E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Gsell Immer wieder Südsee
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7526-5491-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Polynesien - Mikronesien - Melanesien
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-7526-5491-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hanspeter Gsell, geboren 1951, lebt in der Schweiz. Seine Kolumnen erscheinen in Tageszeitungen, seine süffisant geschriebenen Reisetagebücher und Reportagen findet man in Fachzeitschriften.
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XII | Lamotrek
Auch Lamotrek, die nächste Station auf unserer Reise durch die äusseren Inseln Mikronesiens, erhebt sich kaum mehr als einen Meter aus dem Wasser. Auf der Insel leben, je nach Jahreszeit, zwischen dreihundert und vierhundert Menschen. Die Anzahl der Einwohner fällt, wenn die älteren Jugendlichen nach Woolipik oder Falalop zur Schule gehen.
Nur wenige Male im Jahr werden die äusseren Inseln mit einem Schiff, einem , angefahren. Eigentliche Fahrpläne existieren nicht. Herrscht schlechtes Wetter oder braut sich gar wieder einmal ein Taifun zusammen, fallen die geplanten Reisen sowieso aus. Gut, wenn man genügend Vorräte an Lager hat.
Während wir darauf warten, von Bord gehen zu können, erzählt mir Teldef aus Yap eine besonders finstere Geschichte.
Teldef ist Angestellter der Einwanderungsbehörde von Yap. Er muss unsere Reise von Yap (Mikronesien) nach Chuuk (Mikronesien) aus nicht näher bekannten Gründen begleiten. Vielleicht muss er darauf achten, dass nach einem Inselbesuch auch alle Mann wieder an Bord sind. Wir wissen es nicht.
………………………
Es war kurz vor einer totalen Sonnenfinsternis, als sich der mikronesischen Insel Wooleai eine seltsame Schaluppe näherte. Zuerst dachten die Bewohner, es wären Fischer aus Yap, die wieder einmal versuchten über den Hag zu fressen und somit in fremden Teichen zu fischen!
Von Weitem war ein menschliches Wesen zu sehen, das verzweifelt versuchte, die Masten zu erklettern. Der Mann heisst Silberhorn und stammt aus Berlin. Hier ist seine Geschichte.
Silberhorn ist , Sternengucker. Wie die meisten seiner Zunft, ist er immer auf der Suche nach der ultimativen Himmelserscheinung. In diesem Fall ging es um eine totale Sonnenfinsternis.
Nur hier, hinter den Regenbögen des nordwestlichen Pazifiks, auf den westlichen Karolinen-Inseln Mikronesiens, sollte dieses Ereignis sichtbar sein
Seit Jahren hatte er auf diese Reise gespart. Sie führte ihn über Japan und Palau auf die Insel Yap. Hier sollte nächste Woche das von einem Reisebüro gecharterte Schiff losfahren.
Auf Yap jedoch wusste niemand etwas von einem derartigen Vorhaben. Silberhorn war sich sicher, dass man ihn über den Tisch gezogen hatte. Es würde wohl kein Schiff auf ihn warten. Und so machte er sich auf, ein Fischerboot zu mieten.
Nach drei Tagen wurde er fündig, ein pensionierter Kapitän erklärte sich bereit, mit Silberhorn zur Insel Wooleai zu dampfen. Allerdings fand Silberhorn die Tatsache, dass seine Kajüte nicht klimatisiert war, überhaupt nicht lustig und er machte sich auf, ein Klimagerät zu kaufen.
Beim Chinesen auf der Südseite der Insel fand er ein günstiges Gerät. Er zahlte gute 1'000 Dollar, der Chinese verdiente daran 850, war jedoch bereit, es kostenlos in Silberhorns Kajütenfenster einzubauen. Er tat dies dann auch für 300 Dollar, Silberhorn sagte nichts. Er war froh, die Reise überhaupt antreten zu können.
Das Schiff ankerte einige Hundert Meter vom Strand entfernt, das Meer war unruhig. Eine gewaltige Dünung liess die Schaluppe hochheben und wieder hinunter saugen. Von Osten her drängten dichte Gewitterwolken, es blitzte, donnerte und schon bald regnete es in Strömen. Es tat dies auch nach Tagen noch.
Und so erlebte Silberhorn zwar Finsternis, jedoch keine Sonne. Er war ziemlich frustriert! Das Boot krängte fürchterlich, als er die Treppe zu seiner Kajüte hinuntersteigen wollte. Und so stieg er nicht, sondern fiel kopfvoraus hinunter, schlug sich dabei den Kopf an, wurde kurz ohnmächtig.
Der Kapitän hatte nichts von Silberhorns Unglück mitbekommen und so schleppte sich dieser, nachdem er wieder aus seiner Ohnmacht erwacht war, in seine Kammer. Es war fürchterlich heiss und stank nach Diesel und Abgasen. Die Klimaanlage hatte ihren Dienst eingestellt. Und so wurde die Rückreise zu einem eigentlichen Martyrium.
Silberhorn hielten solche Leidenswege nicht von seinen nächsten Reisen ab. Er soll vor einiger Zeit im südlichen Pazifik gesichtet worden sein.
Als Teldef seine Geschichte beendet hatte, wurden bereits die Boote ins Wasser gelassen. Die Thorfinn hatte in der Lagune geankert. Es waren nur wenige Minuten bis zum Strand, wo uns wieder die halbe – vielleicht auch die ganze – Inselbevölkerung erwartete und begrüsste.
