E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Günter Die Stadt hinter dem Dönerladen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95771-052-9
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jugendroman
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-95771-052-9
Verlag: Größenwahn Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mirijam Günter, in Köln und in vielen anderen, beinahe genau so schönen Städten aufgewachsen, absolvierte in mehreren Stationen letztlich erfolgreich die Haupt- und Realschule und krönte diese Karriere mit einem Realschulabschluss. Nach für alle Beteiligten deprimierenden Versuchen, durch das Erlernen eines ordentlichen handwerklichen Ausbildungsberufs im normalen Leben zu landen, entschied sie sich dafür, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen: das Schreiben. Seit 2006 bietet Mirijam Günter Litera-turwerkstätten an. Das sind Projekte, bei denen sie mit Jugendlichen (nicht nur) lyrische Texte liest und in denen die Teilnehmer eigene Texte schreiben, die abseits jeden Klischees sind und bei Erwachsenen oft Verwunderung hervorrufen. Sie legt ihren Schwerpunkt hauptsächlich auf Orte, wo benachteiligte Jugendliche das Gefühl haben, ein von der Bevölkerung nicht beachtetes Dasein zu fristen.
Autoren/Hrsg.
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Das hier war heute mein letzter Schultag, das schwöre ich. Nie wieder betrete ich dieses Gebäude. Ich weiß, was sie von mir wollen, wenn ich in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue. Sie wollen, dass ich wieder normal ticke. Man übersteht das, das Leben geht weiter. Alles wird gut, irgendwann wirst du drüber lachen, laber Rhabarber. Nie wird einer mal drüber lachen. Keiner. Erst recht nicht ich. Sie sollen mir eine Person zeigen, die darüber lacht, wenn die beste Freundin verschwunden ist. Jessica hieß meine beste Freundin, ihr Name war Programm. Denn wenn ein Mädchen Jessica heißt, dann darf es kein Weichei sein. Sie war ganz anders als all diese überfressenen gelang-weilten Gesichter, die jetzt in der Klasse übrig geblieben sind. Sie hatte mich mit ihrer unbekümmerten Lebensart immer mitgerissen. Ihr war es egal, was die Leute dachten. Sie lief in Kleidern rum, von denen sie manche aus dem Altkleidercontainer gefischt hatte. Sie zog bunte Ringelstrümpfe zu einem schwarzen Cocktailkleid an. Sie sprang mitten im Unterricht auf und rief: »Ich hab euch alle lieb!« Wenn sie die erstaunten Blicke der Lehrer sah, erklärte sie, dass es im Unterricht endlich mal etwas menschlicher zugehen müsste. Oft saßen wir zusammen auf einer Bank in der Innenstadt und grüßten alle Leute, die vorbeikamen. Jessica führte Listen darüber, wie viele Leute zurückgrüßten. Sie wertete die Liste aus und hielt daraufhin ein Referat in der Schule über den baldigen Zusammenbruch unserer Gesellschaft. Unser Direktor bekam das Referat zu lesen und wollte Jessica zu einer Therapie schicken. Mit fünfzehn durfte man sich keine Gedanken über die Gesellschaft machen. Das durfte man nur in der Generation des Direktors, und die machte sich keine Gedanken.
Jessica machte aber noch viel mehr. Sie kommunizierte nicht im Internet, wie es alle taten, weil sie nicht zur Vereinsamung der Gesellschaft beitragen wollte. Sie kannte alle Außenseiter dieser Stadt. Obdachlose und sogar der letzte Schmuddelpunk begrüßten sie mit Namen. Sie ging regelmäßig, ohne Bezahlung, mit einer verwirrten alten Dame spazieren.
