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Güllich | Tiefe Narben / Tödliche Verwicklungen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch

Reihe: vss-Verlag

Güllich Tiefe Narben / Tödliche Verwicklungen

Tatzeit - Doppelband 2
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-96127-482-6
Verlag: vss-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Tatzeit - Doppelband 2

E-Book, Deutsch

Reihe: vss-Verlag

ISBN: 978-3-96127-482-6
Verlag: vss-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wer hat Elena Falk auf der Lahnuferstraße vor einen fahrenden Lkw gestoßen?
War es David Adler, der ihr nach einer heftigen Auseinandersetzung gedroht hatte, sie umzubringen. Oder war es ihr Ex-Freund, wie Elenas Ektern glauben? Die Kommissare Mathiessen und Kemper übernehmen die Ermittlungen. Alle Indizien sprechen gegen David. Dch dann kommrn Zweifel auf.

Der Postbote findet Regina Perlmann tot in ihrer Wohnung. Hauptkommissar Mathiessen und sein Kollege Kemper nehmen die Ermittlungen auf. Regina Perlmann ist mit einem Kerzenständer erschlagen worden, am Kerzenständer finden sich Fingerabdrücke.
Die Beamten beginnen mit der Ermittlung. Die Verdächtigen, die sie ermitteln sind der Exfreund der Toten Walter Huppmann, einer ihrer Kollegen Henning Himmel und der Mann einer Freundin von Regina Perlmann Achim Merten. Doch keinemvon ihnen gehören die Fingerabdrücke , , ,

Zwei neue, spannende Fälle für die Kommissare Mathiessen und Kemper von der Kripo Marburg, voller Lokalkolorit und sehr Wirklichkeitsnah.

Güllich Tiefe Narben / Tödliche Verwicklungen jetzt bestellen!

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Das Klappern der Computertastaturen übertönte alle anderen Geräusche im Raum. Das Großraumbüro war durch viele Trennwände in etliche Minibüros aufgeteilt. Sie boten Sicht- und Hörschutz. In der Chefetage hatte man sich durch diese Isolation der Mitarbeiter mehr Arbeitsintensität versprochen. Ob dies wirklich so war, war noch nicht beantwortet. Seit es die Trennwände im Büro gab, trafen sich die Raucher häufiger im Raucherraum und auch die gemeinsame Kaffeeküche wurde mehr besucht als vorher.
Der junge Mann im weißen Hemd und schmalen Schlips, der in einer der Bürozellen am Rande des Großraumbüros arbeitete, wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Der Briefumschlag, der vor einer Stunde mit der Hauspost angekommen war, lag ungeöffnet vor ihm. Der Brief kam aus der Chefetage. Unzweifelhaft an der cremegelben Färbung erkennbar. Hier lag seine Zukunft vor ihm. War er ein Gewinner oder ein Verlierer? Bisher war er keines von beiden. Seine Schulzeit und die Ausbildung zum Versicherungskaufmann hatte er ohne Höhen und Tiefen hinter sich gebracht. Wie es schien, war er Durchschnitt. Doch hatte er die letzten drei Jahre jede Fortbildung, die im Betrieb angeboten wurde, mitgemacht und mit Bravour abgeschlossen. Und als ihn vor wenigen Monaten eine Ausschreibung für einen Abteilungsleiterposten per Intranet erreichte, zögerte er nicht und bewarb sich um die Stelle. Paulsen, sein jetziger Abteilungschef, hatte ihn zusätzlich dazu ermuntert. Er sagte: »Junge, du bist fit. Du hast dermaßen an dir gearbeitet, du bist genau der Richtige für die Stelle. Falls man mich diesbezüglich fragen sollte, werde ich dich unterstützen. Mein Wort darauf.«
Das gab natürlich seiner Hoffnung die entsprechende Nahrung und er glaubte fest daran, die Stelle zu erhalten.

