Günak | Mit dir ist alles schöner | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Lübbe

Günak Mit dir ist alles schöner

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-2088-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-2088-5
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nachdem Franziska vor vielen Jahren aus der Enge ihres kleinen Heimatdorfes in die Großstadt flüchtete, ist sie nicht einmal zurückgekehrt. Nun steht sie hier, an der Ostseeküste, auf dem Campingplatz, den sie nach dem Tod ihres Vaters geerbt hat. Eigentlich will sie so schnell wie möglich wieder weg, doch der Platz ist zwar idyllisch, aber völlig marode und damit unverkäuflich. Auch die Camper sorgen sich um ihr geliebtes zweites Zuhause. Da hilft nur eines: gemeinsam die Ärmel hochkrempeln - unterstützt von Erik, dem schweigsamen Elektriker, der Franziska immer wieder aus der Patsche hilft. Und plötzlich fragt sie sich: Wo gehöre ich hin? Und was will ich wirklich vom Leben?



Kristina Günak wurde 1977 in Norddeutschland geboren. Nachdem sie jahrelang als Maklerin arbeitete sowie als Mediatorin und systemischer Coach tätig war, ist 2011 ihr erster Roman erschienen. Seither hat sie sich mit ihren humorvollen Büchern unter Liebesromanleserinnen einen Namen gemacht. Sie schreibt auch unter dem Pseudonym Kristina Valentin. Weitere Informationen unter: kristina-guenak.de
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Kapitel 1


Es war seltsam still in der Penthouse-Wohnung. Carstens Laufschuhe lagen zusammen mit seinen handgefertigten Budapestern wie einfach hingeworfen auf dem Parkett. Einer der Lederschuhe war zur Seite gekippt und klemmte unter der Kommode. Was mindestens so ungewöhnlich war wie die Stille, denn diese Schuhe kosteten so viel wie ein Kurztrip nach Venedig, und eigentlich verwahrte Carsten sie einzeln, in maßgeschneiderten Leinenbeuteln.

Ich zog die Wohnungstür hinter mir ins Schloss und ließ langsam den Riemen meiner Tasche von der Schulter gleiten. Das schwere Ding fiel mit einem dumpfen Laut auf den Boden. Mein Herz schlug hektisch, als wäre ich selbst gerade joggen gewesen. Aber ich ging nie joggen.

Ich stand einfach da und lauschte der Stille in der Wohnung und dem Hämmern in meinem Brustkorb. Carsten war da, klar erkennbar an dem sonderbaren Schuhkunstwerk. Aber wenn er zu Hause war, lief eigentlich immer Musik. Meistens Jazz, oft Klassik, aber es war nie, wirklich nie, still. Mit Stille kam Carsten nicht so gut zurecht.

Mir war ein wenig schwindelig, und ich legte die flache Hand an die Wand, um mich abzustützen.

Heute Morgen war ich noch, leise vor mich hin pfeifend, an dieser weißgestrichenen Flurwand vorbeigetanzt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Heute hätte nämlich ein großartiger Tag werden sollen. Der Tag, an dem endlich mein absolutes Lieblingsprojekt starten sollte, auf das ich wochenlang hingearbeitet hatte.

Gesichter unserer Stadt – so hieß die großangelegte Werbekampagne für eine örtliche Versicherung, mit einem nicht unerheblichen Budget und einer ganz klaren künstlerischen Gewichtung. Es hatte mehr sein sollen als einfach eine durchschnittliche Werbekampagne, man wollte es sich etwas kosten lassen, ausgewählte Einwohner Hannovers porträtieren und somit die tiefe Verbundenheit zur Region zeigen.

Für mich war es der erste wichtige Auftrag nach langer Zeit. Corona hatte mich sämtliche Projekte gekostet. Danach war die ganze Fotobranche zwar wieder angelaufen, aber die großen Jobs waren an mir vorbeigezogen. Selbst die Wochenzeitungen, die hin und wieder mal einen Auftrag vergeben hatten, ließen ihre Fotos jetzt von ihren Praktikanten mit dem iPhone machen. Dieses Werbeprojekt hatte mir endlich wieder ein neues Ziel gegeben, auf das ich hatte hinarbeiten können. Abgesehen davon liebte ich es, Menschen zu porträtieren.

