Gülich | Der Zufall kann mich mal | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Gülich Der Zufall kann mich mal


14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-522-62104-5
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-522-62104-5
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Manchmal kommt einem alles vor wie ein bescheuerter Zufall: Ein blöder Unfall, der einem als Andenken ein steifes Bein hinterlässt. Die Tatsache, dass sich der beste Freund ausgerechnet in dasselbe Mädchen verliebt. Oder dass die Mutter eines Freundes ihre Familie im Stich lässt und der Vater daraufhin auch noch zur Flasche greift. Der 14-jährige Tim hat genug von Zufällen dieser Art und beschließt zu handeln. Schließlich muss man sich vom Schicksal ja echt nicht alles gefallen lassen!

Martin Gülich, geboren 1963, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Stuttgart. Seit seinem Jugendroman-Debüt 'Vorsaison' (1999) sind neben zahlreichen Büchern für Erwachsene zuletzt bei Thienemann seine Jugendromane 'Der Zufall kann mich mal' (2014) und 'Entschuldigen ist nicht mein Ding' (2015) erschienen. Martin Gülichs Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Thaddäus-Troll-Preis, dem Reinhold-Schneider-Förderpreis der Stadt Freiburg und dem Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg.
Gülich Der Zufall kann mich mal jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Warum ich Ahab heiße
und warum Lesen eine gefährliche Sache ist

Ich bin vierzehn. Luca sagt, dass das so ziemlich das beschissenste Alter ist, das man haben kann, und dass man, wenn es nach ihm ginge, das Jahr auch einfach auslassen könnte, aber das hat er auch mit dreizehn schon gesagt. Ich fand elf ziemlich trübe, und mein Vater hat mit fünfundzwanzig seinen Durchhänger gehabt, und um ein Haar wäre er damals nach Indien ausgewandert und hätte dort eine Imbissbude aufgemacht. Super Idee, vor allem, wenn man keine Ahnung davon hat, was die Leute in Indien überhaupt essen. Jetzt schreibt er Bücher, aber was die Leute lesen wollen, weiß er auch nicht so recht. Jedenfalls hab ich noch nie ein Buch von ihm im Buchladen im Schaufenster liegen sehen, und in der Gemeindebücherei haben sie auch keins, und als ich gefragt hab, ob sie nicht mal eins anschaffen können, da haben sie gelacht und gesagt, dass mich bestimmt mein Vater geschickt hat.

»Hat er nicht«, hab ich geantwortet und dass sie keine Ahnung haben und mein Vater der beste Schriftsteller weit und breit ist und irgendwann sogar den Nobelpreis bekommt, und wenn ich nichts davon gesagt hab, dann hab ich es wenigstens gedacht.

Luca geht mit mir in eine Klasse. Seit ich denken kann, sitzen wir nebeneinander, und das kann ruhig so bleiben, bis wir irgendwann mal mit der Schule fertig sind. Ein bisschen sind wir wie Brüder, was bedeutet, dass wir uns manchmal auch streiten, ziemlich heftig sogar, und einmal haben wir uns sogar geprügelt, aber mehr als zwei Tage Funkstille ist dabei bisher noch nicht rausgekommen.

»Frieden, Luca«, sage ich dann irgendwann und Luca nickt und antwortet: »Frieden, Ahab«, und wir sind beide froh, dass unser Streit ein Ende hat.

Ahab, alle nennen mich so, seit Remo vor zwei Wochen damit angefangen hat, aber was soll’s, irgendeinen Spitznamen muss man ja haben, und irgendwie finde ich, dass meiner gar nicht mal so übel ist. Immerhin ist dieser Ahab Kapitän, auch wenn er ein Holzbein hat und am Ende ziemlich unrühmlich absäuft, aber Luca hat erzählt, dass es allen anderen auf dem Schiff genauso geht, und so bin ich wenigstens der, der bis zum Absaufen das Kommando hat. Trotzdem hatte ich eine verdammte Wut am nächsten Tag. Ein einziger Film im ganzen Schuljahr, und ich sitze mit meinen Eltern im Auto und fahre zur Beerdigung von Oma Gerda. Ich weiß schon, es ist furchtbar, wenn jemand stirbt, und man soll nicht wütend sein, wenn man deswegen einen Film verpasst, sondern traurig, sehr, sehr traurig, weil man den geliebten Menschen ja nun nie mehr sehen kann. Aber wer sagt denn, dass ich Oma Gerda noch mal sehen wollte? Und wer, dass ich sie geliebt habe? Außerdem war Oma Gerda gar nicht meine wirkliche Oma, eher so was wie eine Tante und noch nicht einmal verwandt mit uns, aber so genau haben die das in der Schule gar nicht wissen wollen.

