E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Grossman Wohin du mich führst
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25516-6
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-446-25516-6
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
herrenlosen Hund jagt er durch Jerusalem und soll die Person finden, der das Tier entlaufen ist. Fremde Orte und Personen, zu denen ihn der Hund führt, erzählen ihm nach und nach die Geschichte über Tamar, die Hundebesitzerin. Das Mädchen scheint in großer Gefahr zu sein. Assaf setzt alles daran, Tamar zu finden ...
David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren und gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. 2008 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2017 den internationalen Man-Booker-Preis für seinen Roman Kommt ein Pferd in die Bar. Bei Hanser erschienen zuletzt Diesen Krieg kann keiner gewinnen (2003), Das Gedächtnis der Haut (2004), Die Kraft zur Korrektur (2008), Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Roman, 2009), Die Umarmung (2012), Aus der Zeit fallen (2013), Kommt ein Pferd in die Bar (Roman, 2016), Die Sonnenprinzessin (2016) und Eine Taube erschießen (Reden und Essays, 2018).
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Und schon in der späten Nachtstunde, als der alte Kutscher sie mit ihren Bündeln vor dem Klostertor absetzte, wusste sie, dass ihr Leben damit beendet war. Schwester Amarilia öffnete ihr und Theodora erschrak beim Anblick des ausgemergelten, starren Gesichts, des Gesichts einer lebendig Begrabenen.
In den beiden Jahren, die sie mit Schwester Amarilia verbrachte, suchte nicht ein einziger Pilger das Jerusalemer Haus auf. Theodora wuchs zu einer Schönheit heran und Amarilia demonstrierte ihr Zug um Zug, was ihr selbst mit wachsendem Alter blühte. Den lieben langen Tag hockte Amarilia auf dem hohen Lehnstuhl am Fenster, das sich nach Westen richtete, wo sie den Hafen von Jaffa vermutete, und wartete. In den Jahrzehnten, in denen sie dort eingesperrt gewesen war, hatte sie sogar ihre Familie vergessen, das Alphabet und die Bewohner der Insel Lyxos, die sie hierher verbannt hatten. Sie war zu einem einzigen schmalen Strich geworden, einer Narbe des weißen, pupillenlosen Blicks.
Und einen Monat, nachdem sie starb und im Hof des Klosters begraben wurde, kam die Hiobsbotschaft: Es hatte im Ägäischen Meer ein Erdbeben gegeben, das große Erdbeben von 1951. Die Insel war in zwei Hälften zerbrochen und eine riesige Flutwelle hatte im Nu die Einwohner in die Tiefe gerissen.
Aber nein, nicht daran wollte sie jetzt denken, wo draußen, hinter den Obstbäumen, die klare, mutige Stimme erklang und sie in ihre Kindheit führte, die unter fünfzig Jahren und gewaltigen Wassermassen begraben lag. Sie wusste auch nicht, warum sie bereit war, der Versuchung dieser Stimme zu erliegen, die, wenn sie sprach, klang, als sänge sie. Sie presste die Fäuste kraftvoll gegen die Augen, als wolle sie vor dem Anblick des Mädchens auf dem Fass fliehen, und sah durch das Flimmern sich selbst. Die aufgeweckte, freche, ungestüme Theodora, Arm in Arm mit ihren besten Freundinnen hüpfend, und nun – wo bist du, meine fröhliche Alexandra, meine leichtfüßige Bergziege, Katharina, wo bist du, die du all meine Geheimnisse kanntest? Die Dorfbewohner tauchten auf und kamen auf sie zu, klopften gegen ihre geschlossenen Lider und bettelten, sie möge sich an sie erinnern: ihre Schwestern, ihre großen Brüder, die kleinen Zwillinge, die eines Tages erblindet waren, als sie während einer Sonnenfinsternis in die Sonne schauten. Auch sie waren nicht mehr. Auch nicht jener dumme, hübsche Junge.
