Günday Flucht
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-17077-6
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 480 Seiten
ISBN: 978-3-641-17077-6
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
- "Ein Buch wie ein Faustschlag!" (Libération)
- "Hakan Günday rüttelt wach mit diesem Roman über die Ausbeutung der Flüchtlingsmisere." (Livres Hebdo)
- "Dieses Buch beweist, dass neben Orhan Pamuk und Elif Shafak eine sehr lebendige türkische Literatur existiert." (Orient XXI)
- "Hakan Günday war von Anfang an eine der größten literarischen Überraschungen. Und noch immer überrascht er uns mit jeder geschriebenen Seite.“ (Milliyet)
Hakan Günday, geboren 1976, studierte Französisch in der Türkei und in Brüssel, anschließend Politikwissenschaften in Ankara. Diplomatensohn, Bestsellerautor, Drehbuchautor, Provokateur, Enfant terrible der zeitgenössischen türkischen Literatur. Seine Romane sind gleichermaßen Bestseller wie Kultbücher. Seine vielen Fans feiern ihn für seine politischen Kolumnen, seine öffentlichen Debatten und dafür, dass alles, was er tut, aus dem Rahmen fällt. Gemeinsam mit seiner Übersetzerin Sabine Adatepe wurde ihm 2022 der Internationale Hermann-Hesse-Preis verliehen.
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Wann genau der Menschenhandel seinen Ausgang nahm, ist nicht zu ermitteln. Denkt man aber daran, dass ein solcher Handel schon mit drei Personen abgeschlossen werden kann, darf man wohl weit in die Geschichte der Erdbewohner zurückgehen. In einem unnützen Buch, das ich vor Jahren las, lautete der einzig nützliche Satz: Das erste Werkzeug, das der Mensch benutzte, war ein anderer Mensch. Also glaube ich nicht, dass man lange damit wartete, diesem ersten Werkzeug einen Preis beizumessen und es zu vermarkten. Dementsprechend lässt sich der Anfang des Menschenhandels auf Erden folgendermaßen datieren: bei der ersten Gelegenheit! Da er auch die Zuhälterei umfasst, ist er das zweitälteste Gewerbe der Welt. Damals war ich mir nicht bewusst, dass wir die Tradition einer derart altehrwürdigen Branche pflegten. Ich schwitzte nur ständig und bemühte mich nach Kräften, Vaters Anordnungen auszuführen. Transport war tatsächlich das Rückgrat des Menschenhandels. Ohne Transport funktionierte gar nichts. Zudem war dies die riskanteste und aufreibendste Phase des Prozesses. Die Illegalen anschließend in ein Loch zu stecken, sie achtzehn Stunden am Tag Taschen herstellen zu lassen, ihnen Schlafplätze auf dem Fußboden zuzuweisen und obendrein diejenigen zu vögeln, die einem gefielen, war ein Kinderspiel im Vergleich zu unserem Job. Wir waren die echten Werktätigen, die unter den härtesten Bedingungen des Menschenhandelssektors schufteten! Vor allem standen wir permanent unter Druck. Lieferanten, Kunden, Vermittler, alle waren hinter uns her. Für die kleinste Verzögerung wurden stets wir verantwortlich gemacht. Die Zeit arbeitete beständig gegen uns, und alles, was schiefgehen konnte, täuschte lange eine schöne Reibungslosigkeit vor, bis es dann mit einem Mal siebenfach schiefging. Eigentlich war der Ablauf nicht so kompliziert, doch da keiner keinem vertraute, wie bei allen illegalen Tätigkeiten, wurde jeder Schritt wie auf einem Glasfeld tausendfach bedacht, bevor man ihn setzte.
