E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Gross Fürchte dich nicht
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-3162-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-7557-3162-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Bradfield wohnt in einem kleinen Cottage an einem Kanal in Südwestengland. Seit drei Jahren ist sie Witwe, und das Alleinsein belastet sie. Sie hat mit Haus- und Gartenarbeit ihren Alltag, kocht ihrer Tochter Gwyneth das Essen und verkriecht sich zum Nachmittagstee im Kaminzimmer, wo die Erinnerung an ihren Mann am stärksten ist. Sie fürchtet sich vor der Welt. Die Lieblosigkeit der Menschen tut ihr körperlich weh. Sie fürchtet sich davor, verloren zu gehen. Bis sie eines Tages der Spruch: »Fürchte dich nicht« im Schaufenster eines Buchladens ins Herz trifft. Ein simpler Abreißkalender mit Bibelsprüchen eröffnet ihr bald die Kommunikation mit dem fern geglaubten Gott, und ein Gespräch beginnt, das ihr Leben verändert ...
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Wohnte im Schwarzwald, in Nürnberg und Hamburg. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Die Welt meiner Schwestern (2014); Yûomo (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); My sweet Lord (2016); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020); In La Coruna geht Picasso zu den jungen Stieren (2021); Neugeboren (2021); Skymning (2021); Die Madonnen von Vernazza (2021); Der letzte Herbst (2021).
Autoren/Hrsg.
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2 Das mit dem Stew war gestern auch so eine Sache gewesen, dachte Lisa. Sie erwartete keinen Dank. Oder doch, ein wenig. Ein bisschen Dankbarkeit, ein wenig Aufmerksamkeit. Sie wünschte sich, dass Gwyneth nicht alles für selbstverständlich nahm. Sie war jetzt neunzehn. Sie musste nicht mehr von der Mutter versorgt werden. Lisa seufzte und holte den Staubsauger aus dem Besenschrank im Flur. Sie hatte sich angewöhnt, auch den Dielenboden zu saugen und nicht zu kehren. Die Menschen sind so gedankenlos, dachte sie. Als wäre der Nächste neben ihnen kein Mensch, sondern ein Ding, das man beliebig hin und her schieben konnte. Mark war anders gewesen. Mark war aufmerksam und dachte an sie. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, fragte er immer: Wie geht’s meiner Liza? Wie war dein Tag? Er nannte sie immer Liza. Elisabeth war ja auch ein englischer Vorname. Manchmal brachte er Blumen mit, auch wenn nicht Hochzeitstag oder Geburtstag war. Bei allem, mit dem sie kam, wägte er seine Belange sorgfältig gegen ihre ab. Er versuchte immer zu verstehen, was in ihr vorging. Er wollte wissen, was sie bewegte. Das war selten zwischen Menschen. Auch in einer Ehe, erfuhr sie von Nachbarn. Das verstand Lisa nicht. Wenn man jemanden liebt, dann kreisen doch alle Gedanken um ihn. Dann ist er präsent, und es gibt nichts, was ihn so schnell aus der Aufmerksamkeit verdrängen könnte. Und wenn der Andere präsent ist, dann will ich auch wissen, was in ihm vorgeht, dachte sie und steckte den Stecker in die Steckdose, nachdem sie das Kabel vollends entrollt hatte. Dann will ich auf ihn Rücksicht nehmen. Dann kann ich ihn nicht einfach übergehen, weil ich nur mein Eigenes im Blick habe. Ich verstehe das nicht. Im Grunde verstand sie die Welt nicht. Sie wusste zwar, wie es in ihr zuging. Aber ihr leuchtete nicht ein, warum das so sein musste. Mark legte sie zum Frühstück, das