Groner | Warenhaus Groß & Comp. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

Groner Warenhaus Groß & Comp.


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2653-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 312 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2653-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Intrigen und Eifersucht bestimmen den Alltag im Warenhaus Groß und Comp. - ein Kriminalroman aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts.

Groner Warenhaus Groß & Comp. jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Siebentes Kapitel.



Der Uhrzeiger auf der Mariahilferkirche erreichte m wenigen Minuten die achte Morgenstunde. Ein windiges, regnerisches Wetter trieb die Leute auf der Straße eilig ihrem Ziele entgegen. Alle hüllten sich heute nach dem argen Wettersturz, der die Augusthitze in eine wahre Oktobertemperatur umgewandelt, in ihre Überkleider.

Viele von diesen dahinhastenden Menschen bogen von der Mariahilferstraße in die Kirchengasse ab, um durch diese die Lindengasse zu erreichen, in welcher der stattliche Hinterbau des Warenhauses Groß & Komp. liegt.

Vor diesem Gebäude staute sich eine Menge von jungen Leuten, zumeist junge Herren. Die überwiegende Anzahl davon waren das, was der Wiener "Gigerl" nennt. Eleganz billigster Art nach jeder Richtung hin war das Charakteristische an ihnen: die Haare sehr sorgfältig gebürstet, die Krawatten ein wenig auffallend, kecke Hüte, unmögliche Stöcke – das stimmte fast bei jedem der lebhaft Plaudernden, die es offenbar gewohnt waren, die Augen ebenso unablässig zu gebrauchen wie das Mundwerk. Ihre Blicke folgten lebhaft den vielen jungen Damen, welche vorüberkamen. Es waren tatsächlich fast lauter hübsche, niedliche Persönlichkeiten, und merkwürdigerweise sahen sie fast alle gesund und frisch aus, diese kleinen Näherinnen und Kontoristinnen, Schreibfräulein und Putzmacherinnen, welche da zu ihren Arbeitsstätten eilten, um zehn oder wohl auch noch mehr Stunden in mehr oder minder ungesunden Lokalen eine der Gesundheit mehr oder minder zuträgliche Arbeit zu leisten. So viele glänzende Augen und so viele liebe, junge Gesichter wie Morgens zwischen sieben und acht Uhr in den Straßen Wiens sieht man nicht leicht anderswo beieinander.

Es hielten auch viele von den Mädchen vor dem Warenhause an. Es wurden zwischen ihnen und ihren "Kollegen" Händedrücke verschiedenster Schattierungen und lustige, sentimentale oder wohl auch temperamentvolle Blicke und Worte getauscht. Dann schlüpften die jungen Damen ins Haus. Sie warteten, auch wenn sie vor acht Uhr kamen, fast niemals aus der Straße, sondern begaben sich lieber sogleich in ihre Garderobe, denn bekanntlich haben Frauen nach dem Ablegen ihrer Überkleider und Hüte immer viel an sich zu Zupfen und zu richten, bevor sie mit ihrer äußeren Erscheinung Zufrieden sind. Außerdem plauscht sich's in der Garderobe viel angenehmer als auf der nassen, windigen Straße, und man hat sich ja häufig etwas mitzuteilen, wovon die "Kollegen" draußen nichts zu wissen brauchen.

Der Hüter der Damengarderobe, ein schon etwas angejahrter Mann von beschaulicher Rundung, wurde, wenn die Mädel anrückten, immer um ein Paar Jahre jünger. Sie brachten ja so viel Leben, so viel frische Lustigkeit mit sich. Weil ihre Augen glänzten, wurden unwillkürlich auch die seinigen lebhafter, weil sie lachten, lächelte auch er, und sogar seine Bewegungen wurden flinker, wenn die jungen Dinger um ihn herumhuschten, und nicht immer konnte seine Würde von Amts wegen ihrem Übermut standhalten.

Da plauderte er halt auch ein paar Worte und schmunzelte vergnügt, wenn sie so heimlich tuschelten und kicherten. Nur schade, daß der ganze Zauber, der sich täglich freilich viermal wiederholte, nur so kurz dauerte, denn wenn er wieder allein saß in seiner Garderobe mit den vielen Kastenreihen und der nicht minder kahlen Aussicht auf ein paar hohe Mauern, dann wußte der gute Obermayer immer wieder, daß er alt geworden ist, daß kein roter Mund ihm auch nur eine einzige Stunde seines Lebens fortlachen kann, und daß er allen diesen glänzenden Augen nichts anderes als das Bild eines guten, dicken, alten Mannes bietet.

Aber darüber wurde er nicht nachdenklich oder betrübt, denn er war ein gescheiter Mensch, der wackere Obermayer. Er wußte gut, daß jeder seine Zeit hat, und wie das Altertum nicht Mittelalter und dies nicht Neuzeit und die Neuzeit nicht Zukunft sein kann, und jede Periode ihr Recht hat und ihre Herrlichkeiten und ihre Mängel, so auch die Perioden eines Menschenseins. Und ein in Anstand herangekommenes Alter ist nicht die schlimmste Zeit für den Menschen, sonst allerdings ist das Altwerden eine Pein und das Altgewordensein recht häßlich.

