E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Groom Die letzten Tage des Sommers
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95530-617-5
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95530-617-5
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Winston Groom wurde 1943 in Washington, D.C. geboren und studierte an der University of Alabama. Von 1965 bis 1969 diente er in der United States Army. Unter anderem kämpfte er auch im Vietnamkrieg. Groom veröffentlichte seit Ende der 1970er-Jahre einige Romane. Sein 1986 veröffentlichter Roman 'Forrest Gump' wurde 1994 unter demselben Titel von Robert Zemeckis verfilmt. Nach dem Welterfolg dieses Filmes veröffentlichte Groom im Jahr 1995 mit 'Gump & Co.' eine Fortsetzung. Daneben schrieb Groom auch viele nicht-fiktionale Werke, die sich unter anderem mit dem Zweiten Weltkrieg sowie der amerikanischen Geschichte und im Speziellen dem amerikanischen Bürgerkrieg beschäftigten.
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Bienville war keine Kleinstadt, aber auch keine richtige Großstadt. Die beiden nach katholischen Heiligen benannten Hauptstraßen liefen rechts und links an dem von Eichen umgebenen Promenadeplatz vorbei, auf dem aus alten Zeiten noch eine Kanone und ein Musikpodium standen. Es gab zwei große Kaufhäuser, eine Bank, ein Maklerbüro, Vertretungen der drei großen Automobilfirmen und ein Krankenhaus aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg. Kein Gebäude in der Stadt hatte mehr als zehn Stockwerke.
Die nächste richtige Großstadt war New Orleans, wohin die meisten Leute fuhren, wenn sie ihr Bedürfnis nach Kultur oder sündigen Vergnügungen stillen wollten. In Bienville gab es ein gutes und zwei schlechte Hotels, einen Stadtteil für Weiße und einen für Schwarze, der früher einmal – bis zur Erweiterung der Stadt nach Süden und Westen – ein »weißes« Viertel gewesen war. Ein paar Herrenhäuser aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg konnten besichtigt werden: die »Töchter der Konföderation« – die sich freilich fast nur noch aus Enkeltöchtern rekrutierten – boten öffentliche Führungen an. Vorstädte entstanden erst ganz allmählich, und Einkaufszentren auf der grünen Wiese gab es noch gar nicht. Man kaufte in der Stadt ein.
Einer weit verbreiteten Ansicht zufolge machte die örtliche Zeitung im Verein mit der Handelskammer jede Hoffnung auf ein florierendes Wirtschaftsleben zunichte. Die Zeitung wurde von selbstzufriedenen Konservativen herausgegeben, und die Handelskammer wurde von den größten Unternehmern am Ort beherrscht, einem guten Dutzend Personen, die dafür sorgten, daß sich kein Betrieb in der Stadt ansiedelte, der in Konkurrenz zu ihnen stand oder ihnen aus anderen Gründen nicht ins Konzept paßte.
Ein großer Teil der Einwohner bestand aus Katholiken – eine Hinterlassenschaft der Spanier und Franzosen. Außerdem traf man auf Episkopale, Presbyterianer und auch auf Fundamentalisten, die aus entlegenen, ländlichen Gebieten zugezogen waren. Es gab eine Freimaurerloge, einen Country Club und eine Matrosenmission.
Der Franzose, der Bierwille gegründet hatte, hätte einen angenehmeren Ort für die neue Stadt wählen können. Zwar sorgte das tropische Klima für üppige Gärten, Rasenflächen von sattem Grün und prachtvolle Bäume, doch da die Stadt in der Nähe eines großen Sumpfes lag, gab es Fliegen und Stechmücken in Hülle und Fülle. Im Sommer wurde es zudem so heiß, daß alljährlich ein Fotograf der Zeitung eine Aufnahme von einem Jungen machen konnte, der auf dem Bordstein ein Spiegelei briet, worüber sich dann ältere Damen ganze Abende lang unterhalten konnten, wenn sie unter einem Deckenventilator auf der Veranda beim Eistee saßen und die Glühwürmchen und Sternschnuppen betrachteten. Die Winter waren angenehmer, doch wenn das Thermometer einmal unter zehn Grad Celsius fiel, beeilten sich dieselben älteren Damen, ihre Sträucher mit Sackleinen abzudecken, und klagten schrecklich über die bittere Kälte.
