E-Book, Deutsch, 480 Seiten
Groh Halb drei bei den Elefanten
20001. Auflage 2020
ISBN: 978-3-95818-554-8
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-95818-554-8
Verlag: Ullstein Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kyra Groh wurde 1990 in Seligenstadt am Main geboren. Sie schreibt Geschichten direkt aus dem Leben - immer mit Humor, Tiefgang und authentischen Figuren. Mit ihrer Familie wohnt Kyra in Frankfurt, sie liebt Bücher, Serien und Livekonzerte und gibt zu viel Geld für Kaffee aus. Auf Instagram und Tiktok gibt sie unter @kyraschreibt Einblicke in ihre Bücher und das Leben als Autorin.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
in dem ich versuche, diese ganze Jonas-Geschichte in Worte zu fassen
Ich schaue in den Kühlschrank. Das mache ich immer, wenn ich nichts Besseres zu tun habe oder mal kurz nachdenken muss. Ich vermute, dabei handelt es sich um eine Art Urinstinkt. Der Mensch muss sich in regelmäßigen Abständen vergewissern, dass genug Nahrung vorrätig ist.
Der Blick in unseren Kühlschrank ist allerdings ernüchternd. Eine Packung Toast fristet ein trauriges Dasein neben einer Flasche Aperol und einem Eierkarton.
Anzahl der darin enthaltenen Eier: schätzungsweise null.
Dabei befinden wir uns keineswegs in einem klassischen Studentenhaushalt, Marke Budget beschränkt. Nein. Hier ist nichts provisorisch, und alles, was man braucht, ist auf magische Weise einfach da. Wir müssen nie etwas zweckentfremden, nie etwas bei den Nachbarn borgen. Nicht mal putzen müssen wir selbst. Kein Wunder, dass es meiner Schwester und mir noch nicht gelingt, den Lebensmitteleinkauf selbstständig zu organisieren, seit wir alleine in der Wohnung leben, die wir uns bis vor einem Jahr mit unserer Mutter geteilt haben.
Nur keine Panik. Es ist ja nicht so, als würde unser Kühlschrank seit zwölf Monaten leer stehen. Nö. Leer steht eigentlich nur Mamas Schlafzimmer. Was so auch nicht ganz richtig ist. Denn sie konnte unmöglich all ihre Schuhe, Taschen und Schmuckstücke mitnehmen, als sie beschloss, meine Zwillingsschwester Josephine und ich seien nun wahrlich alt genug, um alleine auf hundertzwanzig Quadratmetern zu hausen. Für sie dagegen sei es an der Zeit, endlich zu ihrem spanischen Liebhaber José nach Mallorca zu ziehen. Man mag es am Unterton heraushören: Ich bin bis heute nicht überzeugt von der Korrektheit dieses Beschlusses. Und das behaupte ich nicht nur deshalb, weil ich die Tatsache, dass meine dreiundvierzigjährige Mutter einen neunundzwanzigjährigen Liebhaber namens José hat, furchtbar klischeehaft finde. Es liegt auch nicht am leeren Kühlschrank. Es liegt – ich mach’s kurz – an ALLEM.
Ich schließe den Kühlschrank wieder und lehne mich mit dem Rücken dagegen.
Kann hier nicht alles ein bisschen gewöhnlicher sein? Muss das Edelstahlmonster in meinem Kreuz so groß und teuer sein wie ein Kleinwagen, wenn es dann doch nur trockenes Toastbrot beherbergt? Müssen Jo und ich in einer Maisonettewohnung am Frankfurter Museumsufer leben, in die eine vierköpfige neureiche Familie viel besser passen würde? Und muss ich wirklich so angenervt sein – von Dingen, nach denen sich jeder andere sehnt?
Jo hüpft die Wendeltreppe aus dem oberen Stockwerk herunter, und wie immer, wenn sie auftaucht, wird der Raum ein bisschen freundlicher und strahlender.
