Groß | Das Lied der Biene | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Lübbe

Groß Das Lied der Biene

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-5589-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-5589-4
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Das Glück ist zu schade für einen halbherzigen Versuch.«

Marga, Anfang vierzig, hat genug davon, das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen und will ihren Job im Haushalt des Unternehmers Paul Alprecht kündigen, als seine Verlobte unerwartet stirbt. Durch seinen Verlust kommt auch bei Marga alte Trauer wieder hoch, und sie schreibt ihm eine tröstende, wenn auch anonyme E-Mail. Sie hätte nie mit einer Antwort gerechnet, aber Paul, berührt und neugierig zugleich, schreibt ihr zurück. Während sich Paul mit jeder weiteren E-Mail mehr und mehr fragt, wer hinter der geheimnisvollen Verfasserin steckt, wächst eine Nähe zwischen den beiden, die auf die Probe gestellt wird, als Paul zufällig einen Blick auf Margas E-Mailverlauf wirft ...



Gabriela Groß ist das Pseudonym einer Autorin, die 13 Jahre Drehbücher fürs Hauptabendprogramm (ARD und ORF), sowie Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat. Zuletzt hat sie mehrere Romane veröffentlicht.

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Autoren/Hrsg.


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Drei Monate früher


1. Kapitel

Marga schob das Kissen zur Seite und drehte sich auf den Bauch. Just in dem Moment erschallte Whitney Houstons markante Soulstimme. Ein leises Grummeln entkam Marga. Sie fuhr mit der Hand unter ihre Wange, drehte sich zur Seite und gähnte. 5 Uhr 30.

Jeden Morgen um diese Zeit erklang I Will Always Love You aus ihrem Handy, und jedes Mal strömte die Stimme der Sängerin durch Marga hindurch und sorgte dafür, dass es in ihren Fuß- und Fingerspitzen zu kribbeln begann. Es war ein herrlich lebendiges Gefühl – ihr Elixier am Morgen –, und wenn der Song zu Ende war, fühlte es sich an, als hätte Whitneys Stimme jede einzelne Zelle ihres Körpers gestreichelt.

Marga richtete sich in eine halb sitzende Position auf, lehnte den Kopf ans Betthaupt und lauschte andächtig. Die Szene aus Bodyguard kam ihr in den Sinn, in der Whitneys Seidenschal in die Luft fliegt und Kevin Costners Schwert ihn durchtrennt – eine der wichtigsten Momente im Film. Das Knistern zwischen den Hauptfiguren wird in diesem Moment mit beiden Händen greifbar. Selbst nach mehr als zwei Dutzend Malen, die Marga den Film gesehen hatte, spürte sie es noch immer: Wenn der Seidenschal, in zwei Teile getrennt, zu Boden flattert, erkennen Rachel (Whitney), und ihr Bodyguard Frank (Kevin), dass sie sich lieben. Allerdings hatte Marga bereits beim ersten Mal gewusst, dass diese Liebe nicht gut enden kann.

Whitney hatte ihrem Schicksal weder im Film noch im wahren Leben entkommen können, ebenso wenig wie ihre Tochter Bobbi Kristina, die, wie ihre Mutter, viel zu früh verstorben war. Wenigstens Kevin Costner ist zeitweise glücklich geworden, ging Marga durch den Kopf.

Für Männer sah auch heute noch vieles anders aus, überlegte sie und dachte unwillkürlich an Paul Alprecht: das beste Beispiel für einen begünstigten Mann. Mit fünfundvierzig würde er in einem Monat eine Neunundzwanzigjährige heiraten, und niemand dachte sich etwas dabei. Über eine Frau, die einen so viel jüngeren Mann ehelichen würde, hätte es mit Sicherheit jede Menge Tratsch gegeben.

Sybille war nur sechs Jahre älter als Margas Tochter Conny. Marga kämpfte gegen ein tiefes Gefühl der Traurigkeit an, als ihr das einfiel, denn leider reichte neuerdings ein Gedanke an Conny, damit es düster um sie wurde. Seit sieben Wochen und zwei Tagen sprachen Conny und sie nicht mehr miteinander. Wenn Marga sich das morgens bewusst machte, packten sie Enttäuschung und Unverständnis gleichermaßen. Wie sollte sie sich mit ihrer Tochter versöhnen, wenn sie sie weder zu Gesicht noch ans Telefon bekam? Bei ihrem letzten Treffen hatte Conny Marga nicht mal aussprechen lassen, sondern war mitten im Gespräch aus der Wohnung gerannt und hatte die Eingangstür hinter sich zugeschlagen. Seitdem herrschte Funkstille zwischen ihnen.

