E-Book, Deutsch, 226 Seiten
Gross Zeit der Weißen Nächte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-8117-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman. Neuausgabe
E-Book, Deutsch, 226 Seiten
ISBN: 978-3-6951-8117-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schrift-steller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet. Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtau-sendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025).
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Das Singen der Reißverschlüsse
Warum nehme ich Myriel mit auf diese Fahrt? Es hat harmlos angefangen. Wir haben vom Motorradfahren geredet und wohin wir im Sommer fahren. Sie wird ihren Freund in Luleå besuchen, und ich erzähle von meiner Reise ans Nordkap. Dann können wir ja eine Strecke zusammen fahren, sagte sie. Warum nicht?, dachte ich. Aber nichts ist harmlos. Mein Vorhaben ist alles andere als eine Urlaubsreise. Warum habe ich zugestimmt? Sie wird mich stören, das weiß ich. Ich sollte auf dieser Fahrt allein sein. Ich brauche die Einsamkeit, um alles wiederzufinden, was ich suche. Ich muss dort hinauf, in den Norden. Nur dort finde ich es wieder. Ich habe den Revolver im Tankrucksack, sie könnte ihn entdecken. Aber ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass wir uns jederzeit trennen können. Wenn ihre Anwesenheit mir zu viel wird, fahre ich allein weiter. Da brauche ich keine falsche Rücksicht zu nehmen. Es ist meine Fahrt.
Wem sage ich das? Wieso beginne ich mit diesen Aufzeichnungen, als wäre es eine ganz gewöhnliche Reise? Das selbstverständliche Notieren der Erlebnisse und Gedanken, wie auf früheren Fahrten. Für wen schreibe ich? Ich lege keine Rechenschaft ab, vor niemandem. Ich schreibe nur für mich selbst, für den zeitlosen Augenblick. Denn ich werde später nicht mehr auf diese Zeit zurückblicken können. Dieses Tagebuch wird nicht einmal ein Testament sein, denn ich werde dafür sorgen, dass es mich nicht überlebt.
Wir treffen uns am Morgen vor Myriels Studentenwohnheim. Sie trifft letzte Vorbereitungen, beide Maschinen stehen hoch bepackt auf dem Parkplatz, sie bekommt mit Mühe das Bein über die Sitzbank. Wir werden die Vogelfluglinie nehmen geradewegs nach Norwegen über Puttgarden, Helsingborg und Oslo. Im Seminar wird ein anderer an meiner Stelle Neues Testament lehren, die Studenten werden zusammensitzen bei Wein im Alten Stift und über die synoptische Frage disputieren, während ich schon unterwegs bin.
Mit dem Aufbruch überkommt mich das alte Tourengefühl: Die ersten Meter, die man fährt. Die vertrauten Straßen, die man lange nicht wiedersehen wird. An der Ampel abbiegen Richtung Autobahn. Eigentlich mag ich Abschiede. Man kappt die Fäden und löst sich vom Alten, vieles ist noch Spiel, und das Neue, mit dem man es zu tun bekommt, ist noch nicht wahr. Ich will mir diesmal nicht die alte Frage stellen müssen, wer ich unterwegs bin. Ich will einfach aufbrechen und jemand sein, irgendjemand.
Tanken hinter Würzburg auf der A 7, halb zwei. Ich tanke dreizehn Liter bleifrei. Da ist er wieder: der vertraute Ton des Unterwegsseins. Es sind die gleichen Notizen wie damals auf der Fahrt mit Vera und Jan, über Regen in der Rhön und dass wir gut vorankommen. Die Geschwindigkeit liegt zwischen hundertzwanzig und hundertdreißig.
Die Ortsnamen erkenne ich auch wieder. Es sind keine Erinnerungen, es sind Beweise, dass das damals alles wirklich war. Keine erfundene Geschichte, sondern Wahrheit. Diese Geschichte ist tatsächlich meine. Das Wiedersehen mit den Orten und Namen rekonstruiert das Geschehene wie bei einem Kriminalfall. Damals hatte alles so arglos angefangen wie jetzt. Hätten wir gewusst, was passieren würde, wir wären sofort umgekehrt. Die Maschine liegt ruhig im Wind und flattert nicht, hinter der Scheibe der Tourenverkleidung herrscht Windstille.
Merkwürdig nur, dass ich nicht allein bin wie sonst auf meinen Fahrten. Vielleicht ist deshalb die Reise mit Jan und Vera so präsent, und die Zeit, die seither vergangen ist, scheint wie nie gewesen. An den Zapfsäulen wieder das umständliche Absteigen, Aufbocken, Zupacken am massigen Gewicht, das mir so gefällt. Schön, wie der Tank sich füllt und schwer wird. Myriel kommt vom Zahlen zurück, ich stecke den Stift ans Fahrtenbuch, lege es zurück ins Kartenfach, ziehe den Reißverschluss zu. Ich habe alles dabei, denke ich. Wie immer. Weiterfahrt zwanzig nach zwei.
Ihre japanische Maschine hat einen kleineren Tank als meine. Wir müssen deshalb öfter zum Tanken halten, als ich es gewohnt bin. Die Abstimmung des Fahrtempos aufeinander gelingt unerwartet problemlos. Sie hat einen ähnlichen Fahrstil wie ich und ein ähnliches Reiseempfinden. Wenn es mir zu beschaulich wird, verkürze ich den Abstand zwischen uns, und sie erhöht dann die Geschwindigkeit. Weil sie die schwächere Maschine hat, fährt sie voraus. Beim Überholen schwenke ich als Erster auf die linke Spur und halte sie frei für sie. Ich kann sie beim Fahren beobachten. Ich sehe, wie der Fahrtwind sie schüttelt, die Fransen ihres roten Haars flattern, keck lugen sie aus dem Spalt zwischen Halstuch und Helmrand hervor. Für sie, ohne Vollverkleidung, muss es anstrengend sein.
