E-Book, Deutsch, 158 Seiten
Gross Lady d'Arbanville
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-2817-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 158 Seiten
ISBN: 978-3-7597-2817-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie und Literaturwissenschaft und anschließend Theologie an einem christlichen Semi-nar. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Glauser-Debüt-Preis ausgezeichnet. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); My sweet Lord (2016); Die sechzigste Ansicht des Berges Fuji (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Lebkuchenstadt (2020); In La Coruna geht Picasso zu den jungen Stieren (2021); Die erste Nacht des Krieges (2022); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Es kommt ein Schiff (2024); Anya (2024)
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Teil Eins
Giulia hat sich von mir getrennt.
Ich stelle mir vor: ihre Beerdigung. Viele sagen, so eine Beerdigung sei eine Möglichkeit loszulassen. Sie haben keine Ahnung. Ich wäre am liebsten davon gelaufen. Ich war stumm. Wie gelähmt. Ich musste mich überwinden, aufzustehen und dem Sarg zu folgen. Im Gottesdienst war es gut gewesen zu sitzen, alles über mich ergehen zu lassen. Wäre gern den ganzen Tag so gesessen, von mir aus allein. Der Pfarrer sprach von der Liebe, die alles glaubt, alles erträgt, alles hofft. Er hatte keine Ahnung. Blumen. Wieso Blumen? Was gab es zu feiern? Es war grotesk.
Hände schütteln musste ich. Gedämpfte Stimmen, Kondolenzwünsche. Sie hatten alle Mitgefühl, aber keine Ahnung. In mir war es tot. Ich lauschte der Stille. Nichts regte sich. Ihr Leichnam war eine Puppe, ein entstelltes Schneewittchen. Abschied nehmen davon? Sie war längst gegangen. Da half mir auch keine Zeremonie um ein Stück Leichenfleisch, einen hergerichteten Popanz, der die Grauenhaftigkeit des Geschehens noch verstärkte.
Manche behielten mich im Auge. Ich weiß es. Sie wollten prüfen, ob ich zusammenbreche. Sie wollten sehen, ob ich gefährdet sei. Aber ich war nichts, da konnte auch nichts zusammenbrechen. Ich war gar nicht da. Es war eine dritte Person, die an der Beerdigung teilnahm. Ich hatte einen Strohmann geschickt, wohltuend. Derweil stand ich draußen an der Hecke vor dem Friedhofstor und rauchte. Setzte mich, als der Zug Richtung Grab losmarschierte, ins Auto und fuhr auf die Hochfläche hinauf. Ging spazieren, eine Allee zu einem Gestütshof entlang. Setzte mich auf eine Bank und konnte endlich weinen. Ich weinte eine halbe Stunde, Rotz und Wasser, alles von der Seele. Bis ich keine Taschentücher mehr hatte. Zuerst war ich erschrocken, dann gequält, dann wütend. Dann ging ich zurück zum Gasthof und bestellte mir Kesselfleisch mit Sauerkraut. Gabelte das pfeffrige, mürbe Kraut, schnitt die Schwarte, tunkte die Brühe mit dem Bauernbrot. Ich konnte tatsächlich essen, alles nur, weil mein Strohmann unten im Tal am Grab stand und die Schaufel Erde warf. Es war wohltuend.
Ich werde ihn in Zukunft immer voraus schicken, wenn es etwas zu bestehen gibt. Das entlastet mich.
Ich warte noch ein paar Tage, bevor ich etwas unternehme. Ich weiß noch nicht was. Ich möchte nichts tun im Überschwang der Gefühle. Aber so eine Beerdigung darf es nicht noch einmal geben. Ich möchte das nicht noch einmal durchmachen. In einer Welt, in der die Liebe immer zu Grabe getragen wird, möchte ich nicht länger leben. Mein Gott ist bei mir, das weiß ich. Er wird mir helfen, einen Ausweg zu finden.
