E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Grueso Woody Allen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-455-18010-7
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein ganz persönlicher Blick auf das Filmgenie
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-455-18010-7
Verlag: Atlantik Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Natalio Grueso leitete verschiedene kulturelle Institutionen von internationaler Bedeutung. Der Wörterschmuggler war ein internationaler Erfolg. Er wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und 2022 mit dem International Latino Book Award für den besten in den USA veröffentlichten Roman in spanischer Sprache ausgezeichnet. 2016 erschien von ihm eine autorisierte Biografie über Woody Allen.
Weitere Infos & Material
Cover
Titelseite
Für Mario, das unverstandene [...]
0 Das Genie
1 Das junge Talent
2 Der Stand-up-Comedian
3 Der Geschichtenerzähler
4 Der Komiker
5 Die Berühmtheit
6 Der Kinoliebhaber
7 Der Spanienliebhaber
8 Der Glückspilz
9 Der Musiker
10 Der Leser
11 Der Existenzialist
12 Der Ewige
Dank
Chronologie
Der Autor
Anmerkungen
Über Natalio Grueso
Impressum
Skipper-Books
1 Das junge Talent
© Getty Images
Die Stadt New York besteht aus fünf Stadtbezirken: Manhattan, Brooklyn, Queens, die Bronx und Staten Island. Woody Allens New York ist allerdings kleiner, man könnte fast sagen, es umfasst nur die beiden ersten Bezirke, und die nicht einmal ganz. Oberhalb der 96th Street, wo Harlem beginnt, endet für ihn Manhattan, und auch in den Süden kommt er nur selten. Brooklyn besteht für ihn nur aus ein paar Straßen, und das war’s. Sein Leben konzentriert sich auf die Upper East Side, um die Fifth Avenue herum, wo er viele Jahre gelebt hat, am Central Park. Die Wohnung, in der die Dreharbeiten zu stattfanden, befand sich beispielsweise in der 60th Street zwischen Lexington und Park Avenue; kurioserweise genau an der Ecke, wo sich heute, fast vierzig Jahre später, sein Haus befindet.
Und dann ist da natürlich der Times Square mit seiner endlosen Parade von Kinos und Theatern. Woody Allen gibt selbst zu, dass er auf der Leinwand stets eine idealisierte Stadt gezeigt hat, in der es weder Verbrechen noch Armut, weder Müll noch Staus noch Lärm gibt. Und obwohl New York sich im Laufe der Jahre sicher sehr verändert hat und nicht mehr über den Glanz früherer Epochen verfügt, ist es doch noch immer eine der lebendigsten und spannendsten Städte der Welt.
Allen erinnert sich noch gut an den Tag, an dem er zum ersten Mal an den Times Square kam, im zarten Alter von sechs Jahren. Er erzählt, es sei wie die Entdeckung einer Zauberlandschaft gewesen, eines Traumlandes. In der 52nd Street Ecke Broadway befand sich das Zelt des Magic Circle, das für ein Kind, das Taschenspielertricks liebte und gerade seine eigenen Zauberkunststücke entwickelte, das Paradies gewesen sein muss. Es gab zudem Schießbuden, Museen und Zirkuszelte; Matrosen auf Landgang in weißen Uniformen, die, auf der Jagd nach einem Kuss, hübsche Mädchen zum Bummeln einluden. Dieses New York der europäischen Kriegsjahre gab es bald darauf nicht mehr, und heute findet man dort Legionen von Touristen, die kommen und gehen, es aber trotzdem nicht geschafft haben, dieser Stadt ihren Zauber zu nehmen. Doch das Kind, das in dem bescheidenen Viertel Flatbush, ganz in der Nähe von Flughafen, Strand und dem dekadenten Vergnügungspark von Coney Island aufwuchs, wusste seit seinem ersten Besuch in Manhattan, dass dies der Ort war, wo er den Rest seines Lebens verbringen wollte. Und zwar nicht nur physisch, als simpler Bewohner, sondern als Teil dieses exquisiten Ambientes schöner, weltgewandter Damen und eleganter Herren, die Smokings trugen und auf Partys Small Talk hielten, als Teil der Luxushäuser mit Portiers in Livree und Schirmmütze, die den Damen bei Regen ein Taxi bestellten und sie – ganz Kavalier – mit einem Schirm begleiteten, als Teil der Restaurants an jeder Ecke, wo unzählige schillernde Cocktails und Dry Martinis über den Tresen gingen. Das war die Upper East Side von New York, deren Rückgrat die Park Avenue bildete. Es war das New York Cole Porters, dessen Flügel man in dieser legendären Straße immer noch in der Lobby des Waldorf Astoria Hotels bewundern kann.
