E-Book, Deutsch, Band 1, 420 Seiten
Reihe: Lower Whilby
Groh The Pumpkin Spice Latte Disaster
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98978-046-0
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | In dieser cosy RomCom treffen Stars Hollow-Vibes auf die Haters to Lovers-Trope
E-Book, Deutsch, Band 1, 420 Seiten
Reihe: Lower Whilby
ISBN: 978-3-98978-046-0
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kyra Groh wurde 1990 in Seligenstadt am Main geboren. Sie schreibt Geschichten direkt aus dem Leben - immer mit Humor, Tiefgang und authentischen Figuren. Mit ihrer Familie wohnt Kyra in Frankfurt, sie liebt Bücher, Serien und Livekonzerte und gibt zu viel Geld für Kaffee aus. Auf Instagram und Tiktok gibt sie unter @kyraschreibt Einblicke in ihre Bücher und das Leben als Autorin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Das ist er: Der Whilby-Effekt
Jude
Dass es Zeit wird, Berlin zu verlassen, habe ich gemerkt, als das Café am Alexanderplatz letzte Woche das Schild mit der Pumpkin Spice Latte-Werbung aufgestellt hat. Denn genau dasselbe ist letztes Jahr passiert, als ich hier angekommen bin. Und die Sache ist die: Sobald sich Dinge an einem Ort wiederholen, bin ich weg.
» Die Frage der Frau neben mir reißt mich aus meinen Gedanken. Sie muss um die sechzig sein, und sie spricht Deutsch. Weil ihre wasserblauen Augen so sanftmütig aussehen, versuche ich mich an einem wohlwollenden Lächeln. Vermutlich dachte sie, ich suche ein Gespräch, weil ich die letzten Minuten verloren vor mich hingestarrt und dabei unfreiwillig ihren Blick gekreuzt habe. Dabei will ich wirklich nicht reden. Schon gar nicht über meine Heimat.
Meine Heimat … Ich habe vergessen, wo das ist.
Nein. Nicht vergessen. Ich habe die letzten acht Jahre absolut alles dafür gegeben, um mich von dem ganzen Konzept zu lösen. Ich habe kein Zuhause, ich habe keinen Hafen. Ich habe Freunde und Erinnerungen, und ich habe mich. Und das ist mehr als genug.
, antworte ich meiner Sitznachbarin und räuspere mich verlegen. Obwohl ich ein Jahr von der Sprache umgeben war, ist mein Deutsch miserabel. Selbst wenn ich mir Mühe geben würde, die jeweiligen Sprachen der Orte zu lernen, an denen ich mich aufhalte – was ich nicht tue, weil ich ja ohnehin wieder gehe –, wäre Berlin dafür die falsche Stadt gewesen. In der deutschen Hauptstadt spricht fast jeder Englisch. Und alle Berliner, denen ich begegnet bin, waren viel zu entzückt von meinem West-Country-Akzent, um mir stattdessen umständlich ein wenig Deutsch beizubringen. Was ein »erstes Mal« ist, weiß ich allerdings trotzdem. Aus Gründen, auf die ich nicht genauer eingehen will, die möglicherweise aber einen halb in Tränen aufgelösten Typen und einen sehr kurzen, sehr schlechten One-Night-Stand umfassen.
Sie tätschelt dem Mittsechziger neben ihr den Oberschenkel, woraufhin dieser mit schon fast besorgniserregend rotem Gesicht zu mir herübergrinst. Mit zusammengekniffenen Augen nickt sie mir zu. Anscheinend erwartet sie irgendeine Form von Zustimmung von mir. Dabei kann ich nur ungefähr erahnen, was sie mir mitteilen will. Na ja. Eines kann ich übersetzen:
Ha. . Ich habe keine Angst mehr. Ich habe sie mitsamt der Heimatverbundenheit aus meinem Gefühlskatalog entfernt.
»Tut mir leid, ich spreche kein Deutsch«, antworte ich ihr betont endgültig in meiner Muttersprache. »Aber nein, es ist nicht mein erstes Mal in London.«
Die Durchsage des Piloten, dass wir nun den Landeanflug auf Heathrow beginnen, bewahrt mich davor, mich weiter mit der Dame unterhalten zu müssen. Stattdessen blinzele ich zu der Gepäckablage über mir und denke wieder an die Einladung, die mir Dimitri vor ein paar Wochen in unserer Berliner WG auf den Küchentisch gelegt hat.
Fuck. Da hätte ich es merken müssen. An diesem Punkt war im Grunde klar, dass ich bereits zu lange unter ein und derselben Adresse zu erreichen war. Nicht an dieser blöden Werbung für Kürbiskaffee. Berlin hat mich betrogen. Es hat mich eingelullt. Mit seinen vielen Partys und Gelegenheitsjobs, mit Dimitris Pancakes, die er immer genannt hat, und mit Mirkos Zuverlässigkeit bei unserer Zusammenarbeit an Ich habe noch nie ein Jahr ununterbrochen mit demselben Produzenten an meinem Podcast gearbeitet. Es gibt eine Handvoll Leute rund um den Globus, denen ich genug vertraue, um ihnen die Raw-Files meiner Aufnahmen zukommen zu lassen. Doch mit Mirko war alles so einfach, dass ich nicht mehr das Bedürfnis hatte, zwischen ihnen hin- und herzuwechseln.
Er hat mir angeboten, die Folgen, die eigentlich wöchentlich erscheinen würden, wenn ich in der Lage wäre, mich an so etwas wie einen Plan zu halten, langfristig für mich zu schneiden. Egal, wo ich bin. Und obwohl dies eine jener Verbindungen ist, die ich normalerweise unwiderruflich kappen würde, überlege ich tatsächlich, ja zu sagen. Vielleicht, weil er besonders gut ist. Vielleicht werde ich auf meine alten Tage aber auch einfach nur weich.
