E-Book, Deutsch, 254 Seiten
Guggenheim Der Gehilfe des Malers
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-666-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman - Das letzte Lebensjahr des Rembrandt van Rijn
E-Book, Deutsch, 254 Seiten
ISBN: 978-3-98952-666-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alexandra Guggenheim ist Kunsthistorikerin und Journalistin mit dem Hang zum Geschichtenerzählen. Mit ihren historischen Romanen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden und auch unter den Pseudonymen Anna Paredes und Agnès Gabriel erscheinen, hat sie sich ein internationales Publikum erobert. Die Autorin lebt in Hamburg. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin »Der Gehilfe des Malers«, »Die Malerin von Delft« und »Die Schatten des Klosters«.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Oktober 1668
Mein Herz klopfte vor Aufregung, als am Horizont die Silhouette von Amsterdam auftauchte. Der Fuhrmann, der uns im Morgengrauen mitgenommen hatte, zog die Zügel straff und ließ seinen alten, klapprigen Gaul anhalten. Wir stiegen aus, unsere Wege sollten sich an diesem schmalen Feldweg trennen.
In der Ferne sahen wir die Türme der Kirchen, die hoch über das Häusermeer hinausragten. Bald schon konnten wir riesige Windmühlenflügel erkennen und die Masten der großen Handelsschiffe, die im Hafen lagen. Wir blieben einen Augenblick stehen.
»Dort drüben wirst du also die nächsten Jahre deines Lebens verbringen.« Mein Vater blickte besorgt zu mir herüber. »Du musst wachsam sein, Samuel. Amsterdam ist eine Stadt voller Verlockungen und Gefahren. Schließlich warst du noch nie von zu Hause fort.«
»Aber Vater«, entgegnete ich etwas zu hastig, »ich werde bald siebzehn Jahre alt und möchte endlich den Beruf erlernen, der meiner Natur entspricht. In unserem Dorf gibt es niemanden, der mich unterrichten könnte. Da ist es für uns alle doch ein großes Glück, dass Pastor Goltzius mir eine Anstellung in Amsterdam vermittelt hat.«
In Wahrheit wollte ich nicht nur meinem Vater, sondern auch mir selbst Mut machen. Denn natürlich war mir ein wenig bang vor dem neuen Leben weit weg von meinen Eltern und Geschwistern. Bisher kannte ich nur Muiderkamp, mein Heimatdorf, und seine Bewohner.
Wir waren sechs Geschwister, vier weitere Kinder waren kurz nach der Geburt gestorben. Mein Vater züchtete Blumen und handelte damit. Ab und zu verdiente meine Mutter als Leichenwäscherin etwas hinzu. Doch das Geld war für acht hungrige Mäuler immer knapp. Fleisch kam nur selten auf den Tisch, wir Kinder teilten uns zu dritt ein Bett, und unsere Schuhe hatten Löcher. Trotzdem haderten wir nicht mit unserem Schicksal. Es wurde viel gelacht und gesungen in unserem Haus. Jeden Abend dankten wir beim gemeinsamen Nachtgebet unserem Herrn, dass er uns Gesundheit und ein Dach über dem Kopf geschenkt hatte.
Das Leben in Muiderkamp verlief meist ruhig und gleichförmig. Manchmal kamen Fremde in Kutschen mit vergoldeten Wappen und Beschlägen. Sie nächtigten in der Herberge »Het Gouden Anker« gegenüber der Kirche. Alle Kinder aus dem Dorf standen dann gaffend am Straßenrand und staunten die riesigen schwarzen Hüte der Reisenden an, ihre blank geputzten Schuhe und eleganten Mäntel mit großen, weißen Spitzenkragen. Bei uns in Muiderkamp trug niemand derartige Kleider.
Wir hörten, dass diese Männer Kaufleute aus Amsterdam waren, die im ganzen Land umherreisten, um Geschäfte zu machen. Während die Fremden im Wirtshaus aßen und tranken, schlichen wir uns in den Stall zu den Pferden. Wir streichelten ihr glattes, seidiges Fell, das sich so anders anfühlte als das unserer Pferde. Diese waren struppig, denn sie zogen im Frühling und Herbst den Pflug auf den Feldern und brachten im Sommer das Heu auf schweren Karren in die Scheunen.
