E-Book, Deutsch, 116 Seiten
Güllich Verletzte Gefühle
Erstauflage 2020
ISBN: 978-3-96917-501-9
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Marburg Krimi
E-Book, Deutsch, 116 Seiten
ISBN: 978-3-96917-501-9
Verlag: Karina Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rainer Güllich, Jahrgang 1954, von Beruf Ergotherapeut, lebt in seiner Geburtsstadt Marburg. Als begeisterter Leser schon ewig von dem Wunsch getrieben selbst zu schreiben, nahm er an einem Kurzkrimiwettbewerb teil, der im Rahmen des 1. Marburger Krimifestivals stattfand. Er kam auf einen der vorderen Plätze und sein Kurzkrimi Hass wurde in der regionalen Presse veröffentlicht. Dadurch motiviert belegte er seinen ersten Schreibkurs in kreativem Schreiben. Weitere schlossen sich an und als Konsequenz daraus erschienen in kurzer Zeit zwei Krimianthologien. Der Kriminalroman Unter Druck - Ein Marburg Krimi folgte. Rainer Güllich ist Mitglied der Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur - Das Syndikat.Veröffentlichungen:Der Marburger Krimi-Cocktail, Kriminelle Kurzgeschichten Der zweite Marburger Krimi-Cocktail, Neue kriminelle KurzgeschichtenFlaschenpost Das Ende einer Sucht, RomanUnter Druck Ein Marburg KrimiBegegnungen Geschichten aus der PsychiatrieDu entkommst nicht Ein Marburg KrimiDer dritte Marburger Krimi-Cocktail Kriminelle Kurzgeschichten
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2. Kapitel
Corinna Liersen ging vor dem Flipchart auf und ab. Die braunen Haare der sportlich aussehenden Frau gingen bis zu den Schultern, vorne waren sie zu einem Pony geschnitten.
»So«, sagte sie, »das wären die einzelnen Etagen. Die oberste habe ich noch nicht erwähnt. Dort ist die Schwerstpflegestation. Wobei ich sagen muss, dass gegenwärtig keine bettlägerigen Bewohner darunter sind. Wir haben vier Rollstuhlfahrer, die anderen Bewohner des Stockwerks sind mit Rollatoren oder Gehhilfen unterwegs.«
Corinna Liersen war die stellvertretende Heimleiterin. Von Beruf Sozialpädagogin. Sie hatte sich mit den beiden Ergotherapeuten in der Ergotherapieabteilung getroffen, um die Arbeitseinteilung vorzunehmen. Sie machte ein ziemliches Aufheben deswegen.
Den Flipchart beispielsweise hätte es nicht gebraucht, dachte Hendrik. Darauf waren nur die einzelnen Etagen mit dem Vermerk aufgeführt, dass seine Kollegin die ersten drei Etagen betreuen sollte und er die Etagen vier und fünf. Das hieß, dass er für die Stockwerke mit den Demenzkranken und den körperlich Schwerstbehinderten zuständig war. Die Liersen hatte das so erklärt:
Da er, Hendrik, jahrelange Psychiatrieerfahrung mitbrachte und schon mit Dementen gearbeitet hatte, hätte sie ihn für die betreffenden Etagen ausgewählt. Die Bewohner, die seine Kollegin zu betreuen habe, seien geistig und körperlich zwar fitter, doch habe sie dafür drei Etagen – also eine mehr – zu betreuen.
»Insgesamt haben wir hundertfünfzig Betten im Haus. Doch keine Angst. Wir verlangen nicht, dass sie mit allen Bewohner arbeiten. Dieser Wunsch wäre Utopie. Wir haben noch genug ehrenamtliche Mitarbeiter und Honorarkräfte, die Angebote für die rüstigen Bewohner anbieten.«
»Hört sich gut an«, sagte Hendrik. »Gefällt mir, dass man sich hier so engagiert zeigt.«
Es war tatsächlich beeindruckend. So etwas kannte er aus der Psychiatrie nicht, obwohl der Stellenschlüssel dort besser gewesen war. Hendrik fand das Angebot des Altenheims gut. Trotzdem war er etwas angesäuert. Er hätte nichts dagegen gehabt, die fitteren Patienten zu betreuen. Die Arbeit mit schwierigen Patienten kannte er zur Genüge. Damit hatte er lange genug gearbeitet. Da war Frust und Ärger vorprogrammiert. Nun gut, nicht zu ändern.
