Gross | Die Welt meiner Schwestern | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

Gross Die Welt meiner Schwestern

Roman Neuausgabe
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-4762-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman Neuausgabe

E-Book, Deutsch, 222 Seiten

ISBN: 978-3-6951-4762-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wenn ich heute darüber nachdenke, was unsere Welt ausgemacht hat, dann denke ich, dass es eine Welt ohne Disteln und Dornen war. Deshalb gingen wir auch meist barfuß. Und wenn ich mich daran erinnere, ist es, als würde alles wieder lebendig und ich wäre wieder die Janine von damals, keinen Tag älter geworden und noch voll naiver Hoffnung. Wir wohnten alle im alten Herrenhaus. Es war unser Zuhause, wir kannten nichts anderes. Und wenn nicht Lena damals die dramatischen Geschehnisse in Gang gebracht hätte, gäbe es unsere Welt immer noch: unsere Welt ohne Disteln und Dornen.

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er erhielt 2008 den Friedrich-Glauser-Debütpreis. Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025).
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2


Wenn wir am frühen Abend Tee tranken, saß Lena bei uns im Zimmer. Von ihren Streifzügen brachte sie alle möglichen Blüten und Kräuter mit, die sie uns in den Tee mischte. Das schmeckte herrlich. Wenn wir sie dann lobten, wurde sie rot und schaute weg. Schweigend saß sie unter uns, hörte uns zu, lachte ein wenig mit, freute sich an unserem Zusammensein. Aber niemand wusste so recht, was in ihr vorging.

Wir machten uns darüber keine Gedanken. Lena war einfach Lena: mit ihren Blumenketten und bunten Sträußen, mit denen sie unsere Zimmer schmückte, mit ihren grünen Augen und der Brille. Keine hatte sie je für etwas Besonderes gehalten. Und doch war gerade sie diejenige, die die ganzen Geschehnisse ins Rollen brachte. Vielleicht hatte sie von Anfang an gewusst, was passieren würde. Vielleicht hatte sie von Anfang an geahnt, was ihre Entdeckung in Wirklichkeit bedeutete.

Manchmal frage ich mich, wie alles ausgegangen wäre, wenn sie es für sich behalten hätte. Dann wäre womöglich gar nichts passiert. Dann wären wir womöglich immer noch auf dem Anwesen, im Herrenhaus, und unsere Welt gäbe es weiterhin: unsere Welt ohne Disteln und Dornen.

Unsere Promenaden führten uns auch ins Hinterland. Dort gab es weite Felder und Kiefernhaine und Buchenwälder, in denen wir umhertollten wie in einem hellen, hohen Saal. Wir hatten einen kleinen Fluss, das war einer unserer Lieblingsplätze, das Wasser strömte kalt und klar über Felsblöcke und bildete dunkle Becken, aus deren Tiefe der Kiesgrund wie Gold heraufschimmerte. Dort saßen wir oft, wenn es auf den Feldern zu heiß war. Eine Höhle gab es auch; wenn wir dort saßen, konnten wir den ganzen Platz überblicken. Suzette war die erste gewesen, die die Höhle erkunden wollte. Eines Tages nahm sie eine Lampe mit und kroch einfach hinein. Keine von uns getraute sich, ihr zu folgen. Ich selber hatte zwar keine Angst vor der Höhle, aber an einem schönen Tag durch Lehm und enge Löcher zu kriechen schien mir nicht sehr erstrebenswert. Die einzige, die Suzette folgte, war Kim. Sie hatte sich zuvor nackt ausgezogen, hüpfte lang und hager herum und als sie wieder herauskam, war sie von oben bis unten mit Dreck beschmiert. Suzette war schlauer gewesen, sie hatte alte Kleider angezogen, die sie hinterher im Wasser wusch. Kim aber zitterte vor Kälte. In der Sonne wärmte sie sich auf und ließ den Lehm auf der Haut trocknen. Nur um zu sehen, wie sich das anfühlte.

Dann sprang sie ins Wasser und tauchte in einem der Becken bis auf den Grund. Tief unten im Grün sah ich sie schwimmen wie ein seltenes Tier. Ihr langes schwarzes Haar floss wie ein Schleier hinter ihr her. Als sie auftauchte, war sie weiß und sauber. Sie stieg heraus, schüttelte sich, und ich konnte ihr in die grünen Augen schauen. Sie waren so grün wie das Wasser in den Becken. Das war mir nie zuvor aufgefallen. Wassertropfen hingen wie Perlen an ihren Wimpern, ihre Brauen sahen aus wie mit einem Tuschpinsel gezogen, Kim war schön. Wie oft hatte ich das bemerkt, und wie oft gleich wieder vergessen. Dann wollte sie mich ins Wasser schubsen, aber stattdessen sprang Suzette hinein und spritzte uns alle nass.

Am Fluss waren wir meist alle gemeinsam, wir zehn Freundinnen. Den Weiher aber kannten nur wenige von uns. Er lag ostwärts in einem Waldstück in einer labyrinthischen Heckenlandschaft. Der Weg dorthin war besonders schön. Für ihn nahmen wir uns Zeit. Trotz der Mittagshitze schlenderten wir gemütlich den Sandweg entlang, meist strahlte der Himmel tiefblau, und von Süden her türmten sich Wolken auf. Manchmal sprangen und hüpften wir, weil wir vor Freude nicht still sein konnten, manchmal sangen wir aus vollem Hals und versuchten dabei, einander die Hüte vom Kopf zu stoßen.

Nasti pflückte einen Strauß aus wilden, struppigen Feldblumen, aber Lena riet ihr, Gräser und Kamille hineinzuflechten, und schon war aus dem garstigen Gebinde ein herrlicher Strauß geworden. Nasti verehrte ihn Tess, die nahm ihn mit einem übertriebenen Knicks und umarmte Nasti, als wären sie ein Liebespaar.

