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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Gruber / Kasolowsky / Modes Großstadtwunder

Wo die Wolken Schatten werfen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-9825720-2-4
Verlag: Katharina Stein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wo die Wolken Schatten werfen

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-9825720-2-4
Verlag: Katharina Stein
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit den Wundern ist das so eine Sache. Die einen sehen sie in glücklichen Zufällen und unerwarteten Wendungen, die nächsten in unauffälligen Alltagsmomenten und flüchtigen Augenblicken, für manche existieren sie gar nicht und vielleicht haben sie alle recht - oder eben nicht. In 25 Texten ergründen Berliner Autor*innen die Wunder dieser Stadt. Sie folgen Eingebungen aus Träumen und Zeichen auf dem Boden, verlieren die Hoffnung darauf und finden sie wieder in Hinterhöfen, Rauchwolken oder in der Wohnung nebenan. Sie halten Ausschau nach Wundern, suchen nach ihnen und können ihnen dann doch nicht so recht glauben, auch wenn sie direkt vor ihrer Nase geschehen.

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Gisa Lore Im Baumschatten
Vor dem Haus steht eine Linde. Die Linde ist krank. Ihre Wurzeln pressen sich von unten gegen den Asphalt, sie werfen breite Risse in den Radweg und heben die Gehwegplatten an. Urin und Abgase haben ihre Rinde verätzt. Die Krone mit dem spärlichen Laub breitet sich genau vor meinem Balkon aus. Die dünnen Zweige werfen kaum Schatten. »Was für eine traurige Aussicht«, sagt Leonie, die ihr Kind auf dem Schoß hält. Es ist März, doch der Baum sieht aus wie Januar. Erst vor ein, zwei Tagen habe ich hier und da das erste zaghafte Grün an ihm entdeckt. Leonie hat den beschwerlichen Weg in die Stadt auf sich genommen, um mir das Kind zu zeigen, das sie geboren hat. Sein Haar ist so hell, dass es aussieht, als wäre es kahlköpfig. Es hat das Gesicht und die Proportionen eines Säuglings, ist dafür aber schon viel zu groß. »Ich mag es hier«, sage ich, aber sie sieht mich an, als könne ich das unmöglich ernst meinen: die kleine Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug, den Schimmel in der Ecke des Wohnzimmers, die klappernden Schranktüren in der Küche, den bröckelnden Putz auf dem Balkon, den sterbenden Baum vor dem Haus. Leonie und Olaf wohnen jetzt am Rande des Dorfes, in dem wir aufgewachsen sind, in ihrem neuen Haus. Ich stelle mir vor, wie Leonie mit dem Kinderwagen durch das Dorf spaziert und sich eine Traube alter Menschen um sie versammelt, um einen Blick auf das Kind werfen zu können. Irgendjemand würde sicherlich die Züge von Leonies Eltern im Gesicht des Kindes ausmachen. Wie alle Mütter des Dorfes es seit jeher taten, würde auch Leonie dann auf dem Dorfplatz eine Pause machen und sich auf eine der Holzbänke setzen, die dort stehen. Beschattet von der großen, alten, kerngesunden Dorflinde. »Komm uns doch mal besuchen«, schlägt Leonie vor. »Du kannst auch ein paar Tage bleiben. Ein bisschen frische Luft schnappen. Es ist wunderbar ruhig bei uns. Am Sonntagmorgen hörst du nur die Vögel. Es ist herrlich! « Als wüsste ich das nicht selbst. Als könnte ich mich nicht an die Schwalben in der Luft, die Spatzen in den Büschen, die Tauben auf dem Dach