Gross | Faszination Dominikanische Republik | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

Gross Faszination Dominikanische Republik

Aufzeichnungen eines Botanikers
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-4999-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Aufzeichnungen eines Botanikers

E-Book, Deutsch, 132 Seiten

ISBN: 978-3-7578-4999-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Entwicklungshelfer jahrelang in verschiedenen tropischen Ländern u.a. auch in der Dominikanischen Republik unterwegs. Einen Teil seiner Eindrücke schreibt er in diesem Werk nieder. Als promovierter Botaniker lässt er den geneigten Leser teilnehmen an einer Reihe von Streifzügen, wo eine Vielzahl von unterschiedlichen Landschaftselementen und ihrer arten- und formenreichen Flora beschrieben werden.

Gerhard Groß, geboren 1944 in Kehl bei Straßburg, verheiratet, zwei Söhne Promovierter Botaniker Als Entwicklungshelfer u.a. in Ruanda sowie in der Dominikanischen Republik tätig.
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So fing es an...


Wir schreiben das Jahr 1985. Ein Regierungswechsel im Nachbarstaat Haiti alarmiert die Offiziellen der Dominikanischen Republik. Die Grenze wird gesperrt. Das schießwütige dominikanische Militär meuchelt haitianische Kuhhirten, weil sie offensichtlich Milchkannen transportieren und Milch über die Grenze schmuggeln. Die Grenze ist der „Rio Masacre“ bei Dajabon, der ohnehin, zu Trujillos Zeiten, eine makabre Rolle im Geschichtsbuch der Dominikanischen Republik spielt. Diktator Trujillo, der damals seinem Gesinnungsgenossen Hitler den Krieg erklärte, worauf dieser angeblich sich auf der Weltkarte die Insel zeigen ließ und sie wütend mit einem Stift ausradierte.

Ich arbeite seit etwa einem Monat als Entwicklungshelfer des Deutschen Entwicklungsdienstes im “Departamento Vida Silvestre“, das ist eine dem Landwirtschaftsministerium untergeordnete Abteilung, die sich der Erforschung schutzwürdiger Räume widmet. Die Arbeit ist sehr komplex. Man erwartet eine, wie der Bayer sagt, eierlegende Milchsau, die den vielfältigen Aufgaben gerecht werden soll. Zum Glück habe ich als Vorgänger den Deutschen Jürgen, dessen jahrelange Erfahrung sehr hilfreich ist. Dazu kommen liebenswürdige einheimische Kollegen aus der Fachabteilung des botanischen Gartens, dessen umfangreiches Herbarium Seinesgleichen im karibischen Raum sucht.

So eine Arbeit im Landwirtschaftsministerium ist aus vielerlei Aspekten äußerst interessant. Man lernt schnell, dass Etikette und Kleiderordnung mindestens so wichtig sind wie fachliche Kompetenz. So ist es der ältere Daniel, der mich auf meinen fehlenden Hosengürtel aufmerksam macht. Und auch die nicht glänzenden Schuhe beanstandet. Und trotzdem lädt er mich ein in sein “Patio“, was man mit einem fast schrebergartenähnlichen Geländestück vergleichen könnte, wo die Ehefrau meist das Zepter führt. In seinem Falle hat er sich der Leidenschaft der Kaninchenzucht gewidmet. Er hat einen Teil seines Eigentums mit Maschendrahtzaun abgesperrt. In seiner Freizeit setzt er sich genüsslich in einen ausladenden Ohrensessel innerhalb des Auslaufs und füttert die Kaninchen. Eine Idylle mit glücklichem Mann in einer lauten Umgebung, die von eng aneinandergeklebten Häusern und Blechkarawanen in einem meeresnahen Stadtteil von Santo Domingo umgeben ist.

