E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Gruber / Viertbauer Habermas und die Religion
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-534-74429-9
Verlag: wbg Academic in Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-534-74429-9
Verlag: wbg Academic in Herder
Format: EPUB
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Franz Gruber ist Professor der Dogmatik und Ökumenischen Theologie an der Katholischen Privatuniversität Linz. Dr. Klaus Viertbauer, geb. 1985, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Christliche Philosophie der Universität Innsbruck. Bei der WBG erschien der von ihm gemeinsam mit Heinrich Schmidinger herausgegebene Sammelband »Glauben denken. Zur philosophischen Durchdringung der Gottrede im 21. Jahrhundert« (2016)
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Klaus Viertbauer
Sektion I:
Kontexte und Konstellationen
Jürgen Habermas und Kants Religionsphilosophie . . . . . . . . . . . . . 29
Friedo Ricken
Habermas und Hegel als Denker der Moderne . . . . . . . . . . . . . . . 40
Thomas M. Schmidt
Schleiermacher und Kierkegaard in der Sicht "nachmetaphysischen"
Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
Maureen Junker-Kenny
Jürgen Habermas und die Kritische Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
Walter Raberger
Habermas' partielle Zuwendung zum Pragmatismus . . . . . . . . . . . . 99
Ludwig Nagl
Habermas und die neue Metaphysik
Konvergenzen und Divergenzen mit
Dieter Henrich und Michael Theunissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Klaus Müller
Liberal, deliberativ oder dekonstruktivistisch?
Rorty, Habermas und Derrida über das Verhältnis von Religion und
Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Michael Reder
Sektion II:
Diskurse und Rezeptionslinien
Diskursethik und Leidenserfahrungen
Die Auseinandersetzung mit dem Religionsbegriff
des späten Habermas aus der Perspektive der politischen Theologie . . . . 163
Ottmar John
Habermas und die Öffentliche Theologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
Andreas Telser
Nicht zugänglich! Nicht verständlich! Nicht akzeptabel!
Sind religiöse Wahrheitsansprüche ein Problem für den
liberaldemokratischen Rechtsstaat? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Maeve Cooke
Kommunikatives Handeln und Glaubensbegründung . . . . . . . . . . . 229
Franz Gruber
Kommunikative Vernunft, Religion und Gottesrede . . . . . . . . . . . . . 252
Edmund Arens
Sozialethik postsäkular?
Diskursethik und katholische Soziallehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
Hans-Joachim Höhn
Jürgen Habermas und der Versuch, den moralischen Status des Embryos
diskusethisch zu begründen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
Klaus Viertbauer
Vom Ritual zur Sprache – Von der Sprache zum Ritual.
Jürgen Habermas' Beitrag zur Religionsphilosophie . . . . . . . . . . . . . 320
Florian Uhl
Autorenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
Jürgen Habermas und Kants Religionsphilosophie
FRIEDO RICKEN
Kant verbindet die Religionskritik „mit dem Motiv der Aneignung“. Es ist das zweite Anliegen, in dem Habermas die Aktualität der kantischen Religionsphilosophie sieht und das sein Interesse an ihr begründet. Kant möchte gegen den Skeptizismus „Glaubensinhalte und Verbindlichkeiten der Religion, die sich innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft rechtfertigen lassen, retten“. Die reine praktische Vernunft kann sich heute nicht mehr sicher sein, allein mit Einsichten einer Theorie der Gerechtigkeit „einer entgleisenden Modernisierung entgegenwirken zu können. Dieser fehlt die Kreativität der sprachlichen Welterschießung, um ein ringsum verkümmerndes normatives Bewusstsein aus sich selbst heraus zu regenerieren“. Deshalb interessiert Kants Religionsphilosophie Habermas unter dem Gesichtspunkt, „wie man sich die semantische Erbschaft religiöser Überlieferung aneignen kann, ohne die Grenze zwischen den Universen des Glaubens und des Wissens zu verwischen“.1 „Die Aktualität der Kantischen Religionsphilosophie sehe ich in der Intention, auf dem Wege einer kritischen Aneignung des religiösen Erbes nach Argumenten für die ‚Selbsterhaltung der Vernunft‘ zu suchen“.2
Ich werde zunächst die Grundzüge der kantischen Religionsphilosophie, soweit sie für das Gespräch mit Habermas relevant sind, darstellen (I), um dann auf Habermas’ Kritik und Interpretation einzugehen (II).
I.
„ ist (subjektiv betrachtet) das Erkenntnis aller unserer Pflichten göttlicher Gebote“.3 Die Religion als propositionale Einstellung des Subjekts wird unterschieden von der Religion als Lehre oder Institution. Kant greift zurück auf seine Definition in der zweiten . Die Pflichten sind keine „für sich selbst zufällige Verordnungen eines fremden Willens“, sondern wesentliche „Gesetze eines jeden freien Willens für sich selbst“. Sie müssen dennoch als Gebote des höchsten Wesens angesehen werden, weil wir nur von einem moralisch vollkommenen und zugleich allmächtigen Willen das höchste Gut, „welches zum Gegenstand unserer Bestrebung zu setzen uns das moralische Gesetz zur Pflicht macht“, erhoffen können.4 Wenn wir unsere Pflicht erfüllen, stimmen wir, soweit uns das möglich ist, mit diesem moralisch vollkommenen Willen überein. Dadurch werden wir der Glückseligkeit würdig, und ein moralisch vollkommener und zugleich allmächtiger Wille kann uns die Glückseligkeit nicht verweigern. Nur wenn wir die sittlichen Gesetze als Gebote eines solchen Willens ansehen, können wir hoffen, das höchste Gut zu erlangen.