Die Stadt wurde in einem Großteil seiner Filme genauso zur Protagonistin wie die Schauspieler, war stets Kulisse der erzählten Geschichten. Ihre Präsenz ist erdrückend, vor allem in , aber wir finden sie auch in , in oder in Menschen aus der oberen Mittelschicht, gebildet, aber mondän, die in guten Wohnungen in der besten Gegend der Stadt wohnen und ihren amourösen Leidenschaften frönen, die versuchen, ihre Ehen zu retten, eine neue Eroberung zu machen, oder über den Sinn des Lebens und die Vergänglichkeit nachdenken.
Am Ende von sagt Humphrey Bogart diesen berühmten Satz: »Uns bleibt immer Paris.« Woody Allen sagt uns seit über einem halben Jahrhundert auf subtile, aber eindringliche Art: »Uns bleibt immer New York.«
Allen hat eine ganz typische Angewohnheit, er schnalzt mit den Fingern, wenn er etwas erzählt und zeigen will, dass er die Lösung gefunden hat. Zweifellos ein Überbleibsel aus seinen Zeiten als Zauberer.
Eine von Woody Allens ersten, schon in der Kindheit beginnenden Leidenschaften war nämlich die Zauberei. Er verschlang Bücher über Taschenspielertricks und Anleitungen zum Zaubern und führte diese Tricks wenig später selbst vor. Damals waren gerade diese magischen Namen der Taschenspielerkunst berühmt: Howard Thurston, Harry Blackstone und vor allem der große Harry Houdini. Doch was als harmloses Hobby begann, wurde bald zu etwas Ernsthafterem. Und hier zeigen sich bereits Allens typischste Charaktereigenschaften: Beständigkeit, Fleiß und Hingabe, was vor allem in seiner musikalischen Karriere zum Ausdruck kommt.
Vielen Menschen ist nicht bekannt, dass der junge Allen zunächst als Zauberer arbeitete, mit eigener Show, in der er recht geschickt verschiedene Zauberkunststücke vorführte. Seinen ersten Bühnenauftritt vor Publikum hatte er ebenfalls als Zauberer und nicht als Komiker. Bis heute liebt er es, seine Fingerfertigkeit zu üben, wenn ihm ein Kartenspiel oder eine Münze in die Hände fällt.
Diese Vergangenheit als Zauberer erklärt auch die vielen Bezüge zur Magie in Allens filmischem Werk. Am deutlichsten wird das vielleicht in , einem seiner neueren Filme, in dem das Wort sogar im Titel vorkommt. Darin versucht ein von Colin Firth gespielter Zauberkünstler, der den übernatürlichen Phänomenen von Natur aus, aber auch von Berufs wegen, skeptisch gegenübersteht, ein hübsches Mädchen zu entlarven, das sich als Medium bezeichnet, in den Augen des Zauberers aber schlicht eine Betrügerin ist. Doch dann lernen sie sich näher kennen, verbringen gemeinsam mit anderen geladenen Gästen ein paar Tage in einem Haus an der französischen Riviera, und seine Überzeugung, dass sie eine Betrügerin ist, bröckelt. Er kommt immer mehr ins Schwanken, was ihre tatsächlichen Fähigkeiten betrifft, bis sich die Sache am Schluss aufklärt.
