Gross | Theorie der Ungewissheit | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 242 Seiten

Gross Theorie der Ungewissheit

Roman
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7387-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 242 Seiten

ISBN: 978-3-6957-7387-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Was soll ich tun?, fragt sich Luka, nachdem er sein Masterstudium in Germanistik abgeschlossen hat. Er hat drei Möglichkeiten: Lehrer zu werden, zu promovieren und an die Uni zu gehen oder es in der freien Wirtschaft zu versuchen. Sein Problem: Er weiß nicht, was er im Leben will. Henner, sein alter Studienfreund, und seine Kommilitonin Jutta, mit der ihn ein zartes Gefühl verbindet, stehen für das Alte, an dem er noch festhält. Aber das Neue tritt bald in sein Leben in Gestalt von Zaza, einer junge Afrikanerin, die er kennen und lieben lernt. Und die afrikanische Kultur und Mentalität eröffnen ihm plötzlich ganz neue Perspektiven ...

Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind über siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025); Das Turmzimmer (2025); Dies fremde Leben (2025); Farewell (2026); Der Teemeister (2026); Heimkehr (2026).
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2 Lehrjahre


Am Reutlinger Hauptbahnhof gehe ich an dem kleinen Park vorbei mit Fahnen und einem Springbrunnen, gehe die Wilhelmstraße in der Fußgängerzone hinauf bis zum Marktplatz. In dem kleinen Sträßchen, das am neuen Rathaus vorbei führt, ist meine Wohnung.

Im alten Rathaus, einem dreistöckigen Fachwerkhaus mit Fensterreihen, vorkragenden Stockwerken und einem Dachgiebel. Ganz oben, unterm Dach, habe ich zwei Zimmer, Küche, Bad.

Ich schließe die Haustür auf und komme in das kühle Treppenhaus. Nebenan ist ein Dessousgeschäft, gepflegte Damen gehen hier ein und aus. Dann drei Treppen nach oben, knackende, gebohnerte Holztreppen, wenn's hier mal brennt, denke ich oft, dann sitzt du da oben wie die Maus in der Falle.

Die Wohnung kann ich mir nur leisten, weil ich an drei Nachmittagen im Copyshop arbeite und meine Eltern mir zuschießen. Bafög kriege ich keines. Ich habe mich am Anfang nach einem Zimmer in Tübingen umgeschaut, aber da war nichts Erschwingliches zu bekommen. Horrende Mieten werden verlangt. Irgendwelche Häuslesbesitzer vermieten ein herunter gekommenes Zimmerchen für tausend Euro kalt!

Also beschloss ich, in Reutlingen zu bleiben und eben zu pendeln. Trotzdem wollte ich bei meinen Eltern ausziehen und für mich sein. Da fand ich diese Dachwohnung, renoviert, isoliert, mit Zentralheizung. Ohne meine Klause hätte ich nicht studieren können.

Ich bin gerne für mich. Brauche etwas Eigenes um mich her, eine WG wäre nichts für mich. Und wenn ich früher nach einem Tag an der Uni nach Hause kam, war diese Bude für mich immer meine Zuflucht.

Als ich in mein Reich komme, riecht es nach warmem Frühlingstag. Ich habe das eine Fenster offengelassen. Ich werfe mein Zeug auf den Schreibtisch, gehe zum Fenster und schaue nach meinen Pflänzchen. Das Gras da draußen habe ich noch nie geerntet; da wäre auch nicht viel zu ernten. Aber nun ist es ja legal.

Eine kleine Küche mit Dachschräge und Dachfenster, ein lichtloses Bad mit Toilette, ein kleines Schlafkämmerchen mit dem Fenster direkt gegen die Wand des Nachbarhauses und das geräumige Wohnzimmer, meine Stube.

Sofa, Schreibtisch, Drehstuhl, Regal aus Ziegelsteinen und Dielenbrettern, Stereoanlage, Teetischchen, Topfpflanzen, ein Esstisch mit Stühlen, weil die Küche zum Essen zu eng ist, überall warme Decken und Kissen verteilt, weil die Heizung im Winter manchmal streikt.

