Gross | Der letzte Herbst | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Gross Der letzte Herbst

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-6462-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-7557-6462-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es wird Herbst. Max Manesse, Teeverkäufer Anfang fünfzig, erlebt ihn diesmal intensiv. Unwillkürlich hält er Rückschau auf sein ereignis- und wendungsreiches Leben. Er geht im Park spazieren, hört Bach'sche Violinkonzerte, schwelgt in Erinnerungen und führt Gespräche mit seinen Freunden über Sex, Drogen und den Tod. Bei all dem hat er jedoch das Gefühl, als wäre es der letzte Herbst, den er erlebte ...

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Die Welt meiner Schwestern (2014); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); Die sechzigste Ansicht des Berges Fuji (2017); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Er sollte nicht ahnen (2019); Lebkuchenstadt (2020); Schatzkiste (2020); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020); In La Coruna geht Picasso zu den jungen Stieren (2021); Neugeboren (2021); Skymning (2021); Winterherz (2021); Die Madonnen von Vernazza (2021).
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2


Er arbeitete in einem Teefachgeschäft als Verkäufer. Vier Tage die Woche und Samstag, weil da am meisten los war.

Er mochte den kleinen, etwas schlampigen Laden, der voller Krimskrams war. Er mochte es, den Leuten Wünsche zu erfüllen und sie bei der Teeauswahl zu beraten.

Er trank seit Jahrzehnten Tee. Eine Ware, die er gern verkaufte. Er war freundlich zu den Kunden und selten genervt. Seine ruhige, nüchterne Art kam gut an.

Abends half er dem Chef, das Sperrgitter herunterzulassen, Kasse zu machen und den Teppichboden zu saugen. Es kam immer eine Menge Teestaub zusammen.

»Gutnacht, Max! Bis morgen.«

»Gutnacht, Charlie!«

Er hatte nicht weit nach Hause mit dem Fahrrad und pedalte mit funzelndem Licht durch die abendlichen Straßen.

Es wurde jetzt frisch abends. Tagsüber wärmte die Sonne noch ordentlich. Würde man gar nicht denken. Aber nach Sonnenuntergang wurde es rasch kühl.

Auch die Sonne ging jetzt früher unter als im Sommer. Es war Tagundnachtgleiche, das Äquinoktium. Wenn im Oktober die Uhr wieder umgestellt wurde auf wahre Zeit, dann würde es noch früher Abend werden.

Max war das lieber so. Er hasste die falsche Zeit im Sommer, wenn um zwölf Uhr die Sonne noch gar nicht auf dem Höchststand war.

Wenn es um zehn noch hell war, tatsächlich die Uhr aber schon elf zeigte.

Er hatte dann das Gefühl, gegen die Natur zu leben. Er wollte lieber mit der Natur leben. Er liebte zum Beispiel den Gang der Jahreszeiten und richtete seinen Alltag danach aus.

Er liebte im Frühling die Spargel- und die Kirschenzeit, dann im Sommer die Erdbeerzeit, wenn überall in der Stadt die Verkaufsstände aufmachten.

Und er liebte es im Herbst, wenn die Äpfel reif waren und es Pilze auf dem Markt gab.

Für diesen Tag hatte er sich Pilze gekauft. Für ihn begann heute, an Tagundnachtgleiche, der Herbst.

Er beging den Herbst immer mit eigenen Ritualen. Gestern hatte er das erste Räucherstäbchen angezündet, nach der langen Sommerpause.

Jetzt hatte man die Fenster wieder geschlossen, und jetzt ergab Räucherwerk wieder einen Sinn.

Der holzige, feine Sandelholzduft hatte ihn wehmütig und zufrieden gestimmt. Er liebte es im Herbst, sich abends gemütlich in der Wohnung zu vergraben und seine private Einkehr zu halten.

Heute nun sollte es zum ersten Mal Pilze geben. Zum Abendessen. Am besten ein Omelett. Darauf hatte er Appetit.

Er hatte ein Pfund Pfifferlinge gekauft, auf dem Wochenmarkt heute Morgen. Da würde Klara mitessen können, wenn sie wollte.

Und einen Zwölferpack Eier aus Freilandhaltung.

Als er nach Hause kam, stellte er das Rad in den Keller und ging bedächtig die Treppen hinauf in den zweiten Stock.

Er war erschöpft. Den ganzen Tag im Laden zu stehen machte müde Beine. Langsam merkte er, dass er nicht mehr dreißig war.

Er ging im ersten Stock Frau Liebkinds Gummibaum aus dem Weg und langte schließlich oben an.

Die Treppen waren aus Holz und knarrten. Es war ein altes Haus, aus der Gründerzeit. Mit Friesen und Balkonen und einem Wappen über dem Portal.

Es hatte nach hinten hinaus einen Hof mit Rasen und einem Kirschbaum, dessen Blüte im Frühling für ihn immer das Zeichen war: Das Jahr ging auf.

Jetzt, im Herbst, schloss sich das Jahr. Von Blätterfall und Laubverfärbung war zwar noch nicht viel zu sehen. Aber, wie gesagt, die kürzer werdenden Tage und die Abkühlung nachts setzten Zeichen.

Klara war schon da. Sie hatte diese Woche Frühdienst. Sie saß im Wohnzimmer und sah fern.

Er schaute hinein. Da saß sie, in Leggins und Strickjacke und Wollsocken, auf dem Sofa und guckte sich die Nachrichten an.

Es war kurz nach sieben. Er war ein wenig später dran als sonst.

Eigentlich liebte er die Vorabende, wenn es früher dunkel wurde. Das mähliche Herannahen des Abends. Die Dämmerung, die sich über die Stadt senkte. Die ersten gelben Lichter im Blau.