»Du darfst mit«, hat meine Mutter gesagt, als sie von der Sprechstunde bei Herrn Behrens zurückgekommen ist, und hat dabei gestrahlt, als wäre so eine Tantenbeerdigung eine Riesensache, die man auf keinen Fall verpassen darf. Gut, unter normalen Umständen ist ein Tag schulfrei natürlich nicht zu verachten, noch nicht mal, wenn man dafür zwei Stunden lang von lauter Trauergesichtern umgeben ist und nicht lachen darf, wenn einer der Totengräber stolpert und dabei fast in die Grube fällt. Da war es kurz nach elf, ich hab auf die Uhr gesehen, Mathe bei Frau Maar, und ich hab mir vorgestellt, wie die anderen gerade über ihren Heften schwitzen und wie Remo an der Tafel steht und von Ma-Maar mal wieder zum Deppen gemacht wird, dabei haben zu der Zeit längst alle mit den Zehnern zusammen im Musiksaal gesessen und diesen Film gesehen. Zum Glück für meine Eltern hab ich das auf der Beerdigung noch nicht gewusst, sonst wäre ich vermutlich ziemlich unausstehlich gewesen. Was ist schon ein Tag schulfrei, wenn man dabei den einzigen Film des Jahres verpasst, also den einzigen richtigen und noch dazu den, dem man seinen Spitznamen verdankt. Schlechte Planung, Oma Gerda jedenfalls hätte man genauso gut noch einen Tag später begraben können, schließlich ist Februar und nicht August, und es ist so kalt, dass die Toten auch mal ein paar Tage länger halten.

»Wie war’s?«, hat Luca mich am nächsten Tag gefragt, und ich hab gesagt: »Toll, einer der Totengräber ist in die Grube gefallen und hat sich den Arm gebrochen«, und da hat Luca gelacht.

»Du spinnst«, hat er gesagt, »so was passiert doch nur im Film.«

»Tut es nicht«, hab ich geantwortet und dabei versucht, ein bisschen beleidigt zu klingen, »kannst ja meine Eltern fragen«, aber da hat Luca noch einmal gelacht und gesagt, dass er das bestimmt nicht tut, weil eine Zeugenaussage innerhalb der Familie eh nichts gilt, und da hab ich ihn einfach stehen lassen und bin gegangen.

Warum ich Ahab heiße? Na ja, weil ich ein steifes Bein hab, oder ein fast steifes Bein, aber so genau guckt ja keiner hin, wenn’s um Spitznamen geht. Und aus Holz ist es auch nicht, aber Remo hat gesagt, dass der Käpt’n im Film genauso über Deck gelaufen ist wie ich über den Schulhof, immer das eine Bein voraus und das andere im Halbkreis hinterher, und die anderen haben gelacht und gesagt, ja, stimmt, genau wie der Käpt’n, genau wie Käpt’n Ahab, und ab da war die Sache eben geritzt.

Remo, irgendwie ist er mir ein Rätsel. An einem Tag reißt er Witze, über die die ganze Klasse lacht, und am nächsten sagt er kein Wort und drückt sich allein im hintersten Winkel vom Schulhof rum. Und wenn ihn einer anspricht, motzt er ihn an, dass er sich verpissen soll und dass er ein Recht hat, in Ruhe gelassen zu werden, weil er in einem freien Land lebt, und in einem freien Land jeder erst mal um Erlaubnis fragen muss, wenn er einen anderen anquatscht, so Schwachsinn eben, aber immerhin hat es Remo inzwischen geschafft, dass sich so ziemlich alle daran halten, wenn er mal wieder seine Tage hat.

Der Film hieß übrigens Moby Dick und so, wie Luca erzählt hat, ist das der Name von einem riesigen weißen Wal, den dieser Käpt’n Ahab jagt, weil der ihm früher mal sein Bein abgebissen hat. Wie genau das passiert ist, hat Luca allerdings auch nicht mehr gewusst, und irgendwie konnten wir uns beide nicht vorstellen, warum so ein Wal einem Menschen ein Bein abbeißen soll, wo er doch sonst nur Plankton frisst.