»Sie haben jetzt zwei Wochen Zeit, die Bewohner kennenzulernen. In dieser Zeit können Sie ihre Gruppen zusammenstellen. Das überlassen wir ganz Ihnen. Die Chefin und ich haben gedacht, dass jeder von Ihnen ungefähr dreißig bis fünfunddreißig Bewohner betreuen könnte. Dann habe ich da noch einen Punkt, den ich mit Ihnen, Herr Keller, klären muss. Es betrifft das Anziehtraining der Bewohner auf den verschiedenen Etagen. Das gehört zum Standard der therapeutischen Betreuung. Sie müssten sich für alle Etagen für das Anziehtraining verantwortlich zeigen, da Frau Wolf einen schulpflichtigen Sohn hat. Sie muss ihn jeden Morgen zur Schule bringen und wird ihre Arbeit erst später als Sie beginnen können. Bis sie hier ist, ist das Anziehtraining in der Regel schon beendet …«
Hendrik unterbrach sie.
»Heißt das, ich mache das Anziehtraining allein? Frau Wolf hat diesbezüglich keine Bewohner zu betreuen?«
Corinna Liersen sah ihn erstaunt an. »Ja, das heißt es. Ist das für Sie etwa nicht in Ordnung?« Der drohende Unterton der Frage war nicht zu überhören.
Toll, dachte Hendrik. Allein für das Anziehtraining zuständig. Im Anziehtraining konnte man ungefähr drei Bewohner betreuen, je nachdem wie das Anziehtraining aufgebaut war, doch wenn er für alle Etagen zuständig war, gab es dabei keine Ruhephase. Das war schon eine deutliche Arbeitsbelastung. Die Kollegin durfte später mit der Arbeit beginnen. Ziemlich ungerecht, fand er. Doch was sollte er machen? Würde er sich dagegen aussprechen, würde er als unkollegial, wenn nicht sogar, hier in einer sozialen Einrichtung, als asozial gelten. Also machte er gute Miene zum bösen Spiel und sagte: »Das ist für mich in Ordnung. Kein Problem.«
»Da wäre noch etwas«, sagte die Vorgesetzte.
Ja, was denn noch? Das reichte doch wohl?
»Wir möchten hier im Haus die Position der Frauen stärken, deshalb soll Frau Wolf gegenüber dem anderen Personal im Haus die Leitung der Ergotherapie innehaben. Es gibt zwar keine Leiterstelle, dafür bräuchten wir insgesamt mehr Ergotherapiestellen, doch Frau Wolf soll als eine Art Leitung fungieren, das heißt, sie wird auf die wöchentlich stattfindenden Besprechungen der einzelnen Etagen gehen und die Ergotherapieabteilung gegenüber der Pflegedienstleitung und des Pflegepersonals vertreten. Ich hoffe doch, auch das ist für Sie in Ordnung?« Ihr fragender Blick richtete sich auf Hendrik.
Tja, das hätte ich mal vorher wissen müssen, dachte dieser. Dann hätte ich diese Stelle nicht angenommen. Jetzt war es zu spät. Er schluckte, sagen konnte er nichts. Er nickte nur. Er kam sich total hintergangen vor. Das Beste wäre wohl, sich gleich eine andere Stelle zu suchen.
Corinna Liersen nickte ebenfalls. Befriedigt. Dann sprach sie wieder.
»Was ich noch sagen will, ist, dass Sie beide sich einmal im Monat mit den Ergotherapeuten vom Altenheim »Lahnaue« treffen sollen. Die Chefin will, dass Sie sich mit den Kollegen dort austauschen. Sie wissen, dass das Altenheim seit einem halben Jahr in Betrieb ist und auch zur Stiftung gehört?«
»Sicher«, sagte Hendrik, »es wurde oft genug in der Presse darüber berichtet. Ich hatte mich sogar um eine der Stellen dort beworben. Ist leider nichts daraus geworden.«
»Na ja«, sagte Frau Liersen, »dafür hat es ja hier mit der Stelle geklappt.«
»So ist es«, entgegnete Hendrik.
Wie es aussieht, habt ihr mich hier als den Vollidioten gebraucht, dachte er. Er beschloss, nichts darüber zu sagen.
»Gut«, sagte Corinna Liersen, »dann lassen Sie uns diese Besprechung beenden. Gehen wir an unsere Arbeit. Schönen Tag.« Damit verschwand sie.
