Gülich | Entschuldigen ist nicht mein Ding | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Gülich Entschuldigen ist nicht mein Ding


15001. Auflage 2015
ISBN: 978-3-522-62119-9
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-522-62119-9
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Blöder hätte es für Seb nicht kommen können! Während seine Freunde in den Sommerferien an coole Orte reisen, muss er seine Mutter in die Kur begleiten - ausgerechnet auf eine total langweilige Ostseeinsel. Doch zwischen den öden Strandtouristen und Kurgästen auf der Insel sticht Eine heraus: Kim. Das eigenwillige Mädchen ist so gar nicht wie die anderen, die er kennt. Und gerade das gefällt Seb an Kim. Jedoch wird ihm mit Kim an seiner Seite schnell klar: Anderssein hat immer seinen Preis ...

Martin Gülich, geboren 1963, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Stuttgart. Seit seinem Jugendroman-Debüt 'Vorsaison' (1999) sind neben zahlreichen Büchern für Erwachsene zuletzt bei Thienemann seine Jugendromane 'Der Zufall kann mich mal' (2014) und 'Entschuldigen ist nicht mein Ding' (2015) erschienen. Martin Gülichs Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Thaddäus-Troll-Preis, dem Reinhold-Schneider-Förderpreis der Stadt Freiburg und dem Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg.
Gülich Entschuldigen ist nicht mein Ding jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Ich hasste die Insel. Vom ersten Tag an, von der ersten Minute, da wir über eine klapprige Landungsbrücke das Schiff verlassen und sie betreten hatten, ein Schiff, das wie zum Hohn auch noch »Insellust« hieß, wer dachte sich so etwas aus? Ich hasste die aufgepimpten Strände, denen man kaum entkommen konnte, weil irgendwie überall Strand war, und ich hasste die ganzen Profisandburgenbauer, die in einem endlosen Wettstreit darüber lagen, wer denn nun die höchste oder die größte oder die schönste in den Sand gezaubert hatte, wer den tiefsten Burggraben ausgehoben und wer den höchsten Turm errichtet hatte und wer die bunteste Fahne darauf. Ich hasste die Insel, und ich hasste die Sommerferien, die ich auf ihr verbringen musste, zusammen mit meiner Mutter, die wegen ihres Asthmas eine vierwöchige Kur dort machte, und wenn schieflief, was schieflaufen konnte, würde sie sogar noch mal zwei Wochen Verlängerung bekommen.

Natürlich konnten Strände auch schön sein, das Meer sowieso, und ich hatte nicht einmal grundsätzlich etwas gegen Inseln. Warum auch, in aller Regel waren Inseln nur mit dem Schiff erreichbar, und wenn ich eines liebte, dann war es, Schiff zu fahren. Schiff zu fahren, wenn die See so rau war, dass die Ersten bereits über die Reling kotzen oder unten in die Flure, weil sie es gar nicht mehr bis zur Reling schafften, ich aber, ohne mich festzuhalten, an Deck stand und jedes Eintauchen des Bugs in die nächste Welle federnd mit meinen Beinen ausglich. Geradeso, als wäre das Schiff ein riesiges Skateboard und ich sein Meister, der King of the Board, und dass ich in Wahrheit überhaupt kein Skateboard fahren konnte, spielte in diesen Momenten keine Rolle. Das Schiff konnte sogar »Insellust« heißen, wenn nur die See richtig tobte und wenn nicht vier, vielleicht sogar sechs Wochen Kururlaub mit meiner Mutter vor mir lagen.

Mit Kai oder Phil, von mir aus sogar mit Jakob, kein Problem! Wir hätten einfach die Tage am Strand vergammelt und ein paar Mädchen kennengelernt, und gar nicht auszuschließen, dass wir, angestachelt von den anderen, irgendwann sogar mit dem Sandburgenbauen angefangen hätten. Eben, aber das wäre mit Kai, Phil oder Jakob gewesen und nicht mit meiner Mutter. Sie hatte uns in einer kleinen Pension, keine hundert Meter von der Kurklinik entfernt, einquartiert, ein schmales, reetgedecktes Haus, das einer älteren Frau gehörte, die stotterte. Meine Mutter mochte Frau Wiese, und Frau Wiese mochte sie, und mich, glaube ich, auch. Jedenfalls zwinkerte sie mir regelmäßig zu, wenn sie mich allein aus dem Haus gehen sah, was vermutlich so viel wie »mach du nur, ich halte dicht« oder »in deinem Alter habe ich auch nichts anbrennen lassen« bedeutete, und ziemlich sicher hatte sie nicht den Hauch einer Ahnung, dass ich gerade die langweiligste Zeit meines Lebens verbrachte.

