Günak | Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Lübbe

Günak Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-5601-3
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7517-5601-3
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ella Mohnbaum, preisgekrönte Journalistin, hat von allem zu viel. Zu viel Möbel, zu viel Klamotten und viel zu viel Stress. Deshalb verzichtet sie ein Jahr auf Konsum und zieht in ein Tiny House in der kleinen Siedlung eines idyllischen Biohofs. Nur mit Dingen, die sie wirklich braucht. Am Ende soll daraus eine Reportage werden. Die neuen Nachbarn der eingeschworenen Gemeinschaft beäugen den Eindringling zunächst zurückhaltend. Und Ella bekommt es, mitten in der Natur und allein mit ihren Gedanken, das erste Mal in ihrem Leben mit sich selbst zu tun. Der attraktive blonde Nachbar Jakob ist da eine sehr willkommene Ablenkung. Der zeigt sich aber zunächst überraschend abweisend ...



Kristina Günak wurde 1977 in Norddeutschland geboren. Nachdem sie jahrelang als Maklerin arbeitete sowie als Mediatorin und systemischer Coach tätig war, ist 2011 ihr erster Roman erschienen. Seither hat sie sich mit ihren humorvollen Büchern unter Liebesromanleserinnen einen Namen gemacht. Sie schreibt auch unter dem Pseudonym Kristina Valentin. Weitere Informationen unter: KRISTINA-GUENAK.DE

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1


Es geht los!


November


Achtundzwanzig. Entsetzt betrachtete ich die sich in der Schublade türmenden bunten Tupperschüsseln, alle deckellos. Wer um alles in der Welt brauchte achtundzwanzig deckellose Plastikbehälter? Ich offenbar nicht, denn ich hatte so lange nicht mehr in diese Schublade geschaut, dass ich von deren Existenz vollkommen überrascht war – allerdings nicht im positiven Sinne. So ganz konnte ich mich allerdings nicht von der Verantwortung freimachen, denn diese Schublade befand sich schließlich in meiner Küche, oder besser ausgedrückt: meiner ehemaligen Küche, denn das Haus war seit gestern offiziell verkauft. Der Notarvertrag war unterschrieben, ein Übergabedatum vereinbart. Jetzt ging es also richtig los. Eine Tür schloss sich, eine neue ging auf. Der olle Kalenderspruch passte ziemlich gut zu meiner aktuellen Lebenslage, wobei die neue Tür noch verborgen in der Walachei lag, was mir ein durchaus mulmiges Gefühl bescherte. Aber es half ja alles nichts. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr, und zurück wollte ich auch gar nicht.

Es polterte hinter mir, und ich sah hoch. Meine beste Freundin Merle, die heute mit anpackte, um den Rest unserer Habseligkeiten auszuräumen und das Haus übergabefertig zu machen, kam schwungvoll um die Ecke, einen großen Müllsack in der Hand und Spinnweben im Haar.

»Vermelde Vollzug«, erklärte sie. »Dein Arbeitszimmer ist leer. Und sauber.« Sie klopfte sich den Staub vom Pullover und erinnerte mich damit an die Tatsache, dass ich dort wohl das letzte Mal um Ostern herum Staub gewischt hatte. Egal, vor Merle war mir fast nichts peinlich, wir kannten uns schon ewig und sie wusste außerdem, dass mein Nachname nicht etwa Flodder war, sondern ich die letzten Monate ständig für mein gerade fertiggestelltes Projekt unterwegs gewesen war.

Ich deutete auf die Tupperdosen in der geöffneten Schublade. »Warum besitze ich so etwas?«

Merle spähte um die Ecke des Küchenblocks. Dann hob sie eine Augenbraue. »Hm, Prinzip der Anziehung? Wo eins ist, kommen mehr. Klappt augenscheinlich mit Plastikschüsseln, einzelnen Socken und Kugelschreibern. Nur nicht mit Geld. Das habe ich ausprobiert.«

»Ich habe eine preisgekrönte Reportage zum Thema Mikroplastik in unserem Essen gemacht und eine ganze Schublade voller unnützem Plastikkram«, erwiderte ich, immer noch fassungslos.

