E-Book, Deutsch, Band 2, 628 Seiten
Reihe: Das Jahr des Fuchses
Gross Der Minstrel und der Fuchs
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-3535-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fantasyroman. Mit farbigen Illustrationen
E-Book, Deutsch, Band 2, 628 Seiten
Reihe: Das Jahr des Fuchses
ISBN: 978-3-8192-3535-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rainer Gross, Jahrgang 1962, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Er lebt mit seiner Frau als freier Schriftsteller seit 2014 in Reutlingen. Von Rainer Gross bisher erschienene Fantasy: Tempel des Königs (2016); Das Jahr des Fuchses (2025).
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3 Hyazinthes Gärtlein
Am Wegrand fiel der Buchenwald steil ins Tal hinab. Es ging sich in dem grünen Saal heiter und unbeschwert. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass es nach Hause gehe. Das veränderte seinen Weg. Das veränderte jedes Erlebnis und jede Begegnung. Die Straße der Träumer war zu einer Straße der Heimkehr geworden.
Da entdeckte er seitab einen Felsvorsprung, der über das Tal hinaus ragte. Er spürte plötzlich, dass dort eine Geschichte auf ihn wartete. Er kletterte hinüber, der Grat wurde schmal, und dann langte er auf einem kleinen Plateau an. Alte Bäume verbargen es vor Blicken, eine zerfallene Mauer erhob sich wie der Zahn der Zeit, und im Hof, den die Mauern bildeten, blühte ein See blauer Blumen, und ein Beet mit Salat war in einem Winkel angelegt.
Es war ein kleines, abgeschiedenes Gärtchen, das er da entdeckt hatte. Ein lieblicher Ort. So klein der Ort war, zeugte er doch von einer geduldigen Sorge und Pflege, geschont und gehegt für tausend kleine Wünsche, für eine trällernde Hoffnung am Mittag im Schatten einer Buche. Regen gingen dort nieder, die Winde wechselten, die Frucht reifte über den Sommer, der Stein trug geduldig und scherbte manchmal klingelnd ins Tal, Vögel besuchten die Kronen und sangen ihre Lieder. Ein Ort, an dem man bleiben konnte für eine Weile.
Er kostete den Salat, er schmeckte herb und nussig und knirschte zwischen den Zähnen. Dann betrachtete er die Blümchen näher und fand sie wie einen Schwarm von Schmetterlingen mit vier Blütenflügeln, in der Mitte ein Nest aus Gelb. Zufrieden setzte er sich unter eine der Buchen und wartete auf die Geschichte. Die Sonne flimmerte im Laub, aus einem Brunnenrohr rieselte es, ein schwermütiger Laut an diesem verborgenen Ort.
Statt der Geschichte erschien ein Mädchen. Es tauchte plötzlich im Geviert auf und schaute ihn zornig an.
»Wie kommt Ihr denn hierher?«, fragte sie.
»Zu Fuß«, sagte er wahrheitsgemäß.
»Wer hat Euch das erlaubt?«
»Das Jahr des Fuchses«, gab er zur Antwort. »Gehört denn dieser Garten jemandem?«
»Natürlich«, sagte das Mädchen und stemmte die Hände in die Hüften. »Hyazinthe!«
»Und wer ist Hyazinthe?«
»Das bin ich.«
»Guten Tag, Hyazinthe! Ein schönes Gärtlein hast du.«
»Es ist das Einzige, was ich ganz für mich habe. Und nun kommt Ihr daher«, sagte sie und verzog wieder das Gesicht.
»Keine Sorge! Ich bleibe nicht lange, nun, nachdem ich weiß, dass dieser Ort jemandem gehört. Ich suche nur nach einer Geschichte, die sich hier versteckt hat.«
»Eine Geschichte?« Jetzt strahlte ihr Gesicht. »Seid Ihr ein Geschichtenerzähler?«
»Ja. Ich bin Fahrender Sänger und Jäster zugleich. Ich bin ein Minstrel.«
Sie schaute ihn eine Weile an, dann lachte sie. »Ihr seid der berühmte Minstrel ohne Namen, habe ich recht?«
»Ob berühmt, weiß ich nicht. Aber der bin ich.«
Sie lief zu ihm hin und blieb vor ihm stehen. Jetzt lag ein verzweifeltes Bitten in ihren Augen.
»Ihr müsst mir eine Geschichte erzählen!«, bettelte sie und hob die Hände. »Bitte!«
»Nun, nun«, meinte er und wusste nicht, ob er sich geschmeichelt oder bedrängt fühlen sollte. »Ich bin ein Jäster. Da wird sich schon eine Geschichte finden. Setz dich her.«
Sie nahm neben ihm Platz, die Buche schenkte ihnen Schatten, er lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm und begann.
»Es war einmal ein Mädchen, das hieß Sonnenwirbelchen. Es war in einem Turm gefangen, weil es immer den Salat aus dem Garten der Stiefmutter genascht hatte. Da kam eines Tages – «
»Doch nicht diese Geschichte«, unterbrach das Mädchen enttäuscht. »Die kenne ich.«
»Die kennst du?«, fragte er verdutzt. Er hatte eigentlich geglaubt, sie gerade erst zu erfinden.
