E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Gross Jesus trinkt den Kaffee schwarz
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-5297-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7583-5297-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind über sechzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Fürchte dich nicht (2022); Ein Teilchen im Ozean (2022); Geweihte Steine (2022); Feste Häuser (2022); Die erste Nacht des Krieges (2022); Das Jahr des Fuchses (2022); Der Sommer der verlorenen Träume (2022); Das Adventsgeheimnis (2022); Zeit der Äpfel (2022); November-and (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023).
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Fragen
Irgendwie war Calvin unzufrieden. Er wusste selbst nicht, weshalb oder wie. Er hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein. Er hatte sein Studium begonnen an einer kleinen Universität, wie er es sich gewünscht hatte. Er hatte eine kleine, möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung ergattert nicht weit vom Campus entfernt. Er hatte sich eingelebt, hatte erste Freunde gefunden, die Atmosphäre war sehr familiär, die Dozenten jung und ansprechbar – der Start ins Studentenleben war geglückt.
Das Einzige war vielleicht, dass das Studium der Umweltwissenschaft sehr naturwissenschaftlich ausgerichtet war. Zumindest in den ersten beiden Semestern. Fachkenntnisse in Biologie. Chemie und Physik waren erforderlich, dazu Bodenkunde und Geologie, im Grunde hing ja alles mit allem zusammen.
Das war ihm klar gewesen, bevor er sich um einen Studienplatz beworben hatte. Er hatte recherchiert. Er wollte den Bachelor machen und anschließend den Master. Im Master-Studium konnte er sich spezialisieren auf Umweltwissenschaft, Klimaschutz oder Nachhaltigkeit.
Weil bei der Frage, wie die Umweltzerstörung aufzuhalten war, alles mit allem zusammenhing, umfasste das Studium auch Kulturwissenschaften, Sozialwissenschaften, internationales Recht und Politik. Das interessierte ihn.
Wie war das alles gekommen? Diese rasante Erderwärmung der letzten Jahrzehnte? Darüber diskutierte er oft mit seinen Kommilitonen. Es war im Grunde keine Frage der Naturwissenschaft, sondern der Geschichte. Wann hatte der Prozess angefangen? Was war schuld?
Die fortschreitende Technik? War die Technik die Lösung oder Teil des Problems?
Wo hatte das angefangen? Technik, dachte Calvin, ist im Grunde schon die Erfindung des Rades oder der Speerschleuder. Dass die technische Entwicklung überhaupt so lange gebraucht hatte, war höchst erstaunlich, wenn man das Tempo des Fortschritts von der Dampfmaschine bis zur Künstlichen Intelligenz betrachtete.
Die Technik hatte durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Entwicklung des Kunstdüngers erst das enorme Bevölkerungswachstum ermöglicht. Nur durch sie konnten die Milliarden Menschen weltweit überhaupt ernährt werden.
Alles hing mit allem zusammen. Das hatte Calvin begriffen.
Er hoffte, im Studium einen Überblick über die Zusammenhänge zu bekommen.
Hätte er lieber Geschichte studieren sollen? Aber Geschichte war ihm zu allgemein.
Vielleicht war das der Grund für seine Unzufriedenheit: Er hatte das Gefühl, als läge ein Schatten auf seinem jungen Leben. Eine Traurigkeit, die ihn angesichts der Entwicklung der Menschheit überkam.
Er hatte nicht den bedingungslosen Optimismus seiner Kommilitonen, dass die Ökologie und ihre Erkenntnisse, die Technik und ihre künftigen Errungenschaften die Welt retten würde.
Er wollte die Welt retten, ja. Nicht allein, sondern zusammen mit der internationalen Gemeinschaft aller Wissenschaftler. Schritte tun, die zielführend und notwendig waren.
Aber er wusste auch, dass die Menschen in den westlichen Industriestaaten ihr Leben ändern mussten. Der Energieverbrauch und Nahrungsmittelkonsum musste deutlich reduziert werden. Vielleicht musste der Individualverkehr verboten werden. Man würde nicht mehr nach Lust und Laune konsumieren können, die Zeit des Überflusses würde zu Ende gehen. Da die westlichen Wirtschaften auf Konsum und Wachstum gründeten, würden auch die Gesellschaftssysteme sich wandeln müssen. Eine Aussicht, bei der Calvin schwindelte.
So hatte er sein Studium angetreten. Diese Fragen bewegten ihn. Und nun analysierte er im Labor Bodenproben, untersuchte das Verhalten von Einzellern in Gewässern und erhob die Schadstoffkonzentration in der Luft.
Er wollte sich in Geduld üben. Vielleicht wusste er einfach noch zu wenig von der Materie, um zu den großen Fragen überzugehen. Um an einer Lösung der Probleme zu arbeiten.
Denn eines war Calvin klar: Um die zerstörerische Entwicklung aufzuhalten, würde es mehr brauchen als Essgeschirr aus Bambus oder grünen Wasserstoff.
Tagsüber beschäftigten ihn diese Fragen nicht so sehr. Seine Tage waren ausgefüllt vom Studium, von Arbeitsgruppen, von seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Bund für Umwelt und Naturschutz und nicht zuletzt durch seinen Nebenjob als Honorarkraft beim Amt für nachhaltige Entwicklung im Landratsamt.