»I hope life treats you kind … and I hope you have all you’ve dreamed of. And I wish to you joy and happiness. But above all this, I wish you love …«

Marga fühlte, wie sie ruhiger wurde, während Whitney sang. Mit der Stimme der Sängerin im Ohr schrumpfte der Zwist mit Conny zu einem Problem, das sich früher oder später lösen ließe. Kinder, egal wie alt sie waren, hatten nun mal andere Ansichten als ihre Eltern und gingen eigene Wege. Das war der Lauf der Dinge. Sie musste ihrer Tochter einfach ein bisschen Zeit geben, um zu erkennen, dass Marga das Beste für sie wollte.

Eine tiefe Liebe zu Conny durchströmte sie, verbunden mit dem Wunsch, Conny zu schützen. Wenn ihre Tochter doch nur auf sie hören würde.

Marga stellte den Wecker aus, schob die Decke beiseite und fand in die abgewetzten Filzpantoffeln, die vor ihrem Bett standen. Sie musste sich dringend neue kaufen. Diese alten Dinger gehörten in den Müll. Im Bad betrachtete sie ihr farbloses, halblanges glattes Haar im Spiegel und begann mit der Morgentoilette.

»Du bist wie Mireille Mathieu. Eine Frau, eine Frisur«, hatte Eva mal gewitzelt, weil Marga seit Jahr und Tag nichts an ihrem Haarschnitt änderte und beim Friseur stets das Gleiche verlangte.

»Ich mag halt Beständigkeit«, hatte Marga erwidert und mit den Schultern gezuckt. Was war schon dabei?

Sie zog sich an, ging in die Küche und trank eine Tasse Kaffee im Stehen, dabei langte sie nach dem Kündigungsschreiben auf dem Küchentisch. Das Blatt zitterte in ihrer Hand, als sie noch einmal durchlas, was sie gestern Abend geschrieben und ausgedruckt hatte.

Sie war immer gut mit Paul Alprecht ausgekommen und fand es schade, ihn nun nach beinahe zehn Jahren verlassen zu müssen. Doch seit Sybille in das Leben ihres Chefs getreten und bei ihm eingezogen war, gab es keinen Platz mehr für Marga in seinem Haus.

Mitten im Lesen schrillte das Telefon. Marga schob die Kündigung zurück ins Kuvert, schnappte sich ihr Handy und nahm das Gespräch an.

»Marga. Gut, dass ich dich noch erwische.«

»Kirsten.« Mit dem Handy am Ohr ging Marga in den Flur und steckte die Kündigung in ihre Handtasche. Sie wollte sie auf keinen Fall vergessen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich selbst ausbremste, weil etwas in ihrem Inneren gegen das rebellierte, was sie vorhatte. »Was treibt dich so früh ans Telefon?«

»Deine Kündigung. Willst du das wirklich? Denk doch auch mal an die Vorteile. Du weißt jeden Tag, was dich bei Paul Alprecht erwartet, und wirst sehr gut bezahlt. Außerdem … du bist keine dreißig mehr.«

»… sondern zweiundvierzig, ich weiß«, seufzte Marga. Sie warf einen letzten Blick in den Spiegel, schlüpfte in ihre Jacke und griff nach dem Schlüsselbund am Haken an der Wand.

»Mir ist klar, dass du es zurzeit nicht leicht hast, eben deshalb sollte nicht auch noch ein voreiliger Jobwechsel dazukommen. Wie willst du Connys Mietanteil zahlen und den Rest stemmen ohne Job?«

»Ich hab schon was in Aussicht. Der Gärtner der Alprechts hat mir einen Tipp gegeben.«

»Wirklich?«, fragte Kirsten nach.

»Hmm.«

»Warum hast du uns das nicht längst erzählt?« Margas Freundin klang erleichtert, aber nur kurz. »Und das Gehalt? Wie steht es damit? Alprecht zahlt doch so gut.«

»Ich brauche nicht viel, das weißt du. Außerdem ist die Bezahlung bei meinem neuen Job okay.« Marga verschwieg Kirsten, dass sie keineswegs eine Zusage in der Tasche hatte, sondern lediglich einen Gesprächstermin. Sie musste abwarten, wie der lief.