Als meine Schulzeit zu Ende war, wurde ich zu meinem Onkel Albert Flinck in die Lehre gegeben, einem Kleider- und Strumpfmacher. Er wohnte nur zwei Straßen weiter. Ein ganzes Jahr lang war ich von morgens bis nachmittags damit beschäftigt, die Werkstatt sauber zu halten, dem Onkel Nadel und Faden bereitzuhalten und Hemden zu plätten. Danach durfte ich auch Beinlinge zuschneiden und gewöhnliche Filzkappen nähen.
Die Leute auf dem Land brauchten nicht mehr als ein paar derbe Kleidungsstücke: Hemd, Beinkleider, Wams, Kopfbedeckung und einen Bauernrock. Für den Kirchgang am Sonntag zogen die Männer einen Oberrock an, im Sommer aus Leinen, im Winter aus Wolle. Die Frauen trugen über ihrem Hemd Rock und Mieder, außerdem Kopftücher und am Kirchtag Hauben. Bei grimmiger Kälte zogen sie einfach mehrere Kleidungsstücke übereinander an.
Die Arbeit in der Werkstatt war eintönig und machte mir keine rechte Freude. Meine Fingerkuppen waren wund und zerstochen von den spitzen Nadeln. Doch den Lohn, den ich nach dem zweiten Lehrjahr verdiente, konnte die Familie gut gebrauchen. Auch wenn es nicht viel war.
Zu Jahresbeginn kam ein neuer Pastor mit Namen Jan Goltzius in unsere Gemeinde. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit Spitzbart und wachsamen Augen. Eines Nachmittags brachte ich ihm einen neuen Kragen, den er bei meinem Onkel bestellt hatte. Der Pastor fragte mich, ob ich ihm wohl dabei helfen könne, ein paar Bilder und Bücher von einem Karren zu entladen und in sein Haus zu tragen.
Zum Dank schenkte er mir ein Blatt Papier, auf dem eine Muschel mit einem Muster gezeichnet war, das an feinste Spitzenklöppelei erinnerte. Ich legte die Zeichnung zu Hause in meine Bibel und hütete sie wie einen Schatz.
Pastor Goltzius war ein großer Kunstkenner und liebte Bilder über alles. Kurz vor Ostern ließ er bei meinem Onkel für einen seidenen Schoßrock Maß nehmen. Dabei lud er mich ein, ihn einmal zu besuchen und mir seine Sammlung anzuschauen. Etwas so Erstaunliches und Herrliches hatte ich noch nie zuvor gesehen. Das Haus war voll von Gemälden mit Bildnissen bedeutender Personen und fremdartiger Landschaften. In kostbar geschnitzten Truhen lagerten unzählige Folianten. Sie waren in Leder gebunden und enthielten Bilder von Geschichten aus der Bibel sowie aus der Vergangenheit Hollands und den niederländischen Provinzen. Vor meinen Augen tat sich eine wunderbare, geheimnisvolle Welt auf. Der Pastor erlaubte mir, jederzeit wiederzukommen. Von da an besuchte ich Jan Goltzius jeden Tag.
Während ich in der Werkstatt meines Onkels Hemdärmel ausbesserte, kamen mir immer wieder die Bilder des Pastors in den Sinn. Vornehme Bürger, die an ihren Kleidern elegante Spitzenmanschetten trugen und kreisrunde, gefältelte Kragen. Diese erinnerten an Mühlsteine und gaben den Personen ein hoheitsvolles Aussehen. Stärkte ich eine Haube, so sah ich Frauen in schimmernden Seidengewändern mit Ketten und Ringen aus Gold und Edelsteinen vor mir.
»Samuel, was ist denn in letzter Zeit mir dir los? Wo bist du nur mit deinen Gedanken?«, mahnte mein Onkel mich dann und trug mir das Doppelte an Arbeit auf.
Häufig kamen Kunsthändler mit neuer Ware ins Pastorenhaus und manchmal auch Maler, die sich auf Reisen befanden. Es hatte sich nämlich schnell in der Gegend herumgesprochen, dass Jan Goltzius ein leidenschaftlicher Kunstsammler war.