Mit dem Ärmel ihrer Kutte wischte sie sich über die feuchten Augen, lenkte ihren Blick auf das Mädchen auf dem Fass und auf ihre Obstbäume und dachte, dass sie sich im Grunde töricht verhielt, wenn nicht sogar abscheulich. Die Bäume bogen sich unter der Last der Früchte, von denen niemand aß außer sie selbst. Denn trotz der täglichen Raubzüge der Schüler vergammelten noch massenweise Früchte an den Zweigen. Sie bekämpfte die Kinder, weil sie sie bestahlen, und das ertrug sie nicht. Und wenn sie ihnen nun erlaubte, ein wenig zu ernten, konnte dieser grässliche Krieg mit einem Schlag beendet werden …
Die Stille riss sie aus ihren Gedanken. Die Schülerin war verstummt und wartete offenbar auf ihre Antwort.
Jetzt, wo das klobige Megafon nicht mehr die Hälfte ihres Gesichts verbarg, sah Theodora, wie reizend das Mädchen aussah. In dem ehrlichen, anmutigen Gesicht, den offenen Augen, die gleichermaßen schüchtern und herausfordernd waren, lag etwas Tapferes und Aufrichtiges, das Theodora durch alle Kalkschichten des Alters, der Zeit und der Einsamkeit durchbohrte. Sie nahm ihre Flüstertüte und verkündete mit einer Stimme, die sich um Ernsthaftigkeit bemühte, dass sie bereit sei, mit dem Mädchen in Verhandlung zu treten.
»Und so fing alles an«, kicherte Theodora leise und Assaf streckte sich, als erwache er aus einem seltsamen Traum. »Am nächsten Tag kamen sie und saßen hier bei mir – Tamar, ein Freund und eine Freundin, ihre Busenfreunde – und unterbreiteten mir einen ordentlichen, detaillierten Plan.«
Der Plan enthielt eine Liste der Bäume im Garten und die Namen der Chormitglieder, die an einer Vereinbarung interessiert waren, sowie eine Tabelle mit einem ausgeklügelten Nutzungsplan, der die Bäume betraf, von denen man jeweils ernten durfte …
»Und der Krieg war beigelegt«, kicherte Theodora, »binnen eines Tages.«
Jetzt ist es so weit, denkt Tamar, es gibt kein Zurück mehr. Sie schleppt sich vorwärts und kann sich nicht entscheiden, wo sie stehen bleiben soll, denn überall, wo sie anhalten will, scheint der Asphalt unter ihren Füßen zu glühen. Um sich selbst ein wenig zu beruhigen, ruft sie sich in Erinnerung, dass sie in den letzten Monaten jede Menge solcher Momente durchgestanden hat. Das erste Mal, als sie sich traute, in einem der Löcher in der Nähe des Marktes jemanden anzusprechen und ihm das Foto in ihrer Hand zu zeigen und nach ihm zu fragen. Und dann, als sie zum ersten Mal mit einem Dealer auf dem Zionplatz kalt und nüchtern verhandelt hatte – einem Zwerg mit gewaltigen Hinterbacken und einer bunten Wollmütze, für einen Moment hätte man ihn für einen liebenswerten Troll aus einem Märchen halten können. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass ihr Herz wie eine Pauke schlug, Geld und Ware hatten den Besitzer gewechselt, sie hatte ein Tütchen in die Socke gesteckt und gewusst, dass sie nun genug für die ersten Tage hatte –
Aber das hier ist trotz allem der schwierigste Moment. Mit einem Mal mitten in der Stadt, im dichtesten Gewühl, in der Fußgängerzone stehen zu bleiben, durch die sie Millionen Mal wie ein normaler Mensch, wie ein freier Mensch gegangen war –
Sie ging dort mit Idan und Adi spazieren und sie schleckten nach der Chorprobe ein Magnum oder setzten sich und tranken einen Cappuccino und lachten über den neuen Tenor, den jungen Russen, der es schamlos gewagt hatte, sich im Solo mit Idan zu messen. »Noch so ein begriffsstutziger Bauer aus dem Ural«, murmelte Idan in seine Tasse und bewegte leicht die Nasenflügel mit einer Geste, die für beide das Zeichen war, Tränen zu lachen. Auch Tamar lachte, sogar lauter als Adi. Vielleicht um zu übertönen, was sie selbst in diesem Augenblick über sich dachte. Und so grölte sie weiter, weil sie das Wunder nicht fassen konnte, dass sie zum ersten Mal im Leben auf der Seite der Spötter stand, dass sie zu dem kleinen, erlesenen Kreis gehörte, der schon seit einem Jahr und zwei Monaten, einer Woche und einem Tag zusammen war, drei junge Künstler, eine exquisite verschworene Gemeinschaft, deren Mitglieder einander treu verbunden waren. Wenigstens dachte sie das.