erinnern. »Ich überlege es mir«, sage ich, obwohl es seit Jahren nichts mehr zu überlegen gibt. Selbst jetzt nicht, da Leonie dorthin zurückgegangen ist, wo ich niemals wieder zu Hause sein kann. Unten geht die Haustür auf. Leonie und ich recken gleichzeitig den Hals, um über das Balkongeländer zu spähen. Frau Simanowski kommt mit ihrem Einkaufswägelchen heraus. Ihr Haar ist noch voll und dunkelgrau, aber sie schlurft etwas beim Gehen. Sie zieht das Wägelchen über den Gehweg und stellt sich vor den Baum. Kratzt ein wenig im Boden herum, tätschelt ihm die Rinde. »Komische Alte«, sagt Leonie. In diesem Moment beginnt das Kind zu quengeln, eine gute Ausrede, um den kalt gewordenen Tee auszutrinken und sich von den Balkonstühlen zu erheben. Leonie trägt es die Treppe hinunter und freut sich laut darüber, dass der Kinderwagen, den sie im Hauseingang stehengelassen hat, noch unversehrt ist. Als wir vor die Tür treten, ist Frau Simanowski längst weg. Ich winke Leonie, bis sie und der Kinderwagen hinter der Häuserecke verschwinden. Für die nächsten Monate werden sie verschwunden bleiben. Mein Sonntagmorgen ist laut. Er hat einen Viervierteltakt, einen Bass, der allen Vogelgesang übertönt, und einen Puls von 130. Er hat Toljas sehnige Hände, die mich stützen, als wir zurück ins Licht taumeln. Wir wollten nicht so lang bleiben, aber es gibt nichts, das auf uns wartet, also ist es egal. Tolja ist groß. Er schirmt mich von der Welt ab. Seine Jacke riecht nach kaltem Zigarettenrauch und feuchtem Beton. Sein Körper ist warm. Durch das zerkratzte S-Bahn-Fenster, die Arme um ihn geschlungen, sehe ich zu, wie die Sonne über der Spree immer höher steigt. Er streichelt mein Haar. Es sind unsere schönsten Tage. Auf meinem Balkon lehnt Tolja sich zurück und blinzelt in den Himmel, der von den Ästen der Linde in mundgerechte Stücke geschnitten wird. Das Grün an ihnen ist immer noch spärlich, aber es ist etwas kräftiger geworden. Ich setze mich neben ihn auf die Bank und halte seine Hand. Mit ihm, denke ich, könnte selbst ich ein Haus bauen. Außerhalb der Stadt. Er könnte seine Bibliothek haben und ich meine Werkstatt. Eine Katze könnte durch die Räume schleichen und uns Gesellschaft leisten. Wir hätten ein großes, gemeinsames Sofa, auf dem wir abends sitzen und Wein trinken würden. Und zwei Schlafzimmer. Und kein Kinderzimmer. Und alle im Dorf, da bin ich mir sicher, würden sich das Maul über uns zerreißen. Leonie kommt im Sommer wieder. Das Kind sitzt immer noch im Wagen und der Wagen verändert das ganze Treppenhaus. Er ist zu groß und zu bunt. »Bist du sicher, dass ihr wegen dem Baum nichts machen wollt?«, fragt sie mich, gleich nachdem wir uns begrüßt haben. »Am Ende fällt noch jemandem ein Ast auf den Kopf!« Sie spricht weiter von Sommerstürmen, als würde ich keine Sommerstürme kennen. Wir kommen von dort, wo Sträucher zwischen die Felder gepflanzt werden, damit der Wind den Boden nicht wegträgt. Die Erde dort ist genauso sandig wie die, in der die Linde vor meinem Haus steht. Der Baum hat zwei Quadratmeter von der Stadt zugeteilt bekommen, abgasgetränkt, gespickt mit Zigarettenstummeln. Ab und an traut sich ein Grashalm, dort zu wachsen, und wird sofort von den Hunden niedergepinkelt. Ich gebe der Linde topfweise Wasser, es ist ein heißer Juli. Die Blätter an den Ästen sind zwar ein wenig