Grunert | Der Marsspion - Novellen aus der Zukunft | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 212 Seiten

Grunert Der Marsspion - Novellen aus der Zukunft


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2658-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 212 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2658-7
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Grunert war ein begeisterter Leser und Verehrer des Vaters der deutschen Zukunftsliteratur Kurd Laßwitz und des Begründers der Zukunftsliteratur, des Franzosen Jules Verne, sowie des Briten Herbert George Wells. Sein Werk wurde zum Teil von diesen Schriftstellern beeinflusst. Im Wesentlichen verfasste er Erzählungen des Genres Zukunftsliteratur, die er selbst Zukunftsnovellen nannte. In diesem Band finden sich die Novellen: Ein Geleitwort Der Marsspion Pierre Maurignacs Abenteuer Das Ei des Urvogels Katalyse Ein verirrter Telephondraht Mr. Vivacius Style Ballon und Eiland Mysis Das Ende der Erde? Heimkehr

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Das Ei des Urvogels



Im Studierzimmer des alten Professors Diluvius leuchtete noch immer die elektrische Arbeitslampe.

Draußen vor den enggeschlossenen Jalousieen der Fenster erhellte schon der Schein des aufdämmernden Frühmorgens die Gegend. Aber der Herr Professor arbeitete noch immer. Es mußte ein seltenes und sehr interessantes Objekt sein, das den Gelehrten sich selbst und die Rücksicht auf seine leiblichen Bedürfnisse so ganz vergessen ließ.

Professor Diluvius war Vorsteher der paläontologischen Abteilung des Museums für Naturkunde. Seine Forschungen über die fossile Tierwelt, namentlich auf dem Gebiete der Dinosaurier, waren nach verschiedenen Richtungen hin epochemachend gewesen ...

Seine eigentlichen Arbeitsräume befanden sich im ersten Stockwerke des Museums, und es mußten besondere Gründe ihn veranlassen, die Präparation eines paläontalogischen Fundes in seiner Privatwohnung vorzunehmen.

Denn ein solches fossiles Objekt lag vor ihm, und seine trotz des Alters noch immer geschickten und sicheren Hände arbeiteten emsig an seiner Enthüllung.

Es war eine Platte lithographischen Schiefers aus der Gegend von Eichstätt, unregelmäßig geformt, die der Gelehrte mit seinen meißelartigen Werkzeugen bearbeitete. Vorsichtig und mit größter Schonung entfernte er, vom Rande der Platte her arbeitend, die Schichten des Kalkschiefers – bis an eine auf der Oberseite mit Bleistift umrandete, ungefähr kreisförmige Stelle.

Was für ein seltsames vorsintflutliches Geschöpf lag hier versteinert in den Ablagerungen des Kalkschiefers verborgen?

Ein ganzer Berg von der Platte abgelöster Bruchstücke häufte sich schon vor ihm auf, und noch immer gönnte er den müden Fingern und den brennenden Augen keine Ruhe – immer wieder griff er die Platte an, hin und wieder die Instrumente wechselnd.

Verwundert schaute "Grauchen", eine prachtvolle graue Katze, die sich's auf der Chaiselongue bequem gemacht hatte, dem unverständlichen nächtlichen Treiben ihres Herrn zu. Sie war noch ein Vermächtnis seiner verstorbenen Frau, die einst das hilflose junge Kätzchen fast verhungert in einer Ecke des Hausflurs gefunden. – Erst schnurrend, dann leise miauend, suchte sie die Aufmerksamkeit des Professors auf sich zu lenken, schloß aber endlich verdrießlich blinzelnd die Augen wieder, als ihre Mühe vergeblich blieb.

Eine Uhr schlug irgendwo in der Nähe. Aufhorchend zählte Professor Diluvius die Schläge.

"Vier Uhr!" sagte er. "Zwölf Stunden arbeite ich nun daran, und das Gröbste habe ich wohl herunter. Jetzt heißt es, doppelt und dreifach Vorsicht gebrauchen!"

Und wieder begann er zu sticheln und zu meißeln, und immer kleiner wurden die Kalkschüppchen, die er nun von der Platte abhob. Er arbeitete jetzt mit der kleinsten Nummer seiner stählernen Werkzeuge.

Fast zwei Stunden mochte er so in voller Emsigkeit weitergearbeitet haben. Ein etwas größeres Stück des Kalkschiefers hob sich jetzt beim Angriff des Meißels ab. –

"Da ist es!" rief Professor Diluvius.

Aus der Platte ragte die Spitze eines eiförmigen Körpers hervor. –

"Sei mir gegrüßt, du Gnadengeschenk versunkener Jahrmillionen!" frohlockte der alte Herr, in die Hände klatschend und vor Freude von einem Beine aufs andre hüpfend – "sei mir gegrüßt, du Spende einer rara avis! Das Ei des Kolumbus und – selbst das Ei der Leda ist gegen deinen Wert ein Schatten!"

Er hielt die Platte dicht an seine Studierlampe, den grünen Lampenschirm hochschiebend.

