil die Kunst des Films lernen und umgeben sein von Studierenden, die – genau wie er – ihre Leidenschaft gefunden haben.
Nun fällt mein Blick auf meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die vor dem Sängerheim darauf warten, dass der Ball beginnt. Wie viele von ihnen kennen wohl ihre Leidenschaft? Und viel entscheidender: Wie viele von ihnen kennen ihre Leidenschaft und trauen sich, sie zu verfolgen? Ich schon mal nicht, so viel ist klar. Kaya schon. Der Glückliche.
Ich bin unfair, ich weiß. Aber seit er sich mit einem seiner Kurzfilme an der Uni beworben hat und sofort angenommen wurde, wächst mein unterschwelliger Neid auf ihn so rapide, dass von unterschwellig bald keine Rede mehr sein kann. Ich liebe Kaya. Ich liebe ihn, seit sein schwarzer Lockenkopf in der fünften Klasse auf dem Stuhl vor mir aufgetaucht ist. Und als er fünf Jahre später mein fester Freund wurde, war ich der glücklichste Mensch der Welt. Aber … ich werde das Gefühl nicht los, dass seine Immatrikulation alles verändert hat. Nicht nur die Umstände. Sondern auch uns.
»MAMA!? Willst du uns vielleicht direkt IN den Raum fahren?« Polly fuchtelt so ausladend zwischen den beiden Vordersitzen, dass sie Silke um ein Haar eine Ohrfeige verpasst.
»Apolonia! Ich laufe seit einundfünfzig Jahren auf Pumps, glaub mir, du willst in solchen Teilen nicht einen Meter zu viel gehen. Und bedenke, dass ich immer ein bisschen weniger Gewicht auf den Knöcheln hatte.« Ihre letzten Worte verklingen, als Silke Mühlford das Auto direkt neben dem Bordstein parkt, auf dem sich unsere gesamte Jahrgangsstufe aufgereiht hat. Mein halbes Leben lang bin ich mit Polly befreundet, aber ich werde mich niemals daran gewöhnen, wie schamlos ihre Mutter über ihre Figur spricht. Es tut schon mir so weh, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie Polly sich dabei fühlen muss. Nach außen hin gibt sie jedoch immer die Toughe. Auch jetzt.
»Ist klar, Mutter, du bist schon auf Stilettos durch den Kreißsaal marschiert. Außerdem behalte ich die an.« Zur Erklärung streckt sie ihre in Zehensandalen steckenden Füße vor.
»Wie? Du behältst die an?«
»Ja!«
»Aber das ist doch ein Ball!«
»Na und?«
»Sie sind flach!«
»Ja, Mama, wie du gesagt hast: Auf hohen Schuhen will man keinen Meter gehen.« Polly öffnet die Schiebetür des Autos, damit wir aussteigen können. »Und du musst auch bedenken, wie unfassbar viel Gewicht ich auf den Knöcheln habe.«
Als Polly einen Fuß auf die Straße setzt, geht das Gezeter der Mühlford-Frauen in dem Johlen einer Jungsgruppe unter. Eine Karre, auf der seitlich Sexy Hexy! Für magische Momente im Schlafzimmer! steht, ist wahrscheinlich für jede Männerclique ein gefundenes Fressen. Doch ich wünschte, die Typen aus unserem Jahrgang würden einfach still sein. Mir ist es egal – aber für Polly tut es mir leid. Erst dieses Gerede ihrer Mutter und jetzt das.
Doch meine Freundin zeigt sich unantastbar. Sie springt aus dem Auto und zieht mich zu sich auf den Bürgersteig. Silke startet den Motor, beugt sich über den freien Sitz zum Beifahrerfenster und winkt uns im Abfahren. Ich sehe ihr kurz hinterher und frage mich, ob es hart für Polly ist, dass ihre Mutter nicht auf ihrem Abiball sein wird. Vor allem, wenn der Grund dafür rosafarbene Sextoys sind. Meine Eltern kommen auch etwas später, aber bei ihnen ist die Kartoffelernte schuld. Kartoffeln ist es egal, ob die Tochter des Hauses einen wichtigen Schultermin hat. Meine Eltern zeigen ihr Commitment auf andere Weise. Zum Beispiel damit, dass Papa einen Anzug trägt. Dabei kennt ihn ganz Lansberg nur in grünen Latzhosen, die er nicht mal dann auszieht, wenn er auf dem Marktplatz Wahlkampf für die lokale SPD macht.
Wir werden von Bennet Meiers schneidender Stimme begrüßt. Er grölt Polly irgendetwas darüber hinterher, ob ihre Mum die Produkte eigentlich an sich selbst teste, und gebärdet sich dabei, als sei dies der originellste Spruch aller Zeiten.
»Nein, Bennet«, kontert Polly. Sie ist etwas außer Atem und dennoch das gebündelte Selbstbewusstsein. »Sie nimmt Jungs wie dich als Versuchskaninchen. Wenn du dich dafür melden möchtest, gebe ich ihr sehr gerne deine Nummer.«
Ich muss laut lachen, was sich bei all den wirren Gedanken in meinem Kopf wie Balsam anfühlt. Ich entdecke Anna in der Menge, winke und mache mich auf den Weg zu ihr. Sie wirkt, als würde ihr ein kleiner Lachanfall ebenfalls guttun: angespannt, mit einem Strahlen, das nicht zu ihren Augen vordringt. Typisch Anna. Sie sieht bezaubernd aus in ihrem engen neonorangefarbenen Kleid, für das es sicher eine modisch korrekte Bezeichnung gibt, die ich allerdings nicht kenne. Ich kann alle Stephen-King-Romane aufzählen und nach Erscheinungsjahr sortieren, aber die Fremdsprache Mode beherrsche ich schlicht und ergreifend nicht.
Anna gibt mir eine Umarmung und haucht dabei einen Kuss auf mein kurzes hellbraunes Haar, das ich ein wenig zur Seite gekämmt habe – ein weiteres Zugeständnis an diesen feierlichen Abend. Ich versuche, Kaya ausfindig zu machen, aber meine Mitschüler und Mitschülerinnen scheinen seinen schwarzen Lockenkopf komplett verschluckt zu haben. Ein flattriges Gefühl macht sich in mir breit. Schmetterlinge … Ich bekomme sie immer noch, wenn ich an meinen Freund denke. Nur haben sie neuerdings zerknickte Flügel.
»Wollen wir?« Polly hat Bennet fertig zerlegt und bietet uns nun ihre angewinkelten Arme zum Einhaken an.
Ob ich will? Ich weiß nicht. Bin ich bereit, alles hinter mir zu lassen, was mir je Sicherheit gegeben hat? Heute Abend bin ich noch Anouk, die neunzehnjährige Schülerin, die in einer festen Beziehung ist, jeden Tag mit ihren besten Freundinnen verbringt und davon träumt, ihr Hobby zum Beruf zu machen.
Doch schon morgen bin ich Anouk, die orientierungslose Versagerin, die unentgeltlich auf dem Biobauernhof ihrer Eltern jobbt, keinen...




