E-Book, Deutsch, Band 3, 626 Seiten
Reihe: Das Jahr des Fuchses
Gross Die Rückkehr des Königs
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-8612-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fantasyroman. Mit farbigen Illustrationen
E-Book, Deutsch, Band 3, 626 Seiten
Reihe: Das Jahr des Fuchses
ISBN: 978-3-8192-8612-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literatur und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er erhielt 2008 den Friedrich-Glauser-Debütpreis. Von Rainer Gross bisher erschienene Fantasy: Tempel des Königs (2016); Das Jahr des Fuchses (2025); Der Minstrel und der Fuchs (2025)
Autoren/Hrsg.
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1
Das Kirschblütenwunder
Es war eine herrliche Zeit. Unbekümmert wanderte er umher, sang seine Lieder dem, der sie hören wollte, begegnete Menschen und wunderlichen Gestalten, erlebte manches Kuriosum und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen, wann immer es ging.
Er wusste nun, dass der König kommen würde, und das nicht in ferner Zeit, sondern bald. Wie bald, das wusste er allerdings nicht. Er freute sich darauf, es gab ihm Langmut, manches Übel zu ertragen, er schüttelte den Kopf über die Menschen und das Gelichter, die ihren Beschäftigungen nachgingen, als würde alles ewig so weitergehen, und blickte zuversichtlich voraus. Dass etwas am Kommen war, spürten die Leute wohl. Wenigstens die Empfindsamen und Feinnervigen. Wer Sinne hatte, fühlte es auch in der Luft, im Wasser, in der Erde. Manche munkelten hinter vorgehaltener Hand von einem Kommenden, das alles verändern würde, sagten aber weiter nichts. Mancher hatte etwas läuten hören, wusste aber nicht, wo die Glocke hing.
Er wusste es. Wer ihn fragte, bekam Antwort. Aber er wollte sich nicht aufdrängen. Wozu auch? Wenn der König käme, läge sowieso alles am Tag.
Aber es gab Zeichen.
Das Jahr des Fuchses war im Wandel.
Die Zeichen waren für ihn deutlich sichtbar. Immer öfter kam er durch abgelegene Gegenden – ein stilles Wiesental etwa oder einen Hochwald oder durch ein verwunschenes Hügelland –, die verwandelt worden waren. Vielleicht wäre niemandem sonst die Veränderung aufgefallen; aber er fühlte es sofort.
Die Luft schmeckte wie Wein. Das Wasser war klar und süß und hatte Kraft. Das Kraut, die Blumen, die Bäume flirrten vor Lebendigkeit, alles um ihn her war voller Leben, wie er es noch nie gefühlt hatte, alle Dinge waren wie befreit von Fesseln. Die Wirklichkeit prickelte auf der Haut, die Immen sangen mit ihrem Flug, die mannshohen Glockenblumen läuteten, die Himbeeren waren so groß wie Melonen, die Pilze sprossen feist und dufteten, die Kräuter heilten jedes Gebrechen, und selbst der Himmel strahlte in einem Blau, wie er es noch nie gesehen hatte.
Solche verwandelten Gegenden fand er immer öfter. Er fragte sich, was die Leute dazu sagen würden, wenn sie es sähen. Wenn so ein Wunder einmal in besiedelten Gegenden geschehen würde.
Er ging am Rand eines Tales entlang und schaute aus nach einer Lücke im Wald, durch die er würde hinab blicken können. Er witterte in die Luft und spürte etwas Ähnliches wie in den verwandelten Gegenden.
Was er spürte, war ein Aufbrechen der Natur. Wie im Frühling, aber den gab es nicht im Jahr des Fuchses.
Was er spürte, war ein Leichtmut und eine Heiterkeit in der Luft. Die Wege waren bequem und die Gebüsche licht. Eine Freude prickelte in den Gliedern, die Lust auf Entdeckungen und Überraschungen machte. So ging er oben am Talrand und fand endlich eine Lücke zwischen den Bäumen. Er trat an den Talhang heran und schaute hinab.
Das Tal war licht und hell. Eine Helle lag darüber, die schimmerte und die den Dingen eine goldene Aura verlieh. Das Tal war grün und fruchtbar, und die Bäume, die dicht dort standen, trugen Wolken aus Schnee.
So sah es zumindest aus. Er aber kannte Schnee, aus den Schneebergen im Osten, und er wusste: Das ist kein Schnee. Das sind Blüten!
Die Bäume waren über und über voll mit weißen Kirschblüten. Das ganze Tal, hinauf und hinunter, blühte es in Wolken. Ein Anblick, der ihn tief berührte.
Er suchte einen Pfad und stieg hinab. Das Tal war weit, sanft, und um manchen Weidenpfahl flitterte das Licht. Unten bei den Bäumen sah er, dass die Blüten unzählbar waren, dicht an dicht an den Zweigen, ein reinstes Weiß, rosa überlaufen, mit dem gelben Stempel in der Mitte, wie sich’s gehörte. Was sich nicht gehörte, war die Menge: So volle Kirschbäume hatte er noch nie gesehen. Er wusste nicht, dass das Tal für seine Kirschen berühmt war und dass erst vor einer Woche die Kirschernte zu Ende gegangen war. Diese zweite Blüte kam für alle völlig überraschend und war ein Wunder.
Als er in ein Dorf kam, waren die Gassen leer. Aus den Fenstern hing Bettzeug zum Lüften, die Katzen lagen faul auf den Trittsteinen, und niemand kam gegangen, nicht einmal ein Kind.