Meine Mutter stand jeden Morgen um sechs auf und frühstückte um sieben und das, obwohl sie ihre erste Behandlung nie vor neun hatte. Immerhin weckte sie mich erst, wenn sie rüber in die Klinik ging, und obwohl ich um diese Zeit immer schon wach war, stellte ich mich schlafend, wenn sie in mein Zimmer kam, um ihr die Freude über unser Aufweckritual nicht zu nehmen. Sie setzte sich auf meine Bettkante und strich mir sanft durchs Haar, und ich grunzte so lange wohlig vor mich hin, bis sie mir einen leisen Kuss auf die Stirn drückte und »bis heute Mittag« flüsterte, Sekunden später war sie aus der Tür. Ich blieb noch einige Minuten liegen, dann stand ich auf und zog mich an, und wenn ich runter in den Frühstücksraum ging, war mein Platz der letzte, der noch gedeckt war.

Frau Wieses Frühstück war ziemlich sensationell, da konnte man nicht meckern, und wenn einmal Croissants, der Honig oder auch nur die Cornflakes aus waren, kam sie zu mir an den Tisch und entschuldigte sich persönlich dafür. Die größte Freude hatte ich immer dann, wenn die Schokostreusel fehlten, und Frau Wiese beim Herausstottern des Wortes wie eine Dampflokomotive klang.

»Schon gut«, sagte ich dann, »wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, und wenn Frau Wiese darüber lachte, hatte ich das Gefühl, dass sie selbst dabei stotterte, ein bisschen jedenfalls.

Insgeheim hoffte ich darauf, dass auch einmal der Kakao ausging, weil ich mir ausmalte, in welcher Stotterschleife sie sich dann verfangen würde, aber als genau das an einem Morgen tatsächlich geschah, rutschte Frau Wiese das Wort fehlerfrei über die Lippen, und statt Kakao gab es warme Milch mit Honig. Mit »Ho-Ho-Honig«, um genau zu sein, und obwohl ich auch das ein bisschen lustig fand, war ich enttäuscht.

Die ersten Tage auf der Insel schrieb ich jeden Tag ein paar SMS gegen die Langeweile, an Kai, Phil und manchmal sogar an Jakob, aber dann fuhren die drei einer nach dem anderen selbst weg. Kai nach Italien, Phil in die Schweiz und Jakob in die Türkei, und weil alle drei keine große Lust hatten, ihr Guthaben mit Auslands-SMS aufzubrauchen, tröpfelten ihre Antworten nur noch spärlich ein, und als sie ganz versiegten, legte auch ich mein Handy zur Seite.

»Wie geht’s denn Kai und Phil?«, fragte mich meine Mutter an einem Morgen, an dem sie später als gewöhnlich aufgestanden war, weil sie später als gewöhnlich zur Behandlung musste, und als ich sagte: »Super, aber die versauern ja auch nicht auf einer beschissenen Ostseeinsel«, bekam sie einen Asthma-Anfall.

Nicht, dass ich glaubte, dass meine Mutter gar kein Asthma hatte und ihre Attacken nur vortäuschte, aber ich war mir sicher, dass sie sie vortäuschen konnte. Und weil sie in diesem Spiel so perfekt war, dass die wahren Attacken von den erfundenen nicht zu unterscheiden waren, blieb mir nichts anderes übrig, als sie ohne Ausnahme mit einem eiligen Griff nach ihrem Spray zu beantworten, das stets gut sichtbar bereitstand und auf seinen nächsten Einsatz regelrecht zu lauern schien.

»Das war knapp«, sagte sie dann, egal wie heftig der Anfall gewesen war, und weiter: »Wenn ich dich nicht hätte, wäre ich schon längst hinüber«, und ich war mir nie ganz sicher, wie ernst sie diese Sätze meinte.

