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E-Book

E-Book, Deutsch, 485 Seiten

Groner Kriminalgeschichten


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2652-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 485 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2652-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auguste Groner war eine österreichische Schriftstellerin. Sie erfand den ersten Seriendetektiv der deutschsprachigen Literatur, Joseph Müller, der das erste Mal in der Erzählung Die goldene Kugel erscheint, die erstmals 1892 veröffentlicht wurde. Auguste Groner starb 1929 in Wien. Dieser Band beinhaltet die Novellen: Der seltsame Schatten Wer ist es? Nach zwanzig Jahren Der Brief aus dem Jenseits

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I

Ein kühler, stürmischer Frühlingstag neigt sich seinem Ende zu.

Überall liegen graue Schatten; sie sinken vom wolkenbedeckten Himmel nieder, sie steigen von der nebelverhüllten Erde auf, und die tausend und aber tausend qualmenden Schlote der Großstadt tragen das Ihrige dazu bei, die Luft zu verfinstern.

Aber auch im hübschen Villenviertel der Metropole tritt schon die Dunkelheit ihre Herrschaft an.

»Können Sie denn noch sehen, lieber Röhling?« fragte ein Herr in vornehmem Gesellschaftsanzug, sich über die Schulter eines anderen beugend.

Dieser andere erhebt respektvoll den Kopf und antwortet: »Sehr gut kann ich noch sehen, Herr Baron, und mit Ihrer Erlaubnis möchte ich die Abschrift heute vollenden.«

Der Baron nickte.

»Meine Erlaubnis haben Sie, nur müssen Sie allein arbeiten Meine Gäste kommen in einer Viertelstunde, und somit kann ich mich heute meiner Sammlung nicht mehr widmen. Sie sind sich doch über alles klar? Verstehen die Charaktere? Diese alten Mönche hatten ja zuweilen ganz merkwürdige kalligraphische Grillen.«

»Ich habe mich vollständig orientiert. Herr Baron können mir die Schriften ruhig überlassen Auch werde ich mir, wenn es Ihnen genehm ist, erlauben, morgen abend vorzusprechen, um Ihr Urteil über meine Abschrift vernehmen zu dürfen.«

»Morgen? Nein, von morgen bis Samstagabend bin ich auf dem Gut meines Schwiegersohnes, der mich zur Jagd geladen hat; aber Sonntag können Sie kommen; da arbeiten wir weiter. Das Kloster will ja seine Schriften bald zurück haben.«

»Sonntag ...«, beginnt Röhling zögernd, und rasch fällt Baron Merburg ein: »Ah, den Sonntag geben Sie nicht gern her! Ganz gut, Röhling! Ich bin der letzte, der die wenigen freien Stunden, die Ihnen Ihr Dienst läßt, kürzen möchte. Also kommen Sie wie gewöhnlich, Montag um sechs Uhr.«

Röhling neigt verbindlich lächelnd sein Haupt. Merburg drückt auf den Knopf einer elektrischen Klingel und befiehlt dem sofort erscheinenden Diener, eine Lampe zu bringen.

Inzwischen prüft er noch einmal die krausen Züge der uralten Mönchsschrift, welche Röhlings geschickte Hand auf einem für die reiche Handschriftensammlung des Barons bestimmten Pergamentblatt täuschend ähnlich nachgeahmt hat.

»Schade, daß man nicht alles Interessante in der Urschrift besitzen kann«, meint der Baron, »aber Ihre Kunstfertigkeit ersetzt mir schließlich doch jedes Original, was ich haben möchte.«

Röhling lächelt geschmeichelt.

Der alte Franz stellt in diesem Augenblick die hell brennende Lampe auf den Arbeitstisch, dann schließt er die Vorhänge und wirft hinter Röhlings Rücken seinem Gebieter einen fragenden Blick zu.

Merburg versteht diesen Blick und antwortet ihm: »Herr Röhling wird dir klingeln, wenn er fertig ist. Du verschließt alsdann die Papiere, die er dir geben wird, in meinem Wandschrank. Hier ist der Schlüssel dazu.«

Der Baron grüßt Röhling, der sich erhebt, und verläßt das Gemach.

Franz folgt ihm.

Von unten her hört man das Rollen eines Wagens.

»Aha – man kommt schon!« sagt Merburg im Hinausgehen. Gleich danach ist es still im Arbeitszimmer des Barons sowie auch in dem davorliegenden Gemach, worin der reiche Gutsbesitzer und angesehene Politiker seine Herrenbesuche zu empfangen pflegt. Es ist ein behaglich aussehender Raum, den teilweise Sammelkästen mit zahlreichen Schubfächern, teilweise bequeme Sitzmöbel füllen.

In seiner Mitte steht ein Tisch, von dem eine Decke bis auf den Boden niederhängt.

Eine tiefe Wandnische birgt einen schmalen, dunklen Schrank, dem man es nicht ansieht, daß seine Wände aus Stahl sind und daß es eine Kasse ist.

In Merburgs Arbeitszimmer herrscht eine tiefe Stille, nur von dem Prasseln des Feuers im altdeutschen Ofen und zuweilen von einem eigentümlichen trockenen Hüsteln Röhlings unterbrochen.

Langsam, bedächtig, über alle Maßen genau ahmt Röhling Strich für Strich seine Vorlage nach und unterbricht sich nur, wenn er mit streng kritischen Blicken seine Leistung mit der Vorlage vergleicht.

