Grueso | Der Wörterschmuggler | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Grueso Der Wörterschmuggler


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-455-17068-9
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-455-17068-9
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bruno Labastide ist ein Abenteurer, ein sympathischer Schuft und ein Sammler kurioser Geschichten: Als er in Venedig eine geheimnisvolle Japanerin kennenlernt, die ihre Liebhaber stets nur für eine Nacht und gegen schöne Verse empfängt, versucht er, sie mit seinen Geschichten zu betören: zum Beispiel mit der von dem Jugendlichen, der Wörter schmuggelt, oder mit der von der Frau, die in Paris von einem unsichtbaren Verehrer verfolgt wird. Magisch-zauberhafte Begebenheiten, die in Buenos Aires, Paris oder Shanghai spielen und am Ende wieder nach Venedig führen.

Natalio Grueso leitete verschiedene kulturelle Institutionen von internationaler Bedeutung. Der Wörterschmuggler war ein internationaler Erfolg. Er wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und 2022 mit dem International Latino Book Award für den besten in den USA veröffentlichten Roman in spanischer Sprache ausgezeichnet. 2016 erschien von ihm eine autorisierte Biografie über Woody Allen.
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Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Für Judit [...]
Niemand versteht die Einsamkeit [...]
Das Bordell von Dorsoduro
Der Mann, der Bücher verschrieb
Die Stimme Argentiniens
Der Wörterschmuggler
Club der Auslandskorrespondenten
Der Verehrer
Der Pianist vom See
Das schwarze Gold von Tscheljabinsk
Der Traumjäger
Sieben Wörter (I)
Kollateralschäden
Sieben Wörter (II)
Epilog
Danksagung
Über Natalio Grueso
Impressum


Der Mann, der Bücher verschrieb


Er entdeckte es auf dem Boden, vor einer Apotheke in der Calle Esmeralda, als er gerade nach Maipú unterwegs war. Ein in Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen auf der Straße, liegengelassen, vergessen. Er sah sich nach allen Seiten um, suchte nach Augen, die die seinen finden und den Kontakt länger als drei Minuten aushalten würden. Suchte nach dem, was er sein Leben lang gesucht hatte. Doch nichts passierte.

Wer immer dieses Päckchen dort vergessen hatte, war längst verschwunden. Er konnte sich den Ärger dieses Menschen vorstellen, wenn er den Verlust entdeckte, das überraschte Gesicht, wenn ihm sein Missgeschick bewusst würde, und auch den sofort in Gang gesetzten geistigen Prozess, mit dem er jeden Schritt in Erinnerung riefe, die Strecke nachzeichnete und überlegte, wo zum Teufel er es liegengelassen hatte.

Es war ein Buch, oder zumindest sah es so aus, und Horacio dachte voll Ironie, dass das Schicksal sich keinen passenderen Finder als ihn hätte aussuchen können. Ihn, Horacio Ricott, den »Mann, der Bücher verschrieb«.

»Verzeihung, aber ich fürchte, das habe ich nicht verstanden.«

Horacio Ricott lehnte sich lächelnd zurück, trank seinen Kaffee aus und sah das Mädchen an.

»Nun, ich stelle Rezepte aus, verschreibe Bücher, so wie andere Medikamente verschreiben oder Zaubermittel oder Investmentfonds. Ich verschreibe Bücher.«

»Heißt das, Sie sind so etwas wie ein Buchhändler?«

»Nein, nein, ganz und gar nicht. Ein Buchhändler kauft und verkauft Bücher, klassifiziert sie, legt ein kleines Lager an, remittiert sie an die Verlage oder behält sie auch, das hängt vom jeweiligen Buchhändler ab. Aber ich kaufe weder Bücher, noch verkaufe ich sie, und ich habe auch keinerlei Lager. Ich empfehle sie einfach, verschreibe sie, mehr nicht.«

Das Mädchen biss sich auf die Lippen. Und das erregte Horacio ungemein. Sie tat das, wenn sie etwas nicht verstand oder wenn sie über etwas nachdenken musste, und für den Mann, der Bücher verschrieb, war das einfach unwiderstehlich. Genauso wie ihre superweißen Zähne, das zarte Rouge in dem Porzellangesichtchen und die Augen, so grün wie das Meer fremder Städte, die nicht Buenos Aires hießen. Das und vieles mehr wusste Horacio aus den Büchern.

»Ehrlich gesagt, bin ich noch nie auf die Idee gekommen, dass jemand so etwas machen könnte«, sagte das Mädchen. »Sie sind der erste Bücherverschreiber, dem ich begegne.«

Horacios kurzsichtige Augen hinter der dicken Hornbrille lächelten zufrieden.