Die Damenwelt im Ministerium lässt sich so Manches an „outfit“ einfallen. Dies betrifft Kleider, Schminke und Rosendüfte in allen erdenklichen Varianten, die von Jüngeren wie Älteren gleichermaßen getragen und aufgetragen werden. Manchmal erinnern sie an in Bändern eingewickelte, gepuderte Pralinenschachteln, wo das Gehirn nur eine sekundäre Rolle spielt. Aber man gewöhnt sich gerne daran und passt sich so gut wie möglich an. Und so entdeckt man im Laufe der Zeit zahlreiche liebenswerte Menschen, an die man sich immer wieder gerne erinnert.

Da ist der Ornithologe Thomas. Er wohnt mit seiner Mutter in einem abrissfähigen Hochhaus am Rande des „Rio Ozama“. Das ist der Fluss im Ostteil der Altstadt von Santo Domingo, wo einst Kolumbus mit seinen Gefährten den Anker warf. Thomas ist der einzige Frühaufsteher unseres Kollegiums, mit dem ich, nicht selten mit der betagten amerikanischen Misses Dod, in der Morgendämmerung Vögel im Umland von Santo Domingo beobachten darf. Da ist der kompetente Botaniker Ricardo des hiesigen botanischen Gartens, der mich unermüdlich in die Geheimniswelt der dominikanischen Flora einführt. Zahlreiche neu entdeckte Pflanzenarten tragen seinen Namen. Unser Chef ist Emilio, der seine Kinderzeit im haitianischen Grenzgebiet Elias Pinas verbrachte und die haitianische Sprache beherrscht. Ein harmonisch wirkender Familienmensch, der versucht, die Mannschaft zusammenzuhalten. Betrachten wir den dicken Freddi, der sich der Untersuchung von Reptilien und Amphibien widmet. Sein Konterfei hängt wie ein stattliches Gemälde im Saal seiner Wohnung und wird von Frau und Kindern bewundert. Bemerkenswert sind seine nächtlichen, melodischen Schnarchtöne während unserer zahlreichen Exkursionen, die ich wie eine von Mozart entworfene Nachtmusik empfinde. Eine von Puerto Viejo aus geplante Bootsfahrt zu einem entlegenen Gebiet der Bergregion Sierra Martin Garcia wurde abgesagt. Auch deshalb, weil „Uns Freddi“ nicht schwimmen konnte. Nicht zuletzt erwähnenswert ist der alte Manuel mit seinen im Gegensatz zu seiner Haut perlweißen Zähnen. Er ist stolzer Vater von zahlreichen Kindern, aus der man lässig zwei Fußballmannschaften ausstatten könnte. Ein kleines Männlein, dessen Frauen zum Teil als Putzhilfen im Departamento arbeiten. Soweit die Beschreibung eines Teiles meines Kollegiums, mit dem ich die folgenden Arbeitsjahre verbringe. Unsere Tätigkeit liegt vor allem in der floristischen Erforschung schutzwürdiger Zonen im ganzen Land. Ausgestattet mit zwei Geländefahrzeugen, Zelten und Kochgeschirr sind wir unterwegs.

Es ist Frühjahr im Jahre 1985. In Haiti rumort es wieder einmal. Das permanent unter Armut lebende Volk ehemaliger Sklaven ist nicht mit der Politik einverstanden, deren Drehbuch von Frankreich und Nordamerika geschrieben wird. „Baby Doc“, der in die Fußstapfen seines Vaters „Papa Doc“ trat, muss abdanken. Das Volk hat wieder einmal genug von der Korruptionsphilosophie dieses Familienclans. Nun, in Frankreich wird er diplomatische Aufnahme erhalten und wie ein König in einem der zahlreichen Schlösser an der Loire unterkommen.