"Wie unscheinbar es aussieht! Wie alles, was seinen Wert im Innern trägt! – Graugrün mit schwarzen Tüpfeln! – Niemand würde vermuten, daß es gelegt wurde zu einer Zeit, da es noch keine Menschen auf unserem Planeten gab, von einem Geschöpf gelegt wurde, das eine Eidechse war und – ein Vogel werden wollte!"

Schnell griff er wieder nach seinen Werkzeugen, um es völlig aus der Hülle des Kalkschiefers freizulegen. Und so sehr ihn der erste Anblick des ersehnten Fundes begeistert hatte – mit eiserner Ruhe und Kaltblütigkeit arbeiteten seine Hände weiter, vom vorsichtig abwägenden Blick seiner scharfen grauen Augen gelenkt, bis es rund und heil und ganz vor ihm lag, das Ei des Urvogels Archäopteryx! – Und nun erst nahm er sich Zeit, das Begleitschreiben noch einmal zu studieren, das ihm sein junger Freund und ehemaliger Schüler Doktor Finder mit dem kostbaren paläontologischen Objekt gesandt hatte.

Es lautete:

Eichstätt, den 5. Juli 19..

Mein lieber, hochverehrter Herr Professor!

Anbei übersende ich Ihnen ein Objekt, das vorläufig einzig in den Sammlungen unserer Museen dastehen dürfte, ein fossiles Ei, dem Fundorte nach (es stammt aus den Schieferbrüchen hier am Blumenberg) wahrscheinlich ein Ei von Archaeopteryx lithographica. Die Untersuchung der Platte durch die neue Art der Y-Strahlen zeigt nur, daß ein vollkommen gut erhaltenes Ei in der Schieferplatte steckt; ich habe die Lage des Objekts auf der Ober- und Unterseite der Platte durch eine Bleistiftlinie umrandet, so daß wenigstens ungefähr ein Anhalt für die Freilegung des Fundes gegeben ist.

Denn diese schwerste Arbeit muß ich Ihnen leider allein überlassen, lieber, hochverehrter Herr Professor; Sie kennen ja meine Aufgabe hier in den Kalkschieferbrüchen, die mir zu so diffizilen Extraarbeiten keine Zeit läßt. Aber Ihre so geschickte Hand hat schon Schwierigeres geleistet. Ich meinerseits hoffe, auch in dem noch in der Steinhülle steckenden Geschenk wird Ihnen die Liebe und Verehrung nicht verborgen bleiben, mit der ich allezeit sein werde

Ihr dankbarer Schüler
Dr. Finder.

P.S. Wenn man das Ei doch noch ausbrüten lassen könnte! – Aber dazu ist es doch wohl nicht mehr "frisch" genug?

D. O.

Immer wieder kehrten die sinnenden Augen des alten Gelehrten zu diesem Postskriptum zurück. Ein ungeheuerlicher Gedanke drängte sich ihm auf: War es denn so ausgesprochen unmöglich, daß die scherzhafte Wendung des "Ausbrütenlassens" zur Wahrheit werden konnte?

Ein Geräusch an der Tür des Zimmers störte ihn in seinem Denken. Seine alte Wirtschafterin Pauline trat ein. Vor Schreck ließ sie Eimer und Schrubber fallen und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

"Aber, Herr Professor, Herr Professor! Wenn das die selige Frau erlebt hätte! Sie sitzen noch über dem alten Steinklumpen? Und sind wohl gar nicht schlafen gegangen? Ach, lieber Herr Professor, wenn man schon über die Siebzig hinaus ist –"

"Ja, Sie haben ja recht, liebe Pauline! Aber es gibt eben Ausnahmen, und eine solche ist schuld, daß ich einmal eine Nacht hindurch gearbeitet habe. Nun seien Sie hübsch vernünftig und schelten Sie nicht mehr – sondern bringen Sie mir eine recht große Tasse schönen Kaffee, aber so, wie nur Sie ihn zu brauen verstehen, Pauline!"

Kopfschüttelnd zog die alte, treue Schaffnerin mit den Attributen des Reinemachens wieder ab.

Professor Diluvius wandte sich aufs neue dem seltsamen Funde zu. Er nahm das Archäopteryx-Ei vorsichtig in die Hand und hielt es gegen das Licht der Studierlampe. Es erschien gleichmäßig undurchsichtig, als ob die Schale dicker sei als die unserer jetzigen Vogeleier. Das Bauernmittel fiel ihm ein: er hielt das kostbare Ei erst mit dem einen, dann mit dem andern Ende an die Lippe.

Beinahe hätte er es vor freudigem Schreck aus der Hand fallen lassen.

Das eine Ende erschien ihm wärmer als das andere!

Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen vor plötzlicher Aufregung. Ungleich warme Hälften! Aber vielleicht war es eine Sinnestäuschung – –

Er legte das Geschenk der Vorzeit mit zitternden Fingern auf die Platte seines Arbeitstisches und stand auf...

Der Morgen lugte durch die Spalten der Jalousieen. Der Professor zog sie auf und schaltete die Lampe seines Zimmers aus. Dann ging er ein paarmal auf und ab, öffnete im Vorbeigehen ein Fenster und lehnte sich ein Weilchen hinaus, mit vollen Zügen...



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