Hendrik schaute seine Kollegin fragend an, doch diese sagte zu dem Besprochenen kein Wort. Auch Hendrik sagte nichts dazu. Er wusste, es hätte nur im Streit geendet. Dass sie die Angelegenheit mit ihrem schulpflichtigen Sohn im Vorfeld nicht mit ihm besprochen hatte, nahm er ihr sehr übel.
Drei Wochen später hatte Hendrik seine Gruppen zum größten Teil aufgebaut. Er hatte zwei unterschiedliche Einheiten, mit denen er Hirnleistungstraining und kreative Werktherapie durchführte. Die Ergotherapieabteilung war in einem Nebengebäude des Altenheims eingerichtet. Hendriks Kollegin arbeitete in der sogenannten Begegnungsstätte im Hauptbau. Diese befand sich im Erdgeschoss der Alteneinrichtung; dort gab es genug Räume, die sie für ihre Arbeit nutzen konnte. Hendrik und seine Kollegin sahen einander in der Regel nur zu Beginn der Arbeit in der Ergotherapieabteilung. Hier hatten beide Therapeuten eineinhalb Stunden Zeit, ihre Gruppen vorzubereiten und sich auszutauschen. Dann sahen sie einander nur zu Feierabend in den gleichen Räumen wieder. Hendrik waren diese wenigen Kontakte nur recht. Mit Jasmin Wolf wurde er nicht so recht warm, obwohl sie einander mittlerweile duzten. Er fand, dass Jasmin sehr von sich eingenommen war, sie fühlte sich als etwas Besseres. Erstaunlicherweise hatte sie Hendrik ganz offen mitgeteilt, dass sie eine Essstörung hatte. Sie litt am sogenannten Binge-Eating, also an Fressattacken. Gegen diese wurden nicht wie bei der Bulimie Gegenmaßnahmen wie Erbrechen gestartet. Das Essen wurde bei sich behalten, die Betroffenen nahmen zu und litten unter ihrem Übergewicht, was wiederum zur nächsten Fressattacke führte. Die Essstörung war bei der Kollegin auch zu sehen, sie hatte im Gegensatz zu Hendrik, der schlank war, deutliches Übergewicht.
Hendrik sortierte die Bögen, die er gerade ausgedruckt hatte, setzte sich an seinen Platz und nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Wie meist war der Kaffee kalt. Er ließ ihn viel zu lange zum Abkühlen stehen und musste ihn dann kalt trinken. Jasmin, die ihm gegenübersaß, lächelte.
»Wie fandest du denn unser gestriges Treffen mit den Kollegen der ›Lahnaue‹?« Sie rümpfte die Nase. »Ich wollte dort nicht arbeiten. Das ist doch kein therapeutisches Arbeiten. Die können dort mit ihren ganzen Schwerstpflegefällen doch nur pflegerisch arbeiten. Das ist doch kein Job für einen Ergotherapeuten.«
Hendrik sah auf. »Nun ja, ich hatte auch nicht den Eindruck, dass die Kolleginnen unbedingt glücklich mit ihrem Tun sind. Sie haben ihre Arbeit zwar sehr positiv beschrieben, doch sagten ihre Gesichter etwas anderes.«
Hendrik und Jasmin hatten sich gestern die Einrichtung »Lahnaue“ angeschaut. Das Heim war sehr modern eingerichtet. Die Ergotherapieabteilung war auf dem neusten Stand, doch was nutzte das, wenn man die therapeutischen Geräte und Hilfsmittel nicht nutzen konnte? Die zu betreuenden Bewohner waren viel zu hinfällig, um davon profitieren zu können.
Insgeheim hatte sich Hendrik über die Situation im Heim gefreut, hatte er dort doch keine Stelle erhalten. Also Glück gehabt. Da war die Stelle hier doch besser.
»Was ich hier noch gern einführen möchte, ist eine Art Sterbebegleitung«, sagte Jasmin. »Was hältst du davon? Du bist doch mit dabei?«
Hendrik dachte, er höre nicht richtig.
»Bitte?! Sterbebegleitung? Was meinst du denn da? Ich verstehe nicht?« Er war Ergotherapeut, kein Pfarrer. Er hatte nicht viel Ahnung davon, aber um Menschen auf ihrem Weg in den Tod zu begleiten, benötigte man sicher eine Zusatzausbildung. Das war doch nichts, was man so aus dem Stand heraus machte.
Jasmin sah ihn erstaunt an.
»Was ich meine?! Wir haben doch genug...