Bei solchen Gelegenheiten erhebt er den Kopf – es ist ein ausdrucksvoll geformter Kopf mit hoher, stark gewölbter Stirn, über welcher sich schwarzes Haar ringelt. Röhlings Gesicht – das Gesicht eines Vierzigers – ist nicht unschön, aber es wirkt nicht angenehm, trotz der Intelligenz, welche sich darin ausprägt

Eine Härte liegt darin, die sehr wohl zu dem scharfen Blick seiner Augen paßt und zu dem kräftigen, schier viereckigen Kinn, das von einem dunklen, kurzen krausen Bart nur schütter bedeckt wird

Übrigens hat er etwas Soldatisches an sich – ein gewisser Drill, der sich in allem zeigt, sowie eine Narbe auf der Stirn geben ihm dieses Aussehen.

Er mag etwa eine Stunde lang allein gearbeitet haben, da öffnet sich die Tür des oben beschriebenen Vorgemachs.

Röhling kümmert sich nicht darum, sondern schreibt fleißig weiter. Nur einmal blickt er flüchtig auf – das geschieht, als er die Stimme des Barons erkennt, welcher jetzt bei seinen Gästen sein sollte. Es ist ja Wagen um Wagen vorgefahren, und die Soiree muß längst begonnen haben.

»Warum kommen Sie noch heute? Noch so spät?« hört Röhling den Baron fragen, und eine andere, fremde Männerstimme erzählt von Geschäftsschluß, Abreise des Chefs und so weiter und bittet schließlich Merburg, »die Summe« entgegenzunehmen.

Franz muß ebenfalls zugegen sein, denn Röhling hört auch seine Stimme. Der Alte kam gewiß mit, um seinem Herrn irgendwie zu Diensten zu stehen.

Jetzt tritt er in das Arbeitszimmer und holt eines der Tintenfässer.

Draußen werden Banknoten abgezählt.

Rohling schreibt ununterbrochen weiter, während Franz draußen das bronzene Tintenbehältnis klirrend auf die marmorne Konsole stellt.

Mit dem Zählen ist man fertig.

»Darf ich nun um Ihre Unterschrift bitten, Herr Baron?« ersucht der Herr von dem Bankinstitut, und Merburg antwortet: »Gewiß! Es ist alles richtig, und ich bin Ihrem Chef für die rasche Erledigung dieser Angelegenheit dankbar, doch hätte er sich nicht so sehr zu beeilen brauchen, denn ich kann den Kauf des Landgutes erst in der nächsten Woche abschließen. So, und hier meine Unterschrift. – Wie arg es regnet! Sie haben doch einen Wagen?«

»O gewiß, Herr Baron. – Und auch einen verläßlichen Mann darin. Bei solch hohen Summen stellt man sich gern sicher.«

»Das versteht sich. Also gute Nacht! Franz, begleite den Herrn!«

Franz murmelt irgend etwas, der Baron lacht und ruft: »Geh nur! Geh!«

Papiere rascheln, der Tritt Merburgs macht sich hörbar, dann vernimmt man ein Geräusch, als würde etwas auf- und wieder zugeschlossen.

Röhling schreibt ununterbrochen weiter. Jetzt steht der Baron hinter ihm.

»Na – noch immer bei der Arbeit?« fragt er freundlich, und wieder erhebt sich Röhlings Gesicht, und seine Augen blicken ruhig in die des Fragers.

»In einer Viertelstunde kann ich fertig sein«, antwortet Röhling. »Ich beginne eben die letzte Zeile.«

Sein Gönner nickt ihm zu und geht.

Nach einer Viertelstunde steht Röhling auf, wischt sorgsam die Feder aus und tritt dann an das Fenster. Nachdem er eine Weile in den finsteren Vorgarten hinuntergeblickt, kehrt er wieder zu dem Arbeitstisch zurück und drückt auf die elektrische Klingel. Gleich darauf erscheint Franz, übernimmt die Klosterschrift und deren Kopie, sperrt sie in den Wandschrank und begleitet dann Röhling hinaus.

Dieser zieht draußen seinen Überrock an, nimmt Schirm und Hut und geht.

Im Korridor draußen hört man ein wenig von der Musik. Röhling summt unwillkürlich den Walzer mit, der eben gespielt wird. Es gibt sicherlich derzeit keinen ruhigeren, harmloseren Menschen als ihn.

Franz geht mit ihm die Dienertreppe hinab, denn er hat dem Portier etwas zu sagen. Eben kommt das neue Stubenmädchen mit einem Tablett voll Backwerk ihnen entgegen. Es ist eine sehr hübsche Blondine. Sie achtet nicht auf die beiden Männer. Röhling aber singt nicht mehr – er steht wie erstarrt und blickt auf das vorüberschreitende Mädchen.

»Diese Ähnlichkeit! Ganz wie sie!« entfährt es seinen bebenden Lippen, und seine Wangen röten sich dabei, und seine dunklen Augen flackern.

Wilder Haß und wilde Begehrlichkeit schauen zugleich aus ihnen.

Röhlings heftig gerötetes Antlitz erblaßt wieder, seine geballten Hände lösen sich, und das Zittern seines Körpers weicht der gewohnten Ruhe.

Aber er ist doch nicht ganz bei voller Besinnung; er vergißt sogar das »Gute Nacht« des alten Dieners, dem seine heftige Gemütsbewegung und...



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