Da wir Freundinnen waren, lief ich bald auch in Sachen herum, die aus dem Rahmen fielen. Im Gegensatz zu meinen Klassenkameraden trug ich keine Markenklamotten, sondern konnte einfach in einer Jogginghose auftauchen. Mit Jessica war es mir egal, was die anderen von mir dachten. Mit ihr fühlte ich mich stark, denn wir wussten, dass es auf uns ankam, die Gesellschaft vor dem Wahnsinn zu retten, weil nur wir die Ungerechtigkeiten sahen und alles verstanden. Jetzt aber, wo nur noch ich da war, verstand ich nichts mehr und ich wollte nicht mehr die Welt retten. Ich sah nicht die Gesellschaft vor die Wand knallen, sondern mich. Ohne Jessica fühlte ich mich wie ein wirklicher Außenseiter, ich hatte irgendwie meine Daseinsberechtigung verloren. Sie hatte meiner Außenseiterrolle Sinn gegeben. Sie wusste, was zu tun war, und riss mich mit. Mit Jessica auf dem Pausenhof zu stehen und Leute anzupöbeln, die schwachsinnige Parolen von sich gaben, das war tough. Alleine hielt ich die Klappe. Ich regte mich nicht mehr über die Dummheit meiner Mitmenschen auf, die nicht begriffen, was los war, und sich einnebeln ließen. Ich wäre froh gewesen, etwas zu haben, was mich einnebelte.
Jessica war wunderschön und hochintelligent, sie hätte die tollsten Jungen haben können, aber sie hatte einen ganz speziellen Geschmack. Auf einer Party, bei der fünfundzwanzig Jungen waren, nahm sie sich garantiert den Jungen mit dem größten Dachschaden und knutschte mit ihm rum. Aus irgendeinem Grund wollte sie nur einen Jungen haben, den sie glaubte retten zu müssen. Den fand sie. Einen, der sie richtig verarschte.
Ich redete mir den Mund fusselig, aber sie verteidigte das Arschloch. Er behandelte sie wie den letzten Dreck, ließ sie ständig hängen. Wenn er dann endlich auftauchte, redete er sogar in ihrem Beisein bei seinen Kumpels schlecht über sie.
»Geh nicht mit dem Typen ins Bett«, warnte ich sie.
»Wieso nicht, ich liebe ihn doch.«
Der Typ sah gut aus, das musste ich zugeben. Er hatte braune gelockte Haare, unwahrscheinlich lange Wimpern und sinnliche Lippen, die man küssen musste. Asitoaster mit Muckibude gaben den Rest dazu. Er sah gut aus, war aber eine Drecksau. Außerdem war er völlig unter ihrem Niveau. Er hatte die Hauptschule abgebrochen, nachdem er zweimal die achte Klasse wiederholt hatte, schmiss dann diverse Stellen und vertickte nun Drogen. Dabei stellte er sich so blöd an, dass selbst die Polizei Mitleid mit ihm hatte. Er war so dumm, dass es einem wehtat, und verhielt sich derart asozial, dass man Gewaltfantasien ihm gegenüber bekam. In der Stadt trat er gerne gegen die Hüte oder Teller der Bettler und lachte, wenn diese auf der Erde nach ihren Tageseinnahmen suchten. Er fand, Mädchen hätten in Anwesenheit von Männern die Klappe zu halten. Er schlug Jessica, aber sie verzieh ihm und erzählte mir etwas von seiner schweren Kindheit. Sie hätte den Himmel auf Erden haben können, stattdessen wählte sie die Hölle. Sie schlief natürlich mit ihm. Als sie mal nicht wollte, vergewaltigte er sie. Vor seinen Kumpels. Die filmten das. Jeder, der wollte, bekam das Filmchen auf sein Handy geschickt. Jeder wollte das Filmchen sehen, selbst die ach so braven Schüler unserer Schule. Jetzt war sie nicht mehr da.
Und dann erzählen einem Erwachsene tatsächlich so einen Schwachsinn, dass man, nur weil die beste Freundin nicht mehr da ist, nicht davon stirbt. Man stirbt wohl. Dass das Leben weitergeht, erzählen sie einem. Natürlich nicht sofort, aber nach drei Wochen. Das Leben geht aber nicht weiter, es bleibt stehen, die Batterie vom Wecker ist raus, er läuft nicht mehr, es gibt keine Ersatzbatterie, zurück bleibt nur ein Rauschen in den Ohren. Aber das verstand niemand. Sie bieten einem Hilfe an, Gespräche. Über was sollte ich reden? Sie erzählen, dass sie sich Gedanken machen würden um einen. Sie sollten aufhören, über mich nachzudenken. Mir kam es vor, als wäre schon alles in meinem Leben passiert. Alles war schon geschehen. Ich hatte alles gesehen. Ich weiß, dass Erwachsene über solche Sätze lachen. Aber sie lachen aus Angst. Aus Angst, weil sie sich sonst eingestehen müssten, dass sie sich etwas vormachen.
