E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Guez Koskas und die Wirren der Liebe
2. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8412-1981-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1981-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Dem Charme von Jacques Koskas muss einfach jeder erliegen!' Leila Slimani Jacques Koskas hockt in der französischen Provinz, träumt von wilden Liebschaften und einer Karriere als Journalist. Doch der Mittdreißiger wird von den Erwartungen seiner sephardisch-jüdischen Familie gequält. Irgendwann hält es Koskas nicht mehr aus und steigt in den nächsten Zug nach Berlin. Dort lernt er Barbara kennen. Durch Berlins Straßen und Kneipen weht die Aufbruchstimmung der Nullerjahre und Koskas glaubt endlich zu wissen, wo er hingehört. Bestsellerautor Olivier Guez nimmt uns mit auf eine humorvolle, philosophische Reise in seine Vergangenheit. 'Koskas und die Wirren der Liebe' ist sein Debüt, aber vor allem sein persönlichstes Buch! 'Herrlich amüsant!' David Foenkinos, Bestsellerautor 'Kraftvoll, sprühend und unverschämt!' Le Figaro littéraire
Olivier Guez, 1974 in Straßburg geboren, ist Autor und Journalist. Er arbeitete unter anderem für Le Monde, die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Für das Drehbuch von 'Der Staat gegen Fritz Bauer' erhielt er den deutschen Filmpreis. Sein Roman 'Das Verschwinden des Josef Mengele' (Aufbau, 2018) wurde zum internationalen Bestseller. Olivier Guez lebt in Paris. Nicola Denis wurde mit einer Arbeit zur Übersetzungsgeschichte promoviert. Sie übersetzte u. a. Werke von Alexandre Dumas, Honoré de Balzac, Éric Vuillard, Olivier Guez und Anne Dufourmantelle. Nicola Denis lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Frankreich.
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1
Samstag, 6.Oktober 2003
Sie sah ihn an. Eine üppige nackte Nixe am Ufer. Von ihren mandelförmigen Augen ging ein sanftes, entwaffnendes Leuchten aus, ein Appell an sämtliche Sinne. Sie war den orangefarbenen Fluten entstiegen und kam auf ihn zu. Sie sah ihn an, Jacques fehlten die Worte, seine Hände zitterten, Schweiß perlte ihm von der Stirn, und aus seinen Augen sprudelten Tränen wie aus einem Brunnen. Die Meerjungfrau war strahlend schön, Jacques aber schluchzte.
»Warum weinst du, Jacques?«
»Wer bist du? Woher weißt du, wie ich heiße?«, stammelte er.
»Ich bin die Leopardin, deine Leopardin. Du hast nichts zu befürchten, Jacques!«
»Woher kommst du? Welcher Fluch hat dich dem Wasser entrissen?«
»Beruhige dich und vertrau mir. Ich bin die, auf die du schon immer gewartet hast, von der du Nacht für Nacht träumst und die du an jedem Tag, den Gott gemacht, herbeisehnst.«
»Wirklich? Ich weiß nicht. Du bist die Leopardin?«
»Ja. Mach dir nur keine Sorgen mehr, und hör auf zu weinen!«
Die Leopardin strich über die langen Locken, die Jacques’ Gesicht rahmten, und schloss ihn fest in die Arme, so wie ihn noch nie jemand umschlungen hatte. Er entspannte sich, während der Scirocco seine Tränen trocknete, und hielt dem Kirschmund der Leopardin blaue Weintrauben, saftige Beeren und feuchte Feigen hin. Die Leopardin leckte ihm die Finger, und bald würde er ihre prallen Lippen lecken. Ihre heißen Zungen wanden sich im Takt umeinander, sinusförmige, ausgetrocknete Ellipsen. Nun bebte die Leopardin vor Lust. Ihre herrlichen Brüste schienen Jacques geradezu anzuflehen.
Schon wollte er nach ihnen greifen, als er plötzlich einen heftigen Schmerz in der Rippengegend verspürte. Ein mit unverdauten Pepperoni angereicherter Atem ruinierte den paradiesischen Augenblick.