Nach vierhundert Kilometernmachen wir die erste Rast. Wir sitzen am Randstein mit einer Dose Cola in der Hand. Brot, Dosenwurst, Senftütchen, Taschenmesser. Der Abfalleimer ist voller Wespen, die Margarine gelb und weich, von den Büchsendeckeln läuft die Sülze. Ein Sirren in den Ohren, als wären wir ertaubt und könnten uns nur brüllend verständigen.
Im Tankrucksack ist die Zuckerdose aufgegangen, meine Hände kleben und riechen nach Benzin. In der Toilette wasche ich mir die Hände, lasse mir das Wasser kalt übers Gesicht und den Nacken laufen. Ich opfere ein Geldstück und schließe mich auf dem Klo ein, um allein zu sein. Ich sitze und versuche zu begreifen, dass ich tatsächlich wieder unterwegs bin. Das Kreuz tut mir weh, und die Wadenmuskeln verkrampfen.
Draußen Hitze. Myriel sitzt zwischen unseren Maschinen. Sie schaut in die Gegend. Ich freue mich nicht aufs Weiterfahren, ich bin einfach froh, wenn ich es tue. Myriel packt den Proviant ein, sie nimmt den Brotlaib zu sich, ich die Margarine. Weiterfahrt halb sechs.
Hannover gegen acht, die letzte Tankfüllung, bevor wir die Autobahn verlassen und uns in der Heide einen Übernachtungsplatz suchen.
»Sollen wir nicht lieber in einem kleinen Hotel ein Zimmer nehmen?«, fragt Myriel.
»Zu teuer«, sage ich.
Ich will diese Fahrt so machen, wie ich sie damals gemacht habe. Wir hatten wenig Geld und sparten, wo wir konnten. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Wozu haben wir denn das Zelt dabei? Die erste Übernachtung in der Heide, das gehört dazu.
Ein Schreckmoment beim Losfahren: Ich drehe den Schlüssel im Schloss, drücke den Startknopf – und nichts rührt sich. Drücke noch einmal, drehe noch einmal den Schlüssel, dann kommt der Schreck: eine Panne! Ich rufe Myriel herbei, damit sie mir hilft, die Maschine von den Zapfsäulen wegzuschieben. Am Randstein will ich nachsehen, was nicht in Ordnung ist. Dabei entdecke ich, dass ich bloß an den Zündnotschalter gekommen bin. Darauf fall ich noch jedes Mal rein, lache ich und lasse mir nicht anmerken, dass ich unterwegs nichts mehr fürchte als Pannen.
In der Heide. Wir nehmen die Abfahrt Egestorf und geraten auf schmale, birkengesäumte Landstraßen. Ein bleiches Licht liegt über den Wiesen. In ein kleines Waldstück mündet ein Weg, guter Boden, sandiger Rasen ohne Widerstand für die Heringe.
Das Aufschlagen des Zelts ist Teamarbeit. Obwohl wir nur zu zweit sind, geht es recht schnell, zwanzig Minuten brauchen wir. Myriel weiß sofort, worauf es ankommt. Später werden wir das im Schlaf können: das Ausbreiten der Plastikunterlage, das Entrollen des Zeltes darüber mit dem Eingang in die gewünschte Richtung, das Durchschieben der drei Aluminiumstangen durch die Führungen am Außenzelt, das Emporwölben und Einbiegen der Enden in die Laschen am Saum, dann das Einhängen der mit Karabinerhaken versehenen Umschläge der Unterlage in die Ringe an der Innenseite des Außenzelts. Das Innenzelt hängt von selbst.
In der Schwüle kleben uns die Kleider am Leib; nach dem Einräumen ziehen wir uns um. Die Lederanzüge und Stiefel verstauen wir in der Apsis. Erst als wir die Maschinen zudecken, fällt uns ein, dass wir unterwegs den Wassersack nicht gefüllt haben. Myriel bietet sich an, ins nahe Dorf zu gehen, während ich das Abendessen vorbereite.
Über dem Feld jenseits der Straße sinkt fahl die Sonne in den Dunst. Die Beeren der Ebereschen leuchten. Ich komme mir vor wie fahrendes Volk, das sein Lager aufgeschlagen hat draußen auf der Waldwiese, es sind Zirkusleute mit Pferd und Wagen, ihre Geleise zerfurchen den Morastweg, den sie gekommen sind, gelb steht das Wasser in den Fuhren. Käfige sind aufgestellt für die Menagerie. Es riecht nach Harn und Firnis und nach nasser Erde. Ich weiß nicht, wie ich sie finden konnte, vor allem, da ich sie gar nicht gesucht habe. Es ist wohl eine weite Strecke, die ich zurückgelegt habe bis hierher, ich befinde mich, soweit ich weiß, in einer waldreichen Gegend nahe Pilsen. Irgendwie komme ich gerade immer nach Osten ab. Wohin will ich eigentlich, dass ich immer nach Osten abkomme? In die entlegensten Gegenden, durchschwommen welche Ströme – wohin? Ich halte auf dem Morastweg an und schaue über die Lichtung mit den Wagen. Ich steige ab und stelle die Maschine schräg, damit sie nicht einsinkt, vielleicht bin ich aber auch zu Fuß gekommen in hohen,...