Doch nun lag die Wahrheit vor ihm auf dem Tisch ... und er hatte keine Traute, ihr ins Gesicht zu blicken.
Er gab sich einen Ruck. Er zog den selbst gefertigten Brieföffner aus Buchenholz aus dem Schreibutensilienfach und schlitzte den Brief damit auf. In Sekundenschnelle hatte er das Schreiben auseinandergefaltet und die Buchstaben sprangen ihm ins Auge. »... müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für einen anderen Mitbewerber entschieden haben, dessen fachliche Qualifikation ...«
Das weitere alles nur Blabla. Das war es dann gewesen. Er hatte es sich so erhofft und nun das. Er lehnte sich an seinen Bürostuhl an und versuchte, sich zu beruhigen. Es gelang ihm nicht wirklich. Sein Herz pochte laut in seiner Brust.
Das konnte doch nicht wahr sein. Er hatte sich so ins Zeug gelegt, hatte gebüffelt wie ein Irrer, hatte alle Energie in dieses Ziel gesteckt. Und nun war es vorbei. Wer wusste schon, ob sich ihm so eine Chance noch einmal bieten würde?
Er stand auf. Er zog die Schreibtischschublade auf, nahm das Päckchen Zigaretten, dass er dort lagerte, heraus und steckte es in seine Brusttasche. Nach dem Feuerzeug musste er etwas suchen, es hatte sich in einer der Ecken der Schublade versteckt.
Er rauchte nun schon seit sieben Wochen nicht mehr. Die Zigaretten hatte er in der Schublade aufbewahrt, um jederzeit zugreifen zu können. Er war überzeugt davon, dass genau diese Maßnahme ihn die letzten Wochen davon abgehalten hatte zu rauchen. Aber jetzt war das egal.
Die wenigen Schritte ins Raucherzimmer waren schnell zurückgelegt. Er war allein. Keiner der Kollegen machte gerade Pause. Gut so. So brauchte er sich auch keine gehässigen Bemerkungen anzuhören. Alle wussten, dass er nicht mehr rauchte. Er fingerte eine Zigarette aus dem Päckchen und steckte sie in den Mund. Der Tabak roch würzig. Als er den ersten Zug aus der Kippe machte, wurde ihm fast übel. Das schmeckte ja scheußlich! Er merkte aber gleichzeitig, wie er sich entspannte. War vielleicht aber nur Einbildung. Die nächsten Züge waren nicht mehr so schlimm.
Vor der Glastür tauchte ein dunkler Schatten auf. Die Tür öffnete sich. Paulsen steckte seinen grauen Kopf herein. »Du rauchst?« Er kam ganz in den Raum hinein. Paulsen rauchte nicht. Er musste ihn wohl gesehen haben und war ihm gefolgt.

