Grove Weltenriss
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403074-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 576 Seiten
ISBN: 978-3-10-403074-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
S.E. Grove ist Historikerin und Weltreisende. Dies ist ihr erster Roman.
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TEIL I Erkundung
Kapitel 1 Das Ende einer Ära
14. Juni 1891: 7 Uhr 51
Neu-Okzident begann sein Experiment einer gewählten Volksvertretung voller Hoffnung und Optimismus. Doch schon bald war es von Korruption und Gewalt behaftet, und es wurde offenkundig, dass das System gescheitert war. 1823 brachte ein wohlhabender Abgeordneter aus Boston einen radikalen Plan vor. Er schlug vor, dass die Geschicke Neu-Okzidents fortan von einem einzigen Parlament gelenkt werden sollten und dass jeder, der seine Meinung vor dieser Institution vorzubringen wünsche, eine Zutrittgebühr zahlen solle. Der Plan wurde – von jenen, die es sich leisten konnten – als demokratischste Initiative seit der Revolution gepriesen. Damit wurde das Fundament für die aktuelle Praxis gelegt, Parlamentszeit nach Sekunden zu verkaufen.
Shadrack Elli
Der Tag, als Neu-Okzident seine Grenzen schloss, der heißeste Tag des Jahres, war ebenso der Tag, an dem sich Sophia Tims Leben für immer veränderte, weil sie die Zeit aus den Augen verlor.
Dabei hatte ihr Tag damit begonnen, dass sie den Fortgang der Stunden sorgsam im Auge behielt – und zwar mittels des in zwanzig Stunden eingeteilten Ziffernblatts der mächtigen goldenen Uhr, die gravitätisch über dem Rednerpodium im Boston State House, dem Parlament, prangte.
Als es acht schlug, war der Parlamentssaal brechend voll. Die in Hufeisenform um das Podium herumgruppierten Abgeordneten – sprich die achtundachtzig Männer und zwei Frauen, die reich genug waren, sich dieses Amt zu beschaffen – befanden sich auf ihren Sitzen. Ihnen gegenüber hatten die Besucher Platz genommen, die wohlhabend genug waren, sich Redezeit vor dem Parlament zu erkaufen, während die Sitzreihen dahinter den Angehörigen der Öffentlichkeit vorbehalten waren, die sich einen Platz im Parterre leisten konnten. Sophia saß oben auf der Galerie, umgeben von Männern und Frauen, denen ebenso wie ihr nichts anderes übriggeblieben war, als sich auf die billigen Sitzbankplätze zu zwängen. Die Sonne schien durch die hohen Fenster des State House hinein und brachte das Blattgold auf dem geschwungenen Galeriegeländer zum Leuchten.
»Ist die Hitze nicht brutal?«, seufzte die Frau neben Sophia und fächelte sich mit ihrer Haube etwas Kühlung zu. Feine Schweißperlen bedeckten ihre Oberlippe, und ihr Popelinekleid war ganz zerknautscht und klamm. »Jede Wette, dass es unten fünf Grad kühler ist.«
Sophia warf ihr ein nervöses Lächeln zu und scharrte mit ihren Stiefeln über den hölzernen Dielenboden. »Mein Onkel ist da unten. Er wird sprechen.«
»Wirklich? Wo?« Die Frau legte ihre pummelige Hand auf das Geländer und spähte nach unten.
Sophia wies auf einen braunhaarigen Mann, der, die Hände vor der Brust verschränkt, kerzengerade auf seinem Platz saß. Er trug einen Leinenanzug und balancierte ein dünnes Lederbüchlein auf den Knien. Ruhig musterten seine dunklen Augen den überfüllten Saal. Sein Freund Miles Countryman, der wohlhabende Forscher und Entdecker, hatte neben ihm Platz genommen. Sein Gesicht war rot vor Hitze, und der vor Schweiß durchtränkte weiße Haarschopf lag angeklatscht am Kopf. In einer brüsken Bewegung fuhr Miles sich mit einem Taschentuch durchs Gesicht.
»Er ist gleich da vorne … in der ersten Rednerreihe.«
»Wo?«, fragte die Frau und kniff die Augen zusammen. »Ah, sieh doch nur … der berühmte Shadrack Elli ist auch hier.«
Sophia lächelte stolz. »Das ist er. Shadrack ist mein Onkel.«
Die Frau blickte sie an und vergaß vor Überraschung einen Moment lang, sich Kühlung zuzufächeln.