»Du, ich muss los.« Marga verabschiedete sich von Kirsten, schloss die Wohnungstür hinter sich und nahm die Treppe ins Erdgeschoss. Während sie durchs Haus lief, dachte sie darüber nach, wie schwer es ihr fiel, Paul Alprecht zu verlassen. Sie bekam ihn zwar nur selten zu Gesicht, doch in all den Jahren, die sie nun schon für ihn arbeitete, war er zu einem verlässlichen Teil ihres Lebens geworden. Ähnlich der Figur einer Serie, die man über alle Folgen hinweg begleitet und sich deshalb mit ihr verbunden fühlt, obwohl es natürlich nur eine eingebildete Verbundenheit ist und keine echte.

Marga drückte die Eingangstür auf und trat ins Freie. Es war Juni und das Wetter prächtig. Sie ging zu den Fahrradständern und verstaute ihre Tasche im Korb, öffnete das Schloss ihres Fahrrads, stieg auf den Drahtesel und strampelte los.

Marga fuhr gern mit dem Rad und genoss den lauen Fahrtwind. Der Weg zu ihrem Arbeitsplatz war jeden Morgen eine willkommene Routine. Besonders bei herrlichem Wetter. Marga spürte, wie der Sommer ihr Gesicht und Hände streichelte, während ihre Füße in die Pedalen traten. Zwanzig Minuten später kam sie bei der Villa Alprecht an, einem Kubus, dessen Ausmaße sie bei ihrem Vorstellungsgespräch vor Jahren eingeschüchtert hatten und die sie bis heute beeindruckten. Die weiß verputzten Außenwände strahlten hell in der Sonne.

Marga stellte ihr Rad in den Anbau, in dem das Personal Autos und Fahrräder unterbrachte. Der Gärtner war schon da. Sie sah den Wagen mit dem Logo des Gartenbauunternehmens, für das Rolf Merk tätig war. Er arbeitete seit gut einem Jahr für Paul Alprecht, war flink und umgänglich. Manchmal trank Marga in der Mittagspause einen Kaffee mit ihm, und Rolf erzählte ihr bei diesen Gelegenheiten gern von seinen erwachsenen Kindern und von seiner Frau, mit der er neuerdings eine Menge Stress hatte, weil sie unterschiedlicher Meinung waren, was die Lebensentscheidungen der Kinder betraf. Marga hörte meist still zu und wunderte sich, wie Rolf die dauernden Auseinandersetzungen aushielt. Doch seit dem Zwist mit Conny verstand sie ihn besser. Es war nicht leicht, nur noch als Zaungast danebenzustehen. Zumal, wenn man die Menschen, um die es ging, liebte.

Marga betrat den Umkleideraum und schlüpfte in das dunkelgraue Kleid und die bequemen Schuhe, die sie bei der Arbeit trug, um all die Kilometer zu bewältigen, die die Fürsorge des tausendzweihundert Quadratmeter großen Hauses ihr abverlangten. Das Grundstück selbst umfasste beinahe zwei Hektar.

»Nicht gerade ein Schrebergarten«, sagte Eva gern, wenn sie über Paul Alprechts Anwesen und über Margas Schritte pro Tag sprachen, wobei ihnen jedes Mal bewusst wurde, wie klein ihre eigenen Wohnungen im Vergleich dazu waren.

Marga nahm die Kündigung aus der Handtasche und schob sie in die aufgenähte Tasche ihres Kleids. Als sie einen letzten Blick in den Spiegel warf, entdeckte sie einen Fleck auf ihrer Arbeitsmontur. Sie eilte zum Waschbecken, hielt ein frisches Küchenhandtuch unter den Wasserhahn und rieb energisch an der Verunreinigung herum. Sicher würde die kleine feuchte Stelle an ihrem Rock niemandem auffallen, doch sie legte...


Groß, Gabriela
Gabriela Groß ist das Pseudonym einer Autorin, die 13 Jahre Drehbücher fürs Hauptabendprogramm (ARD und ORF), sowie Kinder- und Jugendbücher geschrieben hat. Zuletzt hat sie mehrere Romane veröffentlicht.



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