Oder es liegt an Lower Whilby. Vielleicht reicht schon die bloße Aussicht auf eine Rückkehr an den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, damit ich so sentimental und festgefahren werde wie alle Leute dort.
Lower Whilby.
Lower Whilby.
Dieses kleine Dreitausend-Seelen-Kaff in den englischen Cotswolds, über das es nichts zu wissen gibt. Über das ich nichts mehr wissen .
Wäre die Einladung nicht gekommen, hätte ich nicht mal im Traum daran gedacht, diesen Herbst dorthin zurückzukehren. In den letzten acht Jahren, seit ich an meinem achtzehnten Geburtstag Zugang zu einem kleinen Sparkonto erhalten habe, bin ich nur zweimal dort gewesen. Das Geld sollte eigentlich meiner Ausbildung dienen. Einer Ausbildung, die – wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre – an einer Universität stattgefunden hätte. Das hatte sich jedoch erledigt, nachdem ich damals meine A-Levels in den Sand gesetzt hatte. Zu niemandes großer Überraschung. Die kleine Jude Hayward aus der Church Close war schließlich schon immer so gewesen: zu faul, zu aufmüpfig, zu rebellisch. Für eine höhere Bildung und für Lower Whilby sowieso.
Bei dem Gedanken kommt es mir vor, als würden alle meine Organe in eine Ecke meines Körpers gepresst werden. Mein Atem geht ein bisschen schwerer, und meine Finger krallen sich ein bisschen fester um die Armlehne des Flugzeugsitzes.
Das ist er: der Whilby-Effekt. Der Grund, wieso ich nie wieder so lange in einer Stadt bleiben werde, dass ich dermaßen eingeengt werden kann. Ich ertrage es nicht, wenn die Straßen auf einmal so vertraut werden, dass ich mich nicht mehr verirre und hinter jeder Ecke nicht länger das Abenteuer, sondern das Gewohnte auf mich wartet. Wenn Fremde plötzlich zu Bekannten werden und sich Vertrauen aufbaut, wo vorher bestenfalls Gleichmut, schlimmstenfalls vage Neugier geherrscht hat.
Ich hasse Eintönigkeit so sehr, dass ich nicht mal die Regelmäßigkeit der Jahreszeiten abkann. Und in Lower Whilby sind die Jahreszeiten so etwas wie eine Gottheit, der es zu huldigen gilt. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass gefühlt alle zwei Wochen irgendein saisonaler Feiertag mit einem Volksfest, einem Markt, einer Kirmes oder einem Backwettbewerb begangen wird. Ich würde es selbst nicht glauben, wenn ich die Dokumentation dieser Events nicht immer tagesaktuell in den Insta-Storys meiner Schwester Olive sehen würde.
Mein eingequetschter Magen macht einen Hüpfer, als das Flugzeug im Landeanflug auf einmal heruntersackt. Ich zucke zusammen. Schließe die Augen. Lege den Kopf in den Nacken, um dem Schwindelgefühl zu entgehen. Aber die leise Ahnung, an einen Ort zurückzukehren, an den ich nicht gehöre und an dem mich niemand haben will, wird auf einmal so laut, dass ich ein kleines bisschen Reisekrankheit sogar vorziehen würde.
Weil deine Schwester heiratet, beantworte ich meine stumme Frage. Deine kleine Babyschwester Olive, die schon immer in allem besser war als du. Die nie ins Schwimmbad eingebrochen ist. Sich nie die Ohren selbst gepierct und danach eine Sepsis bekommen hat. Die nie in eine Packung mit hat mitgehen lassen. Und schon gar keine mit -Tabak. Olive, die ihre A-Levels als Klassenbeste abgeschlossen hat und danach an die Uni gegangen ist, wie es sich gehört. Olive, die Lehrerin an der Primary School geworden ist. Olive, die mit 24 einen vernünftigen Kerl heiratet, der in Whilby in der kleinen Filiale von Barclays arbeitet und daher super Konditionen für einen Hauskredit bekommen hat. Olive, die ihre Freizeit damit verbringt, mit unserer Mum Topfpflanzen im Baumarkt auszusuchen und sich zwischen Vorhängen in der Farbe Buttercup und praktischen weißen Jalousien zu entscheiden.
Olive hat auf meine Hochzeitseinladung geschrieben: »Jude Elisabeth Hayward + One (?)«. In einer geschwungenen, hauchzarten Kalligrafieschrift wie aus dem Bilderbuch. Denn natürlich beherrscht Olive Kalligrafie, und natürlich hat sie hundertfünfzig Einladungskarten per Hand geschrieben. Wahrscheinlich hat sie sogar das Papier selbst geschöpft. Und den Baum dafür gefällt. Sie ist Super-Olive. Und ich bin Jude Elisabeth Hayward + One – mit einem Fragezeichen, weil man bei mir nie weiß. Nicht nur, ob ich einen Partner mitbringe. Sondern auch, ob ich überhaupt aufkreuze.
Aber dieses Mal ist es anders. Nicht mal die dunkelsten Erinnerungen an Lower Whilby können mich davon abhalten, bei der Hochzeit meiner kleinen Schwester dabei zu sein.
Ich hole so tief Luft, dass der Atem in meiner Brust zu vibrieren scheint. Da schließt sich plötzlich eine weiche, leicht klamme Hand um meine.
»
Ich blicke auf. Die...