größer geworden, doch es scheint, als könnten sie sich nicht ganz entfalten. Es wirkt, als stecke der Baum im März fest. Manchmal treffe ich beim Gießen Frau Simanowski, die keinen Schritt vor die Haustür macht, ohne den Baum zu grüßen. Die Sommer werden härter, sagt auch Leonie. Wenn sie mit dem Kinderwagen ihre Runden durch das Dorf macht, erzählt sie, kann sie dem Dorfteich dabei zusehen, wie er verdunstet. Wenn es richtig heiß wird, treiben Fische mit dem Bauch voran knapp unter der Wasseroberfläche. Ich nicke und bemühe mich, das verschwindende Dorf zu bedauern. Im Gegenzug bedauert Leonie meine Einsamkeit. Ich habe ihr nicht von Tolja erzählt. Er und ich sind kein Geheimnis, aber wie soll ich Leonie das mit ihm erklären? Ich wusste lange nicht, dass ich einen Menschen wie Tolja in meinem Leben haben kann. Mit dem ich alles teile und doch nur so viel, wie ich zu geben bereit bin. Wenn ich Leonie von Tolja erzähle, wird es ihr nicht genug sein. Sie wird mir aufzählen, welche Dinge uns fehlen. Warum wir nicht funktionieren können. Leonie hält sich oft für klüger als mich. Das mag auch an dem Kind liegen. Das Kind, so will es die Tradition, gibt ihr eine Weisheit, die Menschen wie mir fehlt. Je älter ich werde, desto sicherer bin ich mir, auf diese Weisheit verzichten zu können. Die Freundschaft zwischen Leonie und mir ist Jahrzehnte alt, also pflegen wir sie, so gut es geht. Es ist meine Schuld, dass sie spröde geworden ist. Also sage ich: »Komm gerne wieder!«, wenn Leonie geht. Im August kaufen Tolja und ich Ringe. Sie sind schwarz, wir tragen sie am Mittelfinger der rechten Hand. Es ist nur ein kurzes Innehalten, bevor wir weiter durch die Stadt ziehen. Wir kriechen in die tiefsten Keller und steigen auf die höchsten Dächer. Über uns nichts als verästelte Wolken, durch die das Blau des Himmels scheint. Zum ersten Mal hoffe ich, dass Tolja für immer bleiben kann, auch wenn alles, was ich gelernt habe, dagegenspricht. Das mit Tblja ist nicht dafür bestimmt, für immer zu dauern. Das mit Leonie und Olaf hingegen schon. Ich beginne, mein Geheimnis mit der Linde zu teilen. Es ist kein schlimmes Geheimnis, aber ich weiß trotzdem nicht, wie ich es aussprechen soll: Mir fehlt nichts. Mir fehlt absolut nichts im Leben. Ich habe Tolja. Und ich habe die kleine Wohnung im vierten Stock ohne Aufzug, den Schimmel in der Ecke des Wohnzimmers, die klappernden Schranktüren in der Küche, den bröckelnden Putz auf dem Balkon. So flüstere ich es dem sterbenden Baum vor dem Haus zu. Ich flüstere es so lange, bis es sich nicht mehr wie ein Geheimnis anfühlt. An einem grauen Samstag im November kommt Leonie ein drittes Mal zu mir. Das Kind steckt in einem wattierten Anzug, es rudert ungeschickt mit den Ärmchen. Unter der Mütze kommen endlich richtige Locken hervor. Ich setze das Teewasser auf. Das Kind auf Leonies Arm stößt Geräusche aus. »Ich muss dir etwas erzählen«, fange ich an. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, wie es danach weitergehen soll. Ich habe meine Worte an der Linde geprobt, habe mich neben Frau Simanowski gestellt und das Holz mit meiner Stimme getränkt. »Da ist ein Mensch in meinem Leben, der mich glücklich macht«, sage ich. Das Kind quietscht, aber Leonie sagt nichts. Zum ersten Mal sagt sie...



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