»Was ist los? Ich habe dich hier reingehen sehen und dachte mir, da stimmt doch was nicht. Erzähl!«
Resigniert sah der junge Mann seinen Vorgesetzten an. »Was los ist? Ich habe Post von der Chefetage erhalten. Man hat sich für einen anderen als mich entschieden. Das ist los.«
Paulsen wiegte den Kopf hin und her. »Ja, ich habe da auch schon so was läuten gehört, wollte dir aber nichts sagen, weil ich es nicht sicher wusste.«
Der Jüngling sah seinen Vorgesetzten entrüstet an. »Ich dachte, du hättest ein gutes Wort für mich eingelegt. Du wolltest dich doch für mich starkmachen. War wohl nicht so. Aber vielleicht zählt dein Wort bei den Chefs auch nicht so viel, wie du mir sagtest.«
»Natürlich habe ich mich für dich eingesetzt. Du hattest mein Wort darauf.«
»Erzähl das einem andern. Ich glaube dir nicht.«
Paulsen schaute betroffen drein. »Hör zu. Sei nicht ungerecht. Ich wollte dir erst nichts sagen, doch nun, wo du so von mir denkst, will ich dir die Wahrheit sagen. Mein Wort zählte ab dem Moment nicht mehr, seitdem die Gerüchte über dich aufkamen ...«
»Gerüchte!? Was für Gerüchte?«
»Na ja, dein regelmäßiges Trinken. Dass man in deiner Schublade eine Flasche Wodka gefunden hat, dass du deine Freundin schlägst.«
»Was! Wer sagt denn so was? Das ist doch erstunken und erlogen. Ich trinke doch nicht. Und ich soll meine Freundin schlagen? Das ist doch totaler Unsinn. Wer glaubt denn so was?«
»Nun ich nicht. Und das habe ich den Bossen auch gesagt. Aber denen war das zu unsicher. Sie meinten, das Risiko, dich zum Abteilungsleiter zu machen, sei in Betracht dieser Gerüchte zu hoch. Wenn nämlich doch etwas an den Gerüchten dran sein sollte ...«
»Du weißt doch, dass das Lüge ist. Konntest du denen das nicht klar machen?«
»Nein leider nicht. Sie haben nicht auf meine Einwände gehört. Tut mir wirklich leid.«
Der junge Mann schüttelte den Kopf. »Da muss man aber doch etwas gegen machen können.«
»Was willst du denn machen? Anzeige wegen Rufschädigung gegen unbekannt? Du machst es dadurch nur noch schlimmer. Die Entscheidung ist gefallen. Die Chefs werden keinen Rückzieher machen.«
Der junge Mann schrie es fast. »Aber das ist doch ungerecht.«
Paulsen klopfte seinem Untergebenen beruhigend auf die Schulter. »Die Welt ist ungerecht! Mein Rat ist, mach einfach mit deiner Arbeit weiter. Es wird sich mit Sicherheit irgendwann eine neue Chance ergeben.«

*

David Adler hielt auf dem Parkplatz des Altenheims, stellte die Handbremse des Wagens fest und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Er war zu früh. Sein erster Dienst im Heim begann erst in fünfzehn Minuten. Morgen würde er später von zu Hause losfahren. Von Cappel bis hierher brauchte er circa zwanzig Minuten.

