E-Book, Deutsch, Band 5, 96 Seiten
Reihe: Abenteuer Naturwissenschaft
Grothe / Sedlacek Leonardo da Vinci
2. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7494-8995-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seine naturwissenschaftlichen Studien und genialen Erfindungen
E-Book, Deutsch, Band 5, 96 Seiten
Reihe: Abenteuer Naturwissenschaft
ISBN: 978-3-7494-8995-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der in Salzwedel geborene chemische Technologe und Autor Dr. Hermann Grothe veröffentlichte zahlreiche Werke aus dem technisch-naturwissenschaftlichen Bereich. u.a.: "Grothe, Hermann: Bilder und Studien zur Geschichte der Industrie und des Maschinenwesens" "Grothe, Hermann: Die technischen Fachschulen in Europa und Amerika .... - 1882" "Das Patentgesetz für das Deutsche Reich. - 1877"
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VIII.
Leonardos Ideen über die Luft waren ebenfalls die klarsten. Er hatte gefunden, dass die Luft ein Körper aus mehreren Bestandteilen komponiert sei, der Gewicht habe und Elastizität und aus Molekülen bestehe. Er fand, dass Körper in ungleich dichter Luft ungleiches Gewicht hatten. Er erkannte die Zusammendrückbarkeit der Luft und vergleicht dieselbe einem Federkissen, das der Schläfer zusammenpresse. Er spricht aus, dass, wenn irgend eine Kraft einen Gegenstand in Bewegung setze, schneller als die Luft ausweichen könne, so entstehe eine Kompression der Luft. Wie nahe war Leonardo den Entdeckungen des Toricelli, Galilei u. s. w. Vielleicht auch hat er, der das Gleichgewicht der flüssigen Körper so gründlich studiert und dargestellt hat, auch bezüglich der Luft gleiche Grundanschauungen gehabt, zumal, wie wir gesehen haben, er oftmals darauf hinweist, wie sich die Gesetze für das Wasser zur Luft verhalten, und weil er sich so hoch in seinen Ideen emporschwingen konnte, den Schall und das Licht auf die Wellenbewegung zurückzuführen. Vielleicht auch finden wir später noch in seinen zahlreichen Manuskripten diesbezügliche Stellen. —
Hier wollen wir darüber des näheren berichten, dass Leonardo über die Rolle der Luft bei der Verbrennung vollkommen klar war und mit uns in seinen Anschauungen auf gleichem Boden stand.
In dem Mailänder Codex handelt Leonardo ab über die Flamme und die Luft. — Betrachten wir zuerst die Anschauung der ihm folgenden Zeit, so finden wir, dass allgemein angenommen ward, dass die Luft bei der Verbrennung nur dazu diene, um die Hitze an dem Brennstoff zu konzentrieren, und dieser Ansicht huldigten die Physiker mit Musschembroek, der dieselbe besonders ausgesprochen hatte, allgemein. Erst 1623 sprach Roger Bacon in seinem Novum Organon aus, dass die Luft die Ernährerin der Flamme sei, und Robert Boyle bewies dies experimentell 1672. Auch Descartes hat 1644 in seinen Prinzipien der Philosophie IV. § 95 cf. speziell über den Vorgang des Brennens einer Kerze abgehandelt; aber indem er sich bestrebte, den Vorgang mit Hilfe seiner Wirbeltheorie zu erklären, kam er auf die Idee, dass die Luft von den nach oben strebenden losgelösten Dochtteilchen und dem Rauch H nach unten gestoßen würde und bei F und K an die Flamme heranträte. Hätte nicht jene Theorie dem Descartes die Augen verschlossen, so würde er seinen Satz: „Diese Luft umspielt die Spitze der Kerze B und den Grund des Dochtes F und dient, indem sie zur Flamme tritt, zu deren Ernährung. Sie würde jedoch bei der Dünne ihrer Teilchen dazu nicht hinreichen, wenn sie nicht viele Wachsteilchen, welche die Hitze des Feuers bewegt, durch den Docht mitnähme. So muss die Flamme stetig erneuert werden, um nicht zu verlöschen“ — wohl in anderer Weise vollendet haben, der in der Tat zeigt, dass Descartes wohl wusste, dass die Luft die Ernährerin der Flamme sei. — Stahl vernichtete später auch diese schon besseren Anschauungen, und erst Lavoisier war es aufbehalten, die Boyle’schen Anschauungen wieder hervorzuholen und zur Geltung zu bringen. — Nun höre man Leonardo über denselben Gegenstand:
„Wo eine Flamme entsteht, da erzeugt sich ein Windstrom um sie; dieser Luftstrom dient dazu, sie zu erhalten, die Flamme zu vergrößern. Ein stärkerer Luftstrom dient dazu, die Flamme leuchtender zu machen. Das Feuer zerstört ohne Unterlass die Luft, welche sie ernährt, es stellt ein Vakuum her, wenn andere Luft nicht herströmen kann, dasselbe auszufüllen!“ —
f.27).