»Kann ich so gehen?«, fragt sie und dreht sich um die eigene Achse.
In Gedanken spiele ich meine Antwortmöglichkeiten durch. Ich könnte …
a) … lügen und Nein sagen. Es würde Jo verletzen, sie würde nach oben eilen, sich mehrmals umziehen und mich folglich noch xmal nach meiner Meinung fragen. Meistens bohrt sie so lange nach, bis sie irgendwann schmollend feststellt: »Warum frage ich eigentlich dich? Du hast doch eh keine Ahnung von Mode!« Womit sie recht hat. In meinem Gehirn ist nämlich kein Platz für modisches Gespür.
b) … das lilafarbene Kleid mit einem Gartenschlauch vergleichen und sie damit bis auf die kokosnussbehangene Krone der sprichwörtlichen Palme bringen. Der Vergleich ist durchaus berechtigt, denn Jos Kleidchen ist sehr eng und sehr schlauchförmig. Das Ganze würde in einen Streit ausarten, Türen würden knallen und böse Worte fallen, und unser beider Abend wäre versaut.
c) … sie schlicht und einfach bestätigen und die Sache damit wesentlich abkürzen.
Wenn ich gerade nicht so genervt wäre, würde ich ihr sogar ein Kompliment machen. Komplimente lösen in Jo Glücksgefühle aus. Nur leider habe ich es damit nicht so. Ich ihr ja sagen können, dass sie in ihrem lila Schlauch perfekt aussieht und viele Blicke auf sich ziehen wird. Ich ja zugeben, wie schön ich ihr Haar finde, wenn sie es wie heute mit dem Lockenstab frisiert hat. Ebenso, dass ich sie um ihre langen Beine, großen Brüste und vollen Lippen beneide. Aber ich kann’s nicht. Fast so, als würde es auch nur das Geringste an ihrer Schönheit ändern, wenn ich ihr vorhalte, dass ihr Kleid einem Gartenutensil gleicht.
Ich antworte emotionslos. »Ja.«
Meine Schwester schnaubt unzufrieden und dreht sich vor dem großen barocken Spiegel mit Goldrahmen, einer der wenigen Änderungen, die wir an der Einrichtung vorgenommen haben, seit unsere Mutter sich auf die spanische Finca verpisst hat. Der Spiegel stand zuvor in ihrem Schlafzimmer. Da sich darin aber nun niemand mehr bewundert, beschloss Jo, er könne genauso gut direkt neben der Eingangstür stehen, damit man kurz vorm Verlassen der Wohnung noch mal sein Äußeres kontrollieren könne. Jo findet das total praktisch. Ich dagegen finde das, vor allem montagsmorgens auf dem Weg zur Uni, mit einem Wochenende auf dem Buckel, das sich deutlich in meinen Augenringen spiegelt, nicht besonders schmeichelhaft.
»Was soll ich sonst antworten? Ja, Jo, du bist wunderschön! Deine Schönheit darf den gaffenden Männern in dem Snob-Club nicht vorenthalten werden.«
Sarkasmus. Zynismus. Übertreibung. Alles hilfreiche rhetorische Mittel, um meinen Dauerfrust zu übertünchen. Wie so oft kann Jo hinter meine Fassade schauen. »Reg dich nicht so künstlich auf«, sagt sie mit einem Lächeln, lässt ihr Spiegelbild eine letzte Pirouette drehen, wuschelt mir anschließend durch die Haare und ruft auf dem Weg zur Treppe: »Komm mit! Du sollst meine Schuhe aussuchen.«
Es ist ein Relikt aus unserer Kindheit, dass ich mich immer noch ein wenig geehrt fühle, wenn meine Schwester mich nach meiner Meinung fragt. Jo hatte immer die cooleren Freunde, den besseren Geschmack und die großartigeren Pläne. Aber das alles hätte sie jederzeit fallen gelassen, wenn ich mich dagegen ausgesprochen hätte. Sie braucht meine Einschätzung genau so sehr wie ich es brauche, dass sie mich darum bittet. Ich hingegen frage sie nicht oft um Rat, weil Jo, die mich besser kennt, als mich je ein Mensch kannte, kennt oder kennen wird, bei mir einen Hang zu schonungsloser Ehrlichkeit hat. Aus diesem Grund ist sie auch der einzige Wettbewerber in unserem Ankleidespiel, der Spielzüge vornimmt.
