E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Gruber Wie ein Baum am Wasser
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-417-27036-5
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Voll Schönheit und Leben. Verwurzelt in Gott.
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-417-27036-5
Verlag: R.Brockhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Daniel Gruber (Jg. 1988) ist Ev. Religionspädagoge und lebt mit seiner Frau Lisa und ihren beiden Kindern in Freiburg i. Br. Er leitet gemeinsam in einem Team das Gebetshaus Freiburg und engagiert sich im Hauptvorstand der Evangelischen Allianz Deutschland und anderen Netzwerken. Er liebt Jesus, Ästhetik und seine Familie.
Autoren/Hrsg.
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EINLEITUNG
DIE WELT, IN DER WIR LEBEN
Michael Bordt, Philosophieprofessor aus München und Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership, berät Topmanager in Leiterschaft. Er bringt in seiner Beratung auch traditionelle Übungen aus seinem Hintergrund als Jesuit mit ein. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde er gefragt, ob christliche Spiritualität nicht »längst überholt« sei.1 Seine Antwort auf diese Frage ist erstaunlich und war für mich ein kleines Aha-Erlebnis. Er sagte: »Vor 30 oder 40 Jahren hätten die Methoden nicht gepasst«, heute aber schon. Früher sei es im Management nur um Effizienzsteigerung durch klassische Management-Tools gegangen – äußere Bedingungen blieben weitgehend gleich. Unsere heutige Zeit sei aber so unstetig, unsicher, komplex und mehrdeutig geworden, dass die klassischen Methoden nicht mehr ausreichen. Was es brauche, sagt er, sei eine gefestigte Persönlichkeit, um in der Lage zu sein »sich Antworten auf die großen Lebensfragen zu geben: Warum lebe ich hier auf Erden? Warum tue ich das, was ich tue? Wer diese Fragen für sich beantworten kann, hat den nötigen Fokus, um sich in der VUCA-Welt erfolgreich zu bewegen.«2
Krass! Ist es nicht erstaunlich, dass der heutige Mensch vielleicht sogar stärker als die vorangehende Generation eine gesunde Spiritualität sucht und auch mehr braucht, um der gewachsenen Fülle an Anforderungen im Alltag zu begegnen? Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dieses Buch schreibe, ist z.B. seit fünf Jahren das kleine Taschenbuch Das Café am Rande der Welt fast durchgängig auf Platz eins der Spiegel-online-Taschenbuch-Bestsellerliste. Es beschäftigt sich mit nichts weniger als dem »Sinn des Lebens« – laut Untertitel.3 Wir brauchen die Verwurzelung auf einer tieferen Ebene – und die Suche danach ist spürbar. Achtsamkeit, Waldbaden, Yoga und Meditation werden seit Jahren als wichtig wahrgenommen. Zwar entkoppelt sich allmählich eine über Jahrhunderte durch christliches Gedankengut geprägte Gesellschaft von Kirche und christlicher Religion, der Hunger nach Spiritualität aber bleibt!
Wir brauchen die Verwurzelung auf einer tieferen Ebene.
Als ich das Gebetshaus in Freiburg kennenlernte, sang unsere Freundin Katharina dort manchmal ein Lied von Justin Rizzo, einem Musiker aus dem Gebetshaus in Kansas City. In den Zeilen heißt es:
I want to be unmovable and unshakable
so let my roots go down deep, unmovable
and unshakable in you.
I want to be like a tree planted by the streams of living water.
Dieses Lied traf bei mir einmal mehr diese Sehnsucht: die Sehnsucht, tief in Gott und damit auch tief im echten Leben verwurzelt zu sein. Gute Antworten auf die Fragen zu haben, wozu ich lebe und warum ich tue, was ich tue. Und auch dort noch Halt zu haben, wo ich mal keine Antworten auf das Leben mehr habe. Ein Zuhause, ein Ort, von dem aus ich leben darf. Gleichzeitig spürte ich dabei die Hoffnung, dass dies auch möglich ist!