Für manche Gemälde zahlte der Pastor einen halben oder auch einen ganzen Jahreslohn. Andere dagegen kosteten nicht mehr als drei Tagelöhne eines Schuhmachers oder Bäckers. Ich nahm an, der Preis müsse etwas mit der Größe der Leinwand zu tun haben. Doch Pastor Goltzius erklärte mir, dass der Wert eines Bildes davon abhing, wie berühmt sein Maler war.
Weil ich eine schöne Handschrift hatte und recht geschickt schrieb, durfte ich ihm helfen, eine Liste seiner Bilder und Bücher zusammenzustellen. So lernte ich nach und nach die Namen von Künstlern kennen. Viele kamen aus Holland oder den Niederlanden wie Frans Hals, Jan Vermeer, Willem van de Velde, Pieter Paul Rubens oder Salomon van Ruysdael. Aber es waren auch Italiener dabei, die meist nur einen Vornamen trugen: Raffael, Michelangelo, Tizian.
Ich stellte fest, dass es ganz unterschiedliche Arten von Bildern gab. Landschaften, See- und Blumenstücke, Bilder, die von einem wichtigen Ereignis erzählten, und solche, auf denen nur Menschen dargestellt waren. Weil ich wusste, dass der Pastor nie müde wurde, über Kunst zu reden, fragte ich ihn, welche von diesen verschiedenen Bildersorten die bedeutendste sei.
»Es freut mich, dass du so viel Interesse zeigst, Samuel. Das wichtigste Thema in der Malerei ist die Historie, insbesondere die biblische, weil in ihr die Güte und Allmacht unseres Herrn im Bilde sichtbar werden. Aber manche Bürger geben auch Bildnisse von sich selbst in Auftrag, wenn sie zu Wohlstand gekommen sind. Und die lassen sie sich einiges kosten. Für die meisten Künstler lohnt es heutzutage mehr, einen reichen Bankier zu malen als die Geschichte von der Flucht nach Ägypten. Oder das Wunder der Hochzeit zu Kanaa, in der unser Herr Wasser in Wein verwandelte.«
Je mehr Pastor Goltzius mir über Malerei sagte, desto neugieriger wurde ich, und desto großartiger erschien mir die Welt der Bilder. Wie eintönig und reizlos kam mir im Vergleich dazu die Beschäftigung mit grob gewirkten Stoffen in immer gleichen Zuschnitten vor.
Einmal, als ich den Umriss für ein Wams kopieren sollte, zeichnete ich ganz in Gedanken auf das Vorderteil des Papierbogens einen Mann mit Pluderhose, Schoßrock und pelzbesetztem Mantel. Und auf einen anderen Bogen eine junge Frau in einer bestickten Robe, mit Blüten im Haar und in den Händen.
»Samuel, so etwas nennst du ein ordentliches Schnittmuster? Soll ich jetzt vielleicht vornehme Städterkleidung nähen, damit unsere Bauern in Gewändern aus Seide auf den Feldern ernten? Und ihre Frauen mit Blumenkränzen auf dem Kopf am Herd stehen und einen Bohneneintopf kochen? Ich habe nur deswegen Nachsicht mit dir, weil du der Sohn meiner Schwester bist. Wenn du so weitermachst, weiß ich nicht, was noch aus dir werden soll«, rügte mich mein Onkel.
Eine ganze Woche lang zögerte ich, bis ich die beiden Zeichnungen mit zu Jan Goltzius nahm und sie ihm zeigte. Der blickte mich verwundert an.
»Wirklich erstaunlich, in der Tat. Du hast Talent, mein Junge. Vielleicht sogar mehr für einen Bildermaler als für einen Schneider.«
Meine Wangen glühten. Das war es, wovon ich träumte. Ich wollte Maler werden. Und zwar am liebsten einer von denen, die nur vornehme Leute darstellten. Etwa solche wie die fremden Händler, die gelegentlich in unserem Dorfgasthaus übernachteten. Oder die so gebildet waren wie Pastor Goltzius und in einem großen...




