Grünfelder | An den Lederriemen geknotete Seele | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Grünfelder An den Lederriemen geknotete Seele

Drei Erzähler aus Tibet. Herausgegeben von Alice Grünfelder. Herausgegeben von Alice Grünfelder
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-293-30188-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Drei Erzähler aus Tibet. Herausgegeben von Alice Grünfelder. Herausgegeben von Alice Grünfelder

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-293-30188-7
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vor wenigen Jahren erst ist eine moderne tibetische Literatur entstanden. Provozierend, ambivalent und mit unkonventionellen Mitteln wirft sie einen unverstellten Blick auf ein unbekanntes Tibet, das zwischen modernen und traditionellen Vorstellungen von Leben und Tod, zwischen tiefer Religiosität und Atheismus zerrissen wird.

Tashi Dawa fängt die magische Vorstellungswelt ein, in seinem verblüffenden Spiel konfrontiert er die Vergangenheit mit der Gegenwart. Alais eindringliche, kritische Beschreibungen von Natur und Zivilisation führen in den Alltag der Tibeter. Sebo ironisiert und verfremdet in seinen Erzählungen, was religiösen Tibetern heilig ist. Seine Erzählungen sind als chiffrierte Herausforderung an alle Glück und Heil verheißenden Wahrheiten zu lesen.

Grünfelder An den Lederriemen geknotete Seele jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Im Dunkeln


Langsam hob sich der Türvorhang. Fett, Öl und Ruß hatten sich über all die Jahre hinweg in ihm festgesetzt, und nun hing er wie eine schmutzige Schafwolldecke schwer herab. Der Wind wehte von draußen in die Kammer herein und blies in alle vier Ecken. Er ließ die Flammen der beiden Kerzen aufflackern, die auf dem niedrigen Tisch standen. Die zuckenden Schatten, die sie an die Wand und die Zimmerdecke warfen, wuchsen und schrumpften und nahmen wunderliche Formen an.

Nur die Flammen an den verkohlten Dochtenden der kleinen Butterlampen, die auf dem Schrank standen und vor der Buddhafigur leuchteten, waren reglos und schienen wie erstarrt. Der irdische Lufthauch büßte vor der Buddhastatue seine Kraft ein. Ehrfurcht strahlte sie aus, Friede …

Lange Zeit stand eine Silhouette, ohne sich zu rühren, hinter dem hochgehobenen Vorhang. Ein dunkelgrüner Daunenanorak verschmolz mit der dunklen Nacht zu einem Fleck und schwankte in dieser Finsternis. Da leuchtete plötzlich eine verwaschene, ausgeblichene Jeanshose hell auf. Als die Schritte sich anmutig und graziös entfernten, fiel die Decke wie ein großer Bühnenvorhang langsam nach unten und verbarg die Beine. Es war nur noch das ungleichmäßige Trippeln von hohen Absätzen zu hören, die unentschlossen zögerten, als ob sie ratlos wären, als ob etwas Neues sie in ihren Bann gezogen hätte, an eine Rückkehr war nicht mehr zu denken … schließlich verhallten diese schnellen Schritte, in denen der Frühling mit seiner ganzen Kraft zu spüren war, in weiter Ferne …

Diese Schritte erinnerten Gevatter Gyatso in seiner Kammer an seine Kindheit, an diesen besonderen Klang beschlagener Pferdehufe. So vielerlei Hufklappern hatte er in seinem Leben gehört: schnellen Galopp, Trab, Hufe, die auf Gras oder über Stein gingen. Und dann gab es noch den weichen, gedämpften Laut von Hufen, wenn sie auf einen Leichnam traten. Diese Schritte waren genauso geheimnisvoll wie das Klappern der Hufe, sein Herz begann zu flattern.

»Die da, wer ist sie?« Gyatso hatte bereits sehr viel Schnaps getrunken, sein Verstand war zähflüssig. Der Schnaps war so sauer, dass seine Zähne knirschten, so kalt, dass es wehtat. Ihm war, als ob Tausende kleiner Krallen in seinem Innern wild und erbarmungslos kratzten.

»Frag … sie«, sagte die alte Yishi mit ihrer schwach gewordenen Stimme so zaghaft, als ob sie ein Klagelied anstimmen würde, »sie weiß bestimmt, wo … Gesar ist …«

Gevatter Gyatso hatte eigentlich zu sich selbst gesprochen und war deshalb sehr ungehalten, als er auf einmal eine Stimme neben sich hörte.