»Aber irgendwie verstehe ich das nicht ganz«, sagte sie. »Darf ich Ihnen eine Frage stellen?«

»Selbstverständlich, wieso auch nicht?«

»Das, was Sie da machen, ist das zu irgendwas gut?«

Da veränderte sich auf einmal Horacios Blick, und es war, als hätte man ihm einen schmerzhaften Dorn ins Herz gebohrt. Ohne seine Augen von denen des Mädchens zu lösen, wiegte er den Kopf. Sie wartete, herausfordernd, und – warum sollte man es verschweigen? – war schöner denn je.

»Sehen Sie, mein Fräulein«, erklärte Horacio bestimmt, »ich habe bereits drei Ehen gerettet und einen Jugendlichen vor dem Selbstmord bewahrt. Und deswegen glaube ich, dass meine Arbeit schon weit mehr gebracht hat als die der meisten von Ihnen.«

Dieses »von Ihnen« war eindeutig beabsichtigt, als wollte er sich an dem Mädchen für ihre Kühnheit und ihr forsches Auftreten rächen, und auch an allen anderen, die einer konventionellen Arbeit nachgingen und ihn für einen Spinner hielten.

Sie sah ihn sehr ernst an, wirkte verärgert, aber das machte sie nur noch attraktiver. Horacio dachte, dass er sich auf der Stelle in diese Frau verlieben könnte, die nur halb so alt war wie er, die ohne weiteres seine Tochter hätte sein können, und dieser Gedanke entmutigte ihn nicht etwa, sondern erregte ihn nur noch mehr. Ihre grünen Augen waren fest auf die seinen gerichtet, auf diese traurigen Augen hinter der dicken Hornbrille eines Fünfzigjährigen, der sein Leben lang auf der Suche gewesen war nach einem Blick, der seinem länger als drei Sekunden standhielt und ihn einlud, die Schwelle zu überschreiten.

»Und welches Buch würdest du mir verschreiben?«, fragte sie.

Er schluckte schwer, denn es war ihm nicht entgangen, dass sie ihn erstmals geduzt hatte. Er bemühte sich, blitzschnell zu denken, doch sein Gehirn war blockiert. Da musste er innerlich lachen: Hat man das schon mal gesehen, ein Argentinier, dem es die Sprache verschlägt!

Als mildernde Umstände mögen seine Nervosität und die vorübergehende geistige Umnachtung gelten, oder auch seine Verliebtheit, denn letzten Endes ist das alles dasselbe. Tatsache ist, dass er wegen dieser Lippen – er sah dem Mädchen bereits nicht mehr in die Augen, sondern nur noch auf den Mund – etwas ganz Dummes sagte:

»Ich würde dir einen Liebesroman verschreiben«, stammelte er, unsicher wie ein Gymnasiast in einer Prüfung, auf die er sich nicht vorbereitet hat.

Sie zuckte kurz, fast unmerklich, zusammen, doch lange genug, um das Rouge auf ihren Wangen aufflammen zu lassen. Dann öffnete sie ein wenig die Lippen, als wollte sie seufzen, und ließ dabei ihre weißen Zähne aufblitzen. Horacio stellte sich vor, wie diese Zähne sich über die verbotensten Stellen seines Körpers hermachten. Schließlich neigte sie den Kopf zur Seite und sagte lächelnd, ganz dicht vor seinem Gesicht:

»Wie schade, wo mir doch Sex-Geschichten lieber sind.«

Von diesem Augenblick an wird die Geschichte Horacio Ricotts, des Mannes, der Bücher verschrieb, konfus und unverständlich, manchmal sogar widersprüchlich. Sie handelt von einem auf dem Tisch liegengebliebenen Verzehrbon – auf das Wechselgeld hat er gar nicht erst gewartet, daher fiel das Trinkgeld unverhältnismäßig hoch aus –, von einem Spaziergang im Herbstregen über das Pflaster der Bürgersteige – oder waren es Wolken? – von San Telmo zur Plaza Dorrego, dann die Treppen zu seiner Wohnung hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend, sie handelt von Kleidern, die im Flur landen, vom Geruch nach gegrillten Sardinen aus dem Hof, von den quietschenden Federn seines alten Eisenbetts, von der Zimmerdecke mit den Stockflecken, von ihren perfekten Brüsten mit den harten Brustwarzen, die ihn wie warnende Finger oder bedrohliche Lanzen daran erinnerten, dass das keine Liebe war, dass Horacio Ricott sich in vollem Bewusstsein auf den Scheiterhaufen begab und dass mit dem Rouge und den perfekten Brüsten noch viel mehr verschwinden würde. Doch noch war es nicht an der Zeit, darüber nachzudenken, denn die Hüften hielten nicht inne in ihrer Bewegung, und der feste, harte Bauch verströmte eine vulkanische Hitze. Der Ursprung der Welt, dachte Horacio, während er sich selbst einen Bildband über Courbet verschrieb.

