E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Gross Winter auf Helgoland
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3248-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3248-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Bisher u.a. erschienen: Grafeneck (2007, Glauser-Debüt-Preis 2008); Weiße Nächte (2008); Kettenacker (2011); Kelterblut (2012); Die Welt meiner Schwestern (2014); Yûomo (2014); Haus der Stille (2014); Schrödingers Kätzchen (2015); Haut (2015); My sweet Lord (2016); Die sechzigste Ansicht des Berges Fuji (2017); In der fernen Stadt (2017); Räucherstäbchenjahre (2018); Der Teehändler (2019); Lebkuchenstadt (2020); Ein Nachmittag am Bondi Beach (2020); Flieg zum Regenbogen (2020); Im Herz aller Dinge (2020); Frühling auf Helgoland (2020); Sommer auf Helgo-land (2020); Herbst auf Helgoland (2021).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel:
Überraschung
Der Schnee vom ersten Advent blieb nicht lange liegen. Der Wind drehte auf West, und in den ergiebigen Regen, die die Wolken vom Atlantik mitbrachten, schmolz das Weiß dahin.
Die Schäden des Sturms waren repariert: einige weggewehte Dachziegel, zwei Fensterscheiben, die zu Bruch gegangen waren, in eine der Hummerbuden war Wasser eingedrungen. Verletzt wurde nur ein älterer Mann, der bei dem Sturm draußen war und in der Lung Wai gestürzt war. Vom Nordstrand auf der Düne war ein Teil weggespült worden; das würde im Sommer wieder aufgeschüttet werden. Sonst war alles glimpflich abgegangen.
Es war kalt geworden, fünf Grad, und nachts konnte es Frost geben. Mit dem Katamaran aus Hamburg kam ein Mann. Er ging die Gangway herab und betrat zum zweiten Mal in seinem Leben die Insel. Er hatte eine weite Reise hinter sich und wusste nicht, was ihn hier erwartete. Er hatte einen Besuch zu machen. Er hatte etwas zu sagen und wusste nicht, wie es aufgenommen werden würde. Das, was er zu sagen hatte, hatte er nur einem Menschen je erzählt. Er hütete die Erinnerung wie einen Schatz, ein verachteter Schatz, der ihm mehr Leid als Freude bescherte.
Aber es war notwendig geworden, diese Erinnerung ans Licht zu holen und zu erzählen. Das hatte er erkannt. Er hatte zuhause gesessen und lange überlegt. In seinem Alter machte man eine solche Reise nicht unüberlegt. Aber dann stand sein Entschluss fest. Er packte eine Reisetasche. Er wusste nicht, wo er auf der Insel übernachten würde. Zur Not, wenn ihm die Tür gewiesen werden würde, könnte er sich in einem der Hotels einquartieren.
Er ging mit der Tasche in der Hand über die Promenade zum Taxistand. Dort sprach er die Taxifahrerin an und zeigte ihr die Adresse, wo er hin wollte.
»Das ist auf dem Oberland«, sagte die Taxifahrerin. »Ich fahr Sie hinauf. Kein Problem.«
Erleichtert setzte er sich in das Elektromobil und ließ sich im Schritttempo durch die Straßen kutschieren. Die Taxifahrerin wollte ein Gespräch mit ihm beginnen, doch er schwieg hartnäckig.
Er schaute sich im Vorbeifahren die Insel an. Das Wetter war trüb, der Himmel verhangen, die Insel wirkte öde und trist. Hier wollte er nicht leben, dachte er, auf keinen Fall! Genug, dass er für dieses eine Mal her kam.
Er hatte sich lange überlegt, ob er nicht telefonieren sollte. Aber das, was er zu sagen hatte, musste von Angesicht zu Angesicht gesagt werden. Es hatten sich in der Beziehung so viele Missverständnisse, Kränkungen und Unversöhnlichkeit angesammelt, dass nur das direkte Gespräch, wenn man sich in die Augen sehen konnte, eine Chance hatte auf Gelingen.
Und er wollte, dass es gelang. Nach all den Jahren wollte er eine Bereinigung. Er hatte genug davon, dass jeder im eigenen Saft vor sich hin schmorte, dass jeder jeden verdächtigte und verachtete. Er wollte, dass damit endlich Schluss war.
Er war kein gläubiger Mensch, jedenfalls nicht im üblichen Sinne. Er schickte kein Gebet zum Himmel, um Gelingen zu erwirken. Er hielt nichts von dieser Art Gebet. Er hielt überhaupt nicht viel von einem Gott, der versprach, jeden Tag da zu sein, und einen dann im Stich ließ.
Die Taxifahrerin ließ ihn vor dem Haus aussteigen. Ein kleiner Obolus, dann fuhr sie weg, und er stand vor dem Haus und betrachtete es. Ein Haus aus den fünfziger Jahren, wie viele hier. Der Mann wusste nichts über die Geschichte der Insel; er wunderte sich nur, dass er keine alten Häuser, nichts aus der Jahrhundertwende vorfand, obwohl das doch ein Seebad gewesen war.
Er schaute die Straße entlang, nach links, dann nach rechts. Da stand er, unter dem schweren Himmel, aus dem dünner Niesel fiel wie eine sachte Erinnerung, dass alles auf dieser Welt am Abgrund stand und scheitern konnte.
Dann trat er näher und klingelte.
»Machst du mal auf, Heidi?«, rief Nele hinunter.
»Ich kann grad nicht!«, rief Heidi zurück. »Ich sitze auf dem Klo.«
Nele sprang die Treppe hinab und öffnete.
Sie erstarrte.
Das gibt es nicht!, dachte sie. Unmöglich!