Nachdem ich die Insel in der ersten Woche komplett boykottiert hatte, begann ich in der zweiten immerhin, sie ein wenig zu erkunden. Nicht dass ich wirklich Lust dazu gehabt hätte, aber irgendetwas musste ich ja tun. Meine Mutter hatte mir ein Inselticket gekauft, mit dem man alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen durfte, ein ziemlicher Witz, wie sich schnell herausstellte. Es gab gerade mal zwei Busstrecken, dazu eine Bootslinie entlang der Südküste, die aber nur mittwochs, freitags und samstags und so nah an der Küste, dass das Ganze kaum besser als Tretboot fahren war. Trotzdem setzte ich mich mit meinem Inselpass zweimal an Deck, und immerhin einmal davon war die Sache sogar ein kleines Erlebnis, weil der Kapitän sein Schiff an einem der Ausstiegsorte so unsanft an den Pier setzte, dass die darauf wartenden Passagiere wie Kegel umfielen, aber mehr war es auch nicht, und so ließ ich es wieder sein.

Die Mittagszeit verbrachte ich regelmäßig mit meiner Mutter in der Cafeteria der Klinik. Das Essen war gar nicht mal so übel, auf alle Fälle besser, als ich gedacht hatte, trotzdem machten mich die Mittagspausen traurig. Nicht so sehr meiner Mutter wegen, die alles daran setzte, mir während dieser gemeinsamen Zeit am Tisch das Gefühl zu vermitteln, dass wir so etwas Ähnliches wie Urlaub miteinander verbrachten. Es waren die anderen Patienten, die mich deprimierten. All die schlaffen Körper, die meist einsam und hustend über ihrem Tablett saßen und ihr Essen in sich hineinmümmelten, und dass sie allesamt älter waren als meine Mutter, machte die Sache nicht besser. Immerhin gab es ein blondes Mädchen hinter der Theke, das ziemlich süß war und dort jeden Mittag Suppe ausschenkte, und obwohl ich Suppe eigentlich gar nicht mag, versäumte ich es nie, mich bei ihr anzustellen. Allerdings würdigte sie mich keines Blickes, wenn sie mir meinen Teller über die Glastheke zuschob, und wenn doch, so war er bestenfalls neutral oder gelangweilt. Aber vielleicht machten sie die alten Menschen einfach genauso traurig wie mich, und wir waren so etwas wie Seelenverwandte. Irgendwann, nahm ich mir vor, würde ich sie danach fragen.

Das Asthma hatte meine Mutter schon seit ihrer Kindheit, aber richtig heftig war es erst vor fünfeinhalb Jahren geworden. Die schlimme Zeit hatte an einem Heiligabend begonnen, als sie auf einmal unter dem Weihnachtsbaum keine Luft mehr bekam, und weil sie damals noch kein Spray hatte und auch sonst nichts im Haus war, was ihr hätte helfen können, dachte ich, sie stirbt. Sie fasste sich an den Hals und zog pfeifend Luft ein, unterbrochen nur von kurzen Hustenanfällen, die die Atemnot noch schlimmer machten. Auch wenn sie eine solche Attacke nie zuvor gehabt hatte, wusste ich sofort, dass es ihr Asthma war, und immerhin war ich geistesgegenwärtig genug, den Notruf zu wählen und irgendetwas ins Telefon hineinzuschreien, das einen Sinn ergab. Trotzdem war ich mir sicher, dass die Rettung zu spät kommen würde, und als ich vom Telefon zurückkam, lag meine Mutter bereits auf dem Boden. Ich kniete mich neben sie und hörte das leise Pfeifen, mit dem sie Reste von Luft einzog.

»Sie kommen gleich«, flüsterte ich ihr zu, und als die Sanitäter ein paar Minuten später bei uns eintrafen, saß sie schon wieder und lächelte sie an.

Später lag ich neben meiner Mutter im Bett und dachte, alles wäre wieder gut, doch dann liefen ihr auf einmal Tränen übers Gesicht.

»Was ist«, fragte ich und hatte Angst, dass es gleich wieder losgehen würde, »sag schon, was ist?«

Meine Mutter schüttelte den Kopf. »Ach nichts. Es ist nur, weil du...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.