»Ya rabbi, Jacques! Wach auf, verdammt noch mal! Dein Vater wird gleich die Thora vorlesen. Und du wirst uns wieder mal blamieren!«
Jacques verfluchte seinen Großonkel Ezechiel, der mit seinem Mundgeruch die Leopardin verscheucht hatte. Er streckte seinen langen Körper und rieb sich, geblendet von den Neonröhren der sephardischen Synagoge im guten alten S., gähnend die Augen. Er lockerte seinen Krawattenknoten. Wie jedes Jahr hatte der Küster die Heizung schlecht reguliert, und Jacques langweilte sich an Jom Kippur zu Tode. Raoul Chelly, der Gemeindevorsitzende, hämmerte mit seiner feisten Faust auf das Pult.
»Rabotai, spenden Sie für unsere schöne Synagoge, deren Renovierung auch 5764 noch nicht abgeschlossen sein wird!«
Die Zuhörer machten ihrem Unmut Luft, allerdings ohne den Redner aus dem Konzept zu bringen.
»Das Überleben unserer Gemeinde steht auf dem Spiel. Es geht um die Zukunft unserer Kehillah, unserer lieben Kinder und um unser Schicksal als Juden in diesen dramatischen Zeiten, wo unsere Feinde uns verleumden. Amen!«
Die Versteigerung begann, alle hielten die Luft an. Sämtliche Arme schossen in die Höhe, auf der Empore stießen die Frauen unterdrückte Schreie aus, während die Preise explodierten. Um an Jom Kippur die Haftara lesen zu dürfen, war man bereit, sich gegenseitig abzumurksen. Der Gemeindevorsitzende Chelly, von seinen Untergebenen »das Pummelchen« genannt, rieb sich die Hände: Ihm schwebte eine neue Mikwe für seine Gemeinde vor, renommierte Vortragsgäste aus der ganzen Welt, ein Satz zweifarbiger Tücher für die Pfadfindergruppe Pinhas und vor allem, ja vor allem endlich eine blickdichte Sicherheitsschranke – manche nannten sie Mauer –, die die vereinzelten unreinen Geister in der Zuhörerschaft daran hindern würde, nach einer zarten Fessel oder einem spitzen Schuh auf der Frauenempore zu schielen.
»Fünfzehntausend zum Ersten, fünfzehntausend zum Zweiten, fünfzehntausend zum Dritten! Jacques Haïm Khamous Clément Koskas, Sohn von Jacques Issac Koskas, gelobt sei dein Name!«, brüllte das Pummelchen.
Jacques Senior, Jacques’ Vater, hatte seine marokkanischen Gegner bezwungen, sodass im Hause Gottes bald der anmutige tunesische Ritus erklingen würde. Jacques seufzte. Sein Vater, ein in der ganzen Gegend bekannter Gynäkologe, hatte sich wieder einmal übers Ohr hauen lassen: Die Bieter waren Verschwörer, sie hatten nie ernsthaft vorgehabt, die Mitzwa zu erwerben, sie wollten nur Koskas drankriegen, wie immer an Jom Kippur, schon seit Ewigkeiten. Der Großonkel Ezechiel brummte in seinen Bart, dass er mit einer solchen Summe gut zwei Jahre hätte leben können. Guibor, Jacques’ vorbildlicher Schwager, blieb unerschütterlich.
»Die Perversen gleichen einer stürmischen See, die sich nicht besänftigen lässt und deren Gewässer brodeln vor Schlamm und Schlick. Kein Friede, sagt mein Gott, den Bösen!«
Die Stentorstimme jagte den Gläubigen einen Schauder über den Rücken, und Jacques ließ seine Seele baumeln. Er bewunderte die mit den zwölf Stämmen Israel geschmückten Glasfenster, zupfte seine Ärmel zurecht und glättete sich die langen Koteletten, während er den Gemeindebrief überflog. Dort wurde der Tod eines vermögenden Viehhändlers beklagt. Jacques gähnte verstohlen, sein Schlaf war schon im Morgengrauen vom Gurgeln seines Vaters und dem Kreischen seiner Nichten Batia und Chani unterbrochen worden. Ihre Eltern, Ruth und Guibor, ehemals Céleste und Jean-Rémi, hatten sie aus Israel importiert, um die Festtage im Kreis der Familie zu verbringen.