Vorsichtig nahm ich die Hand wieder von der Wand und blinzelte ein paarmal.

Ich würde allen absagen müssen. All den Menschen, die ich als Zugpferde für diese Kampagne hatte haben wollen. Ich hatte schon Kontakt mit ihnen aufgenommen, ein Vorgespräch geführt, sie überzeugt mitzumachen, was gar nicht so einfach gewesen war. Schon der Gedanke an diese Telefonate machte mich unendlich müde.

Der muffelige örtliche Friedhofsgärtner, die redselige Gemüsefrau vom Markt, die eloquente Boutique-Verkäuferin aus der Innenstadt mit einem abgeschlossenen Psychologie-Studium in der Tasche, die ihre fachlichen Kenntnisse jetzt nutzte, um Menschen bei der Auswahl ihrer Garderobe zu helfen, und ihren Job liebte.

Ich zog die Nase hoch, was laut und unschön klang, und blickte auf meine Füße. Ich sollte die Schuhe ausziehen und sie zu Carstens Kunstwerk hinzufügen. Er hatte es mir kategorisch verboten, den geölten, offenporigen Dielenboden mit Schuhen zu betreten, und üblicherweise hielt ich mich auch daran, denn das Leben war einfacher, wenn man Carstens Regeln beachtete. Es war ja schließlich seine Wohnung, in der ich vorübergehend Unterschlupf gefunden hatte.

Ich beugte mich runter und griff nach dem Riemen meiner Tasche. Leise ächzend hob ich sie hoch, was mich allerdings bereits so sehr erschöpfte, dass ich keine Kraft mehr hatte, auch noch die Schuhe auszuziehen. Und keine Lust. Mit Mühe streifte ich mir den Riemen wieder über die Schulter und lief, durch das Gewicht leicht gebeugt, in die Küche, die sich zum großzügigen Wohnbereich hin öffnete. Durch die komplette bodentiefe Verglasung hatte man einen freien Blick über die Dächer des bereits schlafenden Hannovers. Ein spektakulärer Ausblick.

Carstens Autoschlüssel lag auf der Theke. Daneben sein Portemonnaie und der Laptop. Die Gegenstände wirkten wie ein arrangiertes Stillleben auf der polierten Küchentheke aus Edelstahl.

Weiter links stand ein Strauß Blumen. Weiße Tulpen drängten sich dicht an dicht in einer eleganten Glasvase, von deren Existenz ich bisher nichts gewusst hatte.

Angeblich besaß jeder Mensch etwa zehntausend Gegenstände. Carsten besaß mindestens einhunderttausend Dinge, und viele davon waren mir auch nach fünf Jahren Beziehung nie zu Gesicht gekommen. Ich war mir allerdings sicher, dass sie alle keine Farbe hatten. Carsten mochte Farben nicht besonders. Aber er mochte Dinge, die er verwahren und zu besonderen Anlässen hervorholen konnte, wie seine kostbaren Rotweine oder sein Zweitauto.

Ob er mir den Strauß als Geschenk mitgebracht hatte? Eine kleine Aufmerksamkeit für das neue, großartige Projekt? Ich lehnte mich kurz gegen die Küchentheke. Ein bisschen schwindelig war mir immer noch.

Sogar das angesagte Stadtmagazin Metropole hatte mich vor einigen Wochen zu der Kampagne interviewt. Gesichter der Stadt hatte, bevor es überhaupt gestartet war, für Aufsehen gesorgt. Das Metropole brachte sonst nur Artikel über Bankenvorstände, Fußballspieler und Schriftsteller der Region. Die nahezu rein männlich besetzte Redaktion interviewte in der Regel nur männliche Protagonisten, aber mit mir hatten sie ausgiebig über meine geplanten Porträtfotos gesprochen. Ich war sogar von einem Kollegen fotografiert worden. Allerdings in Schwarz-Weiß, in einer weißen Bluse vor einer weißen Wand. Ich sah auf diesen Bildern aus, als wäre ich blutarm und unterernährt, und meine sorgfältig abgedeckten Sommersprossen hatten fröhlich aus dem Schwarz-Weiß-Grau hervorgeleuchtet. Ein grässliches Foto. Richtig gute Schwarz-Weiß-Fotos von Menschen zu machen, war nun mal eine Kunst, die besagter Kollege leider nicht beherrschte. Farblose Fotografien entfalteten nicht einfach so ohne Zutun einen künstlerischen Aspekt. Das war ein Mythos. Man musste sie akribisch planen und vorbereiten und benötigte verdammt gutes Licht. Hatte man das nicht, brauchte jedes Foto Farbe. So wie Blumen. Und Wohnungen.