Dann legten wir uns mitten ins Feld und schauten zwischen den schwankenden Ähren hindurch in den Himmel hinauf. Die Erde war warm und trocken, Raubvögel zogen am Himmel, und manchmal konnten wir zusehen, wie einer flügelschlagend auf der Stelle stand und sich dann plötzlich wie ein Stein fallen ließ.

Nasti fing an zu dichten. Die Verse reimten sich nicht, aber das war egal. Wir zogen die Blusen aus, lüfteten unsere Röcke, streckten die Beine in die Sonne. Ich konnte Tess’ Nabel sehen, der wirklich so weit hervorstand, wie die anderen immer behaupteten. Er sah aus wie eine runde Insel im Meer. Nasti kitzelte sie, bis sie sich kichernd wegdrehte. Claire fiel immer das besondere Licht auf, das am Himmel herrschte.

»Ein Brauthimmel«, sagte sie dann. »Heute haben wir wieder einen richtigen Brauthimmel. Wer will sich verheiraten?«

Wir lachten und schlugen scherzend Anja vor.

»Anja ist die richtige Braut«, riefen wir.

Anja freute sich. Sie wurde übermütig und krabbelte auf Claire hinauf, die beiden kugelten herum, bis Claire plötzlich aufsprang. Ich sah die Wut in ihrem Gesicht, bevor sie lachen und einen Scherz machen konnte. Worüber war sie so wütend?, fragte ich mich.

»Janine ist auch eine Braut«, rief sie.

Sie stand über uns wie ein Leuchtturm, das durchsichtige Kleid wehte im Wind, sie breitet die Arme aus und hob sie gen Himmel, legte den Kopf zurück und stieß einen Schrei aus, einen langen, schrillen Schrei, sodass mir eine Gänsehaut über den Rücken lief. Jetzt sah sie aus wie eine Prophetin, eine verrückte Seherin, die in die Zukunft schauen konnte und die sich im nächsten Moment in die Lüfte schwingen würde, emporgerissen von einer unsichtbaren Kraft.

Claire im Himmel – so nannten wir sie seither.

Am Weiher gab es eine große Wiese, die von Holunderbüschen umstanden war. Die Büsche waren zu einem Dickicht verwachsen, bildeten regelrecht Höhlen und Gänge, in denen wir herumkriechen konnten. Oft kam man ganz woanders heraus, als wo man hineingekrochen war. Es gab auch kleine, vom Holunder überwölbte Kammern, in denen wir es uns behaglich einrichteten. Im geheimnisvollen grünen Zwielicht hörten wir einander in nächster Nähe kichern und reden und konnten einander doch nicht sehen.

Wir hatten Rucksäcke dabei mit Trinken und Obst und Keksen und hielten es so ganze Nachmittage dort aus. Anja und ich hatten uns eine Kammer ausgesucht; wir aßen von den Keksen und teilten die Äpfel miteinander, und weil Anja großen Durst hatte, überließ ich ihr die Flasche Wasser allein.

Eine Zeit lang saßen wir schweigend nebeneinander. Anja war mir anvertraut, wenigstens ein bisschen. Jede von uns hatte eine jüngere Schwester, um die sie sich mehr als um andere kümmerte. Bevor Mona und Alexia es übernahmen, jede in die Geheimnisse unserer Jungfernschaft einzuweihen, standen wir für vertrauliche Gespräche und peinliche Fragen zur Verfügung.

Anja war drei Jahre jünger als ich. Sie war ein lebenslustiges, aufgewecktes Mädchen, aber manchmal hatte sie eine Scheu, die ich nicht recht verstand. Sie strich mit ihren Händen nachdenklich über ihre Beine. Sie schien über etwas sprechen zu wollen und traute sich nicht.

»Hast du Sonnenbrand?«, fragte ich entgegenkommend.

Sie lächelte verschämt und strich ihre dunklen Härchen glatt, die sie verstruwwelt hatte.

»Sonnenbrand? Nein. Aber ... ich hätte gerne auch so blonde Haare wie du, Janine. Die sieht man fast gar nicht. Das ist nur so ein goldener Schimmer bei dir. Meine sieht man überall. Das sieht hässlich aus.«

»Ach was«, widersprach ich. »Das sieht man gar nicht. Du hast Dinge, die viel schöner sind als blonde Haare.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Deine blauen Augen zum Beispiel. Meine sind wie helles Wasser, Anja. Aber deine sind tiefblau wie der Himmel oder das Meer.«

Anja schwieg wieder. Dann atmete sie tief ein und fragte, bevor sie der Mut verließ:

»Was genau ist eine Jungfrau? Alexia und Mona sagen, dass wir Jungfrauen sind und das unser kostbarstes Gut ist. Was meinen sie damit?«

Ich ´überlegte kurz. Dann sagte ich behutsam:

»Unsere Jungfernschaft ist etwas Heiliges. Und zugleich ist es das Natürlichste der Welt. Sie zeichnet uns aus. Sie ist etwas Besonderes … «

»Ja, aber was ist damit gemeint? Ich hab versucht, mir zwischen die Beine zu sehen. Mit dem Handspiegel. Aber ich konnte vor lauter Haaren nichts erkennen. Was ist das da unten, das uns zu Jungfrauen macht?«

»Das werden dir Alexia und Mona alles genau erklären. Sie werden es dir zeigen. Aber das ist ein ernster Moment. Wir sind Jungfrauen, Anja. Ob wir es sehen können oder nicht. Niemand hat je unsere Blume entblößt. Nur wir dürfen das tun. Warum willst du es sehen?«

»Weil ich nicht verstehe, was das heißt: eine Jungfrau. Wir sind doch alle...



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