Er entschloss sich, trotz der Morgensonne, die auf das Dach brannte, noch im Wagen sitzen zu bleiben. Das fünfstöckige Gebäude, in dem er seine nächste Zukunft verbringen würde, war das höchste im Viertel. Alles, was er von den Einstellungsgesprächen behalten hatte, war, dass das oberste Stockwerk die Schwerstpflegestation beherbergte. Halt, rief er seine Gedanken zurück. Hier hieß es nicht Station, wie an seinem letzten Arbeitsplatz, der Psychiatrie. Hier waren die einzelnen Abteilungen in sogenannte »Etagen« aufgeteilt.
Ja, die Einstellungsgespräche. Insgesamt hatten drei stattgefunden. Beim ersten Gespräch waren sehr viele Interessenten für die zwei freien Stellen in der Ergotherapie eingeladen worden. Es war erst mal grob ausgesiebt worden. David wurde dann zu einem zweiten Gespräch geladen, bei der er nur mit der Heimleiterin und deren Stellvertreterin gesprochen hatte. Da hatte er schon gedacht, dass er es geschafft hätte und er eine der Stellen bekommen würde. Doch vorher musste er noch ein weiteres Gespräch mit Leuten vom Personalrat führen. Erst wenn diese Ja zu ihm sagten, hatte er die Stelle sicher. Alles sehr geschickt gemacht. Je länger David nämlich auf die Zu- oder Absage wartete, desto wertvoller erschien ihm die Stelle. Dabei war sie nichts Besonderes. Es war nur eine Stelle als Ergotherapeut in einem Altenheim. David war aber sehr an der Stelle interessiert. Er hatte jetzt genau sechs Jahre als Ergotherapeut in einer gerontopsychiatrischen Abteilung hinter sich. Dort hatte er nur mit psychisch kranken alten Menschen zu tun gehabt. Es war sehr schwer gewesen, diese Menschen, die nicht mehr viel vom Leben erwarteten, zu irgendetwas zu motivieren. Er war für eine Depressiven- und eine Dementenstation zuständig gewesen. Er hatte einfach nicht mehr gewollt.
Vom Altenheim versprach er sich ein leichteres Arbeiten. Bei den Menschen, mit denen er hier arbeiten sollte, gab es keine schwerwiegenden psychischen Auffälligkeiten. Würden solche auftreten, stand für die Betroffenen die Verlegung in eine Psychiatrie an. Er würde also nie mehr akut psychisch kranke Personen behandeln müssen. Dies war ihm im Einstellungsgespräch in die Hand versprochen worden.
Es wurde Zeit. Er öffnete die Wagentür, schnappte sich seine Umhängetasche vom Beifahrersitz und machte sich auf den Weg. Er war gespannt auf seine Kollegin, die ebenfalls heute ihren ersten Arbeitstag hatte.
Er meldete sich an der Pforte an. Der Pförtner, ein korpulenter junger Mann mit kurz geschnittenen Haaren, lächelte. »Ah, Herr Adler. Frau Falk, ihre Kollegin ist auch gerade gekommen. Sie ist schon im Büro der Chefin. Kommen Sie bitte herum.« Er zeigte nach links. Dort befand sich neben der Pförtnerloge eine Tür, die, wie David wusste, zu den Büroräumen führte. Er öffnete die Tür und der Pförtner stand vor ihm. »Ich führe Sie zum Büro«, sagte er. »Ich heiße übrigens Rudolf. Er hielt David seine rechte Hand entgegen. Völlig überrascht ergriff David diese und sagte: »David.« Rudolf lächelte erfreut, klopfte an die nächste Tür und öffnete sie: »Frau Steinmetz. Herr Adler wäre jetzt hier.« Er wies mit der Hand ins Büro. David ging hinein.
An einem kleinen Besuchertisch saß eine Frau in Davids Alter, also um die dreißig herum, mit schwarzen, bis zur Schulter reichenden Haaren. Sie hatte volle Wangen, ein rundes Kinn zeichnete sich über ihrem in starkem Kontrast dazu stehenden schlanken Hals ab. Alles Übrige war unter einem wallenden Umhang verborgen. Die Frau, die neben dem wuchtigen Schreibtisch gegenüber der Tür stand, war Heidi Steinmetz, die Leiterin der Einrichtung. Sie war groß, hager und hatte eine leicht gebeugte Haltung. Ihre Haare, die in weichen Locken ihren Kopf umgaben, begannen an einigen Stellen grau zu werden. David meinte, sie aus den Vorgesprächen schon gut zu kennen. Die Frau am Tisch konnte nur seine Kollegin sein.
»Herr Adler«, sagte Heidi Steinmetz. »Schön, dass Sie da sind. Darf ich Ihnen Ihre Kollegin Elena Falk vorstellen?« Sie deutete mit einer Hand auf die Schwarzhaarige. Diese stand auf und gab David die Hand. Sie war weich und feucht. Die Augen von Elena Falk flackerten. Doch sagte sie mit klarer Stimme: »Freut mich, Sie kennenzulernen.« Sie hatte eine angenehme Altstimme.

*

Corinna Liersen ging vor dem Flipchart auf und ab. Die braunen Haare der sportlich aussehenden Frau gingen bis zu den Schultern, vorne waren sie zu einem Pony geschnitten.