Und nun ging sie hier mutterseelenallein. Musste sich einen Platz in einem angemessenen Abstand zu dem alten russischen Akkordeonspieler suchen. In dem alltäglichen Fluss der Straße innehalten und an einem bestimmten Punkt stehen bleiben. Und schon ist da einer, der sie verdrießlich ansieht und ihr mit dem Ausdruck der Missbilligung ausweicht. Und sie fühlt sich sofort wie ein kleines Blatt, das beschlossen hat, gegen die Strömung zu treiben. Aber sie darf jetzt nicht zögern, darf nicht nachdenken, sich nicht vorstellen, jemand könnte sie erkennen, auf sie zukommen und sie fragen, was sie mit diesem Unfug bezwecke. Was für eine Naivität – oder Dummheit – zu glauben, dass die Glatze und die Latzhose sie unkenntlich machen könnten. Und außerdem, wenn sich jemand nicht sicher wäre, würde er Dinka sehen und wäre frei von jedem Zweifel. Was für ein Wahnwitz, Dinka mitzunehmen! Auf einmal sah sie all ihre Fehler vor sich, eine Kette von Leichtsinn und Fahrlässigkeit bei der Planung. Wie hatte ihr das passieren können? Du hast es verbockt! Für wen hältst du dich eigentlich? Du bist eine blöde Tussi, die ein bisschen James Bond spielt. Sie blieb geknickt und vornübergebeugt stehen. Als bezöge sie Prügel aus ihrem Innern. Wie ist es möglich, dass du übersehen hast, dass es so kommen würde? Dass sich im Moment der Wahrheit alle Nähte und Löcher zeigen würden? Denn so ist es doch immer, stimmt’s? Er kommt stets, der Moment, an dem deine Fantasien schließlich die Realität berühren und der Ballon, der du bist, vor deiner Nase platzt … Menschen überholten sie links und rechts, meckerten und rempelten sie an. Dinkas leises Bellen weckte Tamar aus ihren Gedanken. Sie richtete sich auf. Biss sich auf die Lippe. Schluss damit. Schluss mit dem Selbstmitleid. Du darfst nicht zögern, für einen Rückzieher ist es zu spät. Spring über deinen Schatten. Tu, was ich dir sage! Du stellst jetzt den Kassettenrekorder auf die Mauer, drückst auf den Knopf, drehst voll auf, lauter und lauter, das ist hier kein Zimmer, es ist die Straße, es ist die Fußgängerzone, du selbst nimmst dich zurück, du bist nur noch ein Instrument, von nun an bist du nichts als ein Werkzeug im Dienst deiner Aufgabe, nicht mehr und nicht weniger, konzentrier dich auf die Musik, auf den Klang, den du so liebst, Schajs Gitarrensound, stell dir sein langes, honigfarbenes Haar vor, wie es ihm in die Stirn fiel, wenn er dir in seinem Zimmer etwas vorspielte, lass dich von ihm einlullen, schmilz dahin, und im richtigen Augenblick, genau im richtigen –
Suzanne takes you down
To her place near the river
You can hear the boats go by
You can spend the night beside her
And you know that she’s half crazy
But that’s why you want to be there …
Tagelang hatte sie überlegt, mit welchem Lied sie ihre Straßenkarriere beginnen sollte. Auch das wollte natürlich geplant sein, ebenso wie die Menge an Trinkwasser in der Höhle und die Anzahl Kerzen und Klopapierrollen. Am Anfang hatte sie in...