Der von Michael Bordt erwähnte Begriff der VUCA-Welt ist ein englischsprachiges Akronym, dessen Buchstaben für die Worte volatility (Flüchtigkeit), uncertainty (Unsicherheit), complexity (Komplexität) und ambiguity (Mehrdeutigkeit) stehen. Diese beschreiben für mich sehr treffend den Charakter unserer heutigen Zeit. Vielleicht ist dir der Begriff bereits vertraut. Vielleicht beschäftigst du dich schon mit dem Begriff der BANI-Welt, der im Prinzip eine Aktualisierung des VUCA-Begriffs ist.4 Beide Begriffe treffen meiner Meinung nach sehr gut, womit wir in unserem Alltag oft zu tun haben: endlose Optionen, Schnelllebigkeit, eine hohe Komplexität der Zusammenhänge, durch die vieles schwierig zu begreifen ist. Vielfältige Ebenen, auf denen Umstände gedeutet werden können, eine Fülle an Anforderungen, die auch verunsichern und verängstigen können. Und nicht zuletzt die Frage, ob Dinge, die früher getragen haben, auch in Zukunft zuverlässig und tragfähig bleiben.
Allein die Vielfalt der Optionen ist manchmal schon gnadenlos. Alles ist möglich – oder doch nicht? Beginnend bei der Frage, in welche Richtung man sich nach der Schule beruflich entwickeln möchte, bis hin zur Qual der Wahl, welche der sieben verschiedenen Milchsorten oder BBQ-Soßen man kaufen möchte. Die Frage danach, welche Beziehungen ich besonders pflegen möchte, entwickelt sich zum »Social Stress«. Die vielen Optionen und digitalen Errungenschaften führen oft zu einer dauernden Belastung, mit der wir erst lernen müssen umzugehen. Wir arbeiten nicht weniger, nur effizienter. Ebenso nimmt auch unsere Kommunikation ständig zu. Viele Dinge buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Unsere sozialen Medien halten oft sirupartige Impulse bereit. Zeitschriften, Predigten, Podcasts usw. geben neue Gedankenanstöße mit, die umgesetzt werden wollen. Manchmal sind wir dabei ganz nebenher noch mit Neid und Wünschen konfrontiert, die in uns schlummern.
Wie präsentiere ich mich am besten nach außen? Wie kann ich ein guter Ehemann sein? Wie werde ich erfolgreicher auf der Arbeit? Wie ernähre ich mich richtig? Wie gehe ich nachhaltig mit unserer Umwelt um? Wie viel Sport soll ich machen? Wie erziehe ich meine Kinder? Wo kann ich am besten meinen nächsten Urlaub verbringen und wie lege ich mein Geld am effektivsten an? Ach ja – und was genau war noch mal meine Berufung? Lebe ich selbst, oder werde ich gelebt?
Lebe ich selbst, oder werde ich gelebt?
Oft denke ich, dass es nur noch diese oder jene Angelegenheit zu erledigen oder Entscheidung zu treffen gibt, bevor endlich Ruhe einkehrt. Doch jedes Mal, wenn ich eigentlich an diesem Punkt angekommen sein müsste, tauchen schon die nächsten Herausforderungen am Horizont auf. Ja, es ist tatsächlich so: Unbeständigkeit ist einer der Begriffe, die unsere Zeit maßgeblich charakterisieren. Immer wieder neue Anpassungen an Veränderungen vorzunehmen, ist ein Alltagsbegleiter. Und die christliche Szene? Die setzt oft noch weitere Punkte auf meine To-do-Liste. Genau an diesem Punkt, bei all der Überforderung und vollen Alltagswelt, setzt meine Entdeckung an. Ich nenne sie das »Baumprinzip«.