sie ihm machte, immer einen kleinen Zettel hin mit einer aufmunternden Botschaft. Oder auch nur einem I love you. Er stand früh auf, die Fahrt nach Bristol dauerte etwa eine Stunde. Manchmal gab es auf der M4 Stau. Er nahm die Straße über Marlborough auf die M4, das war wesentlich schneller als über Bath und die Dörfer. Sie machte ihm das Frühstück, und sobald er aufgestanden war, legte sie sich wieder hin und schlief weiter bis neun. Jetzt schlief sie manchmal bis elf. Sie saugte das Erdgeschoss und trug dann den Sauger in den ersten Stock. Der war schon unterm Dach und hatte schräge Decken. Sie saugte die beiden Zimmer und das Kaminzimmer. Der Geruch der kalten Asche machte ihr Lust, ein neues Feuer zu machen. Sie schürte ein wenig den Kamin und legte schon einmal Holz bereit. Heute war Samstag. Gwyneth würde mit ihrer Freundin unterwegs sein, sie brauchte kein Abendessen zu kochen. Sie würde für sich etwas in der Pfanne braten, beschloss sie. Und im Kaminzimmer bei einem schönen Feuerchen Tee trinken. Und danach ein heißes Bad nehmen. Sie musste den Badeofen rechtzeitig vorheizen. Der Frühling hatte nasskalt begonnen. Wetterbesserung war nicht in Sicht. In der Natur regte sich außer den Gänseblümchen im Rasen noch nichts. Sie freute sich darauf, wenn die Haseln und die Forsythien am Kanal blühten und die Ausflugsboote, die langen Schmalboote, wieder unterwegs waren. Dann stand sie oft auf der Mühlenbrücke und schaute zu, wie die Boote in die Schleuse einfuhren. Nach dem Morgenputz ging sie hinüber in ihre Werkstatt und schaltete dort das Licht an. Die Töpferscheibe, die Regale voller Keramik, die feuchten Tonballen, die Dosen mit den Glasuren erwarteten sie. Es tat ihr gut, hier zu arbeiten. Sie hatte zwei Jahre vor Marks Tod damit angefangen. Einen Töpferkurs gemacht und sich nach und nach alles angeschafft. Nun, drei Jahre nach Marks Tod, war sie froh, dass sie eine kleine Nebentätigkeit hatte. Sie gab nun selbst Töpferkurse und verkaufte auf den Keramikmärkten in der Umgebung. Sie hatte sogar schon Stammkunden, und manche fuhren von Bath oder Swindon hier heraus, um ihre Sachen zu kaufen. Sie brauchte das Geld nicht. Marks Rente war üppig. Aber sie hatte etwas zu tun. Etwas anderes, als nur den Haushalt zu besorgen und auf Gwyneth zu warten. Sie nahm einen Batzen Ton, warf ihn auf die Töpferscheibe und schaltete sie ein. Langsam drehte sich der Erdklumpen, sie griff mit den Händen hinein, breitete ihn aus, zog ihn nach oben. Sie wollte eine Vase machen. Ihre Vasen waren beliebt. Die schlanken, eleganten Formen. Die grüne Glasur, ein Grün, das die Hügellandschaft der Downs, die Wälder, die Flussaue wiedergab, dazwischen ein Streifen Blau für den Kanal. Sie arbeitete langsam und gründlich. Manchmal verwarf sie das Stück wieder, ballte es zu einem Klumpen zusammen und begann erneut. Sie vergaß alles um sich her. Sie dachte nicht an Gwyneth oder an Ken, der in Bristol im Hörsaal saß. Sie dachte nicht an Mark, der ihr so sehr fehlte, dass sie manchmal Brustschmerzen davon bekam. Sie dachte nicht an die Welt da draußen. Sie dachte nicht daran, dass sie im Grunde Angst hatte. Angst vor ihrer Lieblosigkeit. Vor ihrer Kälte. Angst vor dem, was ihr dort passieren könnte. Sie saß und formte den Ton zwischen ihren Händen und fühlte die Nässe und die Geschmeidigkeit des Materials. Sie spürte den Formengang, die Wandlungen der Gestalt durch winzige Änderungen