Hier oben, denke ich immer, wenn ich herauf komme, geht's mir gut. Im Frühling stelle ich meine selbstgezogenen Pflänzchen, einen Hirschzungenfarn, eine Passionsblume und das Cannabis in den Blumenkasten vor dem Fenster. Regen und Sonne bekommen ihnen gut, und bis halb zwölf mittags habe ich Schatten.

Jetzt scheint die späte Sonne herein und lässt den alten Dielenboden leuchten. Die Wände stehen wie Glas um mich her, eine Fliege surrt um die Müslischale, die noch vom Frühstück da steht, und die Gardinen am Fenster bauschen sich sacht.

Ich strecke mich auf dem Sofa aus und verschränke die Hände im Nacken.

Immer, wenn die Sonne sinkt, zieht es mich von Tübingen nach Hause. Den Abend gebe ich ungern her. Dadurch und durch die Pendelei habe ich von dem studentischen Leben in Tübingen nicht viel mitbekommen in den acht Jahren. Ich habe nur wenige Leute kennen gelernt, außer Henner eigentlich nur Jutta. Ich bin kein verkniffener Einzelgänger, aber Feten und Partys muss ich nicht haben. Die studentische Kultur, die sich abends in Tübingen entfaltet, hat mir manchmal schon gefehlt. Aber wie gesagt, sobald die Sonne sich rötet, zieht es mich heimwärts.

Ich hätte gerne in Tübingen gewohnt während des Studiums. Die Universitätsstadt hat ein ganz anderes Flair als meine Heimatstadt. Lebendiger, vielfältiger, internationaler, während Reutlingen für mich etwas Provinzielles, aber eben auch Bodenständiges hat. Denn manchmal wird mir die Multikulti-Szene in Tübingen zu viel, und ich bin froh, in die beschauliche alte Reichsstadt zurückzukommen.

Eigentlich könnte ich zufrieden sein mit dem Tag, denke ich. Aber ich bin es nicht. Daran ist das Nachgrübeln über meine Zukunft schuld. Ich muss irgendetwas unternehmen, denke ich, mich in irgendeine Richtung bewegen. Nur ein fahrendes Auto kann man lenken. Was wäre der nächste Schritt?

Das Gute an einem abgeschlossenen Studium ist, dass man nicht mehr der Lernende ist, der ständig Nehmende. Man kann endlich selbst etwas geben von dem, was man gelernt hat. Man kann anfangen, seine Gaben und Fähigkeiten zu entfalten. Auf dem Arbeitsmarkt heißt das: geisteswissenschaftliche Schlüsselqualifikationen. Vernetztes Denken, Umgang mit Texten aller Art, Sprachkompetenz, konzeptionelles Denken, lauter so Zeug.

Damit könnte ich mich auf dem freien Arbeitsmarkt bewerben. Als Lektor, als DaF-Lehrer, als sonstwas. Ich müsste mal die großen Zeitungen durchsuchen nach Stellenangeboten, wer weiß, was es da alles gibt. Allerdings müsste ich dann offen sein für einen Ortswechsel. Ich müsste bereit sein, meine Heimatstadt zu verlassen. Das fällt mir schwer. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Meinem Vater gehört die Bäckerei Schlotterbeck in der Kaiserstraße, Familienbetrieb, Filialen in Nürtigen und Münsingen auf der Alb. , den Teigduft in der Backstube kenne ich seit meiner Kindheit.

Am liebsten wollte ich, dass es ewig so weitergeht. Ein sorgloses Studentenleben. Keine fremde Stadt, keine andere Wohnung, nicht alles zurücklassen – ich hänge am Alten.

Aber das Neue ist noch nicht da, ist eine Vision, eine Schimäre. Ich kann mir alles und nichts vorstellen, und dass sich mein Leben jetzt wirklich grundlegend ändern soll, habe ich noch nicht begriffen.