Aber im Einzelhandel war erst gegen sieben Feierabend. Charlie kam noch später nach Hause, weil er die Bestellungen für morgen machen musste.

Er zog sich um. Zuhause trug er am liebsten seine graue Jogginghose mit dem roten Streifen und ein T-Shirt, das er so lange trug, bis es vor lauter Teeflecken braun war.

In letzter Zeit sabberte er ein bisschen beim Teetrinken. Er wusste nicht, woran das lag.

Die Lippen schlossen irgendwie nicht dicht am Tassenrand. Oder wer weiß was sonst.

Jedenfalls konnte er nicht verhindern, dass ihm bei jedem zweiten Schluck ein Tropfen an der Tassenwand herablief und, wenn er nicht schnell genug war, auf sein T-Shirt tropfte.

Deshalb musste er sich auch, wenn er rausging, jedesmal umziehen.

»Willst du auch ein Omelett?«, fragte er Klara.

»Danke, hab schon gegessen.«

Gut, dann könnte er den Rest Pilze bis morgen aufheben. Dann hätte er zweimal davon.

Er mochte es, am frühen Abend in der Küche zu stehen und sich etwas zu essen zu machen. Er ließ den Fensterladen offen und genoss es, in den Fenstern gegenüber zu sehen, was die Nachbarn taten.

Man schaute sich gegenseitig in die Kochtöpfe. Das hatte etwas Heimeliges.

Er putzte die Pilze mit einem Backpinsel, schnitt die größten Stücke klein und schnitt dann die Zwiebel in Würfel.

Er briet zuerst die Pilze an, dann tat er die Zwiebel dazu. Er wollte keinen Speck; das verdarb den feinen Pilzgeschmack.

Er ließ die Pilze lange und in viel Butter dünsten, bis sie braun wurden. Dann verquirlte er sechs Eier, fügte sechs Esslöffel Milch dazu, würzte mit Salz, Pfeffer, Paprika und goss die hellgelbe Masse zu den Pilzen.

Er ließ sie stocken, streute frische Petersilie darüber und wartete, bis der Eierkuchen unten braun zu werden begann.

Dann klappte er ihn auf die Hälfte zusammen und ließ das Omelett noch eine Weile ziehen.

Auf dem Teller lag das Halbrund goldgelb und duftete nach Pilzen und nach Butter.

Er holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, hebelte den Kronkorken auf und nahm einen langen Schluck.

Dann schnitt er das Omelett an der Ecke an. Es war dick und fluffig und saftig, die Pilze gaben ihren Waldgeschmack, es war alles in Ordnung.

So sollte ein Heimkommen sein, dachte er.

Klara schaute herein, schnüffelte und beneidete ihn.

»Schade, dass ich schon gegessen hab.«

Er grinste und brach von dem Bauernbrot ab. »Wie war dein Frühdienst?«, fragte er kauend.

»Ziemlich ruhig. Heute waren sie brav. Und bei dir?«

Er machte mit der Handfläche eine wägende Geste und lachte. Er hatte den Mund voller Ei, Brot und Pilzen.

»Heute fängt der Herbst an«, sagte Klara und grinste. »Max isst zum ersten Mal Pilze.«

Er nickte nur und aß weiter.

»Und was folgt als Nächstes?«

»Ein heißes Bad«, sagte er und schluckte.

»Na, dann kann der Herbst ja kommen.«

Nach dem Essen räumte er den Teller in die Spülmaschine, das Besteck und die Eierschüssel, spülte die Pfanne aus und verschob das heiße Bad auf morgen.

Da hatte er seinen freien Tag. Da würde er das erste Bad im Herbst richtig genießen können.

Er setzte sich ins Wohnzimmer auf das Sofa. Klara drehte sich mit dem Rücken zum Ende und streckte ihre Beine aus.

Er nahm ihre Füße in den Wollsocken und massierte sie.

» tut gut«, seufzte sie.

Sie heizten abends noch nicht ein. DEshalb war ihm im T-Shirt ein wenig kühl. Nachher auf dem Balkon, wenn er eine rauchen würde, brauchte er eine Jacke.

Während des Sommers war seine Sweatjacke mit der Kapuze immer in der Ecke gelegen. Dass er sie hervorholte, war auch ein Zeichen.

Danke, sagte er in Gedanken. Du meinst es wirklich gut mit mir. Dass ich so nach Hause kommen kann. Dass ich so ein Zuhause habe.

Es war ihm sein ganzes Leben lang wichtig gewesen, dass er ein sicheres und geborgenes Zuhause hatte. In das er heimkam und Kraft schöpfte.

Das war in den Zeiten, als er in einer WG gelebt hatte, nicht selbstverständlich gewesen. Erst jetzt, seit er die eigene Wohnung hatte, konnte er das richtig genießen.

Sein Leben war in geordnete Bahnen geschwenkt. Wenn man das so sagen konnte. Er hatte viel erlebt und viel durchgemacht. Nun schien es ruhiger zu werden.

Aber vielleicht war das auch eine Täuschung. Jahreszeitlich bedingt. Im Herbst war ihm immer nach Rückzug und Frieden.

Klara hatte die Augen geschlossen. Seine Fußmassage machte sie schläfrig.

Manchmal schlief sie beim Fernsehen ein. Das kannte er schon. Sie wollte dann aber nicht ins Bett, sondern noch ein Weilchen hier liegen und dösen.

Wie als Kind, hatte sie erklärt. Noch ein bisschen dort sein, wo Leben ist. Das Schlafzimmer war dunkel und einsam.

Manchmal schickte er sie auch in sein Bett, wo sie dann im Halbschlaf auf ihn wartete.

Er schlüpfte gern ins vorgewärmte Bett und war froh, wenn er nicht allein schlief. Er mochte es, sich an Klaras...



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