Seine Frau Yishi, mit der er seit mehr als vierzig Jahren zusammenlebte, saß kerzengerade vor ihm am Tisch. Ihre beiden Hände lagen auf ihren Oberschenkeln, und um ein Handgelenk hatte sie ihre Mala aus Glasperlen gewickelt, die seit Langem ihren Glanz verloren hatten. Weil der Daumen der anderen Hand unzählige Tage und Nächte lang viele tausend Male die Perlen bewegt hatte, war er nervös und verkrampft. Sie hielt ihre Augen geschlossen und schien zu schlafen, ihr eingefallener Mund stand halb offen und entblößte nur einige wenige Zahnstummel, die so rund waren wie Perlen. Manchmal kräuselten sich die Lippen lautlos, als ob sie im Traum leise mit jemandem sprechen würde.

»Habe gehört, dass er irgendwo Geschäfte macht, genau wie ich, als ich jung war«, sagte Gyatso stolz und kniff seine Augen zusammen.

»He?« Yishi war schwerhörig und hatte ihn nicht richtig verstanden.

»Er konnte sehr gut Stepptanz tanzen«, sagte er mit erhobener Stimme.

»Heute Morgen … als ich den Kora ging, hab ich … jemanden gesehen.« Yishi war ganz darin vertieft, ihm zu erzählen, was an diesem Tag geschehen war. Immer wenn sie etwas erzählte, sprach sie von den Dingen, die sie bei ihrem Kora erlebt hatte.

»Er stieg … aus einem Auto für Funktionäre aus. Als ich ihn sah, ah, er ist … immer noch so, hat sich … nicht verändert. Wahres, von Buddha verliehenes Glück. Danach, danach …«

»Ama Yishi«, unterbrach er sie, »hast du heute Butter gekauft?«

»Ja, hab ich. Heutzutage ist Butter … so teuer wie Gold. Wir haben schon lange … keinen Buttertee … mehr getrunken.«

»Wenn wir nur genug Butter für die Lampen haben, die vor dem allbarmherzigen und allgütigen Buddha stehen. Da dürfen wir nicht sparen.«

»Peng!« Es knallte laut am Fuß der Mauer draußen vor dem Fenster, unter dem Gyatso saß. Er hatte das Gefühl, von einer Kraft in die Luft geschleudert zu werden, als ob eine wilde Bestie in seinen Magen hineinbeißen würde.

»Großer Gott«, rief er erschrocken.

Yishi aber hatte immer noch ihre Augen geschlossen und saß teilnahmslos da. Sie schien geahnt zu haben, dass es so laut knallen würde. Nur ihr Mund verzog sich in viele Falten, der Knall war zur unpassenden Zeit gekommen, denn nun war ihr Gespräch unterbrochen.

Erst jetzt fiel ihnen auf, wie laut und lebhaft es draußen auf der Straße zuging: Stimmen und Töne schwirrten durcheinander; auf dem Pflaster waren Schritte von Fußgängern zu hören, die kamen und gingen, wie ein Marsch, der durcheinander geraten war, wie ein riesiges und mächtiges Heer, das unaufhaltsam marschierte; laut krachten immer noch die Knallfrösche, ganz nah, dann weiter weg, wie Sutras an einem schwülen Gewittertag; man konnte das schleifende Geräusch der eisenharten Bretter hören, die sich die Pilger zum Schutz um die Hände gebunden hatten, wenn sie sich auf den Boden fallen ließen, um ihre Niederwerfung zu machen. Das grobe Lachen der Männer und die spitzen Schreie der Frauen, das Gekreische der Kinder mischte sich darunter; der laute und melodische Gesang der Kampas, heftiges Fahrradklingeln und dann der stampfende Rhythmus der elektronischen Musik, die aus den Lautsprecherboxen der Nachbarn im oberen Stockwerk dröhnte …

Nur die beiden saßen einsam und verlassen in ihrem Zimmer, alles, was draußen vor sich ging, berührte sie nicht.

Dann fel Gyatsos Blick auf die kurzen und langen Messereinkerbungen auf dem vierkantigen Holzpfeiler, der mitten im Zimmer stand. Er krabbelte von seinem niedrigen Bett herab, schwankte in eine Ecke, um ein rostiges Messer hervorzukramen, spuckte auf die Messerscheide und rieb sie auf seinem Gewand ein paar Mal hin und her.