»Tja, vielleicht nicht die beste Werbung für dich.« Merle grinste. »Aber beruhig dich, vermutlich hat Alex sie gekauft. Er ist doch nach wie vor der unangefochtene Meister des Konsums.« Sie zuckte die Schultern und fing an, die Plastikteile aus dem Schubfach zu räumen, um sie direkt in der blauen Mülltüte verschwinden zu lassen. Ich kratzte mich am Kopf, und sie hielt inne in ihrem Tun und blickte mich an. »Oder willst du Alex fragen, ob er die womöglich noch braucht? Er wollte ja eh gleich hier sein. Nicht dass es doch noch Rechtsstreitigkeiten gibt. Es hat schon Rosenkriege um weniger als Plastikmüll gegeben.« Sie ließ den Müllsack sinken.

»Das ist sehr unwahrscheinlich«, gab ich zurück, und statt mutig in die nächste Schublade zu schauen, hüpfte ich rücklings auf die Arbeitsplatte und zog die Beine zum Schneidersitz hoch.

»Ist es jetzt doch komisch?«, fragte Merle, warf den Müllsack auf den Boden und kletterte neben mich. Sie schien schon den ganzen Vormittag darauf zu warten, dass ich irgendwie emotional wurde.

»Es ist nicht komisch«, erklärte ich deswegen fest. »Ich habe das alles so geplant«, sagte ich mit Nachdruck, dabei blubberte in mir ein sonderbares Gefühl, was ganz entfernt wohl Angst sein könnte. Angst vor meiner wild verwegenen Entscheidung. Aber sie war ja nun mal getroffen. Es lohnte nicht, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Merle rückte ein wenig näher an mich heran und sagte leise: »Kannst dich ja trotzdem komisch fühlen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Tue ich nicht.« Ich hatte schließlich einen Plan. Und meine Pläne waren ziemlich gut. Also meistens.

»Deine Kinder sind hier aufgewachsen. Die wesentlichen Jahre deines Lebens hast du hier verbracht«, sagte Merle. »Du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass dich das kaltlässt?«

Ich schwieg und blickte mich um. Der kleine Flachdachbungalow war nie besonders hübsch gewesen. Er hätte schon renoviert werden müssen, als wir damals vor zwanzig Jahren eingezogen waren. Danach wurde nichts besser. Für ihn zumindest nicht. Mein frischgebackener Ex-Mann Alex hatte zwischendurch mal die großen Fensterelemente gestrichen, und eins der Bäder wurde von seinem original 70er-Charme in Bahamabeige und Orange befreit, aber der Rest war noch im Ursprungszustand. Und der kleine Garten, der sich um das Haus schmiegte wie ein Schal um den Hals, war von Anfang an absolut naturfreundlich gewesen, wie es so schön hieß: Insekten und Vögel erfreuten sich am Unkraut, unser Nachbar Otto Bremshorst weniger. Während wir seit jeher Team Wiese angehörten, war er ein überzeugter Verfechter der Fraktion Golfrasen. Mehr war dazu nicht zu sagen. Der Graben, der uns in dieser Hinsicht trennte, war tief, sehr tief.

Merle brummte etwas Unverständliches und baumelte mit den Beinen. »Weißt du noch, wie Jasper mit voller Wucht gegen das geschlossene Schiebeelement gerannt ist, weil ihn eine Hornisse verfolgt hat? Das war ein ziemliches Blutbad«, erzählte sie dann und klang dabei fast verträumt. Ich erschauderte spontan. Jasper war damals acht gewesen und hatte sich bei dieser Aktion das Nasenbein gebrochen. Dabei waren Hornissen eigentlich so friedlich. Doch dieses irre Tier hatte meinen Sohn auch noch gestochen, als er schon schreiend am Boden lag. Sie war da sehr konsequent gewesen, hatte ihr Ding wirklich durchgezogen. Merle fuhr in einem träumerischen Tonfall fort: »Und erinnerst du dich, als wir deinen vierzigsten Geburtstag gefeiert haben und plötzlich …«

»… fast eine Hundertschaft der Polizei vor der Tür stand«, unterbrach ich sie und musste lachen. Wie könnte ich diese Aktion jemals vergessen? Die drei jungen Polizisten, die auf einmal bei uns aufgetaucht waren, hatten nicht glauben wollen, dass eine mittelalte Frau derart heftige Partys veranstalten konnte. So heftig, dass jemand in der Nachbarschaft einen bewaffneten Raubüberfall vermutet hatte und den Notruf wählte. Meinen Gästen (und mir!) war sofort klar gewesen, dass nur Otto der Nöler der Beschwerdeführer sein konnte, woraufhin sie beabsichtigt hatten, noch lauter zu feiern, sie kannten schließlich Ottos Feindschaft mit mir. Ich hatte sie zur Räson bringen müssen, denn immerhin lebte ich mit Otto Garten an Garten.