Obermayer, der Philosoph in der Garderobe, fühlte zu seinem Glücke derlei Pein nicht, allein es machte ihn doch immer wieder nachdenklich, wenn er die jungen Dinger beisammen sah. Über ihren Frohsinn denkt er nach und über ihre immer wieder hervorbrechende Lustigkeit. "Warum sind sie denn nur gar so fidel?" fragt er sich oft, er, der weiß, daß sie zu so überschäumendem Frohsinn eigentlich gar keine Ursache haben, sie, die Kinder der Armut, die, kaum der Schule entwachsen, schon verdienen müssen von früh bis Abends im Arbeitsjoch, die keine gesicherte Zukunft haben und, wenn nicht das Glück ganz unverhofft kommt, einem Alter voll Sorgen und Entbehrungen entgegengehen.

Er sorgte sich sehr um die jungen Mädchen, der brave Obermayer, aber dabei fiel es ihm ein, wie viel Lichtes ja doch auch in jedem Leben sich findet. Gibt es nicht freie Tage mit Sonnenschein und Ausflügen? Und gibt es nicht Abendstunden, auf die man sich den ganzen Tag freuen kann? Und die Liebe, die tiefinnige Liebe, die gerade in den Herzen der Armen so oft ihr Hauptquartier aufschlägt – vergoldet denn nicht auch sie ihr Leben?

Er lächelte, da er an seine eigene Jugend dachte, und er begriff, warum die jungen Mädchen immer so kreuzfidel waren.

Alle freilich waren es nicht. Es gingen einige in Trauer Gekleidete vorüber, und eine zwar sehr einfach, jedoch besonders elegant gekleidete junge Dame stand schon eine ganze Weile vor dem offenen Schrank und starrte regungslos vor sich hin.

"Na, Fräulein Hartwig," sagte der Garderobier, "was ist denn Ihnen übers Leberl gelauf'n?"

Sie gab ihm nicht sogleich eine Antwort, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil ihre Gedanken weit weg waren. Seine Anrede hatte sie aber doch vernommen und auf sich bezogen, und so fragte sie: "Was meinen Sie, Obermayer?"

"Was Ihnen heut fehlt, hab' ich gefragt."

"Nicht mehr als sonst."

"Also was denn?"

"Geld, Geld und noch einmal Geld."

"So gierig aufs Geld sind Sie auf einmal geworden? Sie verdienen ja weit mehr als die meisten anderen."

"Es ist halt immer noch viel zu wenig. Mit dem, was ich und mein Bräutigam verdienen, können wir nicht heiraten."

"So also ist die G'schicht'?"

"Ja – so ist sie!" bestätigte Fräulein Hartwig, steckte ein wenig ungestüm die Nadeln in den abgenommenen Hut und fuhr, während sie ihn in den Kasten legte, zornig fort: "Und an dem allen ist die alte Hex', die Bauer, schuld, die den Erich nicht ins Geschäft aufnehmen will."

"Weil er ihr nicht genug den Hof macht," vollendete Obermayer.

Die junge Dame lachte kurz auf. "Der –! Es wär' der reinste Hohn! So eine Vogelscheuchen, wie sie ist!"

"Aber reich ist s' halt, Fräul'n Dora – sehr reich!"

"Auf das fällt mein Erich nicht herein – Gott sei Dank! Die Bauer hat's ihm ja nicht nur einmal zu versteh'n gegeb'n, daß er ihr Geld, aber natürlich nur mit ihr, hab'n kann. Er mag aber nicht. Deswegen darf ihr Bruder ihn nicht zu seinem Kompagnon machen. – Aber hören S', Obermayer –"

"Was denn? Sag'n S' nur nicht wieder, daß Sie die Frau Bauer vergiften könnten. Zu so was sind Sie nicht geschaffen. Sie kommen Ihren Feinden von vorn."

"Da haben S' recht, Obermayer!" entgegnete sie und setzte leise hinzu: "Ich hab' wirklich mehr eine gewalttätige als eine listige Natur, und deswegen ist mir ja mein heimlicher Dienst hier so zuwider. Ich steh' recht gern den ganzen Tag da und bin artig mit den Kunden, aber dieses heimliche Aufpasseramt, für das ich meine Überzahlung kriege, das ist mir in die Seel' hinein zuwider. Daß grad' ich zu so was engagiert worden bin!"

"Die Firma hat halt grad' zu Ihnen das Vertrau'n, daß Sie den Posten ausfüllen. Und Sie füllen ihn ja auch aus. Drei Schwindelgeschicht'n haben Sie schon aufgedeckt, und es ist doch noch keine zwei Monate her, daß Sie –"

"Aufpasserin sind? – Sagen Sie's nur, genieren S' Ihnen nit!"

Die Hartwig lächelte verdrossen, nickte dem Garderobier zu und ging.

Es waren jetzt nur wenig Bedienstete noch in der Garderobe. Auch sie eilten, in die Verkaufsräume an ihren Platz zu kommen.

...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.