Er wunderte sich und suchte nach den Bewohnern. Er ging aus dem Dorf hinaus und weiter das Tal aufwärts. Und da sah er sie alle unter den blühenden Bäumen sitzen, auf Tüchern und Mänteln, sah sie plaudern und Lieder singen, lachen und scherzen, schmausen und trinken. Ein paar tanzten einen Reigen, und alles war fröhlich und ausgelassen.
Hier lässt sich gut leben, dachte er und ging hinüber.
Von den Sitzenden wurde er mit großem Hallo begrüßt und eingeladen, er dankte und lächelte und ging weiter, und dann fand er eine Gruppe von alten Männern auf einem Laken sitzen und palavern. Das waren sicher die Dorfältesten.
Er ging hin, wurde wieder eingeladen, setzte sich diesmal dazu und versuchte heraus zu bekommen, worum es ging. Die Männer sprachen den Krügen Most zu, in die ab und zu ein Blütenblatt rieselte, und über ihm war der Himmel schneeweiß.
Er hatte noch nie aus Zeitvertreib einfach unter Kirschblüten gesessen. Es war ein heiteres, aber auch andächtiges Sitzen und Schauen. Im Grunde brauchte es die ganze lärmige Fröhlichkeit nicht, dachte er. Einfach sitzen und schauen genügte.
Indes hatten die Menschen hier etwas zu feiern. Die Männer um ihn her staunten wie er. Mit Worten. Es ging in ihrem Gespräch darum, was nun mit dem Wunder zu geschehen habe. So wie es aussah und wie rasch es blühte, würden bald wieder die ersten Früchte wachsen. Die Immen kamen mit dem Bestäuben kaum hinterher. Und so zahlreich die Blüten waren, ließen sie eine doppelt so große Ernte erhoffen wie sonst.
Sie hielten sich nicht mit der Frage nach dem Warum auf. Sie blickten bereits voraus auf das, was das Wunder für sie bedeutete. Männer der Voraussicht waren sie. Kluge, weise Männer, wenn es darum ging, die Belange des Dorfes im Blick zu haben. Aber dumme Toren, dachte er, als er so zuhörte, die nicht sahen, was vor ihren Augen vorging.
Sie überlegten, neue Scheuern zu bauen, um die vielen Früchte lagern zu können; sie überlegten, die ganzen abgefallenen Blüten zu sammeln und Likör daraus zu machen; sie dachten darüber nach, wo man Helfer dingen konnte bei der gewiss bald anstehenden Lese. Sie redeten von Kirschwasser und Kirschmarmelade und eingekochten Kirschen.
Tüchtige Männer,! dachte er sarkastisch. Aber dass niemand sich fragte, woher das alles kam! Wieso jetzt? Wieso überhaupt? Hatte es so etwas im Jahr des Fuchses, in dem zwar alles gedieh und fruchtete, je in solchen Maße gegeben?
Er hörte noch eine Weile zu und merkte, dass sich da nichts weiter ergab. Die Ältesten waren dabei, den versprochenen Reichtum zu verteilen. Für Fragen nach dem Wandel, der vorging, war kein Platz.
Bekümmert stand er auf, nickte höflich und ging weiter. Er kam zu einer Gruppe aus einfachen Menschen, Frauen und Kindern und Knechten, und setzte sich zu ihnen. Sie lachten und erzählten einander, und immer wieder hoben sie ihre staunenden Blicke in die Bäume.
»Das ist ein Wunder, was?«, sagte einer und stieß ihn an.
»Und dabei haben wir die Kirschernte schon gehabt. Vor zwei Wochen erst. Und jetzt das!«
»Hat es das bei euch noch nie gegeben?«, fragte er.
»Noch nie. Wie gesagt: ein Wunder!«
»Aber woher kommt das Wunder?«, fragte er nach.
»Wie meinst du das?«
»Na, wer ist dafür verantwortlich?«, sagte er. »Wer hat das gemacht?«
»Wieso soll das jemand gemacht haben?«, fragte der Mann zurück. Und eine Frau meinte: »Wer sollte sowas machen können? Es ist das Jahr des Fuchses, das ist alles!«
»Es geschehen im Jahr des Fuchses doch immer wieder Wunder«, ließ sich ein Jüngling vernehmen. »Wir haben oft davon gehört. Und nun erleben wir auch mal eins.«
»Ihr habt von solchen Wunder gehört?«
»Ja, in letzter Zeit hört man immer wieder von solchen Absonderlichkeiten. Nicht weit weg von hier wächst der Weizen armdick, und die Scheunen können die Ernte gar nicht fassen.«
»Und von einem Fischteich in der Nähe habe ich gehört, da werden die Karpfen so groß wie Kälber. Sie brauchen dort drei Männer, um sie aus dem Wasser zu ziehen.«
»Ja, ja. Immer wieder haben wir davon gehört. Und jetzt hat es uns auch erwischt.«
»Aber diese vielen Wunder – gibt euch das nicht zu denken?«, hakte er nach. »Ich meine, vielleicht bedeuten sie ja etwas.«,
»Was sollen Wunder anderes bedeuten als Wunder?«, sagte die Frau verständnislos. »Sie bedeuten, dass wir so viele Kirschen haben werden, dass wir alles auf dem Markt im Flecken verkaufen können und reich werden!« Sie lachte.
»Na ja, aber vielleicht sind es mehr als nur...