Da beging er die zweite Dummheit des Abends, indem er sagte:

»Bleib heute Nacht hier.«

Das Lachen des Mädchens schallte vermutlich bis in die nächste Eckkneipe. Aber sie sagte nichts, erhob sich vom Bett, nackt wie eine seidene Gottheit, öffnete Horacios Schrank, suchte sich unter dem verstörten Blick des Mannes, der Bücher verschrieb, aus den dort aufgehängten Hemden das aus, das ihr am besten gefiel: ein rot-schwarz kariertes Holzfällerhemd – à la Jack London, dachte Horacio, er hatte es sich vor Jahren auf einer Reise nach El Calafate gekauft –, zog es über den nackten Körper, spazierte durch die Wohnung, als wäre es ihre, duschte ausgiebig, kleidete sich an und ging. Und hier wird die Erzählung noch konfuser und unzusammenhängender, denn es ist nicht ganz klar, ob sie ging, ohne sich zu verabschieden, ob sie lächelte und ihm von der Tür eine Kusshand zuwarf, ob sie an das Bett trat, in dem der Mann, der Bücher verschrieb, immer noch unbeweglich lag, als wäre er zum Tetraplegiker geworden, oder ob sie einfach nur die Tür hinter sich zuzog und verschwand.

Fest steht jedenfalls, dass Horacio Ricott am nächsten Tag durch ein heftiges Donnern gegen die Wohnungstür aus seiner sanften Lektüre gerissen wurde. Kommen Sie bitte mit – Aber wer sind Sie – Polizei, Sie sind verhaftet, durchsucht alles – Machen Sie das bitte nicht kaputt, dazu haben Sie kein Recht – Halten Sie verdammt noch mal den Mund – Aber … Der Schlag in Horacios Gesicht schleuderte seine Hornbrille durch die Luft und ließ sie neben der Küchentür wieder aufkommen.

Sie fanden nichts. Wenn Sie sie wiedersehen, geben Sie uns Bescheid, hieß es, sonst kriegen Sie Schwierigkeiten. Doch irgendetwas war faul an der Sache. Horacio erzählte es am nächsten Tag seinem Freund Ricardo, mit dem er im La Coruña, der Bar am Markt, ein paar Quilmes trank.

»Diese Typen waren keine Polizisten; die sahen selbst dafür noch zu übel aus. Ich sag dir, die waren hinter was anderem her.«

»Wie bist du denn überhaupt in diese Sache reingeraten, Alter?«, fragte Ricardo. »Und wie hieß eigentlich diese Puppe, die dich jetzt ins Verderben stürzt?«

Horacio Ricott, der Mann, der Bücher verschrieb, wurde blass, als er diese Frage hörte. Überrascht und gequält sah er den Freund an, wie ein Gefolterter, der die Information, die man ihm entlocken will, wirklich nicht kennt. »Ich weiß es nicht«, sagte er.

Ricardo Kublait war der beste Kunde des »Mannes, der Bücher verschrieb«, und es verging keine Woche, in der er ihn nicht besuchte und nach irgendeinem Titel verlangte. Im Laufe der Zeit waren sie zu dem geworden, was man gemeinhin als Freunde bezeichnet, oder zumindest war das ihr gegenseitiges...


Gareis, Marianne
Marianne Gareis studierte Lateinamerikanistik, Anglistik und Ethnologie. Sie übersetzt aus dem Portugiesischen und Spanischen u. a. Autoren wie José Saramago, Joachim Machado de Assis, Andréa del Fuego, Sergio Álvarez und Samanta Schweblin. Sie erhielt den Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW sowie den Hieronymusring des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen.

Grueso, Natalio
Natalio Grueso leitete verschiedene kulturelle Institutionen von internationaler Bedeutung. Der Wörterschmuggler war ein internationaler Erfolg. Er wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und 2022 mit dem International Latino Book Award für den besten in den USA veröffentlichten Roman in spanischer Sprache ausgezeichnet. 2016 erschien von ihm eine autorisierte Biografie über Woody Allen.

Natalio Grueso leitete verschiedene kulturelle Institutionen von internationaler Bedeutung. Der Wörterschmuggler war ein internationaler Erfolg. Er wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und 2022 mit dem International Latino Book Award für den besten in den USA veröffentlichten Roman in spanischer Sprache ausgezeichnet. 2016 erschien von ihm eine autorisierte Biografie über Woody Allen.



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