Ist ja nicht so, als hätte ich heute Abend nicht auch eine Verabredung, denke ich und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr, aber was Jo von meiner Kleiderwahl hält, weiß ich auch ohne nachzufragen. Ihre Begeisterung ist ähnlich hoch wie die Nahrungsmitteldichte im Kühlschrank.
Ich folge meiner Schwester in ihr Zimmer, das so anders aussieht als mein eigenes: Schuhschränke statt Bücherregale, Schminkspiegel statt Desktop-Computer, Schmuck- statt CD-Sammlung.
In weiser Kenntnis ihrer wirklich, also wirklich, wirklich, großen Schuhkollektion klappe ich zielsicher den ersten Schuhschrank auf und ziehe ein mörderisch hohes Paar schwarz- und pinkfarbener Peeptoe-Pumps heraus. In Anbetracht der Tatsache, dass Pink und Lila zur selben Farbfamilie gehören, denke ich mir pragmatisch: passt schon. Mal davon abgesehen, dass Fünfzehn-Zentimeter-Stilettos nur sehr wenig mit Pragmatismus zu tun haben.
In diesem Moment klingelt es, und ich blicke erneut mit wachsender Nervosität auf die Uhr. Es ist kurz vor neun. Das muss er sein.
Ich rappele mich auf, aber Jo kommt mir zuvor.
»Ich mach schon«, sagt sie, tappt barfuß aus dem Zimmer in den Flur, wo direkt neben dem Treppenaufgang ein Hörer für die Gegensprechanlage angebracht ist.
Als ich höre, wie sie »Hi, Jonas, komm doch hoch« hineinsagt, wird es in meinem Kopf kurz nebelig. Ich stürze aus dem Raum, bemerke, wie mein Puls steigt, und drücke Jo im Vorbeihasten die Schuhe in die Hand.
»Das ist eine sehr gewagte Kombination«, urteilt Jo und beäugt das Schuhwerk, »aber sie gefällt mir. Hey, Max, vielleicht hast du ja doch Potenzial.« Sagt’s und guckt kritisch an mir herunter.
»Kein Wort gegen meine Doc Martens«, ermahne ich sie und hopse im Gleichtakt mit meinem Herzschlag die Wendeltreppe hinab.
»Das sind Skinhead-Schuhe!« Sie setzt sich auf die oberste Stufe und schlüpft in die Peeptoes.
»Skinhead-Schuhe?«, beginne ich und bereite mich auf eine rohrspatzwürdige Schimpftirade vor. »Ich hab schon mehr Skinheads in schwarzpinken Klackerhacken gesehen als …«
Jo schneidet mir die Luft ab. »Schon gut, Maxi, schon gut. Ich bin stolz auf dich, weil du einen Rock trägst. Bloß schade, dass du keinen schlichten schwarzen Pump dazu anhast.«
Überkritisch ziehe ich die linke Augenbraue hoch. Klar! Ich habe derart viele Pumps im Schrank, dass ich sie nach der Farbe auswählen kann. Sicher doch. Ihr Kompliment kann mich nicht aufmuntern. Das Mädchen in mir macht sich plötzlich Gedanken, ob ich gut genug angezogen bin.
Papperlapapp. Natürlich bin ich gut genug angezogen. Jonas hat mich schon eintausendmal in meinen Doc Martens gesehen. Jonas liebt diese Schuhe. Das hat er zumindest mal behauptet....