………………………
Während sich Lance und Schiller zum Chief ins Männerhaus setzen, erkunden wir die Insel. Knapp vor uns sehen wir Appenzeller aus Appenzell mit seiner Frau durch die Büsche wandern. Sie scheinen in ein Gespräch vertieft zu sein. Dieses verlief allerdings etwas einseitig.
«Wo ist denn die Strandbar? Und wo sind die Shops? Du hast mir doch versprochen, dass ich unterwegs zwischendurch einen süffeln kann und mir bei Bu-Tigg was kaufen darf!», rief empört.
«Das Ding heisst nicht , sondern . Und heisst nicht und hat auf Lamotrek auch keine Boutique», antwortete ihr Appenzeller. «Hier gibt’s überhaupt keine Läden!»
«Aber ich habe hinter dem Schulhaus einen alten Sonnenschirm von gesehen, ich bin sicher, dass es auf Lamotrek eine Strandbar gibt!»
«Nein!».
«Warum?»
Da wir uns nicht fremdschämen wollten, immerhin stammt meine Mutter aus dem Kanton Appenzell, entfernten wir uns diskret. Ich hatte zudem ein Problem: Meine Strandlatschen drohten auseinanderzufallen. Ich hatte festgestellt, dass die ganze Inselbevölkerung nur blaue Latschen trug. Auf meine entsprechende Frage meinte eine Insulanerin, dass Mister Wong nur blaue Treter an Bord gehabt habe.
Mister Wong, so ergab das Gespräch, war der fliegende, wasserfahrende Händler, der die Inseln sporadisch anfuhr. An Bord hatte er immer wieder neue Angebote aus aller Welt. Auf meine Frage, wie man denn diesen Mister Wong bezahlen würde – die Menschen hatten zwar fast alles, jedoch sicher kein Bargeld – schüttelte die holde Maid stumm ihren Kopf und blickte zum Strand.
Ich aber wollte ihr die Strandlatschen abkaufen. Sie nahm uns mit zu ihrer Mutter und stellte uns vor. Ich zeigte zuerst auf meine zerrissenen Schuhe mit dem Schweizerkreuz, dann auf die blauen Latschen ihrer Tochter.
Sie überlegte ein Weilchen und ich befürchtete bereits, ohne Schuhe auf das Schiff zurückkehren zu müssen.
sagte sie plötzlich. Zwanzig Dollar für ein gebrauchtes Paar blauer Insellatschen.
Ich machte das Geschäft meines Lebens. Die Insel-Mamma auch. Sie sackte das Geld ein, sie könnte sich damit locker sechs Paar neue kaufen.
Meine alten Flipflops nagelte sie mit Hilfe eines Steins an die Hauswand und murmelte dabei , sie würden ihr Glück bringen.
Mir jedoch brachten die neuen Latschen kein Glück. Sie waren mit etwas zu gross, bald waren sie voller Sand. Irgendwann hatte sich ein Sandkorn zwischen den Zehen meines rechten Fusses festgeklemmt und rapste leicht an meiner Haut.
Diese rötete sich und schon bald einmal hatte sich dort eine kleine Streptokokke festgesetzt. Das Kökklein aber hatte vorher bei einem Schweinchen gelebt, bevor es sich an der Nase eines kleinen Kindes gütlich getan hatte.
Noch aber hatte ich keine Ahnung von den Folgen des Schuh-Handels, verabschiedete mich freundlich bei der Familie und lief zum Strand.
…………………………
Kleine Inseln haben den Vorteil, dass man in alle Himmelsrichtungen gehen kann. Der nächste Strand liegt immer gleich um die Ecke.
Wir erwischten genau die Ecke, die man uns nicht hatte zeigen wollen. An einer Wäscheleine hatte man etwas aufgehängt, dass sich bei näherem Augenschein als Haiflossen herausstellte. Haifische jedoch verspeist man in Mikronesien nicht. Denn ein alter Spruch besagt, dass man in solchen Fällen von einem Hai gefressen wird.
Trotzdem fängt man Haifische. Man säbelt ihnen die Flossen ab, trocknet diese und verkauft sie Mister Wong, dem Schuhhändler.
Wir erfahren, dass der Chinese umgerechnet zwanzig Euro pro Kilo bezahlt. Der Handel ist äusserst lukrativ. Eine einzige Flosse kann bis zu tausend Euro einbringen.
Zurück auf der Thorfinn, erzählt uns Captain Lance die Geschichte eines Wracks. Es liegt ganz in der Nähe auf einem Riff und ist gut zu sehen.
«Es war im März 1994», begann er. «Die MS OCEANUS, ein in Liberia registrierter Frachter, war unterwegs von Neuseeland nach Tokyo. Der Himmel war klar, das Meer sanft.
‘Captain, könnten wir bei dieser Insel da vorne einen kurzen Zwischenhalt einlegen?’, soll der Steuermann gefragt haben. ‘Ich habe gehört, dass die Weiber dort oben ohne rumlaufen!’
‘Kommt nicht in Frage! Abtreten!’, brüllte der Captain. Nachdem der Seemann die Türe zur Brücke hinter sich geschlossen hatte, dachte der Captain kurz nach und änderte...