Das Herzstück der Wirtschaft Bienvilles war der Hafen. Die Schiffe löschten ihre Fracht aus Südamerika, Westafrika und der Karibik und wurden mit Gütern aus Louisiana beladen. In Bienville waren ein paar Leute reich, viele arm, und die Mehrzahl lag irgendwo dazwischen. Die Angehörigen der weißen Mittel- und Unterschicht identifizierten sich mit den Reichen. An sich war ihnen klar, daß sie kaum Aussichten hatten, selber reich zu werden, doch sie träumten den amerikanischen Traum: Wenn man hart arbeitete und ein bißchen Glück hatte, war alles möglich. Die Schwarzen identifizierten sich mit nichts und niemandem außer mit sich selber. Auch sie arbeiteten hart, konnten aber trotzdem – wenn überhaupt – nur den täglichen Grundbedarf decken, und die Hoffnung auf eine glückliche Wendung zum Guten hatte man ihnen schon vor sehr langer Zeit ausgetrieben. Reich waren in Bienville nur wenige alteingesessene Familien wie die Holts.
»Es geht um den Besitz in Creoletown«, sagte Brevard Holt, der in seiner Bibliothek neben dem offenen Kamin stand. Der große Spiegel, der hinter ihm an der Wand hing, reflektierte das spätherbstliche Sonnenlicht, das durch die französischen Fenster in den Raum flutete. Die einzigen Geräusche, die zu vernehmen waren, kamen vom Rasen vor dem Haus, wo der Nachwuchs der Holts mit Nachbarskindern ein Ballspiel begonnen hatte. »Ich wußte Bescheid, bevor die Zeitungen von der Sache Wind bekamen, weil mich Augustus Tompkins schon vor einer Woche angerufen hat. Inzwischen haben uns Ölgesellschaften für die Bohrrechte bereits 6000 Dollar pro Hektar und ein Achtel der Ausbeute geboten.«
Er machte eine Pause, um diese Zahlen wirken zu lassen, und blickte in die aufmerksamen und erwartungsvollen Gesichter seiner Geschwister. Johnathan III., Brevards älterer Bruder, fühlte sich sichtlich unbehaglich. Er saß auf einem Stuhl, der für seine imposante Gestalt viel zu klein war, und fingerte an einer Bierdose herum. Percy, zehn Jahre jünger, ein drahtiger Mann mit ernstem Gesicht, trommelte nervös mit den Fingern auf den Tisch. Marci hatte ein Bein über das andere geschlagen und rauchte eine Zigarette. Sie teilte die Couch mit Whitsey Loftin, die zu dem Familientreffen gebeten worden war, weil sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Tante Hannah hatte. Das war insofern wichtig, als Hannah Holt Loftin im Testament von Johnathan Holt dem Älteren als Nachlaßverwalterin eingesetzt worden war: Sie konnte über den gesamten Landbesitz und nicht nur über ihren Anteil bestimmen.
»Ich brauche euch nicht zu sagen, daß es bei dieser Sache um viel Geld geht«, fuhr Brevard fort. »Wieviel es im Endeffekt sein wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, doch selbst im ungünstigsten Fall erhält jeder von uns eine kräftige Finanzspritze. Im günstigsten könnten wir vielfache Millionäre werden.«
»Warum um alles in der Welt sagst du uns das erst jetzt, wenn du es schon seit einer Woche weißt?« fragte Marci gereizt. »Meinst du nicht, wir haben ein Anrecht darauf, so etwas zu erfahren?« Percy hüstelte und biß auf seine bleistiftdünne Zigarre; Johnathan beugte sich noch weiter vor und schaute auf seine Schuhspitzen hinab. Für ein paar Sekunden hätte man meinen können, sie wären wie auf einem Schnappschuß erstarrt.