»So«, sagte sie, »das wären die einzelnen Etagen. Die oberste habe ich noch nicht erwähnt. Dort ist die Schwerstpflegestation. Wobei ich sagen muss, dass zurzeit keine bettlägerigen Bewohner darunter sind. Wir haben vier Rollstuhlfahrer, die anderen Bewohner des Stockwerks sind mit Rollatoren oder Gehhilfen unterwegs.«
Corinna Liersen war die stellvertretende Heimleiterin. Von Beruf Sozialpädagogin. Sie hatte sich mit den beiden Ergotherapeuten in der Ergotherapieabteilung getroffen, um die Arbeitseinteilung vorzunehmen. Sie machte ein ziemliches Aufheben deswegen. Den Flipchart beispielsweise hätte es nicht gebraucht, dachte David. Darauf waren nur die einzelnen Etagen mit dem Vermerk aufgeführt, dass seine Kollegin die ersten drei Etagen betreuen sollte und er die Etagen vier und fünf. Das hieß, dass er für die Stockwerke mit den Demenzkranken und die körperlich Schwerstbehinderten zuständig war. Die Liersen hatte das so erklärt, da er, David, jahrelange Psychiatrieerfahrung mitbrachte und schon mit Dementen gearbeitet hatte, hätte sie ihn für die betreffenden Etagen ausgewählt. Die Bewohner, die seine Kollegin zu betreuen habe, seien geistig und körperlich zwar fitter, doch habe sie dafür drei Etagen – also eine mehr - zu betreuen.
»Insgesamt haben wir hundertfünfzig Betten im Haus. Doch keine Angst. Wir verlangen nicht, dass Sie mit allen Bewohner arbeiten. Dieser Wunsch wäre Utopie. Wir haben noch genug ehrenamtliche Mitarbeiter und Honorarkräfte, die Angebote für die rüstigen Bewohner anbieten.

»Hört sich gut an«, sagte David, »gefällt mir, dass man sich hier so engagiert zeigt.
Es war tatsächlich beeindruckend. So etwas kannte er aus der Psychiatrie nicht, obwohl der Stellenschlüssel dort besser gewesen war.

David fand das Angebot des Altenheims gut. Trotzdem war er etwas angesäuert. Er hätte nichts dagegen gehabt, die fitteren Patienten zu betreuen. Die Arbeit mit schwierigen Patienten kannte er zur Genüge. Damit hatte er lange genug gearbeitet. Da war Frust und Ärger vorprogrammiert. Nun gut, nicht zu ändern.
»Sie haben jetzt zwei Wochen Zeit, die Bewohner kennenzulernen. In dieser Zeit können Sie ihre Gruppen zusammenstellen. Das überlassen wir ganz Ihnen. Die Chefin und ich haben gedacht, dass jeder von Ihnen ungefähr dreißig bis fünfunddreißig Bewohner betreuen könnte.

Dann habe ich da noch einen Punkt, den ich mit Ihnen Herr Adler, klären muss. Es betrifft das Anziehtraining der Bewohner auf den verschiedenen Etagen. Das gehört zum Standard der therapeutischen Betreuung. Sie müssten sich für alle Etagen für das Anziehtraining verantwortlich zeigen, da Frau Falk einen schulpflichtigen Sohn hat. Sie muss ihn jeden Morgen zur Schule bringen und wird ihre Arbeit erst später als Sie beginnen können. Bis sie hier ist, ist das Anziehtraining in der Regel schon beendet ...«
David unterbrach sie. »Heißt das, ich mache das Anziehtraining allein? Frau Falk hat diesbezüglich keine Bewohner zu betreuen?«
Corinna Liersen sah ihn erstaunt an. »Ja, das heißt es. Ist das für Sie etwa nicht in Ordnung?« Der drohende Unterton der Frage war nicht zu überhören.
Toll, dachte David. Allein für das Anziehtraining zuständig. Im Anziehtraining konnte man ungefähr drei Bewohner betreuen, je nachdem wie das Anziehtraining aufgebaut war, doch wenn er für alle Etagen zuständig war, gab es dabei keine Ruhephase. Das war schon eine deutliche Arbeitsbelastung. Die Kollegin durfte später mit der Arbeit beginnen. Ziemlich ungerecht fand er. Doch was sollte er machen? Würde er sich dagegen aussprechen, würde er unkollegial, wenn nicht sogar hier in einer sozialen Einrichtung, als asozial gelten. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und sagte: »Das ist für mich in Ordnung. Kein Problem.«
»Da wäre noch etwas«, sagte die Vorgesetzte.
Ja, was denn noch? Das reichte doch wohl?
»Wir möchten hier im Haus die Position der Frauen stärken, deshalb soll Frau Falk gegenüber dem anderen Personal im Haus die Leitung der Ergotherapie innehaben. Es gibt zwar keine Leiterstelle, dafür bräuchten wir insgesamt mehr Ergotherapiestellen, doch Frau Falk soll als eine Art Leitung fungieren, das heißt, sie wird auf die wöchentlich stattfindenden Besprechungen der einzelnen Etagen gehen und die Ergotherapieabteilung gegenüber der Pflegedienstleitung und des Pflegepersonals vertreten. Ich hoffe doch, auch das ist für Sie in Ordnung?«
Ihr fragender Blick richtete sich auf David. Tja, das hätte ich mal vorher wissen müssen, dachte dieser. Dann hätte ich diese Stelle nicht angenommen. Jetzt war es zu spät. Er schluckte, sagen konnte er nichts. Er nickte nur.