»Ja. Und das mit dem goldenen Haar, das das Mädchen herab lässt, damit der Prinz hinauf steigen kann – das sind olle Kamellen.«
»So. Aha.«
»Nein, ich brauche eine Geschichte, die ich noch nicht kenne. Eine ganz bestimmte. Eine Geschichte von Hyazinthe und ihrem Gärtlein.«
»Aber Hyazinthe bist doch du«, wandte er erstaunt ein. »Ich soll dir deine eigene Geschichte erzählen?«
»Neiiiin«, sagte sie ungeduldig. »Nicht die Hyazinthe in der Wirklichkeit. Die Hyazinthe in der Geschichte. Die kenne ich nämlich noch nicht. Sonst wäre ich ja nicht hier gefangen. Erzähl mir eine Geschichte, und wenn es die richtige ist, bin ich frei.«
»Frei? Wovon frei?«
»Von dem Bann. Ich bin hierher verbannt worden, das Gärtlein zu hüten, egal wie lange. Es ist eine Geschichte, versteht Ihr, und wenn ich die Geschichte erfahre, und vor allem: wenn ich weiß, wie sie ausgeht, dann löst sich der Bann.«
So etwas Verrücktes hatte er noch nicht gehört. Was es alles gab im Jahr des Fuchses!
Er blieb misstrauisch. Er hatte den Eindruck, das Mädchen erzählte ihm nicht die ganze Wahrheit. Er vermutete eher, dass sie eigentlich hier ganz zufrieden war und nicht weg wollte. Und was würde passieren, wenn er tatsächlich die richtige Geschichte erzählte? Das Mädchen würde der Wahrheit gegenüber stehen und plötzlich gehen müssen. Da konnte werweißwas geschehen!
»Und was geschieht, wenn ich die falsche Geschichte erzähle?«
Sie blickte zu Boden und meinte nebenhin: »Nichts weiter.«
»Nichts weiter als was?«
»Ich weiß es nicht. Keine Ahnung«, sagte sie und zuckte mit den Schultern.
»Sind denn schon viele gekommen, die du um eine Geschichte gebeten hast?«, fragte er argwöhnisch.
»Ihr seid der Erste. Das schwöre ich!«, meinte sie eifrig.
»Hör mal zu! Wenn du mich hier anlügst, kann ich dir keine Geschichte erzählen. Dann gehe ich einfach wieder, und du kannst bis in alle Ewigkeit hier deinen Salat wässern.«
»Das«, sagte sie verlegen und blickte ihn nicht an, »geht leider nicht.«
»Was? Wieso geht das nicht?«
»Ihr habt das Gärtlein betreten. Ihr seid jetzt mit unter dem Bann. Ihr könnt nicht mehr gehen.«
Da wurde er wütend und erhob sich. »Das wollen wir doch mal sehen!«, rief er und wollte gerade sein Felleisen schnappen und davon stapfen – ungehindert natürlich –, weil ja kein Zauber im Jahr des Fuchses eine Wirkung auf ihn hatte. Bann und Fluch und Geschichten konnten ihm also herzlich egal sein. Aber das Mädchen tat ihm leid. Auch wenn sie vielleicht nicht ganz aufrichtig war, wollte er ihr doch ihre Geschichte geben. Ob sie dann frei war oder von selbst gemachten Bindungen immer noch gefesselt, würde sich heraus stellen.
»Also gut«, sagte er und setzte sich wieder. Jetzt tauchte in ihren Augen Hoffnung auf.
»Aber bist du sicher, dass du die Geschichte hören willst? Es kann nämlich sein, dass sie dein Leben verändert. Dass hinterher nichts mehr so ist, wie es war ... «
»Das wird sich zeigen«, seufzte sie und drückte sich zutraulich an ihn. »Fangt an!«
Er hatte keine Ahnung von der Geschichte. Sie war es sicher, die er gespürt hatte. Er hatte gedacht, sie in aller Ruhe suchen zu können. Und jetzt musste er aus dem Stegreif irgendetwas erfinden. Wenn er Geschichten erfand, war es ihm oft, als kämen sie ihm zugeflogen oder als wären sie schon vorhanden und er brauchte sie bloß nachzuerzählen. Er hoffte, dass das auch diesmal so war.
Als er den Mund öffnete, hörte er plötzlich eine Stimme in seinem Kopf. Tatsächlich: Sie erzählte ihm die Geschichte. Der Ort selbst erzählte sie ihm, der Mittag, die Sonne im Laub, der Wind in den Bäumen. Hyazinthe sah ihn erwartungsvoll an, und er wiederholte nur, was ihm die Stimme erzählte.
»Auf einem Hof wohnte eine Familie mit drei Kindern. Eines davon aber, die kleine Hyazinthe, war nicht ihr eigenes. Jeden Abend, wenn sie im Bett lag und unten in der Stube die Stimmen der Eltern hörte, sah sie vor sich einen Garten mit Bäumen und Büschen und Beeten voll schwarzer Erde, in denen tausend blaue Blumen blühten. Der Garten war von Mauern umgeben und lag hoch oben im Himmel. Sie wusste, dass dies ihre ganz eigene Erinnerung war und nicht von ihrem Elternhause herkam.«
So geht es oft in der Welt, dachte er und seufzte. Ein Mensch tritt auf und hat sich nicht ausgesucht, wie und wozu, und hinterher muss er feststellen, dass er woanders hingehört, und trägt ein Leben lang daran.
Woran?, fragte es da in seinem Kopf.
Oha, also!, dachte er überrascht. Die erste Geschichte, die mit sich reden lässt. Das habe ich noch nicht erlebt.
An der verfehlten Heimat, dachte er.
Oder der verlorenen.
Oder der verlorenen. Herkunft und Zukunft sind einander so ähnlich,...