Brevard wog seine Worte sorgfältig ab. »Ich wollte unverzüglich Nachforschungen anstellen, bevor wir uns zusammensetzen, um eine Entscheidung zu fällen, und ich dachte, daß ich das allein am besten konnte. Laßt mich erklären, was für Schwierigkeiten aufgetaucht sind.«
Marci Holt schlug das andere Bein über, nahm einen Schluck aus ihrem Glas und drückte ihre Zigarette mit einer heftigen Bewegung aus.
»Wie ihr wißt, haben wir in Creoletown zwei Parzellen«, sagte Brevard. »Zum einen die 120 Hektar in der Nähe der asphaltierten Straße und zum anderen die 450 Hektar um Tante Hannahs Haus herum, die zur Hälfte uns gehören.«
Brevard richtete den Blick auf Whitsey. »Nun ist Tante Hannah eine sehr halsstarrige Frau. Wir haben sie schon vor Jahren gebeten, diese Parzelle aufzuteilen und uns die Verfügungsgewalt über unseren Anteil zu geben, aber sie wollte nichts davon wissen. Vor einer Woche wollte ich noch einmal mit ihr darüber reden, aber sie wußte nicht einmal, wer ich bin, oder hat zumindest so getan, als ob sie mich nicht kennen würde. Sie hat mich nicht einmal ins Haus gelassen.«
»Sie ist eben verrückt, das wissen wir doch«, sagte Marci kalt. Whitsey Loftin zuckte zusammen und setzte zu einer Erwiderung an, doch Brevard kam ihr zuvor.
»Wir wollen keinen Streit mit Tante Hannah. Ihre geistige Verfassung ist ... nicht sehr stabil, aber Whitsey kommt meistens mit ihr zurecht. Whitsey, wir müssen Tante Hannah davon überzeugen, daß sie die Bohrrechte verkauft oder wenigstens den Besitz aufteilt, damit wir unseren Anteil verkaufen können. Wenn du sie nicht umstimmen kannst, müssen wir wohl rechtliche Schritte einleiten, und das könnte ausgesprochen unangenehm werden.«
Whitsey beugte sich etwas vor und fuhr sich mit der Hand durch das volle blonde Haar. Noch vor zehn Jahren waren Marci und Whitsey manchmal miteinander verwechselt worden. Sie hatten die gleichen blauen Augen, die gleichen blonden Haare, und ihre Gesichter waren ähnlich geschnitten, doch bei Marci hatten die Zeit und der Alkohol die Züge und die Figur hart werden lassen, während Whitseys Gesicht im Laufe der Zeit sogar noch ein wenig weicher und die Figur sinnlicher geworden war.
»Ich werde es versuchen, Brev. Ich könnte diese Woche noch zu ihr hinauffahren.«
»Gut«, antwortete Brevard. »Ich bespreche vorher noch mit dir, worum es im einzelnen geht.«
»Warum besprichst du das nicht jetzt mit ihr?« ereiferte sich Marci. »Ist es nicht für unsere Ohren bestimmt?«
»Doch, natürlich«, seufzte Brevard. »Ich wollte nur schnell weiterkommen, damit ...«
»Wieso willst du eigentlich immer bei Sachen, die uns alle angehen, schnell weiterkommen?« sagte Marci schneidend. »Wie konntest du diese ganze Angelegenheit eine Woche lang für dich behalten?« Sie warf einen Blick in die Runde. »Du meinst wohl, du kannst die Angelegenheiten der Familie im Alleingang regeln.«
Brevard fuhr sich entnervt über die Stirn. »Es tut mir leid, wenn ich autoritär wirke, aber hier geht es um sehr viel Geld, und wir müssen weitreichende Entscheidungen treffen.«
»Du glaubst offenbar, daß du diese Entscheidungen für uns alle fällen kannst«, giftete Marci. »Das bringt mich zur Weißglut! Du tust gerade so, als ob Augustus Tompkins nur dein Anwalt wäre. Ich könnte wetten, du hast ihm gesagt, er soll uns nicht anrufen.«
»Ich habe nichts dergleichen veranlaßt«, log...