EINE BESONDERE ENTDECKUNG
Meine Beschäftigung mit dem biblischen Bild vom Baum führte mich zu einer entlastenden Wahrheit: Die einzige Aufgabe, die der Baum hat, ist es, das Wasser bei Gott zu ziehen. Der Baum hat keinen Einfluss auf Wind und Wetter. Er wird gepflanzt, seine Früchte kommen zu ihrer Zeit im Jahr, er prägt durch seine Anwesenheit die Landschaft. Ein Baum ist etwas Wunderschönes und Ästhetisches. Und das, was die größte Bedeutung hat – das Wurzelwerk –, ist dabei oft gar nicht zu sehen.
Es gibt so viele Beobachtungen rund um den Baum, so viele Parallelen zu unserem eigenen Leben zu entdecken! Doch in all dem darf er sich auf eine Sache fokussieren, die entscheidend für das Gelingen seines Lebens ist. Jesus bringt es in Lukas 10,42 auf den Punkt: Nur »eins ist nötig« – nämlich die Verbundenheit mit ihm. Getrennt von ihm können wir nichts tun (Johannes 15,5). Eine Aussage, die für mich wie ein guter Anker ist. Ich werfe ihn gerne aus, wenn ich mich überfordert fühle oder mir die Richtung unklar ist, in die es weitergehen soll. Das Baumprinzip hilft mir, wenn ich mich in der VUCA-Welt orientierungslos fühle. Dabei ist diese Aufgabe eher eine Einladung zum Verweilen als ein Auftrag, etwas zu tun! Sein, wo Gott ist. Darum geht es auch im Kontext der Aussagen von Jesus.
In gewisser Weise gleicht das Baumprinzip damit dem Minimalismus – einem »Abstreifen all dessen, was zu viel ist und belastet.… Es bedeutet, frei und mit Leichtigkeit zu leben.«5
Durch die bewusste Reduktion auf das Wesentliche kommt eine neue Freiheit und Leichtigkeit in mein Leben. Es geht um Gottes Schönheit und Einfachheit in unserem Leben. Nicht um Druck, nicht um lange To-do-Listen.
Das Baumprinzip heißt, alles abzustreifen, was zu viel ist. Es bedeutet, frei zu leben.
Um dieses einzige (und einzig-artige!) Must-have herum habe ich seither viele faszinierende Entdeckungen gemacht, die mein Leben sehr bereichern. Erkenntnisse, die mir helfen, mit mehr Leichtigkeit und Klarheit durchs Leben zu gehen – ohne dabei Verantwortung von mir zu weisen oder mich von der Welt abzukapseln. Ich hätte diese Schätze beinahe für mich behalten, wenn mich nicht Menschen aus meiner Umgebung dazu ermutigt hätten sie aufzuschreiben. »Fang an, zu schreiben!«, war neben vielen anderen Ermutigungen ein Satz, den mir ein guter Bekannter als Gebetsimpuls wie aus dem Nichts weitergab. Ohne zu wissen, womit ich mich gerade beschäftigte. Daher freue ich mich sehr, dass ich diese Gedanken hier mit dir teilen darf!
DER BLICK NACH VORNE
Die positive Umkehrung des VUCA-Begriffs sind die Worte vision (Vision), understanding (Verstehen), clarity (Klarheit) und agility (Beweglichkeit). Diese Umkehrung kann dabei helfen, sich in dieser Welt zu bewegen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass uns eine Verwurzelung in Gott all dies geben kann. Unsere Sorgen, Fragen und Ängste sind sicher bei ihm. Und dabei ist die Verwurzelung in Gott zugleich eine Befreiung von anderen Erwartungen; ein Ausbrechen aus all dem, was wir oder was andere denken, was wichtig wäre.
Das biblische Bild vom Baum ist für mich zu einem Lebenskompass geworden – und vielleicht bleibt es das mein Leben lang: heilsam und entlastend. Die Weisheit dieses geistlichen Bildes begeistert mich enorm. Und während viele andere Lösungsansätze im Leben kommen und gehen, ist dieses Bild ein geistlicher Evergreen, aus...