Die Stille in mir tut gut. Ich fühle mich leicht, leer, wie eine verdorrte Fruchtkapsel im Wind. Dürrstand, sagt man dazu. Das Auto steht in der Garage. Wenn ich in die Stadt gehen muss, tue ich das zu Fuß. Das Auto ist mir wichtig jetzt. Ich halte es in der Hinterhand wie einen Schatz. Ich werde es noch brauchen.
Es ist nicht das erste Mal in meinem Leben, dass ich so einen Verlust erleide. Diese Leere. Diese Sinnlosigkeit von allem, was zurück geblieben ist. Aber vor allem die Leere. Ich kann ohne Giulia weiterleben, wie man immer weiterleben kann, solange der Körper will, aber ich will nicht mehr. Ich habe es satt. Ja, ich hätte gern an der Leiche gestanden und mich von ihr verabschiedet, mit einem Monolog. Wie Cat Stevens in seinem Song: Deine Lippen scheinen Winter, hätte ich gesagt, deine Haut ist so weiß, was ist geschehen? Warum bist du so still? Schläfst du, Liebes? Ich werde dich morgen wecken, keine Sorge. Warum bin ich so traurig, warum quält es mich so? Dein Herz schlägt so lautlos, dein Atem ist so leis. Auch wenn du in deinem Grab liegst, diese Rose wird nie sterben. Ja, das hätte ich gern getan.
Aber so eine Liebe war das nicht zwischen Giulia und mir. Diese Rose wird sterben, ja, sie ist schon gestorben. So einen Abschied gab es nicht zwischen uns. Es war kein Anlass zu Tränen, diese Vorstellung einer Beerdigungsfeier.
Manchmal frage ich mich, wie es ihr jetzt geht. In ihrem neuen Leben ohne mich. Manchmal bin ich auch versucht, mit ihr zu reden, als wäre sie noch da, neben mir, nur eben jetzt unsichtbar. Das ist ein schöner Gedanke.
Ich glaube an Gott, zweifellos. Ich glaube daran, dass Gott alle Menschen wieder auferwecken wird. Das nimmt dem Tod den Stachel. Das wird auch mit Giulia geschehen, wenn sie einstmals stirbt. Und mit mir.
So eine Beerdigung schlaucht. Auch wenn sie nur erfunden ist. Giulia lebt, natürlich. Was ich tatsächlich getan habe, ist eine getrocknete Rose auf einer Waldwiese begraben. Ich habe meine Liebe zu Giulia zu Grabe getragen, symbolisch. Meine Beziehung mit ihr. Fiktion?, würde sie fragen, wenn sie es wüsste, und ich würde antworten: Fiktion ist nicht das Schlechteste. Das war notwendig. Das habe ich schon als Kind getan: Dinge beerdigt, mit denen ich abschließen musste.
Es ist merkwürdig, den Namen auf Italienisch zu schreiben. Sie hatte italienische Eltern, in der Geburtsurkunde steht die italienische Form, aber auf den Ämtern und im Alltag schrieb sie sich immer Julia. So nannte ich sie auch. Nur in seltenen Augenblicken sagte ich es italienisch: Dschulia. Das gefiel ihr. Sie hatte ein zartes römisches Profil mit ausgeprägter Nase, herrliche schwarze Augen, schmale, empfindsame Lippen – ach, wozu soll ich sie beschreiben!
Die Bilder von ihr, tief drin, die geben nicht Ruhe. Es ist, als sei sie nur verreist, in eine entlegene Gegend, in die man nicht ohne Weiteres kommt, und wenn mir ihre Abwesenheit zu dumm wird, werde ich mich auf den Weg machen und ihr nachreisen, in jene entlegene Gegend. So ein Gefühl ist das.
Giulia war stolz. Nicht stolz auf irgendetwas, ihre Leistungen, ihren Charakter, ihre Fertigkeiten, sondern einfach stolz. Sie hatte eine natürliche Selbstsicherheit und konnte die Dinge genau benennen, die unter ihrer Würde waren. Sie war nicht überheblich. Aber sie wollte von niemandem abhängig sein, wollte nicht in die Lage kommen, jemanden zu benötigen.