Er kam sich total hintergangen vor. Das Beste wäre wohl, sich gleich eine andere Stelle zu suchen.

Corinna Liersen nickte ebenfalls. Befriedigt. Dann sprach sie wieder. »Was ich noch sagen will, ist, dass Sie beide sich einmal im Monat mit den Ergotherapeuten vom Altenheim »Lahnaue« treffen sollen. Die Chefin will, dass Sie sich mit den Kollegen dort austauschen. Sie wissen, dass das Altenheim seit einem halben Jahr in Betrieb ist und auch zur Stiftung gehört?«
»Sicher«, sagte David, »es wurde oft genug in der Presse darüber berichtet. Ich hatte mich sogar um eine der Stellen dort beworben. Ist leider nichts daraus geworden.«
»Na ja«, sagte Frau Liersen, »dafür hat es ja hier mit der Stelle geklappt.«
»So ist es«, entgegnete David. Wie es aussieht, habt ihr mich hier als den Vollidioten gebraucht, dachte er. Er beschloss, nichts darüber zu sagen.
»Gut«, sagte Corinna Liersen, »dann lassen Sie uns diese Besprechung beenden. Gehen wir an unsere Arbeit. Schönen Tag.« Damit verschwand sie.
David schaute seine Kollegin fragend an, doch diese sagte zu dem Besprochenen kein Wort. Auch David sagte nichts dazu. Er wusste, es hätte nur im Streit geendet. Dass sie die Angelegenheit mit ihrem schulpflichtigen Sohn im Vorfeld nicht mit ihm besprochen hatte, nahm er ihr sehr übel.

*

Drei Wochen später hatte David seine Gruppen zum größten Teil aufgebaut. Er hatte zwei unterschiedliche Gruppen, mit denen er Hirnleistungstraining und kreative Werktherapie durchführte. Die Ergotherapieabteilung war in einem Nebengebäude des Altenheims eingerichtet. Davids Kollegin arbeitete in der sogenannten Begegnungsstätte im Hauptbau. Diese befand sich im Erdgeschoss der Alteneinrichtung, dort gab es genug Gruppenräume, die sie für ihre Arbeit nutzen konnte.
David und seine Kollegin sahen sich in der Regel nur zu Beginn der Arbeit in der Ergotherapieabteilung. Hier hatten beide Therapeuten eineinhalb Stunden Zeit, ihre Gruppen vorzubereiten und sich auszutauschen. Dann sahen sie sich nur zum Feierabend in den gleichen Räumen wieder.
David waren diese wenigen Kontakte nur recht. Mit Elena Falk wurde er nicht so recht warm, obwohl sie sich mittlerweile duzten. Er fand, dass Elena sehr von sich eingenommen war, sie fühlte sich als was Besseres. Erstaunlicherweise hatte sie David ganz offen mitgeteilt, dass sie eine Essstörung hatte. Sie litt am sogenannten Binge-Eating, also an Fressattacken. Gegen diese wurde nicht, wie bei der Bulimie, Gegenmaßnahmen wie Erbrechen gestartet. Die Essstörung war bei der Kollegin auch zu sehen, sie hatte im Gegensatz zu David, der schlank war, deutliches Übergewicht.



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