Calvin war kein Einzelgänger. Er wusste, dass die heutigen Probleme nur im Teamwork zu lösen waren. Manchmal nahm er an Protestveranstaltungen teil, aber er hielt nichts davon, sich auf der Straße festzukleben oder das Brandenburger Tor mit Farbe zu besprühen.
Er duschte nur einmal am Tag, schaltete elektrische Geräte aus, statt sie auf Standby-Modus laufen zu lassen, hatte kein Auto, sondern fuhr alle Strecken mit dem Fahrrad oder der Bahn und hatte sich mit Mitstreitern dafür stark gemacht, dass in der Mensa-Küche regionale Produkte verwendet wurden. Er versuchte, fleischlos zu essen, aß in der Mensa oft vegetarisch, wenn er sich auch zu veganer Ernährung nicht durchringen konnte.
Er versuchte, so weit wie möglich nachhaltig zu leben.
Abends zuhause konnte er gut alleine arbeiten. Abends sah er klarer und weiter. Wenn sich die Verwicklungen und Bedürfnisse des Tages gelegt hatten und ihn das wohlige Gefühl überkam, sein Tagwerk getan zu haben, dann setzte er sich an den Laptop und arbeitete, mit seinen Büchern und Unterlagen, im Licht der Schreibtischlampe.
Selten traf er sich mit Kommilitonen und trank etwas in einer Kneipe. Sie besprachen ihre Studiumserfahrungen und fragten einander, wo sie später ihr Geld verdienen wollten.
Viele wussten noch nicht, wo sie sich einsetzen sollten. Dazu gehörte Calvin. Einerseits wollte er am liebsten in die Forschung. Andererseits wollte er in der Gesellschaft daran mitwirken, dass sich das Bewusstsein änderte und der Umweltschutz gestärkt wurde. Zudem musste man sich für einen Platz in der Forschung mit Ellenbogen gegen Mitbewerber durchsetzen können, und das lag ihm nicht.
Er wusste nicht, ob er heiraten und Kinder haben wollte. Er war für eine Begegnung offen, das ja, suchte aber nicht nach einer Frau fürs Leben. Er lernte im Studium interessante Frauen kennen, unterhielt mit ihnen aber nicht mehr als Freundschaften.
Was konkret er mit seinem Leben anfangen wollte, wusste er allerdings noch nicht.
Aber immer öfter überkam ihn am Abend eine Schwermut und Unruhe, das Gefühl, dass sein ganzes Arbeiten und Studieren vergeblich war.
Dann saß er am Abend am Schreibtisch im Licht der Lampe, trank einen Becher Kaffee und schaute hinaus auf die Lichter der Stadt.
Er stellte sich die Erde vor, diesen grünen Wandelstern, der um die Sonne kreiste, und das All mit seinen Galaxien und Sternsystemen und seiner unendlichen Weite darum herum, und er fragte sich, was er hier eigentlich machte.
Er sah auf der Straße Menschen gehen und letzte Besorgungen machen. Er sah die Lichter hinter den Fenstern, wo Menschen ihren Feierabend begingen. Er sah die Autos fahren in ihrem melancholischen Lichterspiel aus Scheinwerfern und Bremsleuchten, und mit dem scheinbaren Frieden und dem Zurruhekommen der Welt tauchten die Fragen wieder auf und wandten sich ins Grundsätzliche.
Er hatte den Abend immer gemocht. Er war der Meinung, dass der Abend die beste Zeit des Tages war. Er gewann dann Abstand und versuchte herauszufinden, wo er im Leben stand.
Das hatte seit Studiumsbeginn zugenommen. Der Umzug in die fremde Stadt und das neue Leben als Student veränderten ihn. Er war nicht mehr so unbeschwert wie in seiner Jugendzeit. Vieles gab es nun zu bedenken, und immer wieder dachte er darüber nach, welches Ziel sein Leben haben sollte.
Er nahm seinen Kaffeebecher und setzte sich aufs Sofa. Die Fragen ließen ihn nicht los.
Was machte er hier eigentlich?
In einigen Millionen Jahren würde die Sonne zu einem Roten Riesen werden und die drei nächsten Planeten einfach verschlucken. Dann war die Geschichte der Menschheit sowieso zu Ende.
Was für einen Sinn hatte sein Studium, sein Kampf gegen den Klimawandel, was für einen Sinn hatte sein ganzes Leben?
Im Grunde sind es die alten Fragen, dachte er. Das, was Menschen zu allen Zeiten bewegt hatte: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu bin ich da?
Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nur nichts?
Vielleicht hätte ich Philosophie studieren sollen, dachte er. Aber das war ihm eine Nummer zu groß. Das führte nirgends hin. Man musste etwas tun. Handeln war notwendig. Es ging nicht darum, die Welt zu interpretieren; es ging darum, sie zu verändern.
Er schaute aus dem Wohnzimmerfenster und wusste nicht weiter. Die Fragen blieben ohne Antwort. Darüber konnte er mit seinen Kommilitonen nicht reden. Für solche Gedanken hatten sie keinen Sinn.
Manchmal wünschte er sich jemanden, zu dem er gehen und Antworten bekommen würde. Ein alter Weiser. Ein Guru. Buddha vielleicht. Oder Jesus.
Calvin war nicht sonderlich religiös. Er war der Ansicht, dass man über das, was über die Welt hinausreichte, nichts wissen konnte. Jeder fand seinen eigenen Zugang zu dem großen Unbekannten. Mit vierzehn hatte...