Ich griff in die Tasche, zog meine knallroten Arbeitsunterlagen heraus und legte sie neben den klinisch sterilen Blumenstrauß. Ich liebte rosafarbene Tulpen. Sogar in Lila konnte ich ihnen etwas abgewinnen, aber Weiß war keine Blumenfarbe – nur für Beerdigungen.

Meine Mutter hatte mich gewarnt. Sie mochte Carsten nicht und fand ihn »komisch«, was ganz und gar den Tatsachen entsprach. Aber als ich in der Krise meine Wohnung beim besten Willen nicht mehr hatte finanzieren können, war mir nichts anderes übriggeblieben, als meine wenigen Sachen zusammenzupacken und zu ihm zu ziehen – natürlich nur vorübergehend. Aber wie das mit Provisorien manchmal so war …

Ich seufzte und zog auch noch das offizielle Schreiben meines Auftraggebers aus der Tasche. Es war total verknittert. Ich hatte es in einem ersten Anfall von Erschütterung reflexhaft zusammengeknüllt und dann panisch ganz nach unten in die Tasche gestopft. Als würde es dadurch verschwinden, dabei neigte ich nicht zu magischem Denken. Ich legte es ebenfalls auf die Theke und strich das Papier mit den Handflächen glatt.

Das Projekt, das ich höchstpersönlich und ganz allein als Freiberuflerin auf die Beine gestellt hatte, würde nun von einer großen Agentur aus Hamburg umgesetzt werden. Einfach so. Offenbar kannte der Chef der Versicherung den Chef der Agentur. Auf Wiedersehen, Frau Lichtenstein. Tolle Vorarbeit. War schön mit Ihnen.

Wieder griff der Schwindel nach mir, und etwas lag mir im Magen. Vielleicht war das endlich die Wut. Kurzerhand riss ich den Weinkühlschrank auf und nahm eine Flasche sehr teuren Rotwein aus dem für ihn reservierten Klimaabteil. Der Wein war nur zum Betrachten gedacht, bestimmt war er furchtbar teuer. Carsten sammelte haufenweise diese exklusiven Weine und sah sie sich hin und wieder mit einem Lächeln im Gesicht an. Ich hingegen friemelte jetzt den Verschluss ab und suchte den Korkenzieher. Das würde Carsten nicht gefallen. Aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.

Ich fand den Öffner, und mit wenigen Handgriffen hatte ich die Flasche entkorkt. Carstens heilige Weingläser mochte ich nicht, deshalb griff ich mir ein Wasserglas, füllte es randvoll und nahm direkt einige gierige Schlucke. Dieser Tag schrie förmlich nach Alkohol. In rauen Mengen.

Normalerweise trank ich so gut wie nie, rauchte nicht, ernährte mich clean, manchmal sogar vegan, und vermied Zucker. Aber jetzt würde ich mich betrinken. Und endlich meinen Freund suchen, um ihm von der Katastrophe zu erzählen. Dafür führte man doch schließlich eine Beziehung.

Mit dem Glas in der Hand marschierte ich ins Wohnzimmer.

Weil meine cognacfarbenen Ballerinas unschöne Geräusche auf dem von Carsten liebevoll gepflegten Parkett von sich gaben, ging ich leise und auf den Zehenspitzen.

Die 240-Quadratmeter-Penthouse-Wohnung in bester Lage hatte vermutlich so viel gekostet wie ein ganzes Schloss, war aber ein nigelnagelneuer Neubau und komplett nach Carstens Wünschen gestaltet worden. Im Schlaftrakt, den ich nun betrat, befanden sich ein riesiges Bad mit freistehender Wanne, ein Workout-Zimmer, ein begehbarer Kleiderschrank und unser Schlafzimmer.

»Carsten?«, rief ich halblaut.

Es brummte von irgendwoher.

»Wo bist du?«...



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