„Sobald die Luft nicht in dem geeigneten Zustand sich befindet, die Flamme zu erhalten, kann in derselben so wenig irgend ein Geschöpf der Erde noch der Luft leben als die Flamme. Kein Tier kann leben in einem Orte, wo die Flamme nicht lebt.“
„In dem Zentrum der Flamme eines Lichtes bildet sich ein Rauchkern, weil die Luft, welche in die Komposition der Flamme eintritt, nicht bis zur Mitte vordringen kann. Sie gelangt an die Oberfläche der Flamme, sie kondensiert sich dort; indem sie Nahrung für die Flamme wird, formt sie sich in sie um und lässt einen leeren Raum übrig, welcher sich sukzessive mit anderer Luft füllt.“
An einer anderen Stelle sagt Leonardo:
„Es kann eine Flamme nicht leben, wo nicht leben kann ein atmendes Tier Die Flamme erzeugt ein Vakuum, und die Luft eilt herbei, solches Vakuum zu ersetzen. Das Feuerelement verzehrt unablässig die Luft zu dem Teil, welcher sie nährt (nutrica), und es wird ein Vakuum sich bilden, wenn nicht neue Luft herbeiströmt, dieses auszufüllen. Der Rauch bildet sich in der Mitte der Kerzenflamme. Die Flamme disponiert zuerst die Materie, welche sie ernähren kann, und kann sich dann davon ernähren. Ein übermäßiger Wind tötet die Flamme, ein mäßiger ernährt sie.“
Diese klaren und deutlichen Erklärungen sind in der Tat staunenswert! Ist es nicht klar, dass Vinci die Eigenschaften der Luft kannte und aus Experimenten sicher war über die Rolle der Luft bei der Verbrennung? Wenn wir an den einzelnen Sätzen nur anstatt der Luft, Sauerstoff der Luft setzen — so haben wir unsere heutige, von der Wissenschaft anerkannte Erklärung. Ja, aus dem zweiten Satze, wo er von einem „geeigneten Zustand“ der Luft redet, können wir herauslesen, dass Leonardo eine Ansicht über den zusammengesetzten Bestand der Luft hatte. Bedenken wir, dass die Chemie so weit zurück war in ihrer Entwickelung, dass ja an eine Zusammensetzung der Luft erst mehr als 250 Jahre später gedacht ward und dann ihre Bestandteile nachgewiesen wurden, so können wir uns keine klarere Anschauungsweise und keinen bestimmteren Begriff denken über die Luft in ihrem Verhältnis zur Verbrennung, als Leonardo hier gegeben hat. Er hat diese Lehre auch in anderen Manuskripten weiter beleuchtet und durchdacht und gibt (in Vol. C. Ambrosiana) Abbildungen, um die Rolle des Luftstroms analog dem dritten Passus seiner obigen Erklärung klar zu machen. In Fig. 22 zeigt Leonardo den entstehenden Zusammenstoß zweier Flammen und markiert dabei die Punkte deutlich, wo eine Verbrennung nicht stattfindet. Eine Vergleichung dieser Figur mit der obigen von Descartes gegebenen (der wir die Pfeile entsprechend seiner Darstellung zufügten), zeigt, dass da Vinci’s Ansicht der des Descartes etwa entgegengesetzt ist.
Höchst interessant ist aber, dass Leonardo da Vinci in seinen Versuchen, die Lichtstärke zu erhöhen, auf die Entdeckung der Lampenzylinder und Lampenglocken gekommen ist, welche man dem berüchtigten Lange (1784) zuschreibt (dem unberechtigten Fabrikanten der Argandlampe, Quinquet) und dem Philippe de Girard 1804. Leonardo setzt die Wirksamkeit eines Zylinders auseinander, indem er sagt, dass der Zylinder der Flamme Gelegenheit gebe, zu exhalieren und sich zu ernähren. Das Ausgestoßene (esalmento) bewegt sich dann in der Mitte nach oben, während die nahrungsgebende Luft von den Seiten und von unten her zuströmt. Leonardo gibt auf fol. 79 C. A. und auf anderen Blättern mehrere Ideen zur Sache, bis er in dem vollständigen Entwurf einer Lampe mit Zylinderöffnung das Gewünschte (Fig. 23, 24) erreicht. Merkwürdigerweise schreibt er auf die beiden Hälften der Glocke aqua aqua, weil er die Glocke und Zylinder als einen Körper betrachten will, dessen hohler Raum mit Wasser erfüllt ist. Leonardo gibt auch ein Rezept, um diese Glocken zu fabrizieren
Die Eigenschaften der Luft wendete Leonardo auch an bei dem von ihm erfundenen Schwimmgürtel, und bei dem Helm für den Perlentaucher setzt er das Innere desselben mit der äußeren Luft durch einen Schlauch in Verbindung, dessen Ende auf der Oberfläche des Wassers mittelst eines Brettes schwimmt (Fig. 25 s. umstehend). Hervorragend und auf Kenntnis der Eigenschaften der Luft basiert sind die zahlreichen Versuche und Betrachtungen, welche Leonardo anstellte über den Flug der Vögel und die Luftschifffahrt. Es scheint dies ein Lieblingsthema für ihn gewesen zu sein. Wir haben im Codex Atlanticus allein an 100 Skizzen für diese...