der Fingerhaltung. Sie spürte Frieden und Ordnung. Hier in ihrer Werkstatt war alles, wie es sein sollte. Niemand störte sie. Ab und zu kam jemand vorbei und wollte sich umsehen. Dann ergab sich ein nettes Gespräch. Solche Begegnungen waren ungefährlich: Die Leute wurden von dem Frieden angesteckt. Die Zeit verging nicht, wenn sie an der Töpferscheibe saß. Und wenn sie die fertigen Stücke in die Glasuren tauchte, war sie ganz bei sich. Das waren die wenigen Stunden am Tag, in der sie mit sich im Reinen war. In denen sie nicht darüber nachdachte, von wem sie geliebt wurde. Vor zwei Jahren hatte sie sich den alten Volvo zugelegt. Sie hatte ja keinen Wagen mehr. Marks Laguna war bei dem Unfall regelrecht zusammengefaltet worden. Im Laderaum des Volvo war genug Platz für ihre Keramik, wenn sie zu den Töpfermärkten fuhr. Nachdem das Stück fertig war, musste es soweit trocknen, dass sie die Glasuren auftragen konnte. Sie arbeitete manchmal auch mit Silikon. Das goss sie in Tropfenbahnen über das Gefäß, sodass es dort nach dem Brennen weiß blieb. Das Grün indes war ihr Geheimnis. Fast aquarellhaft und zugleich opak, ein Waldgrün, wie sie es sich erträumte. Ein Tannengrün, ein Rangergrün, ein Wacholdergrün mit dem Blauhauch der Beeren, ein Moos- und Eichengrün im hohen Sommer, ein Scallywaggrün im kühlen Laubschatten, wenn draußen der Mittag gleißt, ein Pfeifer-am-Tor-zur-Dämmerung-Grün, wo der kleine Maulwurf selig in den Armen Pans schläft, ein Feenkleidgrün, Geißblattgrün, Karfunkelgrün, ein Scarborough-Fair-Grün mit braunen Sprengseln, ein Sherwood-Forest-Grün, ein Auentalgrün aus dem Beutelhaldenweg, schwermütig und froh und geheimnisvoll, mit einer Ahnung von Oliv und Türkis. Ein Grün, dem die Leute ohne Zögern vertrauten. Ein Grün, das ihr die Welt heimisch machte. Wie machte man solch ein Grün? Sie verriet es keinem. Mineralmehle, Quarz, Kreide, Feldspat und zur Färbung Chromoxidgrün. Das war alles. Sie mixte damit wie eine Alchimistin. Sie arbeitete ein zweites Stück und stellte es ebenfalls in Trockenregal. Dann verließ sie die Werkstatt und machte das Licht aus. Sie setzte sich in der Stube ein wenig vor den Fernseher. Es nieselte draußen. Am Kanal spazieren zu gehen hatte sie keine Lust. Dann war es Zeit für die Teestunde. Sie saß allein an dem Teetisch und hörte nichts als ihre eigenen Geräusche, das Nieseln des Regens, ab und zu das Klirren des Löffels oder der Teetasse. Gwyneth würde spät kommen. Vielleicht gar nicht. Das hatte sie schon einmal gemacht: einfach bei der Freundin übernachtet. Niemand hatte es für nötig befunden, sie zu benachrichtigen. Sie hatte sich die ganze Nacht Sorgen gemacht und kaum geschlafen. Lisa stellte sie am Sonntagmorgen, als Gwyneth kam, zur Rede. Aber ihre Tochter fand, dass sie aus einem Maulwurfshügel einen Berg machte. Sie kämpfte mit den Tränen. Sie verstand nicht, weshalb ihre Tochter sich nicht vorstellen konnte, was sie als Mutter in der Nacht durchgemacht hatte. Gwyneth stand da und verdrehte die Augen. Sie fühlte Gwyneths Ärger und ihren Überdruss. Sie spürte genau, was sie von ihrer Mutter dachte. Lästig, Glucke, hoffnungslos altmodisch. Nervensäge. Sie fühlte den Abgrund, der sie beide in diesem Moment trennte. Das machte sie sprachlos. Ohne ein Wort ließ sie sie stehen und ging ins Schlafzimmer. Sie legte sich aufs Bett. Ihre Brust tat weh, und sie nahm ein Kissen und umarmte es, drückte es fest...