»Na so was aber auch. Die Nichte des berühmten Kartologen.« Sie war ganz offensichtlich beeindruckt. »Verrat mir deinen Namen, Liebes.«
»Sophia.«
»Dann verrat mir mal, Sophia, wie es kommt, dass sich dein berühmter Onkel keinen besseren Platz für dich leisten kann. Hat er sein ganzes Geld für seine Redezeit ausgegeben?«
»Oh, Shadrack kann sich keine Zeit im Parlament leisten«, erwiderte Sophia geradeheraus. »Miles hat dafür gezahlt … für vier Minuten und dreizehn Sekunden.«
Als Sophia sprach, begann die Sitzungsprozedur. Die zwei Zeitwächter zu beiden Seiten des Podiums, die jeweils eine Stoppuhr in ihren weißbehandschuhten Händen hielten, riefen den ersten Redner auf, einen gewissen Mr Rupert Middles. Ein korpulenter Mann mit kunstvoll geformtem Schnurrbart begab sich nach vorn. Räuspernd rückte er seine senffarbene Krawatte zurecht und strich mit fetten Fingern über seinen Prachtbart. Sophia riss die Augen auf, als der Zeitwächter auf der Linken die Uhr, die die Redezeit anzeigte, auf siebenundzwanzig Minuten stellte. »Sieh dir das an!«, flüsterte die mollige Frau neben ihr. »Das muss ihn ein Vermögen gekostet haben!«
Sophia nickte. Ihr Magen verkrampfte sich, als Rupert Middles den Mund öffnete und seine siebenundzwanzig Minuten ihren Lauf nahmen. »Es ist mir eine Ehre, vor dem Parlament zu erscheinen, …«, begann er mit Donnerstimme, »… heute am vierzehnten Juni im Jahre achtzehnhunderteinundneunzig, um Ihnen einen Plan zur Besserung des Wohlergehens unseres geliebten Neu-Okzidents zu unterbreiten.« Er holte tief Luft. »Die Piraten der Vereinten Westindischen Inseln, die Raubhorden aus den Brachlanden, das allmähliche Vordringen in unser Territorium von Norden, Westen und Süden … wie lange will Neu-Okzident denn noch die Realitäten unserer veränderten Welt ignorieren, während die gierigen Mäuler von Fremden an unseren Grenzen nagen?«
Buh- und Beifallsrufe ertönten aus der Menge, aber Middles hielt kaum inne. »Allein im letzten Jahr wurden vierzehn Städte in New Akan von plündernden Horden aus den Brachlanden überrannt. Räuber, die für keines der mit dem Leben in Neu-Okzident einhergehenden Privilegien zahlen, sondern sie in vollem Ausmaß genießen. Im gleichen Zeitraum haben Piraten sechsunddreißig Handelsschiffe mit Gütern von den Westindischen Inseln gekapert. Ich muss Sie zudem nicht erst daran erinnern, dass erst letzte Woche die , ein stolzes Bostoner Schiff mit Geldern und Waren im Wert von Tausenden von Dollar an Bord, von dem berüchtigten Bluebird aufgebracht wurde. Einem verabscheuenswürdigen Piraten, der …«, fügte er mit vor Eifer rotem Gesicht hinzu, »… nicht einmal eine Meile von hier entfernt im Hafen von Boston ankert!« In der Menge schwoll ein ermunterndes, böses Knurren an. Middles holte rasch Luft und fuhr fort. »Wie jeder Bürger Bostons bin ich ein toleranter Mann.« Zaghafte Beifallsrufe regten sich. »Und wie jeder Bürger Bostons bin ich ein arbeitsamer Mann.« Die Beifallsrufe wurden lauter. »Und ich sehe es nur ungern, wie meine Toleranz und Strebsamkeit durch die Gier und Durchtriebenheit von Außenseitern dem Spott anheimfallen.« Applaus und Beifallsrufe brandeten ihm aus der Menge entgegen.
»Ich bin hier, um einen detaillierten Plan zu unterbreiten, welchen ich als den bezeichne und von dem ich sicher bin, dass er angenommen werden wird, da er die Interessen all jener repräsentiert, die wie ich an die Aufrechterhaltung unserer Toleranz und Strebsamkeit glauben.« Er stemmte sich mit den Armen gegen das Podium. »Mit sofortiger Wirksamkeit müssen die Grenzen werden.« Er hielt inne, um die schrillen Beifallsrufe abzuwarten. »Den Bürgern Neu-Okzidents ist es gestattet, frei in andere Zeitalter zu reisen – sie über ordentliche Dokumente verfügen. In Neu-Okzident lebenden Ausländern, die nicht über unsere Staatsbürgerschaft verfügen, wird einige Wochen Zeit eingeräumt, um in ihre Herkunftszeitalter zurückzukehren, und jene, die dann noch bleiben, werden am vierten Juli dieses Jahres zwangsweise deportiert – dem Tag, an dem wir die Gründung dieser großen Nation feiern.« Weitere Begeisterungsrufe brachen aus, und eine Schar von Zuschauern erhob sich, um enthusiastisch zu applaudieren, selbst dann noch, als Middles mit seiner Rede fortfuhr.
Sophia wurde ganz flau im Magen, als Rupert Middles in aller Ausführlichkeit die vorgesehenen Strafen für Ausländer beschrieb, die ohne Papiere in Neu-Okzident blieben, und anschließend auf die Sanktionen für diejenigen Bürger einging, die versuchten, ohne Genehmigung das Land zu verlassen. Er redete so rasch, dass sich, wie sie schon bald wahrnahm, eine Linie weißen Schaums an seinem Schnurrbartrand sammelte und seine Stirn vor Schweiß glänzte. Wild gestikulierend und ohne sich die Mühe zu machen, sich über die Stirn zu fahren, spie er vom Podium herab alle Einzelheiten seines Planes den Zuhörern entgegen, und die Menge um ihn herum jubelte lauthals.
Natürlich hatte Sophia all das schon einmal gehört. Da sie bei dem berühmtesten Kartologen Bostons lebte, hatte sie nicht nur alle großen Forscher und Entdecker kennengelernt, die sein Arbeitszimmer betreten hatten. Vielmehr war sie auch mit den zutiefst verabscheuenswürdigen Argumenten jener vertraut, die danach strebten, dem Zeitalter der Entdeckungen ein Ende zu bereiten. Doch das machte weder das ätzende Gift, das Rupert Middles in seiner Rede verspritzte, noch seinen gesamten Plan um einen Deut weniger schrecklich. Während sie dann den noch verbliebenen Minuten der Rede bis zum Ende folgte, dachte sie mit wachsender Furcht daran, was die Schließung der Grenzen bedeuten würde: Neu-Okzident würde seine Verbindungen zu den anderen Zeitaltern...