Am Morgen des Versöhnungstags herrschte bei den Koskas stets ausgelassene Freude. Es war nicht so, dass diese erlauchte Familie sich nichts vorzuwerfen gehabt oder nicht gottesfürchtig gelebt hätte. Jacques Senior und seine Gattin Claire, eine unfehlbare Urologin, übertrieben es, um etwas von der Welt zu sehen, mit den Ärztekongressen, waren aber nicht minder auf ihre Traditionen bedacht. Insbesondere Jacques wachte streng über die Ahnenreihe illustrer Rabbiner und Kabbalisten aus Nabeul-sur-Mer, einer Ortschaft in Tunesien, wo einer seiner Vorfahren zur Zeit Amadeus I. sogar Konsul des erzkatholischen Spaniens gewesen war. Claire Koskas, geborene Scholem, hatte ihre aufklärerischen Ambitionen zurückgestellt, nachdem sie auf dem Facharztball diesen spindeldürren Angeber, nach dessen Schnurrbart sich damals alle Krankenschwestern auf der gynäkologischen Station des Unikrankenhauses verzehrten, kennengelernt hatte. In jener Nacht hatten Jacques und Claire zu Popcorn von Hot Butter wild getanzt, und als im schummrigen Licht die ersten Takte von La maladie d’amour erklangen, hatten die beiden jungen Ärzte, Claire und Jacques, Jacques und Claire, begriffen, dass es endgültig um sie geschehen war. Seitdem entschuldigte sie unzählige Verspätungen und Verrücktheiten ihres Gatten, wie zum Beispiel das Verbot, am Schabbat kein Feuer zu entfachen. Sie tolerierte die ausgedehnten Besuche seines Pariser Onkels, des steinreichen Ezechiel, analphabetischer Herold aus der Blütezeit des Sentier-Viertels. Hypochondrisch, von ebenso rätselhaften wie kurzlebigen Krankheiten befallen und häufig von Blähungen geplagt, stattete er seinem Neffen regelmäßige Besuche ab, damit dieser ihm zu Terminen mit den besten Spezialisten im Rheintal verhalf. Fast achtzigjährig hatte Ezechiel seit Langem sämtliche Management-Tricks des jungen Jahrhunderts verinnerlicht und, als berüchtigter cost cutter und legendärer Geizkragen, S. am Vortag an Bord eines holländischen Sattelschleppers per Anhalter erreicht.
Bei dem Festschmaus vor dem Feiertag hatte der Millionär vor einem Berg von Couscous, den Claire mit der Zeit immer raffinierter zuzubereiten wusste, der Dame des Hauses eine minina und drei gammlige Zitronen überreicht. Batia und Chania hatte er zwei Puppen aus Lumpen, Streichhölzern und angepinselten Kichererbsen mitgebracht. Ruth und Guibor, beides Augenärzte, und die Koskas plauderten mit vollem Mund und fettigen Fingern über Nierenszintigraphien, Vasektomien und Beckenbodenschmerzen, während sie an ihren Multivitaminsäften nippten. Jacques, den Kopf über seinen überquellenden Teller gebeugt, sagte als Einziger kein Wort. Die Vorstellung, aus Wasser und Fleisch, aus Blut und ein paar defekten Organen zu bestehen, machte ihn krank. Mit achtzehn hatte auch er sich mit dem Gedanken an eine medizinische Laufbahn getragen, doch der Besuch eines Krankenhauses mit seinem Ballett aus Gehbehinderten und Rollatoren, dem Karussell der Tragen und Tabletts, die zu einer Uhrzeit serviert wurden, wenn andere, zivilisierte Völker Tee tranken, vor allem aber mit seinem Formolgeruch, hatte ihn für immer davon abgebracht. Die Koskas verschmerzten diese Enttäuschung, als sie ein paar Jahre später ihren famosen Schwiegersohn Guibor Zylberstein kennenlernten.
Der scheue Zionist war ausnahmsweise mal gesprächig. Er lag gerade in den letzten Zügen seiner Doktorarbeit, eine poetisierende Studie über die Familienvorkommen der Birdshot-Chorioretinopathie. Warum neigten die Träger des Antigens HAL-A29 eher dazu, eine chronische beidseitige posteriore Uveititis mit den charakteristischen gelblichen Flecken im Augenhintergrund zu entwickeln als Nichtträger dieses HAL-Merkmals? Batia und Chani bereiteten dem reizenden Geplauder ein jähes Ende. Batia hatte ihrer Schwester die Puppe weggenommen und ihr zu allem Unglück eine Kichererbse abgerissen. Chani, trotz ihrer zwei Jahre so stark und zottig wie Samson, hatte Bania gepackt, die sofort zugekniffen hatte,...