»Richtig … noch … eine Kerbe ritzen«, murmelte Yishi zittrig. Immer noch hielt sie die Augen geschlossen. Sie verließ sich auf ihr Gehör und wusste, was er vorhatte.

Mit beiden Händen hielt Gyatso das Messer und bückte sich vor dem Holzpfeiler: »Hier wohnen wir … ah, seit … dreißig … äh, achtunddreißig Jahren.«

Unter der dunklen und undeutlichen Reihe der Einkerbungen erschien eine tiefe und weiße neue Narbe.

Eine Hand hatte er an seine leicht gebeugte Hüfte gelegt, und mit der anderen hielt er sich am Pfeiler fest. Als er sich aufrichtete, seufzte er und legte den Kopf schräg, als ob er den Anblick eines Meisterwerks lange genießen wolle. Anscheinend war er nicht zufrieden, denn er bückte sich abermals und zog die Kerbe etwas länger bis an die Kante des Pfeilers. Noch einmal prüfte er die oberen krummen, alten Einkerbungen, die alle so erbärmlich kurz waren, und auf einmal versetzte ihn die eben eingeritzte lange, neue Kerbe in Angst, sie schien ihm zeigen zu wollen, dass die Materie und alles Leben endlich sei …

Leben! Seine Beine begannen zu zittern.

Das Messer fiel ihm aus der Hand. Ängstlich kletterte er schnell zurück auf sein Bett. Auf dem Platz, an dem er soeben noch gestanden hatte, sah er den leuchtenden Heiligenschein eines Schutzgottes, sicherlich war dies ein von Gott beschützter Ort.

O Buddha, lass mich diese sündige Tat ungeschehen machen, warum musste ich diesen Strich unbedingt länger ziehen, dachte er voller Angst und Schrecken.

Yishi nahm den Schnapskrug und füllte seine leere Schale wieder auf. Doch da die alte Hand unentwegt zitterte, spritzte der Schnaps auf den Tisch, breitete sich dort aus und verlief zu einer merkwürdigen Zeichnung. Völlig in Gedanken versunken, zog sie mit ihrem Zeigefinger vom Rand der Zeichnung aus einen Strich in ihre Richtung, als ob sie einen Abfluss schaffen wollte. Der Schnaps floss in dieser Linie zusammen und tropfte vom Tisch auf ihren schwarzen Rock aus dickem Wollstoff.

Auf dem Tisch lag ein kariertes Stoffbündel. Sie hatte es hingelegt und war gleich darauf wieder verschwunden. Sicherlich waren frittierte Backwaren, Kuchen, Biskuits, gedörrte Pfirsiche, bunte Bonbons und vielleicht auch getrocknetes, in Streifen geschnittenes Rindfleisch darin eingewickelt. Doch keiner von beiden rührte sich, um es aufzuknoten.

Sie hatten noch nicht über sie gesprochen, überhaupt hatten die beiden kein Wort hervorgebracht, seit diese Frau langsam den Vorhang gehoben und wieder gegangen war. Nur in dem Augenblick, als der Vorhang herabfiel, hob Gyatso höflich beide Hände hoch, doch das hatte sie ganz sicher schon nicht mehr gesehen. Ihn überkam danach auf einmal Angst, er hatte das Gefühl, dass sie aus seinem Herzen etwas mitgenommen hatte. Als sie mit dem karierten Stoffbündel auf einmal an der Tür stand, musste er einige Male blinzeln. Es war, als ob vor seinen Augen eine leuchtende Sonne erschiene und die...


Rusch, Beate
Beate Rusch, geboren in Leer/Ostfriesland, studierte Sinologie und Germanistik in Berlin, Taipeh und Shanghai. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Grünfelder, Alice
Alice Grünfelder studierte, nach einer Buchhändlerlehre und einem längeren Asienaufenthalt, Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu. Zahlreiche Reisen führten sie auch nach Tibet. Sie arbeitete als Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, anschließend gründete sie in Berlin eine Agentur für Literaturen aus Asien. Von 2004 bis 2010 betreute sie als Lektorin die Türkische Bibliothek im Unionsverlag. Seither ist sie als freie Lektorin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin tätig.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.