Da die Grenze hermetisch abgeriegelt ist und nur wenige Zuckerrohr schneidende Arbeiter aus Haiti mit entsprechenden Papieren die Ernte einbringen können, muss gemäß Beschluss der Regierung zunächst die Arbeit beispielhaft von Vertretern des Landwirtschafts-Ministeriums ausgeführt werden. Sozusagen als Nachahmungsempfehlung für die dominikanische Bevölkerung. Es fahren also Busse vor, die Herren und Damen vor allem unserer Abteilung aufnehmen und sich in Richtung der Küstenstraße begeben. Dabei wissen es wohl nur die „Höheren“, wohin es geht und was der Zweck dieser Reise sein soll. Im Raum Bani steigen wir aus. Dort breiten sich üppige Zuckerrohrfelder bis nach Barahona und noch viel weiter aus. In der Nähe werden wir Zeuge eines Vorganges, der sicherlich gewöhnlich im hier alltäglichen Tagesverlauf ist: ein Ochse liegt fast regungslos im Feld und ist ein Teil von Zugtieren, die einen mit Zuckerrohr beladenen Karren ziehen sollen. Der Ochse wird mit einer lanzenartigen Stange malträtiert. Er steht auf und zieht mit seinen Artgenossen den Karren. Zwanzig Haitianer und ihr hellhäutiger dominikanische Boss, der eine Pistole trägt, betrachten mit uns das ungewohnte Schauspiel. Er gibt den Haitianern zu verstehen, dass jetzt gearbeitet werden muss.

Was sich dann vor unseren staunenden Augen abspielt, ist ein Tanz von schwarzen Pantern in der Mitte eines riesigen Zuckerrohrfeldes. Die zum basalen Teil der Zuckerrohrpflanze führende Armbewegung mit der schlagenden Machete folgt dem Rhythmus der Hüfte. Zuckerrohr (Saccharum officinalis, Poaceae) ist ein Hochgras. Die Pflanze lagert Stärke ein und wandelt diese, insbesondere in den unteren Teilen, in Saccharose um. Nach oben hin nimmt der Zuckergehalt ab. Das Kappen der oberen Pflanzenteile erfolgt durch das Auspendeln der zunächst nach unten gerichteten Drehbewegung.

Während der französischen Kolonialzeit wurde Haiti in ein riesiges Zuckerrohrfeld verwandelt. Der ausgepresste Saft wurde in mit Holz befeuerten Trocknungsanlagen raffiniert. Rumfabriken mit großen Schloten entstanden. Durch den riesigen Bedarf an Brennholz wurden ganze Waldlandschaften gerodet. In den Regenzeiten führten Wassererosionen zu irreversiblen Schäden, deren Spuren bis heute zu erkennen sind. Zucker ist süß für feine Gesellschaften. Er ist bitter für jene tropische Länder, in denen er in übertriebenem Maße angebaut und exportiert wird.

Jeder von uns bekommt eine Machete in die Hand. Dabei werden wir informiert, wie man Zuckerrohr schneidet, ohne sich selbst oder andere zu verletzen. Nach weniger als einer Stunde lässt die Begeisterung nach. Die Sonne brennt auf eine eher dem Schatten angepasste Kleidung. Die Stöckelschuhe der Damen kneifen und bohren sich in den Ackerboden. Viele setzen sich ob der ungewohnten Arbeit schon nach wenigen Minuten in den wohltuenden Schatten, aus dem unser Chef Emilio nunmehr heraustritt. Unter dem Blitzlicht von Reportern erschlägt er eine einzige Zuckerrohrpflanze. Seine Aktion erscheint später in einer Tageszeitung. Nach dem Motto: die dominikanische Nation kann ihre Zuckerrohrernte selbst bewältigen.

Nach einer Stunde, als nur noch wenige Idealisten von uns die Machetenhand schwingen, kommt ein Militärfahrzeug und versorgt uns mit Essen und Trinken. In den gewohnten Plastikbehältern wird Reis mit Bohnen und Hähnchen angeboten. Dazu bekommt jede Person eine Flasche Trinkwasser. Natürlich kümmert sich kein Mensch um die Entsorgung. Der Abfall verbleibt im Meer der Zuckerrohrfelder. Zucker ist süß. Aber seine Geschichte ist bitter. Mit gemischten Gefühlen reisen wir ab, zurück nach Santo Domingo.



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