Dreimal monatlich kam Ware über die iranische Grenze herein. Gab es Aufstockungen aus Irak oder Syrien, wurden sie dort zusammengeführt und zu uns auf den Weg gebracht. Meist wurden sie im Brummi angeliefert. Selbstverständlich immer in einem anderen. Selten teilte man die Ware auf verschiedene Fahrzeuge wie Lkw, Kleintransporter oder Minibus auf. Die Einfuhr über die iranische Grenze und die dortige Abfertigung der Ware organisierte ein Mann namens Aruz. Vermutlich war er so etwas wie der Vorsitzende des Durchführungsausschusses des Koordinierungsrates zur Umsetzung der länderübergreifenden Freizügigkeit des Individuums gegen gewisses Entgelt gemäß dem Katalog der revolutionären Volksbewegungen im Rahmen der Erhöhung der demokratischen Kampfeinnahmen und zur Begleichung der Ausgaben für ein freies Leben der dem ewigen Fortbestand der Führung und der unteilbaren Einheit Kurdistans verschriebenen leitenden Kaderkapazitäten der PKK. Das für die Freizügigkeit erhobene gewisse Entgelt war, was man von Herzen gab. Inklusive des Herzens. Oder einer Niere. Extrakosten halt … Fragte man Aruz selbst, lautete seine Antwort, er sei einer der für illegalen Handel zuständigen Minister der PKK. Er war aber nur für Menschenhandel zuständig. Mit Drogen oder Treibstoff oder Zigaretten oder Waffen befassten sich andere Ministerien. So sollte es sein: Dienstleistungsbranchen, die sich in der Zielsetzung unterschieden, gehörten administrativ voneinander getrennt. Andernfalls geriete alles durcheinander und vergiftete sich gegenseitig. Mit dem Beispiel des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus vor Augen, das klang wie Ministerium für Krieg und Frieden, wollte natürlich niemand einen solchen Fehler wiederholen. Waren zwei einander vollkommen gegensätzliche Komplexe, der eine rein am Profit orientiert, der andere an bedingungsloser Unterstützung und Bewahrung, in einem einzigen Ministerium vereint, blieb Kultur auf einen Musterkugelschreiber mit eingetrockneter Tinte beschränkt, und Tourismus auf das halb abgeriebene Logo eines Fünf-Sterne-Hotels auf demselben Kuli. Wen kümmerte das schon? Aruz zweifellos nicht! Aruz, Spezialist für Gewalt ebenso wie für Handel, hatte von Tourismus eine völlig andere Vorstellung. Zum einen leitete er sein Reich einer Agentur für illegale Reisen per Telefon. Indem er das Telefon verschlang. So musste es sein, denn da seine Stimme wie die eines ertrinkenden Nilpferds klang, verstand ich nie, was er sagte, und wiederholte nur immer: »Ich küsse deine Hände, Onkel Aruz!« Vielleicht mochte ich auch einmal, wenn ich schlecht gelaunt war, um ihn zu ärgern, fragen: »Wie geht es Felat?« Fiel der Name seines Sohnes, der so gar nicht dem Sohn seiner Träume entsprach, begann er zu grummeln wie ein gestrandeter Walfisch, ließ dann aber doch ein mammutartiges Getöse los, das einem Lachen ähnelte, und verlangte meinen Vater. Das verstand ich, denn er schwieg. Zwischen Vater und ihm herrschte eine Hassliebe. Sie waren fähig, stundenlang miteinander zu telefonieren. Wohl auch ein wenig aus Notwendigkeit. Zumindest konnten sie, solange sie telefonierten, einander nicht hintergehen. Gegenstand des Betrugs war natürlich unvollständige Lieferung oder unvollständige Deklaration der Ware. Ich wusste, dass Vater einige der Illegalen nicht ins Ausland transferierte, sondern nach Istanbul schickte. Sie wurden verkauft, um als Sklaven in allerlei Textilproduktionen oder in Konsumptionen wie der Prostitution eingesetzt zu werden. Dann verwandelte Vater seine Stimme vom Weltrichter zum Angeklagten der ganzen Welt und beschwerte sich bei Aruz bitter darüber, welche Katastrophe uns heimgesucht habe und wie es zur Dezimierung der Ware gekommen sei. Da alles, wirklich alles zum Stückpreis berechnet wurde, brüllte Aruz mindestens eine halbe Stunde nashornmäßig herum, presste sich dann eine halbe Drohung ab, weil er wusste, dass er keinen besseren Fuhrunternehmer als Vater finden würde, und legte schließlich einfach auf.