Nach ihrem „ersten Ursprunge und ihrer innern Möglichkeit“ wird die Religion eingeteilt in natürliche und geoffenbarte Religion. „Diejenige, in welcher ich vorher wissen muss, dass etwas ein göttliches Gebot sei, um es als meine Pflicht anzuerkennen, ist die (oder einer Offenbarung benötigte) Religion: dagegen diejenige, in der ich zuvor wissen muss, dass etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein göttliches Gebot anerkennen kann, ist die “.5 Die natürliche Religion ist „ein reiner praktischer Vernunftbegriff, der […] nur so wenig theoretisches Vernunftvermögen voraussetzt: dass man jeden Menschen von ihr praktisch hinreichend überzeugen, und wenigstens die Wirkung derselben jedermann als Pflicht zumuten kann“; ihre Begriffe sind die Freiheit des Subjekts, Gott als moralischer Welturheber, der dem „letzten Zweck“ der Moral „Effekt verschaffen kann“, und „eine Dauer des Menschen, die diesem ganzen Zwecke des Menschen angemessen ist“, die Unsterblichkeit.6 Die Vorrede zur zweiten Auflage der RGV unterscheidet zwischen dem „reinen “ der Religion, das der Philosoph „aus bloßen Prinzipien apriori“ entwickelt, und der „Offenbarung, als historisches System“. Kant bezeichnet als „den zweiten Versuch“, und er stellt deren Methode dem Vorgehen gegenüber, an das „der Philosoph sich als reiner Vernunftlehrer“ halten muss. Dieser zweite Versuch geht aus vom historischen System der Offenbarung und fragt, „ob dieses nicht zu demselben reinen der Religion zurück führe“.7 Der Titel war absichtlich gewählt, „damit man jene Abhandlung nicht dahin deutete: als sollte sie die Religion bloßer Vernunft (ohne Offenbarung) bedeuten […]: sondern dass ich nur dasjenige, was im Text der für geoffenbart geglaubten Religion, der Bibel, erkannt werden kann, hier in einem Zusammenhange vorstellig machen wollte“.8
Eine Skizze der natürlichen Religion findet sich in der der ersten (A 807–811). Kant geht von der Voraussetzung aus, dass es „reine moralische Gesetze“ gibt, die „ (nicht bloß hypothetisch unter Voraussetzung anderer empirischen Zwecke) gebieten, und also in aller Absicht notwendig“ sind. Diese Gesetze gebieten Handlungen, die ihnen entsprechen, und die deshalb auch möglich sein müssen, und es muss folglich eine diesen Gesetzen entsprechende „besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die moralische, möglich sein“. Die moralischen Gesetze üben also eine Kausalität aus und haben in diesem Sinn „objektive Realität“.
„Ich nenne die Welt, so fern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre (wie sie es denn, nach der der vernünftigen Wesen, sein , und, nach den notwendigen Gesetzen der , sein ), eine .“ Insofern in ihr von allen Zwecken und auch von allen Hindernissen der Moralität abstrahiert wird, ist sie „eine bloße, aber doch praktische Idee, die wirklich ihren Einfluss auf die Sinnenwelt haben kann und soll, um sie dieser Idee so viel als möglich gemäß zu machen. Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive Realität“. Kant fragt nun, „ob die Prinzipien der reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben“, auch die Hoffnung auf Glückseligkeit „notwendigerweise damit verknüpfen“. Besteht ein notwendiger Zusammenhang zwischen der Befolgung des moralischen Gesetzes und der Glückseligkeit? Das „System der Sittlichkeit“, so seine These, sei „mit dem der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft verbunden“. In der moralischen Welt lässt sich ein „System der mit der Moralität verbundenen proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken, weil die durch sittliche Gesetze teils bewegte, teils restringierte Freiheit selbst die Ursache der allgemeinen Glückseligkeit, die vernünftigen Wesen also selbst, unter der Leitung solcher Prinzipien, Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer dauerhaften Wohlfahrt sein würden“. Sittlichkeit und Glückseligkeit sind in der Weise miteinander verknüpft, dass die Glückseligkeit die notwendige Folge der allgemeinen Befolgung des Sittengesetzes ist, das die Rechts- und Tugendpflichten vorschreibt. Das Sittengesetz ist von seinem Wesen her auf die Glückseligkeit bezogen.
„Aber dieses System der sich selbst lohnenden Moralität ist nur eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung beruht, dass tue, was er soll […] Da aber die Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetz für jedes besonderen Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenn gleich andere diesem Gesetz sich nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der Welt, noch aus der Kausalität der Handlungen selbst in ihrem Verhältnis zur Sittlichkeit bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit verhalten werden“, und die notwendige Verknüpfung von Sittlichkeit und Glückseligkeit „darf nur gehofft werden, wenn eine , die nach moralischen Gesetzen gebietet, zugleich als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird“. Ohne diese Voraussetzung müsste „der notwendige Erfolg“, den die Vernunft mit den moralischen Gesetzen verknüpft, wegfallen, und die Vernunft sähe sich folglich genötigt, die moralischen Gesetze „als leere Hirngespinste anzusehen“. „Gott also, und ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns die reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen.“
Wie sieht Kant das Verhältnis zwischen der Vernunftreligion und den historischen Religionen? Kant diskutiert die Frage am Beispiel der historischen Religion des Christentums, und er spricht nicht von einer historischen Religion, sondern von der „Offenbarung“. Aber diese Offenbarung ist gegeben „als...