»Vielleicht hatte er ja Tollwut oder so was«, hat Luca gemeint, aber daran glaubt er wahrscheinlich selbst nicht so recht.

Komisch, bei Tollwut muss ich schon wieder an Oma Gerda denken. Dabei ist sie weder an Tollwut noch an irgendeiner anderen Krankheit gestorben. Oma Gerda ist beim Fensterputzen ausgerutscht und aus dem zweiten Stock in den Garten gefallen, direkt in ihr geliebtes Rosenbeet, was, wenn sie davon noch etwas mitbekommen hat, vielleicht sogar ein schöner Tod für sie war.

Was mich angeht, so sterbe ich vielleicht mal beim Lesen oder beim Geschichtenschreiben oder beim Schlafen in der Hängematte, aber da das alles ziemlich ungefährliche Beschäftigungen sind, werde ich wahrscheinlich hundert Jahre alt. Allerdings ist Lesen gar nicht so ungefährlich, wie man denkt, ich jedenfalls hab mir dabei vor fast drei Jahren mein steifes Bein geholt. Gut, man könnte auch sagen, ich hab’s mir beim Fahrradfahren geholt, oder im Krankenhaus, weil der Oberarzt bei der Operation mein Bein mit einer Schweinshaxe verwechselt hat, aber wenn man es genau betrachtet, hat es am Ende eben doch mit dem Lesen zu tun. Luca meint, dass man in Amerika bei so was sogar auf Schmerzensgeld klagen kann, weil der Verlag nirgendwo ins Buch reingeschrieben hat, dass Lesen beim Fahrradfahren schädlich sein kann. Klingt bescheuert, aber wer weiß, immerhin ist Lucas Mutter Staatsanwältin und kennt sich mit solchen Sachen aus. Dumm nur, dass ich nicht in Amerika lebe und dumm, dass das Buch nicht in einem amerikanischen Verlag erschienen ist. Aber am dümmsten von allem ist, dass jeder Idiot weiß, dass Lesen beim Fahrradfahren schädlich sein kann. Klar ist es blöd, wenn man nur noch drei Seiten von einem Buch übrig hat und keine Zeit mehr, sie zu lesen, weil man zum Hockey-Training muss und genau weiß, dass man fünf Extrarunden aufgebrummt kriegt, wenn man wieder mal zu spät kommt. Aber kein Mensch, der nicht komplett bescheuert ist, kommt auf die Idee, sein Buch auf der Lenkstange unter die Klingel zu klemmen. Keiner außer mir!

Gut, das mit dem Fahrradfahren hat sich seitdem erledigt, sodass ich vielleicht doch hundert Jahre alt werde, aber ehrlich gesagt wären mir achtzig auch recht, wenn ich dafür nicht andauernd von meiner Mutter in der Gegend rumgefahren werden müsste. Es ist einfach nicht besonders witzig, wenn man als Einziger zu einer Party mit dem Auto vorfährt und, schlimmer noch, so auch wieder abgeholt wird. Und zwar pünktlich, da ist auf meine Mutter Verlass. Von mir aus würden auch siebzig Jahre reichen, wenn ich dafür wieder Hockey spielen könnte oder sogar sechzig für Hockey und Fahrradfahren zusammen. Für richtiges Fahrradfahren wohlgemerkt! Ein halbes Jahr nach dem Unfall haben mir meine Eltern nämlich so ein Behindertenteil geschenkt, eines, bei dem man nur mit einem Bein treten muss, und das andere ist immer ausgestreckt und dreht sich nicht mit, aber ich hab mich geweigert, auch nur einen Meter damit zu fahren. Lieber, hab ich gesagt, hinke ich zweimal um die Erde, als mich vor aller Welt mit so einem Spasti-Ding lächerlich zu machen, und da waren meine Eltern ziemlich traurig. Mein Vater hat am Abend hinter der Schlafzimmertür sogar ein bisschen geweint, und da hat es mir leidgetan, also das mit dem Spasti-Ding, aber damit gefahren bin ich trotzdem nicht.

In der Zeit nach dem Unfall...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.