Ich könnte auch promovieren. In Deutscher Literatur. Ein paar zusätzliche Seminare in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft belegen. Einen Doktorvater suchen. Ein interessantes, zeitgemäßes Thema. Meine Masterarbeit schrieb ich über , das kam an. Ich könnte die Dissertation mit phisophischen Erörterungen zum Menschenbild und zum Unterschied zwischen Mensch und Maschine verknüpfen. Dann könnte ich noch ein, zwei Jahre dranhängen. Oder länger. Aber auch dann, als Doktor phil, müsste ich bereit sein, an eine andere Uni zu gehen. Vielleicht sogar ins Ausland. Dass ich an der Uni in Tübingen eine Dozentenstelle bekäme, wäre unwahrscheinlich.

Ins Ausland, denke ich. Noch fremder. Fremde Sprache, fremde Kultur. Unterrichtssprache Englisch. Puh! Ins Ausland zu gehen ist ja heutzutage auf dem Arbeitsmarkt fast obligatorisch. Ich werde immer bestaunt, weil ich meinen Bachelor und den Master an der gleichen Uni gemacht habe. Man muss den Horizont erweitern, sich breit aufstellen, international vernetzt sein. Das bin ich alles nicht.

Und als Drittes bliebe noch das Referendariat und der Lehrerberuf. Gymnasiallehrer, Deutsch und Politik. Will ich das wirklich? Ein Schulmeisterlein, das Woche für Woche, Jahr für Jahr denselben Stoff herunter reißt? Aber dann könnte ich aller Voraussicht nach hier-bleiben. In Reutlingen und Umgebung. Henner bliebe mir noch ein paar Jahre erhalten, so wie's aussieht, und vieles bliebe beim Alten.

Aber ich weiß nicht, was ich will. Ich habe keinen Traum, kein Lebensziel. Nur das Eine: ein glückliches, erfülltes Leben leben. Träume im Bloch'schen Sinne als Utopien eines besseren Lebens verstehen. Schönheit wie Stendhal als Versprechen des Glücks betrachten.

Es hat keinen Sinn, denke ich, stehe auf und mache mir einen Tee, setze mich ans Fenster in die Untergangssonne und schaue hinab in die Gassen und den Marktplatz, es hat keinen Sinn, vor lauter Zögern gar nichts zu tun. Wie damals, mit zwanzig. Da habe ich wertvolle Jahre verloren. Mit dreißig bin ich spät dran als Akademiker. In diesem Alter wird schon Berufserfahrung verlangt.

Nein, ich muss etwas tun. Vorläufig einen Weg wählen, wenn auch nur halbherzig, und der Rest wird sich weisen. Aber mir ist unwohl dabei. Eine Bangigkeit wie der Gang auf dünnem Eis. Was kann passieren?, denke ich. Lehrer kannst du immer noch werden, wenn alle Stricke reißen. Lehrer sind gefragt.

Aber ich fürchte das Gefühl, in eine Sackgasse geraten zu sein. Auf ein Abstellgleis. Das Gefühl, mit meinem Leben gescheitert zu sein. Ein Urteil, Strafe, Lebensschuld. Wie bei Kafka: Je länger du vor der Tür zögerst, desto fremder wirst du dir.

Mit Henner kann ich darüber nicht sprechen. Henner wird weiterstudieren, wer weiß wie lange? Der ewige Student. Wie er das finanziert, weiß ich nicht. Er scheint eine geheime Geldquelle zu haben.

Henner hat zwei Jahre nach mir angefangen. Studiert Deutsche Literatur und Philosophie auf Master. Er war vierzig, als er sich zum Studium entschloss. Vorher war er Kunstschreiner, bekam dann eine Holzstauballergie. Lebenswende, erzwungen. Wenn schon, denn schon!, sagte er sich und beschloss, seinen Traum zu verwirklichen und zu studieren.

Wir haben uns bei einem Philosophiesemi-nar über den Deutschen Idealismus kennen gelernt und...



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