»Papa!«
»Hallo, Nele!«
»Was machst denn hier?« Sie behielt die Klinke in der Hand und vergaß, ihn herein zu bitten.
»Ich friere. Es ist kalt hier draußen. Und der ständige Wind macht es nicht besser.«
»Ach so, klar! Entschuldige! Komm rein!«
Sie trat beiseite und ließ ihn herein. Er bewegte sich langsam und bedächtig. Er stellte seine Reisetasche ab und schaute Nele an. Dann breitete er die Arme aus.
Nele erwiderte die Geste, und wie sie ihn da so spürte mit dem feuchten Mantel und der Kälte, die er ausstrahlte und dem Geruch seines Rasierwassers, wurde ihr einen kurzen Moment schwindelig vor Fremdheit.
Was machte er hier? Wie kam er dazu, sie zu besuchen, ohne Vorankündigung, ohne alles?
Sie half ihm, den Mantel auszuziehen, und hängte seine Schlägerkappe auf, die er immer trug. Ja, so kannte sie ihn. Seit zig Jahren. So hatte sie ihn gesehen, wenn sie im Dorf bei ihren Eltern zu Besuch war. Unten im Süden. Und jetzt stand er hier auf der Insel, in ihrem Hausflur, und schaute sich verlegen lächelnd um.
Heidi kam aus der Toilette und stutzte.
»Ja sowas! Herr Heidenkamps! Was machen denn hier?«
»Ich bin bloß auf einen kurzen Besuch gekommen«, sagte er, froh, sich endlich erklären zu können. »Morgen fahre ich wieder. Ich wollte nur mit dir reden, Nele«, sagte er und wandte sich an seine Tochter. »Hast du Zeit?«
»Wo bist du denn untergekommen für die Nacht, Papa?«, fragte Nele fürsorglich. »Hast du schon ein Hotelzimmer oder irgendwas?«
»Nein. Darum wollte ich mich später kümmern.«
»Ist ja Quatsch! Du schläfst natürlich hier! Gästezimmer haben wir zwar keines, aber du kannst in meinem Bett schlafen. Kein Problem.«
»Das«, sagte ihr Vater ernst, »hängt vom Ausgang des Gesprächs ab.«
»Aha?«
»Wollen Sie etwas trinken, Herr Heidenkamps? Haben Sie Hunger?«
»Nein, danke, Heidi. Ich habe auf der Fähre eine Kleinigkeit gegessen.«
»Tja«, sagte Nele etwas ratlos, »dann gehen wir mal rauf, und ich zeige dir, wie ich wohne.«
Und sie ließ ihn vorangehen. Er stieg bedächtig die steile Treppe hinauf, als müsste er mit seinen Kräften haushalten. Dabei war er gar nicht so alt. Er war erst kürzlich in Rente gegangen, mit fünfundsechzig, da kletterten andere noch auf den Mount Everest.
Oben öffnete den Nele ihm die Türen zu den Zimmern: das Bad, ihr Arbeitszimmer, das Wohnzimmer und das Schlafzimmer, das man nur vom Wohnzimmer aus betreten konnte.
Er schaute sich um, beugte sich vor und prüfte die Aussicht aus dem Fenster, schaute eine Weile die Fototapete mit dem Sommerwald an, fragte mit einer Geste, ob er sich setzen könnte, und ließ sich dann schwer in einem der Sessel nieder. Dort saß er und schaute zu Nele auf, die ein wenig hilflos mitten im Raum stand.
»Setz dich doch zu mir«, meinte ihr Vater.
»Ich mach uns einen Tee, Papa. Einverstanden?«
»Also wenn du dir schon Umstände machen willst, dann hätte ich gern einen Kaffee. Geht das?«
»Klar«, sagte Nele und war froh, das ominöse Gespräch noch etwas aufschieben zu können. Was zum Henker wollte er mit ihr besprechen, dass er dafür eigens die weite Reise gemacht hatte, noch dazu ohne Ankündigung?
Und das nach all den Jahren der Gleichgültigkeit, in denen er sich abgeschottet und zu rückgezogen hatte aus allem, was Familie anging! Es war einfach nicht zu fassen, dass er hier war.
Wie damals, als er zu meiner Einweihungsparty in Regensburg gekommen ist, dachte Nele. Auch völlig überraschend und unangekündigt. Nur auf ein Stündchen, und auch jetzt brachte er gerade so viel Zeit mit, wie er meinte, für das Gespräch zu benötigen.
Nele hatte ein bisschen Bammel davor. Würde er ihr noch ein Familiengeheimnis offenbaren? Erwartete sie eine ähnliche Eröffnung wie seinerzeit mit Kati im Flughafenrestaurant? Der Winter fing ja gut an!
Als sie den Kaffee und ihren Tee auf dem Couchtisch abgestellt hatte, setzte sie sich auf das Sofa in ihre Kuschelecke und nahm die Kapitänstasse in beide Hände. Der Tee duftete nach Gewürzen, erinnerte sie an den Adventsabend vor ein paar Tagen und gab ihr Festigkeit und Mut. Es würde schon nicht so schlimm werden, sagte sie sich.
Es fiel ihm offensichtlich schwer, zur Sache zu kommen. Er plauderte tatsächlich ein wenig, erzählte, wie es zuhause ging, fragte Nele nach ihrem Aufenthalt hier und ob sie nun länger bleiben wollte, und als sie ihm sagte, dass sie gern hierbleiben würde und nun Insu lanerin war, dass sie hier jemanden kennen gelernt hatte, aber noch nicht wusste, wie sich das entwickelte, nickte er nur und sagte: »Aha!«
Schweigen trat ein...