Irgendwann begann er sogar als vorbeugende Maßnahme, den Flüchtlingen eine Nummer auf die rechte Ferse tätowieren zu lassen und ein Foto-Archiv anzulegen. Fehlte einer, sagte er gleich: »Nenn mir die Nummer, welcher ist es?« Diese Tätowierungsgeschichte machte ihm so viel Spaß, dass er eines Tages Vater anrief und sagte: »Hol die Nummer 12! Guck auf seinem rechten Arm nach!« Als nach der Ferse auch der Arm freilag, war der Schriftzug Washamwareingeklotzt! zu lesen, und Aruz lachte wie ein frisch geborener Elefant. Was haben wir reingeklotzt hieß natürlich Aruz’ Fußballverein und Was haben wir eingesteckt Vaters. Die Person, die Aruz für die Botschaft als Papyrus benutzt hatte, war ein Usbeke Mitte zwanzig. Ich weiß nicht, warum, doch er stimmte in das Gelächter ein. Möglicherweise war er verrückt. Meines Erachtens waren sie eigentlich alle verrückt. All die Usbeken, Afghanen, Turkmenen, Malier, Kirgisen, Indonesier, Burmesen, Pakistaner, Iraner, Malaysier, Syrer, Armenier, Aserbaidschaner, Kurden, Kasachen, Türken, alle, wie sie da waren … Denn nur Verrückte konnten all das ertragen. Mit all das meine ich in gewisser Hinsicht uns: Aruz, Vater, die Brüder Harmin und Dordor, die Kapitäne der Boote, die die Flüchtlinge nach Griechenland übersetzten, die Bewaffneten, deren Verbrechensquote mit den Gezeiten stieg und fiel, und all die Psychopathen, deren Namen ich nicht kannte, die aufgereiht standen an einem zehntausende Kilometer langen Weg und die Menschen der Welt von Hand zu Hand an die Welt weiterreichten … Vor allem die Brüder Harmin und Dordor. Niemals würde ich wunderlichere Männer zu sehen bekommen, und ich mochte sie wirklich. Denn bei ihnen schien das Leben gar nicht zu existieren. Wenn es keine Regeln gab, löste sich auch das Leben allmählich in Luft auf. Nicht Zeit noch Moral, nicht Vater noch Angst blieben. Sie waren brutal genug, um die Minimalzivilisation dort, wo sie sich gerade befanden, umgehend in öde Wüste zu verwandeln, den Sand dieser Wüste zu einem gewaltigen Spiegel zu machen und darauf mit Blut in Lippenrouge Abschiedsbotschaften zu malen. Viele Male hatten sie mich bei der Hand gefasst und mitgenommen zu dem Punkt, an dem die Menschlichkeit endete. Auf der letzten Reise an die Grenze der Humanität aber konnten sie mich leider nicht begleiten.
Ja, Vater war ein gnadenloser Mann, und natürlich war die emotionale Welt von Aruz als Orang-Utan nicht mehr als ein Globus aus Plastik. Die Brüder Harmin und Dordor aber waren anders. Arthur Cravan im Doppelpack! Gemeinsam maßen sie vier Meter und wogen zweihundertfünfzig Kilo. Trotz der Fleischmasse waren ihre Stimmen winzig. Sie flüsterten ständig, und ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um mitzukriegen, was sie sagten. Dauernd tätowierten sie einander, und ich bemühte mich zu entziffern, was sie stachen. Nach einer Weile begriff ich natürlich, dass sie stets denselben Satz schrieben:
Born to be wild
Raised to be civilized
Dead to be free
Überall stand das, auf ihren Beinen, Armen, Nacken, Füßen, Händen … »Was heißt das?«, fragte ich. »Das sind Namen von Frauen«, sagte Harmin. Dordor sah, dass ich nicht überzeugt war, und erklärte lachend: »Das ist altes Türkisch, Junge, das ist Osmanisch!« Drei Jahre mussten vergehen, bis ich erfuhr, was die Worte bedeuteten. Am Morgen der Nacht, in der vier von Aruz’ Männern Dordor mit sechsundsechzig Messerstichen umgebracht hatten, erklärte Harmin es mir. Wieder flüsterte er.
»Wir waren ungefähr so alt wie du jetzt … Da sind wir los und haben auf einem Schiff angeheuert. Wir wollten auf Weltreise. Wie auch immer … Eines Tages rasselte der Anker runter, da waren wir in...