Manchmal gab sie mir das Gefühl, ein Versager zu sein, ein Weichling, ein halbes Kind, das die führende Hand seiner Mutter braucht. So war Giulia. Sie konnte fast unverschämt reif wirken. Eine reife Frau. Nichts Mädchenhaftes an ihr, eine stolze Römerin mit unbestechlichem Blick für die Realitäten.
Ich dagegen bin kindisch. Kindisch und unreif. Deshalb bin ich auch Schriftsteller geworden. Damit ich nach Herzenslust fabulieren, Geschichten erfinden, Märchen erzählen, Welten erschaffen kann. Ich spiele gern. Ich bin manchmal trotzig und lehne mich auf gegen Unabänderliches. Ich will ein Bedürfnis befriedigt haben, auch wenn es pubertär oder gar infantil ist. Mir bricht dabei kein Zacken aus der Krone. Ich will nicht mit aller Macht als souverän und erwachsen dastehen vor den Menschen. Ich mag die Unzulänglichkeiten an anderen, die Marotten und Schwächen, die Spleens und Egoismen, die blinden Flecken und Verbohrtheiten. Das alles deutet auf ein funktionierendes Ich.
Finde ich.
Das wollte Giulia nicht hören. Sie hatte ein Menschenbild, das schon unerbittlich war. Weshalb wir überhaupt zusammengekommen waren, ist mir jetzt ein Rätsel. Ach, was soll’s, ich rege mich nur wieder auf, das ist ja alles vorbei!
Friede ihrer Asche.
Währenddessen sitze ich hier und schreibe. Ich rede mit mir selbst, ich will sonst mit niemandem reden. Keiner meiner Freunde hat eine Ahnung, was in mir vorgeht. Jeder denkt: Er braucht Zeit für seine Trauer. Er muss es bewältigen. Er muss es verarbeiten. Eine Art Gefühlsperistaltik. Sie wissen nicht, dass in mir schon wieder etwas im Aufbruch ist. Ich will diese Beerdigungen ein für allemal beenden.
Ein Freund kommt mich besuchen. Er will nach mir schauen, das weiß ich. Ob ich keine Dummheiten mache. Es ist der alte Ole, der darf das. Der »alte« Ole ist drei Jahre jünger als ich. Er hat einen kahlrasierten Schädel, trägt einen Ohrring, liebt Irish Folk und schlägt sich als Autoschrauber in einer Klitsche von Werkstatt durchs Leben. Wenn einer mich versteht, dann er.
Wir trinken Tee, einen irischen aus Porzellanbechern, auf dem Balkon droben in meinem Hochhausnest. Die Markise gibt Schatten, er schlürft den Tee, trinkt ihn mit einem Löffel braunen Zuckers, wir reden scheinheilig über Literatur, aber ich weiß ja, was er wissen will.
Statt von Giulia zu reden und meinem angeblich bevorstehenden Suizid sage ich:
Weißt du, da gibt es doch dieses Lied. Da steht einer am Grab seiner Geliebten und nimmt Abschied. Ihre Lippen scheinen Winter, ihr Atem geht so leis, ihre Haut ist wie Schnee und so, und am Schluss heißt es: Morgen werde ich dich aufwecken, und du wirst meine Erfüllung sein. Diese Rose wird nie sterben.
Kenn ich, sagt Ole. Cat Stevens, Lady d’Arbanville. Er hat verstanden.
Das ist es, was ich mir wünsche. Eine Liebe, die den Tod überlebt. Eine Liebe, die den Anderen aus dem Tode auferweckt.
War Giulia das für dich?
Nein, das ist es ja. Ich bin kein bisschen gefährdet. Aber so eine Lady d’Arbanville –...