Besagter Zauberer, ein englischer Illusionist namens Stanley Crawford, verkleidet sich für seine Show als Chinese und gibt sich als Wei Ling Soo aus. Die Künstlernamen der zahlreichen Magier, die im Laufe der Jahre in Allens Filmen auftauchen, gehorchen der alten Tradition des goldenen Zeitalters des Zirkus, der großen Spektakel mit Hypnose und Wegzaubern. So gibt es darin beispielsweise den großen Splendini aus oder Dr. Yang aus , den großen Shandu aus oder den Zauberer Voltan aus Hier verleiht Allen der Handlung freilich eine unerwartete Wendung, wenn nämlich der Magier die von Allen gespielte Figur, einen Detektiv einer Versicherungsgesellschaft, hypnotisiert, seines Willens beraubt und zu Unterschlagungen nötigt, die er später selbst aufdecken muss. Er arbeitet dabei mit den Schlüsselwörtern »Konstantinopel« und »Madagaskar«, zwei exotischen Referenzen, die uns in jene Zeit zurückversetzen, in der sich der Aberglaube in die Wissenschaft einschleichen wollte.
Der Regisseur selbst erinnert sich jedoch ungern an diesen Film und betrachtet ihn sogar als einen seiner schlechtesten. Ich selbst glaube wiederum, dass er zu selbstkritisch ist, wenn er meint, dass die hohen Erwartungen, die eine so brillante Ausgangsidee weckt, nicht erfüllt werden, weil sein eigenes Spiel die Figur unglaubwürdig macht. In Wirklichkeit funktioniert der Film aber wunderbar als lustige, äußerst vergnügliche Komödie.
In zwei weiteren Filmen seines Werks bildet die Magie die Hauptachse der Handlung, ohne dass es der Rolle eines Zauberkünstlers bedarf. Der erste ist die bereits erwähnte Komödie , wo die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion aufgehoben wird. Etwas Magischeres, als freiwillig von einer Welt in die andere zu treten und die Leinwand zu durchschreiten, gibt es einfach nicht.
Der zweite ist , ein Film, in dem Gil Pender, gespielt von Owen Wilson, im nächtlichen Paris von einem geheimnisvollen Auto mitgenommen und in die wundervollen zwanziger Jahre dieser Stadt zurückversetzt wird, wo er mit seinen vielbewunderten Idolen verkehren darf: Cole Porter, Gertrude Stein, Luis Buñuel, Pablo Picasso und Salvador Dalí. Die Kritik bezeichnet beide Filme praktisch einhellig als Meisterwerke, die zu Allens außergewöhnlichsten künstlerischen Produktionen zählen. Auffällig ist in der Tat, dass in beiden Filmen die Magie eine große Rolle spielt. Genau genommen ist ja das Kino selbst, diese erst ein gutes Jahrhundert alte Erfindung der Brüder Lumière, nichts anderes: reine Magie, Zauber, Verzauberung. Eine magische Laterne, gespeist vom Talent derer, die Kino möglich machen, damit wir wie in einem unwirklichen Traum dorthin transportiert werden, wohin die Phantasie ihrer Schöpfer uns trägt.
Auch in spielt die Magie die Hauptrolle. In diesem Film erfindet Allen einen ziemlich tollpatschigen Zauberkünstler namens Splendini. Es handelt sich hierbei um eine leichte Komödie ohne höheren Anspruch, die gut geschrieben, gut dargestellt und gut gedreht ist, aber zu der Gruppe von Filmen zählt, denen Woody Allen selbst keine größere Bedeutung beimisst. Er tut sie als billige Unterhaltung ab und bereut gelegentlich sogar, sie überhaupt gedreht zu haben, weil ihm dadurch die Zeit fehlte, um Projekte von größerer Bedeutung...