Beim Gedanken an diesen Abend musste ich seufzen. Meine Freunde wollten feiern, die Polizisten waren amüsiert, Nachbar Otto drehte durch. Und ich? Ich hatte versucht, es allen irgendwie recht zu machen. Wie immer. Das war der rote Faden meines Lebens. Es allen recht machen. Den Kindern, Alex, meiner Schwiegermutter, dem Sender, den Geldgebern, den Protagonisten meiner Dokus, meinen Freunden und, wenn notwendig, auch der Polizei – wobei da natürlich eine gewisse Dringlichkeit bestanden hatte. Ich seufzte noch einmal vernehmlich. Und genau deswegen war mein Plan so gut! Es würde endlich mal um mich gehen. Nur um mich!

Vor der Tür schnurrte ein starker Motor, und kurz darauf fiel die alte Haustür, die seit zwanzig Jahren lautstark über die gleiche Stelle am Fußboden schabte, ins Schloss. »Da bin ich«, rief Alex und kam gut gelaunt um die Ecke geschlendert.

»Hi, brauchst du Tupperschüsseln? Ungefähr hundert? Alle deckellos?«, rief Merle ihm entgegen und deutete auf den Müllbeutel, der auf dem Boden vor uns lag.

Alex kam näher, warf einen Blick in die Tüte und nickte dann, offenbar erfreut über unseren Fund. »Warum nicht? Kann man nie genug von haben.« Der letzte Satz beschrieb meinen Ex-Mann perfekt. Er wollte immer mehr und hatte eigentlich grundsätzlich nie genug. Von nichts.

»Hast du die gekauft?«, fragte ich verwundert, und er zuckte die Schultern. »Das sind so Dinge, die sich einfach immer vermehren«, erklärte er dann. »Aber ich habe da mal vor ein paar Wochen ein günstiges Angebot geschossen. Die Deckel müssen auch irgendwo sein.«

Ich nickte ihm zu. »Dann viel Spaß beim Suchen und mit den Schüsseln. Du kannst jetzt eine ganze Kompanie bekochen und alles eintuppern. Toll.« Alex grinste mich erfreut an, ihm entging die Ironie meiner Worte vollumfänglich. Auch nach all der Zeit verstand er meinen Humor nicht.

Merle rutschte von der Arbeitsplatte und deutete zum Flur. »So, ihr zwei. Ich fahre dann mal!«

»Und ich schaue nach, ob es noch irgendwas zu erledigen gibt. Danke für deine Hilfe, Merle«, verkündete Alex, gab Merle einen Kuss auf die Wange und machte sich mit schlenkernden Armen zur Hausbegehung bereit. Er trug ein gelbes T-Shirt, das neu aussah und seine tiefe Urlaubsbräune beeindruckend in Szene setzte. Während wir hier nämlich vor fünf Tagen meine allerletzte Geburtstagsparty gefeiert hatten (ziemlich gesittet, Otto hatte nicht die Polizei rufen müssen), war er auf irgendeiner südkaribischen Insel gewesen, um dem tristen Novemberwetter zu entfliehen.

Ich folgte Merle in den Flur, wo drei Umzugskartons standen. »Ich kann dich in dein neues Domizil fahren«, wiederholte meine beste Freundin ihr Angebot nun bestimmt zum zehnten Mal. »Und dein Auto habe ich nur geliehen. Sobald du es brauchst, bringe ich es dir. Ja?« Nachdrücklich hob sie beide Augenbrauen und blickte mich ernst an.

»Alex fährt mich. Und ich brauche den Wagen dort definitiv nicht«, sagte ich und ignorierte das...


Günak, Kristina
Kristina Günak wurde 1977 in Norddeutschland geboren. Nachdem sie jahrelang als Maklerin arbeitete sowie als Mediatorin und systemischer Coach tätig war, ist 2011 ihr erster Roman erschienen. Seither hat sie sich mit ihren humorvollen Büchern unter Liebesromanleserinnen einen Namen gemacht. Sie schreibt auch unter dem Pseudonym Kristina Valentin. Weitere Informationen unter: KRISTINA-GUENAK.DE



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