Auf jeden Fall ist an dieser Schule kein Platz mehr für mich. Es hatte mich keiner gemobbt, noch nicht mal das, nein, sie hatten mich schlicht und ergreifend ignoriert, meine sogenannten Klassenkameraden. Das hatten sie zwar vorher schon gemacht, aber da war immerhin meine beste Freundin noch da gewesen. Warum sollte ich hier sitzen, an meine Freundin erinnert werden und mich dabei schlecht fühlen? Ich stand auf und ging zur Klassentür.
»Wohin gehst du, Nicki?«, fragte der Lehrer.
Ich stand vor ihm, die Hände tief in meiner weißen Leinenhose vergraben und den Kragen meiner Trainingsjacke hochgestellt. Eine Haarspange löste sich und eine meiner blond gefärbten Strähnen fiel mir ins Gesicht. Ich hatte normalerweise schulterlanges kastanienfarbenes Haar, aber Jessica hatte mir geraten, meine Haare heller zu färben. Vielleicht sollte ich sie jetzt schwarz färben?
»Ich möchte gerne eine Antwort«, der Lehrer war ungeduldig.
»In eine andere Welt. Meine alte ist gegen die Wand geknallt.«
Erstaunt sah er mich an.
Ich lebte mit meiner Mutter in einer großen Wohnung. Mein Vater verschwand vor meiner Geburt. Er zahlte Geld, auch für mich, obwohl ich ihn nie gesehen hatte. Das war seltsam. Aber damit wollte ich mich nie beschäftigen, erst recht nicht jetzt. Wer behauptet, dass das einen interessieren müsse, wer der eigene Vater sei, der soll mir mal den entsprechenden Gesetzestext zeigen, der mich zu diesem Interesse zwingt. Ich hatte genug Probleme, wer weiß, was ich für eins dazubekommen würde, wenn ich diesen Menschen kennenlernte.
Meine Mutter und ich leben zwar zusammen, aber wir lassen uns eigentlich in Ruhe. Ich frage sie nichts und sie mich auch nichts und alle leben in Frieden. Es gab mal eine Zeit, da war das anders. Da hatte meine Mutter einen Freund, der Rainer hieß und der sie wirklich geliebt hat – und mich dazu.
Als die Beziehung zwischen meiner Mutter und ihm vor anderthalb Jahren vorbei war, hatte sie ihm verboten, weiter Kontakt zu mir zu haben. Das war ihre Rache. Erbärmlicher geht es wirklich nicht. Erwachsene halt. Dabei hat sie ihn nur verlassen, um ihn auf die Probe zu stellen. War für sie ein Spielchen. Dass er dann tatsächlich wegblieb, damit hätte sie nie gerechnet. Schließlich hatte sie das schon oft mit ihm gemacht. Aber jetzt hatte er einmal die Konsequenz gezogen. Wenn ich ehrlich bin, verachte ich meine Mutter dafür. Das sind Spiele, die spielt man als Erwachsener nicht. Als Jugendlicher sowieso nicht, wir kommen gar nicht auf solche Ideen. Mir hat sie damit einen Schaden zugefügt. Rainer hat sich rührend um meine Mutter gekümmert, sie ständig zum Essen eingeladen, sie in Museen und Zoos geschleppt. Er bestand darauf, dass ich mitkam. Ich hatte meine Mutter bis zu diesem Zeitpunkt nie so glücklich gesehen. Sie hatte eigentlich nie eine Familie, und deswegen ist sie beziehungsunfähig. So hatte mir Rainer das mal erklärt. Ich hatte...




